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Karl Marx: Gott des Klassenkampfes »Du sollst keine anderen Götter neben mir haben«, heißt es im Alten Testament, aber in der Familie des Trierer Advokaten Marx wurde dieses Gesetz mißachtet. Diese Fehler wiederholten sie alle zu verschiedenen Zeiten: die deutsche Aristokratin Jenny von Westphalen, der Besitzer der Manchester-Manufaktur Friedrich Engels, der russische Adlige Wladimir Uljanow und nicht zuletzt die Proletarier aller Länder. Karl Heinrich Marx, Jurist und Philosoph, besser bekannt als Vater der Politökonomie und der Theorie von der Klassengesellschaft, war der König, dem ein zahlreiches buntgemischtes Gefolge huldigte. Alle, die jemals seiner Persönlichkeit, seinem Charme und seiner absoluten Überzeugungskraft erlagen, blieben für immer an seiner Seite. Von ihm ging ein Fluidum aus, das die Menschen anzog und sie dazu brachte, ihm gläubig zu dienen. Mit wahrhaft königlicher Großmut nahm Marx die ständigen Opfer seiner Nächsten an. Der beste Freund des Proletariats hatte eine Schwäche für den Lebensstil der großen Herren, und bei jeder Gelegenheit verwirklichte er seine Träume vom Luxusleben der von ihm verachteten Klasse: komfortable Unterkunft, teure Getränke und Cigarren, elegante Menüs, Bedienstete … ![]() Schon seit seiner Geburt wußte Karl, was es heißt, ein Idol zu sein. Am 5. Mai 1818 erblickte er als zweites von neun Kindern das Licht der Welt. Seine Mutter, Henriette Marx, nannte Karl einen Glückspilz, pustete jedes Staubflöckchen von ihm und erfüllte dem »kleinen Genie« jeden Wunsch. Sein Vater, Heinrich Marx, hoffte, daß genau Karl und nicht Hermann oder Eduard den Namen Marx über die Grenzen von Trier hinaus bekannt machen würde. Seinen jüngeren Söhnen hatte Heinrich prosaischere Rollen zugedacht als »seinem Karl«. Karl sollte den Traum seines Vaters verwirklichen und Jurist oder Universitätsprofessor werden. Um dieses Ziel zu erreichen, scheute der Vater nichts. Bereits 1816 war der Sohn des örtlichen Rabbiners vom Judentum zum Protestantismus übergetreten und hatte seinen Namen von Hirschel zu Heinrich geändert, damit er sein Amt als Justizrat weiterführen konnte. 1824 wurde die christliche Gemeinde um die gerade geborenen Sprößlinge ergänzt. Jetzt hatten alle das volle Recht, an einer beliebigen deutschen Universität zu studieren. Enfant terrible Karl glaubte fest an seine Auserwähltheit und nahm die privilegierte Behandlung durch seine Eltern als selbstverständlich hin. Die süßesten Krumen waren für Karl. Heinrich und Henriette schnitten sich quasi das Fleisch aus den Rippen, damit es ihm an nichts fehle. Im Herbst 1853 nahm »Vaters Hoffnung« das Jura-Studium an der Bonner Universität auf, wechselte aber bald darauf an die hauptstädtische Universität in Berlin. In seinem Leben änderte sich wenig dadurch: Die Vorlesungen besuchte er nicht sonderlich regelmäßig; innerhalb von neun Semestern hatte er sich lediglich für zwölf Kurse eingeschrieben, und auch die beehrte er nur selten mit seiner Anwesenheit. Seine Freizeit verbrachte er in »lustiger« Gesellschaft. Die Ausgaben des jungen Marx überstiegen das Gehalt eines Berliner Magistratsrats. Sein Vater schrieb ihm in die Universität: »Als wären wir Goldmännchen, verfügt der Herr Sohn in einem Jahr für beinahe 700 Taler gegen alle Abrede, gegen alle Gebräuche, während die reichsten keine 500 ausgeben. Und warum?« (Heinrich Marx, 9.12.1837). Karl würdigte seinen Vater keiner Antwort: Die finanzielle Pingeligkeit seines alten Herrn war ihm unverständlich. Er hatte nicht vor, dem Provinzadvokaten zu erklären, wofür er den Großteil des Geldes verwendete: für eine gute Wohnung, ein schmackhaftes Essen, für Saufgelage, bei denen er als Vorsitzender der Studentenschaft häufig die ganze Gesellschaft verköstigte, nicht zuletzt für gute kubanische Cigarren, ohne die er seit kurzem nicht mehr auskam. Wenig braucht ein junges Genie zum Leben! Marx forderte Geld, ohne dessen weiteren Verwendungszweck zu erläutern: Die Eltern müßten seine Existenz auf hohem Niveau absichern – und Punkt. Was »hohes Niveau« genau bedeute, gehe sie nichts an. Die Lebensphilosophie des jungen Marx konnte man in einem Satz zusammenfassen: Vino e veritas! Der 18‑jährige Marx ließ sich in Berlin nicht nur von Abendgesellschaften begeistern, sondern auch von den Ideen der Jung-Hegelianer. Er folgte seinen neuen Freunden und predigte Materialismus und Atheismus. Mit solchen Anschauungen konnte er seine akademische Karriere vergessen. Die preußische Regierung war kein Verfechter und Förderer der Ideen Ludwig Feuerbachs und Bruno Bauers, der geistigen Väter von Marx. Karl Marx mußte seine Promotion in ›Vergleichender Philosophie‹ an der Universität Jena verteidigen. Das beunruhigte den jungen Mann nicht sonderlich. Die Aussicht auf ein Leben als Stubengelehrter behagte ihm bereits nicht mehr: wenn schon auserwählt, dann doch bitte nicht in der Beschränktheit einer bürgerlichen Familie aus Trier. Karl wollte sich nicht den Spielregeln beugen, er wollte sie verändern. Mit anderen Worten: Er beabsichtigte, das Leben eines Philosophen mit dem eines Politikers zu tauschen, die Kontemplation durch die aktive Tat zu ersetzen. Man kann behaupten, daß ihm dies geglückt ist. Lyrische Abweichung Marx’ Energie und sein Glauben an die Ausschließlichkeit seiner eigenen Person wirkten hypnotisch auf seine Umgebung. Der künftige Führer des Weltproletariats nahm Opfer auf seiten seiner Verwandten und Freunde mit der Ruhe eines Bankiers hin, dem Schulden zurückgezahlt werden. Jenny von Westphalen war für Karl zu allem bereit: Sie beugte sich nicht dem Wunsch ihrer Eltern, sie mit einem Mann aus ihren Kreisen zu verheiraten, sie begnügte sich damit, lange auf die Hochzeit zu warten, und fand sich mit nebulösen Vorstellungen für ihre Zukunft ab. Jenny stammte aus einer aristokratischen Familie und galt als das schönste Mädchen in Trier. Zu Recht erwartete Geheimrat von Westphalen eine gute Partie für seine Tochter. Während er noch überlegte, wer geeigneter wäre, der junge Offizier oder der Bankier, erlag Jenny dem Charme des Advokatensohns Marx. Obwohl Karl vier Jahre jünger war als seine Braut, konnte er seinen Willen bei ihr durchsetzen. Sie verlobten sich heimlich, damit die Verwandten auf beiden Seiten nicht vor der Zeit rebellierten. Aber früher oder später kommen alle Heimlichkeiten ans Licht. Heinrich Marx erfuhr als erster von den Heiratsplänen der beiden. Nahezu täglich kam es im Advokatenhaus in der Brückenstraße zu wilden Szenen. Auch Geheimrat von Westphalen war nicht begeistert von der Aussicht, einen konvertierten Schwiegersohn zu bekommen. Entgegen allen Einwänden war Marx entschlossen, die Königin aller Trierer Bälle zu heiraten – und was die Hauptsache war: Ihr Einverständnis hatte er bereits erhalten. Jenny war bereit, falls nötig, ihr ganzes Leben auf ihn zu warten. Zum Glück bedurfte es solcher Opfer nicht: Es vergingen »nur« sieben Jahre nach der Verlobung, bis sie heiraten konnten. Im Laufe dieser Zeit ging jeder der künftigen Ehepartner seiner Lieblingsbeschäftigung nach: Marx lebte vergnügt in Bonn und Berlin, und Jenny fuhr fort, den Trierer Verehrern Körbe zu geben. Den Langmut seiner Kampfgefährtin belohnte Marx mit drei Heften (Titel: Sonetten), ihr zu Ehren und zu Ehren der Hochzeit. Nur aus einem einzigen Grund gaben Heinrich Marx und Ludwig von Westphalen ihren Widerstand gegen die künftige Mesalliance auf: Ersterer segnete 1838 das Zeitliche und der zweite vier Jahre später. Die übrigen Verwandten hörten auf, sich zu widersetzen: Nach siebenjähriger Belagerung ergab sich die Festung auf Gnade und Ungnade dem Sieger. Die Hochzeit fand am 19. Juni 1843 statt. »Meine Braut hatte schwerstes zu erdulden, man könnte sogar sagen für ihre Gesundheit gefährliche Schlachten meinetwegen. Zum Teil von Seiten ihrer hochwürdigen aristokratischen Verwandten, für die der ›Gott im Himmel‹ und der ›Herr in Berlin‹ gleichbedeutende Idole sind. Zum Teil aber auch von Seiten meiner eigenen Familie«, schrieb Marx später. Doch das war nur der Anfang. Der Kampf entpuppte sich als ewig, und von Ruhe konnte Jenny nur träumen. Mit ihrem Einverständnis, Marx’ Frau zu werden, vertauschte sie Bälle gegen ständige Umzüge, ein gesichertes ruhiges Leben gegen andauerndes finanzielles Auf und Ab, die Salons aristokratischer Häuser gegen Londoner Elendsviertel und Pfandleihhäuser und die weltliche Gesellschaft gegen revolutionäre Zirkel. Die Familie zog von einer Stadt in die andere, ständig verfolgt von Schulden und Anleihen, die sie nie rechtzeitig zurückzahlen konnten, und von endlosen Briefen an die Verwandten mit der Bitte um Unterstützung. Jennys ganzes Dasein war der Lebensweise ihres Mannes untergeordnet. Sie unterstützte all seine Initiativen, sie entzifferte seine schwierige Handschrift, schrieb seine Zeitungsartikel ab, gebar Kinder, stellte ein Archiv zusammen, borgte geschickt Geld (denn ihr vertraute man mehr als ihrem Mann). Selbst Karls Seitensprünge konnten ihre Ehe nicht erschüttern: Jenny hatte genügend Mut und Weisheit, um die Augen vor den Abenteuern ihres Mannes zu schließen. Als Jenny nach mehreren qualvollen Monaten an Leberkrebs starb, fuhr Karl nicht auf den Friedhof. Er hatte gerade eine Lungenentzündung überstanden, und die Ärzte sprachen sich dagegen aus, in seinem Zustand das Haus zu verlassen. Seine fragile Gesundheit lag Marx sehr am Herzen. Jenny wurde begraben vom treuen Engels. Über die Expropriation der Expropriateure Kurz vor seiner Heirat mit Jenny von Westphalen tat sich unverhofft, da selten, eine Geldquelle für Marx auf. Seine Freunde, die Jung-Hegelianer, hatten vor, in Köln die oppositionelle Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe herauszugeben. Als Redakteur stand Marx ein Jahreslohn in Höhe von 500 Talern zu. Der preußischen Regierung mißfiel die Herausgabe einer regierungsfeindlichen Zeitung. Kurz vor der Hochzeit wurde die Zeitung verboten, und die jungen Leute mußten nach Frankreich emigrieren. Das Oberhaupt der Familie, nunmehr ohne Einkommen, dafür aber mit einer Frau in den letzten Schwangerschaftsmonaten, beeilte sich dennoch nicht, eine neue Geldquelle zu finden. Die Reste des väterlichen Erbes und Jennys Mitgift gestatteten es eine Zeitlang, ein sorgloses Leben zu führen, aber der Hang des Autors politökonomischer Theorien, auf großem Fuß zu leben, führte ihn schnell in den Bankrott. Es fehlte nicht viel – und Marx’ stetig wachsende Familie hätte gehungert in der Emigration. Engels lernten sie zwei Jahre später nach dem Beginn ihrer Wanderjahre kennen. Und selbst dieser fing erst später damit an, seinen Kampfgefährten finanziell zu unterstützen. Zu behaupten, die Kritik der Ideen von Proudhon wäre Marx wichtiger gewesen als das Mittagsmenü, wäre falsch. Nein, der Kämpfer gegen die Bourgeoisie schätzte den Komfort sehr, und die Feinheiten der epikureischen Philosophie kannte er schon von der Universität. Aber die politische Tätigkeit aufzugeben für den täglichen Broterwerb hieße, sich von seiner historischen Mission zu verabschieden, die Welt durch Errichtung von Sozialismus und Kommunismus als einzig gerechte Gesellschaftsordnungen zu verändern. Das konnte sich der Führer des Weltproletariats nicht erlauben. Wahrscheinlich hat Marx deshalb innerhalb von 30 Jahren nur zwei Versuche unternommen, einen Arbeitsplatz zu finden. Beim ersten Versuch wollte er Kompagnon einer Firma werden, die chemische Produkte in die USA lieferte (das Vorhaben entpuppte sich als Schwindel, und der Trust scheiterte). Beim zweiten Versuch wurde er als Bewerber um die Stelle eines Büroangestellten bei der Eisenbahn wegen seiner schlechten Handschrift abgewiesen. Zu mehr Unterbrechungen von seiner heiligen revolutionär-philosophischen Arbeit ließ sich Karl nicht hinreißen. Und so erblickte die Welt irgendwann Das Kapital und das Manifest der Kommunistischen Partei. Für jeden anderen Menschen wäre der Widerspruch zwischen dem alchimistischen Streben nach einer universalen Formel für die Gesellschaft und der Liebe zum Luxus unlösbar gewesen. Nicht für Marx. Ziemlich oft gelang es ihm, Mittel zu finden, um seine bourgeoisen Bedürfnisse zu befriedigen. Bekannte und Verwandte, Freunde und Kampfgefährten waren aufgerufen, die komfortablen Bedingungen zur Kreation politökonomischer Studien zu schaffen. Doch das leicht erworbene Geld verflog genauso leicht wieder. Marx tauschte die Wohnung, verpfändete die Möbel, engagierte einen Tanzlehrer für seine Tochter und saß bald wieder auf dem trockenen. Kurz, der Familie gelang es nicht immer, den »lustigen Lebensstil« zu pflegen, den einer von Karl Marx’ Anhängern als »Expropriation der Expropriateure« bezeichnete. Die schwerste Periode war die Londoner Zeit. Sechs Jahre hauste die Familie Marx in Soho, einem der ärmsten Viertel der britischen Hauptstadt. Verschuldet, von Furunkeln und Hämorrhoiden gepeinigt (er mußte gegen sein Schreibtisch gelehnt arbeiten) begab sich Marx, wenn sein Gehrock nicht gerade im Leihhaus war, in die Bibliothek des ›Britischen Museums‹, um Material fürs Kapital zu sammeln und erste Entwürfe zu schreiben. Es war ein Unding, zu Hause zu arbeiten. Marx und seine Familie wohnten zu sechst in zwei Zimmerchen, ernährten sich von Kartoffeln und Brot, und das Tafelsilber derer von Westphalen war öfter im Pfandleihhaus als auf ihrem Tisch. Einmal nahm der Gerichtsvollzieher zur Abzahlung der Schulden die Betten, die Bettwäsche und sogar die Wiege der neugeborenen Tochter Franziska mit. Als Franziska nach einem Jahr an Bronchitis starb, hatten sie nichts, worin sie die Kleine hätten beerdigen können. Jenny wandte sich an einen ihr bekannten französischen Emigranten. Von dem geliehenen Geld kauften sie einen Sarg und bezahlten die Grabstätte. Jenny schrieb an eine Freundin: »Als Franziska geboren wurde …« Aber selbst diese traurigen Ereignisse konnten Marx nicht zwingen, seine Arbeit am Kapital aufzugeben, um selbst Kapital zu erarbeiten. Die Niederschrift der globalen ökonomischen Arbeit wurde für ihn zu einer eigenartigen Psychotherapie. Da er selbst ständig größere Geldsummen benötigte, wollte er verstehen, warum die einen sich einen persönlichen Sekretär sowie Rindfleisch zum Mittag leisten können und die anderen sich mit ihren eigenen Kräften sowie Kartoffeln begnügen müssen. Marx zufolge deckte das Honorar für den ersten Band noch nicht einmal die Kosten für die während seiner Niederschrift gerauchten Cigarren. Aber der unternehmungslustige Marx hatte noch die uneigennützige Hilfe seiner Freunde und, welch glücklicher Zufall, ein Erbe in petto. Einer dieser »glücklichen Zufälle« half über kürzere Zeit, einige Schwierigkeiten zu überbrücken. Frau von Westphalen war gestorben, und Jenny erbte 100 Pfund. Die Familie verließ das verhaßte Soho und kaufte ein Haus. »Endlich haben wir eine Wohnung gefunden, ein ganzes Haus, das wir natürlich selbst einrichten müssen«, schreibt Marx an Engels. »Der Pachtzins beträgt 36 Pfund Sterling pro Jahr …« (Zum Vergleich: Der Jahreslohn eines qualifizierten englischen Arbeiters betrug zu dieser Zeit 3 Pfund Sterling im Jahr.) Fast das gesamte Erbe von Jenny ging für die Bezahlung der neuen Unterkunft und die Tilgung der Schulden drauf. Das Familiensilber wanderte wieder ins Pfandleihhaus. Die Hoffnung auf den Tod von Verwandten, wodurch ihm oder Jenny ein bißchen Vermögen zufließen konnte, brachte Marx auf eine fixe Idee: Von den erhaltenen 5.000 oder 10.000 Mark könnte die Familie zur Kur fahren, die Wohnung einrichten, eine Gouvernante für die Kinder beschäftigen – und er den revolutionären Kampf fortführen. Marx schrieb an Engels: »Wir haben gute Nachrichten von unserer Schwägerin. Die Nachricht über die Krankheit des Onkels meiner Frau, der stets über eine eiserne Gesundheit verfügte.« Engels »unterstützte« den Freund. »Ich gratuliere dir zur Nachricht über die Krankheit des Braunschweiger Alten, der ein Hindernis beim Erhalt des Erbes ist, und ich hoffe, daß die Katastrophe endlich eintritt.« Bald darauf erhielt Engels die feierliche Antwort. »A very happy event, der Tod des 90jährigen Onkels meiner Frau wurde uns gestern mitgeteilt … meine Frau wird an 100 £ bekommen; mehr, wenn der alte Hund den Teil seines Geldes … nicht seiner Haushälterin vermacht« (Marx an Engels, 8.3.1855, Manchester). Marx schaffte es, selbst Engels, der sehr traurig war angesichts des Todes seiner Freundin Mary Burns, regelrecht zu schocken mit seiner fixen Idee vom Tod naher vermögender Verwandter: »Die Nachricht vom Tode der Mary hat mich ebenso sehr überrascht als bestürzt. Sie war sehr gutmütig, witzig und hing fest an Dir. […] Hätte nicht statt der Mary meine Mutter, die ohnehin jetzt voll körperlicher Gebresten [sic!] und ihr Leben gehörig ausgelebt hat …?« Als Henriette Marx starb, schickte ihr geliebter Sohn ein Briefchen an Engels, in dem kein Wort über seinen Kummer stand, nur Jammerei über seine verfluchten Furunkel, die ihn selbst fast ins Grab befördern würden. Dem folgte ein munteres Postskriptum: »Ich eile nach Trier zum Erbe.« Im Gegensatz zu Beerdigungen waren die Furunkel beim Geldauszahlen kein Hindernis. Es störte Marx überhaupt nicht, daß er bei der ganzen Welt Schulden hatte. Im Gegenteil: Geldrückforderungen lösten beim Kämpfer für die Rechte des Proletariats aufrichtiges Unverständnis und tiefen Zorn aus. Sein Streit mit Ferdinand Lassalle ist ein lebendiger Beleg dafür. Lassalle, der Gründer der ›Sozialdemokratischen Partei Deutschlands‹, borgte Marx des öfteren Geld, doch zahlte dieser es nicht immer zurück. Lassalle verfügte wohl kaum über die Großherzigkeit von Engels, der davon träumte, Marxens ganzes Leben zu sponsern. Der Sozialdemokrat wollte Marx nur noch Geld leihen, wenn dieser einen Bürgen stellte. Darüber war Marx beleidigt, nahm das Geld aber trotzdem. Nicht selten nannte Marx in seinen Briefen Lassalle einen »jüdischen Nigger«: »Es ist mir jetzt völlig klar, daß er, wie auch seine Kopfbildung und sein Haarwuchs beweist, – von den Negern abstammt, die sich dem Zug des Moses aus Ägypten anschlossen« (Marx an Engels, 30.7.1862). Wie auch immer Marx seinen Kreditgeber nannte: »Hammel« und »arroganter Affe« – sein Geld bekam der so Gescholtene nicht zurück. Nicht alle waren so kategorisch in Finanzdingen wie Ferdinand Lassalle. Eine große Hilfe für die Familie Marx war der holländische Onkel Karl Phillips. Viele Bekannte glaubten an Marx’ Genialität, die ständiger Investitionen bedurfte, unter ihnen Friedrich Engels, der nie von Marx verlangte, seine Schulden zurückzuzahlen. Marx nahm das Mäzenatentum als selbstverständlich hin; schließlich finden sich immer Leute, denen die Ehre zuteil wird, ein Genie zu umsorgen. Proletarier und Bourgeois Die Freundschaft zwischen Engels und Marx war gemäß dem historischen Materialismus eine seltene Erscheinung in der Weltgeschichte. Als sich die beiden kennenlernten, verfügte Engels über Produktionsmittel, war also nach marxistischer Theorie ein typischer Bourgeois, der künftige Autor des Kapitals hingegen war auf dem besten Wege, ein Proletarier zu werden, da er ein Lohnarbeiter war, der keine Produktionsmittel besaß. Der Theorie desselbigen Marx zufolge haben »Wasser und Stein, Lyrik und Prosa, Eis und Feuer mehr miteinander gemein« als Proletarier und Bourgeois. Was tun – das ist Dialektik: die Einheit und der Kampf der Gegensätze. Statt Klassenhaß entstand eine langjährige Freundschaft zwischen Marx und Engels. Es ist vollkommen unwichtig, ob Engels’ Mitgefühl für die Arbeiterklasse der Grund für die Freundschaftsbande war oder Marx’ Hang zu dem von ihm kritisierten bourgeoisen Lebensstil: ihre kreative wie auch finanzielle Verbindung war von seltener Beständigkeit und Produktivität. Die jungen Leute hatten nicht nur gemeinsame Ansichten, was den historischen Prozeß anging, sondern auch darüber, wo sich die Quelle ihrer Existenz befand. Gern suchten sie die finanziellen Mittel in den Taschen ihrer Eltern. »Mein Alter hat eine komische Forderung: die Ausgaben kürzen. Natürlich höre ich nicht auf ihn«, schrieb Engels an Marx. Und der: »Lieber Engels! Jetzt mußt du Forderungen an deinen Alten stellen.« Oder: »Ich habe schon einen richtigen Plan entworfen, wie man deinem Alten das Geld abknöpfen kann.« Und noch ein Zitat aus dem Briefwechsel. »Von der Alten [der Mutter von Marx] habe ich gestern Antwort erhalten. Nur zärtliche Phrasen und kein Geld. Darüber hinaus teilte sie mir mit, obwohl ich das schon lange weiß, daß sie bald 75 Jahre alt wird und an vielen körperlichen Gebrechen leidet.« Die finanzielle Härte von Henriette Marx wurde häufig durch die freundschaftliche Großzügigkeit von Engels ausgeglichen. Marxens Genialität verwandelte sich so in klingende Münze. Mehr als einmal half Friedrich der ihm teuren Familie aus der Not. Seit 1869 ließ er Karl eine jährliche Rente von 7.000 Mark zukommen, die er generös mehrmals erhöhte. Ein einziges Mal kam es zu einer Mißstimmung zwischen den beiden. Engels war illegal liiert mit der irischen Spinnerin Mary Burns, die er in Manchester kennengelernt hatte und mit der er 20 Jahre zusammenlebte. Gleichmütig ertrug er die Mißachtung der Familie Marx über Mary, die sie, wenn ihr Name erwähnt wurde, immer nur »diese Frau« nannte. Aber die Reaktion der Familie auf ihren Tod hätte beinahe fatale Folgen für die Freundschaft gehabt. Jenny reagierte mit eisigem Schweigen, und ihr Mann kam nach einigen kurzen Beileidsbekundungen auf seine eigenen Nöte zu sprechen – kein Geld, die Töchter müssen in die Gesellschaft eingeführt werden usw. Marx’ Merkantilismus statt moralischer Unterstützung machte Engels wütend. Selbst entfernte Bekannte drückten mehr Mitgefühl aus als der nahe Freund. Marx beeilte sich, den Fehler wiedergutzumachen, und im nächsten Brief schrieb er bereits, daß Jenny und er unter dem Tod von Mary leiden würden. Engels verzieh. Engels’ Ergebenheit und sein Bemühen, zum Schutzengel dieses genialen Menschen zu werden, gingen manchmal zu weit. Die Wirtschaft bei Marxens führte eine Helene Demuth. Sie war ihnen kurz vor ihrer Emigration nach London von Karls Schwiegermutter empfohlen worden, die auch deren Gehalt zahlte. »Lenchen«, wie die Marx’ sie nannten, wurde zur zweiten Mutter für die Kinder, zu Jennys Freundin, zu Karls Partnerin am Schachbrett … und nicht nur dort. Als Jenny ihre Mutter besuchte, fing Karl eine Liebelei mit der Bediensteten an. Als Helene schwanger wurde, übernahm Friedrich ohne viel Worte die Vaterschaft für Friedrich Demuth, bezahlte die Bedienstete für ihr Schweigen und gab Geld, um das Kind in einem Heim unterzubringen. Es bleibt unklar, welche Hilfe von Engels hier entscheidender war: die materielle oder die moralische. Bis zum Ende seines Lebens blieb er Marx’ treuer Freund, zahlte seine medizinischen Behandlungen und unterstützte ihn nach dem Tod von Jenny und seiner ältesten Tochter. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen Im Gegensatz zu seinem außergewöhnlichen Leben war der Tod des Karl Marx gewöhnlich und ähnelte mehr dem seligen Übergang eines biblischen Greises ins Jenseits als dem Märtyrertod eines neutestamentarischen Apostels. Marx entging allen Höllenqualen und hinterließ sie seiner Umgebung. Im direkten und übertragenen Sinne mußten andere Menschen für ihn bezahlen. Von sechs Kindern, die Jenny geboren hatte, überlebten drei: der Sohn Heinrich starb im Säuglingsalter, die einjährige Franziska an Bronchitis, der Liebling der Familie, Edgar, mit zehn Jahren an Tuberkulose. Jenny selbst litt lange und qualvoll, bis sie an Leberkrebs starb. Auch Engels, der enge Freund, wurde vom Krebs befallen – Kehlkopfkrebs. Von Marx’ drei Töchtern begingen zwei, Eleonore und Laura, Selbstmord. Die älteste, die Lieblingstochter von Marx starb nach der Geburt ihres fünften Kindes an einer schweren Krankheit. Marx überlebte seine Frau um etwas mehr als ein Jahr. Nach einer langwierigen Reise in die französische Hauptstadt – Jenny wollte vor ihrem Tod ihre Töchter besuchen – erkrankte Marx an einer schweren Rippenfellentzündung. Sein Zustand verschlimmerte sich noch dadurch, daß er ein leidenschaftlicher Raucher war. Ungeachtet der Verschlechterung seines Gesundheitszustands und des Verbots der Ärzte rauchte er seine geliebten kubanischen Cigarren. In den letzten Jahren konnte er sie sich leisten; zu lange hatte er sich mit schlechtem Tabak begnügen müssen. Die Ärzte schickten ihn ans Mittelmeer, um trockene und warme Luft zu atmen, aber die Verhältnisse verschworen sich gegen den Entdecker der Theorie vom Mehrwert. Egal, wo er hinfuhr: Überall empfingen ihn Feuchtigkeit und Kälte. Während einer Überfahrt brach durch Unterkühlung die Rippenfellentzündung wieder aus, und Winter und Frühling in Algier waren so regenreich und hart wie nie zuvor. In Monte Carlo, wohin Marx auf der Suche nach einem warmen Ort gefahren war, war das Wetter auch nicht besser. Erst in Frankreich, in Ajanteuil, bei seiner großen Tochter Jenny Longuet, fühlte er sich besser. Als Marx im September nach London zurückkehrte, machte er einen erfrischten Eindruck. Die Ärzte verboten ihm, den Winter in London zu verbringen, doch während seines Aufbruchs in wärmere Gefilde geriet er an der Südküste Englands in Nebel und erkältete sich von neuem. Im Januar traf ihn die Nachricht vom Tod seiner großen Tochter Jenny wie ein Schlag. Mit schwerer Bronchitis und Kehlkopfentzündung traf er wieder in London ein. Die Medikamente wirkten bereits nicht mehr, minderten nur den Appetit und störten das Verdauungssystem. Das Ende kam unerwartet. In den Nachmittagsstunden des 14. März 1883 schlief Karl Marx in seinem Sessel ein und wachte nicht mehr auf. Die Times druckte einen kleinen Nekrolog, in dem jede Zeile vor Ungenauigkeiten strotzte. Am 17. März 1883 wurde Karl Marx neben seiner Frau beigesetzt. Der Trauerzug, den Engels anführte, bestand aus elf Menschen. von Julia Sorina Mein Herzensliebchen, Ich schreibe Dir wieder, weil ich allein bin und weil es mich geniert, immer im Kopf Dialoge mit Dir zu halten, ohne daß Du etwas davon weißt oder hörst oder mir antworten kannst. Schlecht, wie Dein Porträt ist, leistet es mir die besten Dienste, und ich begreife jetzt, wie selbst »die schwarzen Madonnen«, die schimpfiertesten Porträts der Mutter Gottes, unverwüstliche Verehrer finden konnten, und selbst mehr Verehrer als die guten Porträts. Jedenfalls ist keins dieser schwarzen Madonnenbilder je mehr geküßt und angeäugelt und adoriert [angebetet] worden als Dein Photograph, das zwar nicht schwarz ist, aber sauer, und durchaus Dein liebes, süßes, küßliches, »dolce« Gesicht nicht widerspiegelt. Aber ich verbeßre die Sonnenstrahlen, die falsch gemalt haben, und finde, daß meine Augen, so sehr verdorben vom Lampenlicht und Tobacco, doch malen können, nicht nur im Traum, sondern auch wachend. Ich habe Dich leibhaftig vor mir, und ich trage Dich auf den Händen, und ich küsse Dich von Kopf bis Fuß, und ich falle vor Dir auf die Knie, und ich stöhne: »Madame, ich liebe Sie.« Und ich liebe Sie in der Tat, mehr als der Mohr von Venedig je geliebt hat ... ![]() Momentane Abwesenheit ist gut, denn in der Gegenwart sehn sich die Dinge zu gleich, um sie zu unterscheiden ... Meine Liebe zu Dir, sobald Du entfernt bist, erscheint als wie sie ist, als ein Riese, in die sich alle Energie meines Geistes und aller Charakter meines Herzens zusammendrängt. Ich fühle mich wieder als Mann, weil ich eine große Leidenschaft fühle ... ![]() Du wirst lächeln, mein süßes Herz, und fragen, wie ich auf einmal zu all der Rhetorik komme? Aber könnte ich Dein süßes weißes Herz ans Herz drücken, so würde ich schweigen und kein Wort sagen. Da ich nicht küssen kann mit den Lippen, muß ich mit der Zunge küssen und Worte machen ... Es gibt in der Tat viele Frauenzimmer auf der Welt, und einige darunter sind schön. Aber wo finde ich ein Gesicht wieder, wo jeder Zug, selbst jede Falte die größten und süßesten Erinnerungen meines Lebens wieder erweckt? ... Ade, mein süßes Herz. Ich küsse Dich viel tausendmal ... (Karl Marx an Jenny Marx, 21.6.1856, Manchester) |
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