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The Pope of the Pipes oder Wie ein Pfeifenschöpfer ultimative Gnaden erworben hat

Was sind Pfeifenmacher? Künstler? Oder tummeln sie sich lediglich in einem Metier, welches sich Kunsthandwerk nennt? Eine alte Streitfrage und wahrscheinlich auch gar nicht ultimativ zu beantworten. Und sicherlich auch gar nicht notwendig, zumal einige von ihnen sich schon zu Lebzeiten legendären Ruhm erworben haben. Wollen wir sie namentlich aufführen, diese Bo Nordhs, Ivarssons und Chonowitschs? Müssen wir nicht. Jeder kennt sie. Es sind halt Skandinavier, und Skandinavien ist die Geburtsstätte der innovierten Pfeife. Daß es aber einem Norddeutschen schon seit vielen Jahren gelungen ist, aufgrund seiner Werke in dieser »Ranking List« der Ultimativität einen der absolut vordersten Plätze im internationalen Vergleich einzunehmen, gebiert besondere Hochachtung und fordert zu einer sehr speziellen Betrachtung heraus …

Um wen es sich dreht? Es ist müßig, darauf eine Antwort zu geben. Jeder kennt ihn, und die meisten Sammler besitzen weitaus mehr denn eines seiner Werke. Wer seiner Arbeit einmal verfallen ist, kennt kein Zurück. Zu ultimativ ist sein Produkt.

168 Einwohner und 740 Kühe umfaßt die Enklave ländlicher Sittlichkeit, in der einer der weltberühmtesten Pfeifenmacher ultimativ perfektionistische Kreationen schafft. Kreationen, welche dem Sammler die Sinne rauben – und Stücke, die seinen inneren Zwang des »Besitzen-Wollens« ihn bis an die finanzielle Grenze gehen lassen.

Ein Stern am Himmel der Pfeifenkünstler
Der Inhaber von ›Brebbia‹, Luciano Buzzi, beschreibt ihn und seine Pfeifen in der Broschüre Grandi designers della pipa in einer nahezu vergötternden Art: »Ein Stern am Himmel der Pfeifenkünstler – einer der ganz Großen in der kleinen Gruppe der namhaften Pfeifenmacher. Seit 25 Jahren kreiert und fertigt der Meister Objekte der Pfeifenkunst, die ihresgleichen suchen. Werke von höchster Eleganz, die in Anlehnung an die Elemente der Klassik Harmonie, Filigranität und perfekte Linienführung vereinen. Als Verfechter einer zeitlosen, schlichten Eleganz kommt Rainer Barbi ohne Verzierungen und marinierte Applikationen aus. Lediglich das vollendete Zusammenspiel der Linien bestimmen seine Kreationen.

Mit traumhafter Sicherheit erkennt der Meister das in jedem einzelnen Bruyere-Kantel befindliche Eigenleben und setzt diese Forderung der Natur in zeitlose, spannungsgeladene Kunst um. Nicht nur absolute Stilsicherheit, auch vollendete Perfektion in der Verarbeitung zeichnen seine Kunstwerke aus. Eine Oberflächenbearbeitung des Holzes und des Mundstücks, die jedem Kenner Hochachtung entlockt, eine Gestaltung des Bisses seiner Mundstücke, welche bei dem Nutzer seiner Kreationen vom ersten Bißkontakt an Wohlgefühl erweckt. Ultimativ auch das Innenleben seiner Objekte, Handwerk vom Allerfeinsten, von keiner Maschine besser zu erzielen. Diese Perfektion, seine Liebe zum Detail und der ganz unverwechselbare persönliche Stil begründen die Geheimnisse seines Erfolgs.«

Nun, schon erkannt, über wen wir sprechen? Natürlich, keine Frage, es ist der »Meister«. Schlicht- bürgerlich mit hugenottischem Namen: Rainer Barbi.

Er ist natürlich kein Unbekannter. Selbstverständlich, und, Entschul­di­gung: Trotzdem oder gerade deswegen sind wir neugierig geworden, und es hat uns gereizt, zu ergründen, warum dieser Macher nicht nur von den Koryphäen der Branche höchstgelobt wird, sondern im gleichen Atemzug ihn die Collectors weltweit als »Pfeifenpapst« bezeichnen.

Der letzte »Papst«, den wir kannten, hieß Sixten Ivarsson. Wie kann es mehr als einen »Papst« geben? Und, oder, was verbindet beide, um zu einer derartigen Apostrophierung zu gelangen? Liegt es daran, daß sie die ersten und einzigen waren, die ihr komplettes Wissen und ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten rein autodidaktisch erlangten? Oder hängt es mit dem messianischen Sendungsbewußtsein Rainer Barbis zusammen, sein erworbenes Wissen zu teilen und jedem, der sich diesem Metier verschreibt, ob aus Hobby oder zukünftiger Profession, in Kursen, Vorträgen oder auch durch individuelle Beratung helfend unter die Arme zu greifen? Ist sein elementares Wissen bezüglich diesen Stoffes, aus dem die Pfeifenträume gemacht werden, so umfangreich, daß man ihn als Papa di Pipa bezeichnen könnte?

Wir haben ihn besucht. Es ließ uns keine Ruhe. Mit einem umfangreichen Fragenkatalog sind wir in sein Dorf gekommen, um zu erfahren und um zu verstehen. Wir hatten alles vorbereitet, in der Mutmaßung, einen dieser introvertierten Künstler kennenzulernen und ihm seine Geheimnisse zu entlocken. Wie sollen wir es jetzt formulieren? Wir haben die Fragen gar nicht erst ausgepackt! Wir wurden eingefangen von einer Eloquenz, die wir nie vermutet hätten, und von einem Know-how, welches seinesgleichen sucht. Daher lassen wir den Meister reden und wollen ihn nicht unterbrechen in der Hoffnung, daß auch Sie an den Ausführungen Gefallen finden …

Ein »Hobbybastler« erzählt
Wie ich mich befinde? Immer auf der Suche und immer in der Hoffnung das Ultimative kreieren zu können. Es ist das Geschäft der Tage und der Monate und der Jahre. Die Zeit ist diktiert von Hoffnungen, von Enttäuschung und einem nicht enden wollenden Kampf mit Natur und eigener Performance. Das jedoch ist Lust: Der Weg ist das Ziel und die Erfüllung der Untergang. Wir haben das Jahr 2005. Wieder ist ein Jahr meines Ringens vergangen, und Freude war im Wechselspiel mit den Gezeiten der Frustration. Das Alte ist erfahren, und das Neue ist mit dem Reiz der Ungewißheit belegt. Noch weiß ich nicht, welches Schicksal sich mir in dieser neuen Epoche in seiner Komplexität darstellt.

Fangen wir erst einmal mit dem an, welches sich als »gesichert« bewiesen hat. 1971 startete ich als Hobbybastler den Kontakt mit Bruyere. Und nicht, wie so viele Eleven, mit dem primitivsten Gut dieser Szene, dem vermarkteten Hobbyblock: schlecht vorgebohrt, schlecht geschnitten und dem primitivsten Mundstück daran. Es war die Zeit, wo ich, mit diesem Rough und einem Schnitzmesser bewaffnet, meinen Urlaub in der Schweiz in den Weihnachtstagen antrat und mit besagtem Messer versuchte, die ultimative Seele dem Kantel zu entlocken. Die Seele hatte ich entdeckt, jedoch gleichzeitig erfuhr ich den natürlichsten aller Mängel: die Imponderabilität dieses wunderbarsten aller Werkstoffe. Seine Fehlerhaftigkeit senkte meine Stimmung auf den Nullpunkt, welches dem Frohlocken der weihnachtlichen Stimmung nicht nur widersprach, sondern Abgründe eröffnete, und mein Vertrauen in die Welt der Pfeife gefrieren ließ.

Das Holz wurde gebrochen – in diesem Falle der mangelhafte Holm – und der Vergänglichkeit übergeben. Der Urlaub war vorbei, und der neue Kantel wurde gekauft. Besessen? Ich? Ja, ich muß es gestehen: Ich habe diesen Hang; es ist wie Selbstzerfleischung. Jedoch hat diese Schwäche bekämpft zu werden, und ich unterwarf mich aufs neue diesem masochistischen Akt der Bruyere-Verstümmelung. Wie hat es mein Vater immer von mir gefordert? Try, try, try it again.

Anarchische Kreativität
Des Geschickes Mächte haben ihre eigenen Regeln. Eines Tages fragte mich mein Rohstofflieferant und hochreputierter Pfeifenzulieferer, Heinrich Timm, eine Legende der damaligen Epoche, ob ich denn bereit sei, für ihn als Werbeträger Pfeifen zu machen – und ich armer Tropf sagte zu. Armer Tropf? Warum? Wieso? Ich hätte es doch entscheiden können, die Zukunft zwischen dem armen, sich selbst verwirklichenden Künstler und dem bourgeoisen, machtheischenden Juristen. Das neunte Semester war geschafft, und das Examen stand direkt vor der Tür. Ist es eine Frage des Schicksals oder der Vorbestimmung? Oder lediglich die Frage der Stimmung eines zeitimmanenten Gefühls? Ich will es heutzutage nicht mehr diskutieren. Die Würfel sind gefallen. Bereue ich diese Entscheidung? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines: Als Jurist hätte ich erhebliche Schwierigkeiten mit der Anwaltskammer. Und mit der staatlichen Hoheit und mit meiner Denkform. Im Herzen bin ich Anarchist. Wie soll es mir da gelingen, in einem verwalteten Staat meine Identität als eigenverantwortlich Kreativer in aller Bandbreite ausleben zu können? Pfeifen sind nicht nur ein Produkt; Pfeifen sind weltanschauliche Objekte. Sie sind Ausdruck der Gedankenwelt ihres Schöpfers, und sie sind Ausdruck der Liberalität und des gedanklich Relativierenden ihres Users. Somit hatte ich mich entschieden, und ich kann nur einem Herren gerecht werden, und mein Herr heißt Bruyere. Es ist die Kunst der Fleischwerdung mit Natur, und es ist die Fähigkeit, Architektur der Minimalebene mit den Ressourcen des Stoffes und dessen Ansprache in eine koordinierte Dialektik zu bringen. Und alles mit der gespürten Substanz eines traditionellen und dennoch modernen Gefühlslebens, welches nicht diesen schrillen Ton des auf Krampf gesuchten pseudoinnovierten und hilflosen Selbstzerfleischungsprozesses impliziert.

Kunst in der Interpretation der Pfeife und ihrem Material bedeutet die Symbiose zwischen tausendjähriger Entwicklung und zeitimmanenter Interpretation in kohärenter Dialektik. Alles andere wäre Blasphemie. So bekommt denn auch die – indirekte – Frage, was in meiner Werkstatt sowohl in diesen Zeiten oder auch nur in diesem Jahr passiert ist, eine ganz andere Relevanz. Nichts, jedenfalls nichts Neues, wäre die erste spontane Antwort. Ist sie auch wahr und sachlich? Das Problem ist: Das eigene Empfinden und die Gefühlsebene der eigenen Befindlichkeit erschwert es überproportional, die Innovationen und Veränderungen entstandener Produkte zu sehen und zu entdecken. Ich selber würde immer fragen: Was entdeckst du? In mir selbst ruht die Selbstverständlichkeit der Entwicklung und der Eigenperformance. Ich bin nicht neutral!

Jedoch: Was sagt der Betrachter in seiner verobjektivierten Beobachterrolle? Nur: Er ist derjenige, der die kleinen Schritte des Kampfes entdeckt, die Schritte zu einer vollkommeneren Symbiotik zwischen vorgegebener Natur und perfektionistischem Streben.

Seine Aussage ist mein Gradmesser in meinem Kampf zwischen den Gewalten des Materials und meiner eigenen Unzulänglichkeit der Interpretation. Wie wollen wir eigentlich »Pfeife« sehen? Als Produkt einer Gebrauchsfähigkeit? Dieses kann für die Millionen der Konsumprodukte gelten. Aber was ist mit den anderen, den kleinen Hilflosigkeiten, die unter dem selbstzerfleischenden Kampf der Macher entstanden sind? Die versucht haben, ihre Seele in das tote Material zu implantieren? Sind diese Produkte einer Zerreißprobe nicht die qualvolle Suche nach dem Ultimativen, der Symbiose zwischen menschlicher Unvollkommenheit und natürlicher Unbegrifflichkeit? Es ist der Kampf, die gemeinsame Sprache zu entdecken. Ist der Schulterschluß gelungen, spricht das gewordene Produkt für sich … und der Macher schweigt.

Wie oft kann ein solches gelingen? Ich habe keine Antwort. Pfeifen können wir viele im Jahr machen. Es gibt eine Faustformel: ›Semifreehands‹ 1200 pro Mann pro Jahr, ›Highends‹ 200 pro Mann pro Jahr. Aber was heißt das schon in bezug auf ›Highends‹, zumal wir uns auch klar werden müssen, daß ›Highend‹ nicht gleich ›Highend‹ ist. Bei dieser Gruppe eines ultimativen Produkts geht es nur noch um minimale Prozente einer gesamten Schaffensebene und der verschwindenden Zahl der absolut Gewordenen. Und wie viele sind das überhaupt? Es sind die lupenreinen 20.000er Karäter. Es sind die ›Culinams‹ und die ›Spoonmakers‹. Und das ist nur die Frage der Reinheit. Und die Manpower? Um von 98 Prozent der Perfektion auf 99 Prozent zu kommen, brauchen wir die doppelte Arbeitszeit. Weiß überhaupt jemand, wieviel Kraft und Zeit nur 96 Prozent bedeuten? Wer aber außer den ultimativen Machern und Sammlern sieht überhaupt den Unterschied? Wer achtet darauf, ob der Rauchkanal in die größtmögliche Strömungskoeffizienz ausgearbeitet wurde? Wer beachtet die perfektionistisch gestaltete Oberfläche nach traditionell handwerklicher Kunst, die ohne neuzeitliche Lackbeschichtung seidigen Glanz auf Dauer erhält? Wen interessiert es wirklich, ob die Hölzer in bezug auf ihre Absorptionsfähigkeiten einzeln selektiert wurden? Wer hat das Gespür für zeitlose Performance? Und wer kauft eigentlich rational?

Ad eins haben Sammler eine Sehnsucht. Und diese ist direkt kohärent mit ihrem eigenen Frustrationsprozeß. Sprich: Je schlechter es mir geht, desto eher möchte ich den eigenen Schmerz kompensieren und desto unkritischer bin ich in diesem Moment.

Ad zwei haben sie Sehnsüchte, die in direktem Zusammenhang mit ihrer eigenen Potenz, sprich »Power«, stehen. Nichterfüllte Sehnsüchte bereiten Schmerz und Minderwert. Dieser gewinnt in meiner Psyche Überhang; die Ratio verfällt, und ich kompensiere den Schmerz mit dem Sehnsuchtsprodukt – ob es nun meinem Anspruch genügt oder nicht.

Monate später dann entdecke ich meinen Fehlkauf und den Minderwert des Produkts, unabhängig von seinem Fame. Dann beginnt der »ebay-Zyklus«. Eingekauft, als unbefriedigend eingestuft und verlustminimierend weiterveräußert. Nun, so sind wir, wir Sammler. Darum liebe ich uns. Wir arbeiten mit dem Herzen; der Verstand verbleibt zur Bewunderung in der Vitrine.

Genie und Vermächtnis
Pfeifensammeln ist auch Pfeifengeschichte, und diese Geschichte ist immer im Fluß. 1968 begann die Historie der dänischen ›Freehand‹ in Deutschland. Und was sich damals ›Freehand‹ schimpfte, spottete jeder Beschreibung. Gebissen, gekaut und vergewaltigt stellte sich die Phalanx der Produkte dar. Auf der anderen Seite die ersten Versuche einer Bruyere-Performance, die es noch nie gegeben hat. Ja, und nun, nicht nur von dem Altmeister Sixten; der war Genie und auch noch Autodidakt, wie auch mir nichts anderes vergönnt war. Der andere Guru war natürlich Rasmussen. Diese beiden Männer haben zum ersten Mal skandinavisches Design mit der Struktur mediterranen Holzes in Einklang gebracht. Rasmussens Problem: Er starb zu früh, so daß ein Sixten als Hinterbliebener das Vermächtnis weiterführen mußte.

So entsteht Geschichte, und so entstehen die Legenden. Vorteil für Sixten. Er konnte in der Kooperation mit ›Stanwell‹ seinen Ruf weiter manifestieren. Pfeifen waren sein Leben, seine Seele und seine Erfüllung. Eines allerdings – und das ist sehr entscheidend: Von Anne Julie bis Emil Chonowitsch – sie haben immer ihr Wissen weitergegeben und eine Schule begründet, die ihresgleichen sucht. So wurde die dänische Legende begründet.

Deutsche Macher in der damaligen Zeit hatten alle diese Möglichkeiten nicht. Kein Däne war bereit, einem Deutschen Newcomer sein Wissen zu vermitteln – woran es auch immer gelegen hat. So waren Deutsche gezwungen, sich autodidaktisch in der damaligen Epoche ihr Wissen zu erarbeiteten, und es entstand in Deutschland eine eigene Pfeifenstruktur der Individualebene, nicht nur in einer neuen Definition ultimativer handwerklicher Perfektion, an der altdänische Macher nicht einmal im entferntesten klingeln konnten, sondern auch eine Interpretation einer neuen Stilistik: nicht dänisch, nicht englisch, nicht italienisch.

Es bedurfte einer langen Zeit für deutsche Pfeifenmacher, neue Verarbeitungsmethoden zu finden und ihre eigene Material-Performance zu entdecken. Wer jedoch deutsches Design betrachtet, sieht diesen eigenen, losgelösten Stil. Ganz abgesehen davon, daß die besten Mundstücke sowieso aus Deutschland kommen und daß deutsche Pfeifen im Verhältnis zu ihrem Preis die höchstmögliche Perfektion besitzen.

Jetzt werde ich pauschal. Stimmt so allgemein natürlich überhaupt nicht; es schwingt nur die Hoffnung mit. Und diese Hoffnung hat sich bewahrheitet. Deutsche Performance hat sich elementar verbessert, allerdings erst in den letzten fünf oder sechs Jahren, nachdem von mir über alle Jahre eine fast messianische Aufklärungsarbeit vorangegangen ist.

Der Faktor Reputation
Das soll kein Eigenlob bedeuten. Ich bin nur der Auffassung, daß ein Land, welches, so wie Deutschland, in der Geschichte bereits eine hervorragende Pfeifenproduktion besessen hat (Thüringen), sich theoretisch leicht reaktivieren könnte. War wohl ein Irrtum, denn die Zahl deutscher Macher internationaler Reputation scheint immer noch etwas kläglich zu sein.

Und Reputation ist doch der entscheidende Faktor. Bei der Pfeife geht es doch nicht mehr lediglich um einen Tabaksverbrennungsprozeß; es geht vielmehr um »Libido«. Es geht um individuelle Affinität zu einem Verbrennungsbehältnis, es geht um Rarität, und es geht um Label und dessen Reputation. Pfeife ist nicht mehr gleich Pfeife! In den westlichen Ländern läuft dieses ganze Spiel schon seit mehr als 40 Jahren. Zuerst wurde gesammelt, um die Schränke zu füllen. Dann wurde gesammelt, um seine Mitbewerber auszustechen. Dann wurde gesammelt, weil keiner mehr wußte, was er noch sammeln sollte. Danach war das Spiel uninteressant, und die meisten wendeten sich anderen Begehrlichkeiten zu. 1985 war dann das Spiel aus: Die Märkte brachen zusammen, und die Firmen entließen mehr als die Hälfte ihrer Mitarbeiter. Ein Teil der honorigen dänischen Macher wandte sich wieder ihren ursprünglichen Jobs zu, und die gesamte Branche befand sich in totaler Rezession.

Nun, die Geschichte sagt es: Pfeife ist »unkaputtbar«. Das »Ist-Zeit-Verständnis« und die Interpretation dieses elitären Rauchgeräts in dieser neuen und ultimativen Generation werden durch den Begriff ›Kultur‹ definiert. Und diese Definition impliziert ihre ureigenen Kriterien, seien sie anzusiedeln in der zur Schau gestellten Egoperformance, der Neu-Entdeckung sozialer Gewichtigkeit oder schlicht in dem Sammeltrieb, dem nur noch wenige Fenster offen bleiben. Damit hat sich eine neue Ebene eröffnet, die mit Tabakverbrennung nur noch wenig gemein hat. Es ist die Ebene der Hypes, der Hoffnung oder der Future bonds. Und damit einher geht zeitweilig ein Preislevel, welches mit der Ursprünglichkeit des Handwerks oder der Performance nichts mehr gemein hat. So beschleicht mich das Gefühl, daß zeitweilig Pfeifen der Raritätengruppe zur Aktie verkommen sind.

Mehr als einfaches Handwerk
Damit beginnt auch die nächste Frage: Wie können Pfeifen ab einer gewissen Performance eingestuft werden? Als reines Gebrauchsobjekt, als Lifestyle-Produkt oder als kunstorientierte Ebene des Verbunds mit natürlicher Selektion und Raritätenmustern wie bei Diamanten? Wie soll ich jetzt diplomatisch antworten? Wie bei allen Dingen des Lebens gibt es auch bei der Pfeife nichts Statisches. Je mehr Pfeife in die Ebene der Collectibles eingestuft wird, desto mehr unterliegt sie Emotion, Hoffnung, Spekulation. Der reine Gebrauchswert wird entsprechend dem Zeitgeist der Prohibition des Tabaks immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Das kann nicht als schlecht oder als wünschenswert deklariert werden. Es ist der Lauf der Zeiten und der Lauf der Geschichte. Und so formatiert sich auch für mich die ureigene Befindlichkeit bezüglich meines Produkts.

Back to the Roots: Aus der Anfangsphase meiner Präsentation seit 1974 auf der ›Frankfurter Konsumgütermesse‹, die zweimal im Jahr als größter Umschlagplatz Deutschlands stattfand, wurde die Pfeifensektion ab 1994 nach Dortmund verlagert. Selbstverständlich, daß ich auch dort mit meinem eigenen Stand den Facheinzelhandelsgeschäften zur Verfügung stand. Über einen langen Zeitraum war es der einzig bedeutende Schauplatz für Pfeifen in der Welt, bis ab 1998 die Vereinigten Staaten ihre Liebe zur Pfeife wiederentdeckten. Seitdem sind die Shows in Chicago und Las Vegas und anderen regionalen Plätzen meine zweite Präsentationsebene geworden. Jedoch: Wenn ich sage »seitdem«, hat sich die Zeit schon wieder überholt. Die Pfeife hat einen neuen Siegeszug angetreten – ob in Rußland oder der Tschechei, ob in Singapur oder Hongkong, in Kuala Lumpur oder Shanghai. Sie ist zum neuen Kulturgut oder Lifestyle-Emblem geworden. Ich will es mal gar nicht hinterfragen.

Heutzutage gibt es nahezu keine Show mehr auf dem globalen System, in der nicht auf irgendeinem Table irgendeiner Veranstaltung eine ›Barbi‹ zu entdecken ist. Hierfür allerdings trage nicht ich mehr Sorge, sondern meine Distribuenten, meine Collectors und das ganze ›Barbi‹-Network, ob in den States oder in Österreich und der Schweiz, ob in Italien, in China, Japan oder Taiwan.

Meine Arbeit liegt nur in einem Bereich: meine über die Welt verstreuten Sammler mit meiner Kreativität und Perfektion glücklich zu stimmen. Und ich muß gestehen: Es füllt mein Leben aus. Über die 30 Jahre meines Schaffens war ich bemüht, Nachwuchs zu eruieren, und ich habe eine Unmenge von Schülern durch meine Werkstatt oder über meine Kurse versucht zu motivieren. Manche haben umgesetzt, andere üben noch im Verborgenen, viele haben es aufgegeben. Sie haben für sich entdecken müssen, daß die Erstellung einer Pfeife mehr ist als einfaches Handwerk. Wie soll ich es ausdrücken? Es gilt, dem Holz die Seele einzuhauchen, es gilt, das Handwerk mit seiner ultimativen Perfektion in den Verbund zu bringen mit der Unendlichkeit natürlicher Betrachtung und menschlicher Eingebung. Und es gilt, sich selbst und seinen eigenen Weg der Sprache zu entdecken – und das Ganze unter dem Aspekt der gefühlvollen Zuwendung zu dem individuellen Sammler. So befindet der Pfeifenliebhaber über den Ruf des Machers, und der Macher bestätigt in seiner Arbeit das Gespür desselben. Klingt einfach?

Sorry, das ist die höchste Kunst: die eigene Performance zu verwirklichen, gleichzeitig sich in der Zeit und ihren Divergenzen zu bewegen, an sich selbst höchste Ansprüche zu stellen und dieselben auch noch mit eigener Kritik bewußt zu hinterlegen, die Koordinaten des Absoluten als selbstverständlich zu betrachten und an der eigenen erkannten Hilflosigkeit nicht zu verzweifeln. Erst wenn das Ultimative geschaffen wurde, ist es Zeit, die eigene Siegessäule zu erstellen. So mancher versucht es schon vorher.

Pfeifenmachen ist eine Form des Sendungsbewußtseins. Mit jeder Pfeife, die ein Kreativer in die Hände eines Liebenden abgibt, hat auch ein Stück seines Herzens einen neuen Platz gefunden. So sollte es jedenfalls sein. Dann ist das Werk vollbracht.

Seine Werke sprechen für ihn
Verstehen Sie uns jetzt, daß wir nicht unterbrechen wollten? Wie hätten wir mit all unseren Fragen ein profunderes Wechselspiel der dialektischen Betrachtung vollziehen können?

Er ist der Magier, und seine Werke sprechen für ihn. Jedes weiter Wort wäre eines zu viel. Er ist der »Papst«.
 
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