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Zeitfänger oder Raum für Phantasie

Die Geschichte der Uhr ist eine eigentümliche Chronik der Entwicklung der Menschheit, der Vervollkommnung der exakten Wissenschaften, in erster Linie aber der Mathematik und Mechanik. Wißbegierige Köpfe fanden im Laufe vieler Jahrhunderte immer neue Methoden zur Messung der Zeit. Wer erfand den Prototyp der Uhr? Wann wurde der erste Uhrenmechanismus entwickelt? Warum sind gerade die Schweizer berühmt für ihre guten Uhrmacher? Wie führen die heutigen Meister das Werk ihrer Vorgänger fort? Auf all diese Fragen gibt es Antworten.

Noch keine Uhr, aber bereits ein Mechanismus
Gnomon [gr.-lat.]: altes astronomisches Instrument, bestehend aus einem vertikalen Stab auf einer horizontalen Fläche. Bei Beobachtung von Länge und Schattenrichtung des Stabs kann man Höhe und Azimut1 der Sonne sowie weitere astronomische Daten bestimmen.
Die große Enzyklopädie

Am Anfang war …
Nehmen wir mal an, die Autoren jener Enzyklopädie, in der »Gnomon« erklärt wird, waren etwas übereifrig in bezug auf den »Stab«. Der erste Gnomon bestand wahrscheinlich aus einem unbehauenen Stein, dessen Schatten gleichzeitig ein Viertel des »Zifferblatts« verdeckte. Nichtsdestotrotz wurde genau dieser unansehnliche Stein zum Vorfahren ausschließlich aller modernen Uhren, indem er viele Evolutionsstadien durchlief: von der Klepshydra2 über die Sanduhr bis hin zu den »Wundermaschinen« mit Tourbillon3 und Sternkarten.

›Tour de d’Ile‹ von ›Vacheron Constantin‹ – die komplizierteste Uhr der Welt

Guten Gewissens kann man Archimedes, der im 3. vorchristlichen Jahrhundert lebte und uns den Schnecken- wie auch den Riemenantrieb schenkte, als Vater des Uhrenmechanismus bezeichnen. Es ist erstaunlich, aber die mechanischen Uhrenräder, denen eigentlich die Erfindungen von Archimedes zugrunde lagen, tauchten erst 1500 Jahre später auf. Lange waren die Menschen nicht in der Lage, die grobe Mechanik mit dem unsichtbaren Lauf der Zeit zu verbinden. Es kam ihnen einfach nicht in den Sinn. Es ist nicht bekannt, wann genau die Geburtsstunde des ersten Geräts zur Anzeige der Zeit war. Bruchstückhafte Daten, die den Weg in unsere Zeit geschafft haben, lassen annehmen, daß die erste Uhr die Turmruhr in der Londoner ›Westminster-Abtei‹ war, die 1228 angebracht wurde. Einige Spezialisten behaup­ten, daß zuverlässige Quellen die erste Uhr in Mailand (1335) bezeugen, aber das ist nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, daß der Name eines der Pioniere dieses ehrenvollen und noblen Handwerks bekannt ist, der des Professors für Astronomie und Medizin Giacomo Dondi (1268–1360), der in 16 Jahren (!) für einen der Paläste seiner Heimatstadt Padua die astronomische Uhr ›Astrarium‹ baute. Auch sein Sohn Giovanni hinterließ Spuren in der Geschichte. Er konstruierte einen noch komplizierteren und kunstvolleren Mechanismus und setzte so die berühmte Dynastie der ›Dondi dall’Orologio‹ fort.

Genauigkeit im Taschenformat
Die fränkische Stadt Nürnberg wurde zur Wiege der ersten tragbaren Uhr. Anfang des 16. Jahrhunderts dachte der Schlossermeister Peter Henlein darüber nach, wie man das sperrige Gewicht, das die Räder in Bewegung versetzte und die Position der chronometrischen Konstruktion fixierte, ersetzen und die Konstruktion im Raum verlagern könne. Der Meister fand eine Lösung, indem er in Wandpendeluhren eine Spiralfeder einsetzte, und wurde somit zum Begründer der »Uhrenmode«. Henleins Uhren (aufgrund ihrer ovalen Form wurden sie »Nürnberger Eier« genannt) konnte man immer bei sich tragen. Schnell wurden sie zu einem »Renner«, und ihr Ruhm verbreitete sich in ganz Europa. Charakteristisch war, daß sie genau wie ihre Wand- und Turmprototypen nur einen Zeiger hatten. Der Minutenzeiger kam erst viel später hinzu (um 1660), und seiner Größe nach zu urteilen brachte er den pedantischen Europäern große Erleichterung.

Dennoch implizierte die geniale Idee von Henlein keine Lösung für das Problem des gleichmäßigen Aufziehens der Zugfeder. Im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts beseitigte Jakob Zech, ein Schweizer tschechischer Herkunft, diese Unzulänglichkeit. Er erfand die »Schne­cke«, die das Aufziehen des Uhrwerks regulierte. Ein Landsmann Zechs mit Namen Gruet überarbeitete das Know-how der Feder, und seit Mitte des 16. Jahrhunderts liefen die Uhren mehr oder weniger gleichmäßig … aber nicht genau.

Räderuhren konnten nicht genau sein, unabhängig davon, ob sie durch ein Gewicht oder durch eine Feder in Gang gesetzt wurden. Man brauchte eine unabhängigere Energiequelle, die nicht nur die Gleichmäßigkeit, sondern auch die Permanenz des Mechanismus garantierte. Zwei Menschen revolutionierten die Uhrenmechanik: Galileo Galilei und Christiaan Huygens. Galilei berechnete den Isochronismus der Pendelschwingungen und begriff, wie man mit Hilfe eines Pendellots die Zeit messen kann. Der Holländer Huygens setzte dies in die Praxis um. In den 60er Jahren des 17. Jahrhunderts war er es, der die grundsätzlichen Elemente und Baugruppen entwarf, die heute in Millionen von Uhren weltweit ticken.

Vor allem machte er aus dem Pendel eine kompakte Unruh4, stabilisierte sie mit einer Spirale und – das ist die Hauptsache – erfand einen Gangregulator, der nahezu störungsfrei die Energie von der Zugfeder auf die Unruh übertrug. Mit anderen Worten: Huygens erfand die Uhr.

Vornehme Raffinessen
Den modernen Nachfahren blieb nur noch, das zu verbessern und zu verfei­nern, was Huygens bereits geschaffen hatte, und damit waren sie gerechterweise ganz erfolgreich. Hervorragende Resultate auf diesem Gebiet erzielten die Engländer. Überhaupt galt Britannien an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert weltweit als Zentrum für Uhren. Ein gewichtiger Grund war die aktive britische Kolonialpolitik, erforderte sie doch – neben anderem – genaueste und komplizierteste Instrumente zur Zeitmessung.

Rathausturm in der Prager Altstadt: Astronomische Uhr aus dem 15. Jahrhundert mit mechanischen Figuren

Die Engländer begannen mit der Perfektionierung der Spindelhemmung von Huygens, deren größte Unzulänglichkeit im geringfügigen Rücklauf des Gang­reglers bestand. In den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts präsentierte dann der englische Physiker Robert Hook einige Alternativen für einen Gangregler mit bedeutend weniger Fehlern. Einige Historiker schreiben ihm sogar die Erfindung der ›Huygensschen Spirale‹ zu.

Ein anderer Brite, Thomas Tompion (1639–1713), legte die Konzeption der Zylinderhemmung vor, die komplett ohne Rücklauf des Gangreglers auskam. George Graham, sein Schüler und Nachfolger, verbesserte die Idee seines Lehrers und wurde weltweit berühmt mit seinen genauen Chronographen. Er gilt auch als Schöpfer der ersten Ankerhemmung. In unserer Zeit hat übrigens die Marke ›Graham‹ in der Welt der Haute Horlogerie5 einen außerordentlich guten Namen.

1680 baute Daniel Quare (wieder ein Engländer) das erste Chronometer mit einem Viertelschlagwerk. Davor hatte er es bereits geschafft, sich durch den patentierten Mechanismus des Antriebs zweier Zeiger auszuzeichnen. Ebenso präsentierte er die Idee, jedes hergestellte Exemplar zu numerieren – eine Praxis, die heute noch bei besonders elitären Uhrenmarken üblich ist. Aber all diese zweifellos sehr wichtigen Erfindungen sind nichts im Vergleich zu der von Tho­mas Mudge, der 1754 die Ankerhemmung überarbeitete und schließlich die freie Ankerhemmung erfand (welche heute die meisten Hersteller benutzen). Einige Jahre später stattete Mudge damit die Uhr für Sophie Charlotte zu Mecklenburg-Strelitz aus, der Gemahlin des englischen Königs Georg III. Das Kunstwerk hat alle Zeiten überstanden und befindet sich heute in einem der Salons von ›Schloß Windsor‹. Interessanterweise hielt Mudge diesen Mechanismus für zu kompliziert und bemühte sich erst gar nicht darum, ihn zu propagieren.

Durchaus nachvollziehbar war ein weiteres »Steckenpferd« der Engländer: der See-Chronograph. Es gab sogar eine staatliche ›Akte über den Längengrad‹, die demjenigen einen wahrlich stattlichen Geldpreis versprach, der eine einfache und zuverlässige Methode zur Bestimmung des Längengrads fand (sollten doch bis dahin die Uhren lediglich »in der Lage sein«, die Zeit für zwei Zeitzonen anzuzeigen). Den Preis teilten sich der uns bereits bekannte Thomas Mudge sowie John Harrison, Thomas Earnshaw und John Arnold. Die letzteren sind bekannt für ihre höchst zuverlässigen Schiffsuhren.

Die uralten kontinentalen Rivalen wollten hinter ihren Inselnachbarn verständlicherweise nicht zurückbleiben. So setzten die in London lebenden Franzosen Peter und Jacob Debaufre sowie Nicholas Facio im Jahre 1704 erstmals Rubine zur Vermeidung der Reibung im Mechanismus ein. Und Meister Pierre Leroy (1717–1785) erprobte seine Uhr­macherkunst nicht nur in der Praxis, sondern auch in der wissenschaftlichen Theorie: Er entdeckte die Gesetzmäßigkeit, der zufolge jede Feder eine bestimmte Länge haben muß, um ihren Isochronismus6 zu garantieren – eine große Hilfe für seine hochverehrten Kollegen. Schließlich dachte sich der Begründer der Firma ›Patek Philippe‹, Jean-Andrien Philippe, 1842 den Kronenaufzug aus und befreite die Menschheit davon, ständig einen Schlüssel zum Aufziehen der Feder bei sich zu tragen. Die Franzosen förderten damals geradezu die allgemeine Begeisterung für komplizierte Dinge, indem sie mit leichter Hand ewige Kalender, retrograde Zeiger und Schlagwerke einführten.

Der Schweizer Boom
Spätestens jetzt drängt sich die Frage auf: »Und was ist mit den Schweizern?« Diese Frage ist vollkommen berechtigt, denn schließlich ertönte der Ruhm der Schwei­zer Uhrmacher Mitte des 18. Jahrhunderts durch ganz Europa und übertraf teilweise die britischen Kreationen.

Die Schweizer Uhrenindustrie entstand Mitte des 16. Jahrhunderts als Folge der Reformen von Jean Calvin, die unter anderem das Juwelierhandwerk einschränkten. Dem Begründer der Uhrengilde in Genf, dem Franzosen Charles Cousin, gelang es dann, die »Anfälle von Kreativität« der neubekehr­ten Handwerker in eine andere Richtung zu lenken, die eine positive Entwicklung versprach. In der Tat: Die Gilde wuchs und wuchs, und binnen 100 Jahren war deren Mitgliederzahl geradezu als überbordend zu bezeichnen, und so waren viele gezwungen, ihre Heimatstadt zu verlassen und ihr Glück in anderen Gegenden zu suchen. Auf diese Weise entstand im Bergkanton Neuchâtel ein zweites Zentrum der Uhrenherstellung. Dazu trug auch die Neugier eines jungen Mannes namens Daniel Jeanrichard bei, der zufällig bei einem Touristen ein englisches Chronometer gesehen und sofort damit begonnen hatte, dessen Aufbau genau zu studieren.

Die Schweizer waren die ersten, die Brückenbauteile herstellten – was die Versorgung mit Uhren (und deren Reparaturen) erheblich erleichterte –, und dieser Umstand trug nicht unerheblich dazu bei, daß zwischen der Mitte des 18. und dem Anfang des 19. Jahrhunderts die Branche einen ungeahnten Aufschwung nahm. Bemerkenswerte Persönlichkeiten dieser Zeit waren zweifellos Pierre Jaquet Droz und sein Sohn Henri-Louis, die neben Uhren auch automatische Puppen und Automaten konstruierten. Die Uhrenmarke ›Jaquet Droz‹ existiert übrigens bis heute – und hat als eine der ältesten Firmen der Welt eine Reputation, mit der sich andere dieser Branche liebend gerne schmücken würden. Jedenfalls machen ihre Automaten mit den zahlreichen Varianten so manchen Museumsbesucher noch heute staunen.

›Gerard Mercator‹ von ›Vacheron Constantin‹

Die Schweizer schätzen besonders die beiden Abraham-Louis’, die – wenn sie schon nicht die Errungenschaften Galileis und Huygens wiederholen konnten – doch zumindest die Epoche der großen Uhrenerfindungen auf eine außergewöhnliche Art abschlossen. Abraham-Louis Perrelet aus Neuchâtel baute die »ewige« Uhr mit automatischem Aufzug, deren Konstruktion 1820 in London zum Patent angemeldet – und erst 1924 in moderner Form hergestellt wurde! Sein – berühmterer – Namensvetter Abraham-Louis Breguet (1747–1823) bleibt dagegen wohl für immer als der »König der Genauigkeit« im Gedächtnis. Er verewigte seinen Namen in Patenten für die ›Parachute-Stoßsicherung‹7, die Unruh-Spirale, das Schlagwerk aus Gongstahlfedern und das Tourbillon, das den Einfluß der Schwerkraft auf den Mechanismus reduzierte. Anfang des 3. Jahrtausends ist das Tourbillon ungeachtet seiner heutigen Funktionslosigkeit nach wie vor eins der kompliziertesten und teuersten Uhrenelemente …

Chronometer ›Trilogia‹ von ›Ulysse Nardin‹

Eigentlich setzten Perrelet und besonders Breguet einen Schlußstrich unter das Thema »Moderne mechanische Uhren«. Alle folgenden Entdeckungen dienten entweder nur der Perfektionie­rung bereits vorher erdachter Baugruppen und Details oder, bedeutend häufiger, der Verfeinerung designerischer Raffinessen – wie mir einst Pierre Kuntz, ein Freund und Gefährte Franck Müllers, in einem Gespräch sagte: »Falls Ihnen jemand sagt, er hätte etwas Neues entdeckt, setzen Sie sich sofort mit mir in Verbindung. Ich komme. Alles, was man hätte erfinden können, wurde bereits bis 1900 erfunden. Absolut alles. Wir können nur noch mit der Form spielen …«

Klassiker und Moderne
Die Nachfahren von Huygens und Bre­guet spielen mit großer Lust. Es gibt viele Beispiele dafür. Wir haben nur einige ty­pische ausgewählt …

Die Genfer Firma ›Vacheron Constantin‹ (in der übrigens der berühmte Franzose Jean-August Lechaut, der eine Form der freien Ankerhemmung erfand, um 1840 gearbeitet hat) ist zu Recht stolz auf ihr Modell ›Gerard Mercator‹. Vor fast zehn Jahren brachte die Firma diese Uhr anläßlich des 400. Todestages des großen Kartographen Mercator heraus, und bereits jetzt ist sie eine Rarität. Das Zifferblatt ist mit handgefertigten, eingravierten mittelalterlichen Darstellungen der westlichen und östlichen Hemisphäre verziert, und die altmodischen Zeiger bilden einen Zirkel, dessen linker Schenkel die Stunden und dessen rechter die Minuten anzeigt. Im Vergleich zu den klassischen Kreationen, die sonst typisch sind für die Firma ›Vacheron Constantin‹, sieht die ›Gerard Mercator‹ mehr als ungewöhnlich aus.

Die Designer der amerikanischen Firma ›Harry Winston‹ haben den Ruf, besonders originell bei der Gestaltung ihrer Uhren zu sein. Im Jahre 2003 versetzten sie die (Fach-)Welt in Erstaunen, als sie den gemeinsam mit der Schweizer Firma ›Vianney Halter‹ entwickelten Prototypen ›Opus 3‹ vorstellten. Der Korpus, den die Schöpfer selbst »Container« nennen, impliziert einen komplizierten Mechanismus, der die Zeit mittels eines kniffligen Systems aus zehn Mini-Disks zeigt. Die Information erscheint in sechs Fenstern, von denen vier für die Anzeige von Stunden und Minuten vorgesehen sind und zwei für das Datum. Die Zeit wird hierbei von links nach rechts gelesen und das Datum von oben nach unten. Kurz gesagt, dies ist keine Uhr, sondern eine Schatulle mit Geheimnissen. Es war geplant, die ›Opus 3‹ in einer Auflage von 30 Exemplaren auf den Markt zu bringen, aber soweit bekannt, wurden nur einige wenige hergestellt.

›Crazy Hours‹ von ›Franck Müller‹

Der »Meister der Komplizierung«, Franck Müller, wird auch des öfteren im Zusammenhang mit ungewöhnlichem Design genannt. Sein letzter »Wurf« heißt ›Crazy Hours‹. Müller hat die Zahlen auf dem Zifferblatt chaotisch durcheinandergeschmissen und den Stundenzeiger gezwungen, sich nicht im Kreis zu bewegen, sondern von Zahl zu Zahl zu springen, während sich der Minutenzeiger wie bei »normalen« Uhren verhält. Dem Besitzer einer ›Crazy Hours‹ werden viel Geduld und ein langes Training ab­gefordert, bis er schnell und ungezwungen auf die Frage: »Wie spät ist es?« die entsprechende Auskunft geben kann.

Ebenfalls einen interessanten Weg zur Bestimmung der Zeit legte der Schweizer Bernhard Lederer vor, der 1991 jene Uhr baute, die heute das Aushängeschild seiner Firma ›Blu‹ ist. Der Minutenzeiger beschreibt Kreise auf dem Hilfszifferblatt, das wiederum die Funktion des Stundenzeigers erfüllt. In den letzten zehn Jahren hat Lederer diesen Mechanismus bis zur Perfektion gebracht und seiner Phantasie bei der Gestaltung des Zifferblatts freien Lauf gelassen: mit Strukturen und Farben, mal in Form eines Sternenhimmels, mal mit Lichtern einer nächtlichen Stadt, mal mit schillernden, sonnenüberfluteten Ozeanwellen. All dies sehr lakonisch, einfach und ansprechend schön.

Abraham-Louis Perrelet baute die »ewige« Uhr mit automatischem Aufzug, deren Konstruktion 1820 zum Patent angemeldet – und erst 1924 hergestellt wurde

Die Marke ›Blancpain‹ hingegen, die stets einen konservativen Stil pflegt, expe­rimentiert lieber mit dem Inhalt als mit der Form. Sicherlich, das Tourbillon, der ewige Kalender, der Chronograph, das Schlagwerk, der Anzeiger der Mondphasen und der automatische Aufzug wurden bereits vor langer Zeit erfunden, aber sie in einer Armbanduhr zu vereinen, das gelang bis­her nur einzelnen – und in einem extrem flachen Mechanismus noch niemandem. Deswegen ist das Modell ›Grande Complication 1735‹ einzigartig. Es ist schwer zu glauben, aber das Gehäuse ist wirklich nur 16 Millimeter stark. Alle 30 Exemplare sind bereits seit langem verkauft – aber das versteht sich eigentlich von selbst.

Beenden wir unseren kurzen Diskurs über »moderne Erfindungen« mit den Kreationen der angesehenen Firma ›Ulysse Nardin‹. Es ist die einzige Manufaktur, die Ende des 20. Jahrhunderts einige technische Patente anmeldete, die vom Niveau her durchaus an Galileische Ideenfolgen heranreichen. Der Uhr­macher von ›Ulysse Nardin‹, Ludwig Oechslin, wollte nicht zum zehnten Mal See-, Flug-, Unterwasser-, gar unterirdische Uhren neu erfinden. Er legte einfach ein Armband-Astrolabium8 hin. Die Idee wurde in verschiedenen Modellen astronomischer Chronometer der Serie ›Trilogia‹ verwirklicht, die neben der Zeit die Tierkreiszeichen am Himmelsfirmament, Sonnenauf- und -untergang, die Lage der Planeten im Verhältnis zur Erde und sogar deren Laufbahn zeigen!

Vielleicht hatte Pierre Kuntz also doch nicht ganz recht, als er behauptete, die Epoche der großen Uhrenerfindungen sei verflogen. Es gibt noch Raum für Phantasie …

von Alexander Wetrow

Chronologie der Erfindungen
v.u.Z. – Archimedes (um 287–212) erfindet im 3. Jahrhundert v.u.Z. den Schnecken- und den Riemenantrieb, zwei Mechanismen, die eine Voraussetzung zum Bau moderner Uhren darstellten.

1288 – Die Welt erblickt die Turmuhr der ›Westminster-Abtei‹. Dies ist die älteste durch Quellen belegte Uhr.

14. Jh. – Giacomo Dondi braucht 16 Jahre, um eine Turmuhr für seine Heimatstadt Padua zu bauen.

16. Jh. – Peter Henlein baut in Nürnberg die erste Taschenuhr (mit nur einem Zeiger). Die Schweizer Zech und Gruet erfinden die Zugfeder für die Gangkonstanz der Uhr.

1660 – Christiaan Huygens entwirft die Grund­elemente der modernen Uhr und erfindet den Gangregler, der die Genauigkeit der Uhr ermöglicht.

1670 – Der Engländer Robert Hook perfektioniert den Gangregler.

1675 – Thomas Tompion und George Graham legen zwei Prototypen für eine alternative Hemmung vor: die Ankerhemmung und die Zylinderhemmung.

1680 – Daniel Quare baut das erste Chronometer mit Viertelschlagwerk.

1704 – Die Franzosen Peter und Jacob Debaufre sowie Nicholas Facio setzen erstmals Rubine zur Verminderung der Reibung im Uhrenmechanismus ein.

1754 – Thomas Mudge baut die freie Ankerhemmung, die bis heute von vielen Uhrenherstellerfirmen auf der ganzen Welt verwendet wird.

1801 – Abraham Louis Breguet patentiert das von ihm 1795 erfundene Tourbillon.

1820 – Abraham Louis Perrelet konstruiert die erste »ewige« Uhr mit einem automatischen Aufzug.

1842 – Jean-Andrien Phillipe erfindet den Kronenaufzug.
 
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