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Wenn das Glück nicht wäre oder Wem half die Phylloxera? Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte die französische Weinfabrikation ihren Höhepunkt. Uneingeschränkt dominierten die Bordeaux-Weine auf den feinsten Tafeln Europas. Das Unglück kam, wie immer, unerwartet: Buchstäblich innerhalb von zehn Jahren verlor Frankreich aufgrund einer rätselhaften Plage seine besten Rebflächen und gleichzeitig den Ruf, das Weinland Nummer 1 in der Welt zu sein. Aber des einen Unglück ist oft des anderen Glück. Die Frage, wer von der Phylloxera-Tragödie profitierte, hat sich bei allem Zynismus keineswegs als überflüssig erwiesen. Gespenstische Szenarien Im Jahre 1863 war in Frankreich ein sonderbares Dahinsiechen der Rebflächen in Poujeaux im südöstlichen Departement Gard bemerkt worden. Als erster schlug der Veterinär Delorme aus Arles Alarm. Am 8. November 1867 schrieb er dem Vorsitzenden des Landwirtschaftskomitees von Aix-en-Provence einen Brief, in dem er die rätselhaften Ereignisse darlegte. Bald gerieten auch die Winzer in Panik, vor deren Augen ganze Rebberge verkümmerten, und kein Mittel konnte ihren Untergang aufhalten. Noch nie in der Geschichte der französischen Landwirtschaft war eine derart plötzliche Verwüstung von solchem Ausmaß beobachtet worden. Überall, wo sich die nie dagewesene Plage ausgebreitet hatte, wurden die trostlosen bäuerlichen Fuhrwerke, welche die abgestorbenen Weinstöcke auf den Scheiterhaufen brachten, zum finsteren Gespenst der Katastrophe. Der Preis der Weinstöcke als Brennmaterial deckte nicht einmal die Kosten für ihre Rodung. ![]() Die Panik verstärkte sich auch deshalb, weil man die Ursache für den Untergang der Rebflächen absolut nicht finden konnte. Das Szenario war immer das gleiche: Die Stöcke der Weinrebe trugen von Jahr zu Jahr weniger, der Weinstock stürzte um, und dabei stellte sich heraus, daß ihm das Wurzelsystem vollständig fehlte. Wohin war es verschwunden? Das konnte niemand erklären. Viele erfaßte eine ganz und gar mystische Angst. Darauf reagierte zunächst einmal die Kirche. Aber ihr Triumph währte nicht lange. Massenprozessionen, Gottesdienste und die Errichtung von Kruzifixen auf den Rebflächen schweißten zwar die Gemeinde zusammen, retteten die Weinberge aber nicht vor der Verheerung. Die Weinbauern selbst gingen etwas rationaler an die Lösung des Problems heran. Im Jahre 1868 erschien eine Sonderkommission zu einer sorgfältigen Untersuchung. Der Präsident der ›Landwirtschaftskammer‹ des Departements, Gaston Bazille, der selbst viel Geld in Weinberge investiert hatte, der Professor für Botanik an der ›Naturwissenschaftlichen Fakultät‹, Jules-Émile Planchon, und der Gartenbauer F. Sahut fanden an den Wurzeln der absterbenden Gewächse grauenhafte »Geschwülste« und Hunderttausende winziger gelblicher Läuse, die sich an das Wurzelsystem geklebt hatten und es aussaugten. Nach der Bekanntgabe dieser Tatsache waren bald alle Lupen ausverkauft, denn die Bevölkerung wollte den Feind mit eigenen Augen sehen. Allerdings glaubte anfangs niemand an die Mitwirkung irgendwelcher kaum sichtbarer Insekten am Untergang des nationalen Gemeinguts. Erst 1870, nach zweijährigen Forschungen, war klar: Die Phylloxera war amerikanischen Ursprungs und in Europa erschienen – »dank« der Entwicklung der Dampfschiffahrt und der verkürzten Zeit, welche die mitreisende Reblaus, »gut behütet« in den importierten Reisern, unterwegs verbringt. Zum Sterben war für sie die (Reise-)Zeit einfach zu kurz geworden. Anmerkung am Rande: ›Reiser‹ ist der Fachausdruck für Setzling bzw. Steckling. Leider verbesserte die Entdeckung der wahren Ursache für den Untergang der Rebflächen die Lage nicht. Die Franzosen waren beschäftigt – mal mit dem Suez-Kanal, mal mit dem Krieg gegen Preußen und dann mit der ihm folgenden Pariser Kommune. Die Phylloxera eroberte derweil langsam, aber sicher neue Territorien. Waren die ersten Schädlinge 1863 in der Provence bemerkt worden, tauchten sie um 1867 in Bordeaux auf, und nach zehn Jahren attackierten sie die beste Gegend für den Bordeaux: den Médoc. Nur die Regionen mit sandigem Boden entgingen der Plage. Was tun? An dem Unglück begannen sich – wie so oft – zahlreiche Scharlatane zu bereichern, die exotische oder pseudowissenschaftliche und, versteht sich, vollkommen unnütze Mittel gegen alle möglichen Rebkrankheiten anboten. Victor Vermorel, ein Wissenschaftler und Domänen-Besitzer im Beaujolais, hat eine ganze Bibliothek von Reklameblättchen, Angeboten und Broschüren zusammengetragen mit Titeln vom Typ Pestfresser als physikalisch-taktisches Mittel gegen Phylloxera oder Phylloxonurgan, ein Insektiziddünger – das radikale Mittel oder Himmlisches Mus – und was es der Schriften sonst noch gab. Die Analyse der Presse jener Epoche zeigt, daß die verzweifelten Menschen jedem auch nur scheinbar »glaubwürdigen« Unsinn vertrauten und auf ihren Rebflächen jede Menge völlig sinnloser Manipulationen durchführten. Von den mehr oder weniger rationalen Mitteln zeitigten die Einleitung von Kohlenstoffbisulfid in den Boden mittels einer großen Spritze, die Anwendung des teureren und effektiveren Natriumsulfocarbonats und die Überflutung für 30 bis 40 Tage (diese Methode war freilich nicht immer anwendbar) gewisse Ergebnisse. Die Einführung chemischer Verfahren erforderte Manipulationen mit schwerem Gerät. Und da entstand die Nachfrage nach besonders kräftigen Männern aus dem Umland, die in der Lage waren, diese Last einen ganzen Arbeitstag lang über die Rebflächen zu schleppen. Viele siedelten sich auf diese Weise auch in den Weinbauregionen an. Oft ist von anerkannten Weinfabrikanten zu hören, ihre Dynastie sei von einem physisch ungewöhnlich kräftigen Großvater gegründet worden. Der gefundene Ausweg hatte nichts mit den Errungenschaften der Chemie zu tun. Es stellte sich nämlich heraus, daß sich bei der amerikanischen Rebenart Vitis labrusca (Fuchsrebe) eine nachgewiesene Resistenz gegenüber der Reblaus Phylloxera entwickelt hatte. Der Grund: An den Wurzeln der Fuchsrebe bildete sich ein Korkgewebe, und deshalb greift die amerikanische Phylloxera keine »Amerikaner« an. Daraufhin beschloß man, europäische Edelreiser der Vitis vinifera auf Wurzelunterlagen der amerikanischen Reben aufzupfropfen – was dann auch das erhoffte Resultat brachte. Die Wiederherstellung der Rebflächen zog sich bis 1914 hin und kam den Franzosen teurer als der Krieg, der 1871 an Preußen verloren worden war – und das war nicht wenig: Immerhin mußte die Grande Nation damals 5 Milliarden Goldfranken als Kriegsentschädigung zahlen sowie das Elsaß und Ost-Lothringen an das Deutsche Reich abtreten. Wer hat den Nutzen? Wir hatten schon begonnen, diese Frage zu beantworten: In unserer Darstellung kamen Geistliche, einfache Bauern, Gauner und Lupenverkäufer vor: Ihr Gewinn war, verglichen mit anderen Beteiligten, letztlich gering. Während der Epidemie machten die Bezirke, die nicht von der Phylloxera betroffen waren, ordentlich Gewinn. Ihr Weinhandel erlebte einen wahren Boom. Doch die Konkurrenz innerhalb des Landes war für Frankreich nur der Anfang seiner Katastrophe. Die überseeische Laus beendete das Monopol der französischen Weine auf den Mittagstischen der ganzen Welt. Bis 1870 hatte Frankreich achtmal mehr Weine exportiert als importiert; zehn Jahre später war die Ausfuhr nur noch dreimal höher als die Einfuhr. Und schon Ende der 80er Jahre kapitulierte Frankreich gänzlich gegenüber dem ausländischen Wein: Man importierte 12 Millionen Hektoliter fremden Rebensaft, während man von seinem eigenen nur 2 Millionen Hektoliter exportierte. In der Zeit der Epidemie wurden drei Viertel der französischen Weinberge vernichtet; ihre Gesamtfläche verringerte sich fast auf ein Drittel. Die Rebflächen der Provence und im Languedoc, der Charente und der Champagne sowie die in den Regionen Bordeaux und Burgund litten ganz besonders unter der Phylloxera. Spanien und Italien zögerten nicht, die mißliche Lage ihres ewigen Konkurrenten auszunutzen. Mit Freude nahmen sie arbeitslose wie ruinierte Winzer aus der Region Bordeaux auf, und in der Folge sahen sich die Gebiete Rioja und Jerez, aber auch die italienische Weinbauwirtschaft wahren Völkerwanderungen südfranzösischer Winzer ausgesetzt. Sicher, im Endergebnis nahmen auch Spanier und Italiener Schaden durch die Phylloxera: Die Reblaus suchte Anfang der 70er Jahre die Apenninen und 1878 die Iberische Halbinsel heim. Wenn der Verlust von dieser »Visite« auch zu spüren war, so war er doch in keiner Weise mit dem französischen zu vergleichen. Die Spanier und Italiener setzten erstens ihre Rebpflanzungen fort und verfolgten zweitens aufmerksam die Entwicklung der Methoden zur Bekämpfung der Phylloxera in Frankreich. Die Neue Welt befand sich in einer noch vorteilhafteren Situation: Chile und Argentinien blieben wie durch ein Wunder von der Weinpest-Epidemie verschont, und die dortigen Weinbauern wurden plötzlich Besitzer seltener Rebexemplare. Der Grund war, daß viele europäische Sorten die Pfropfung auf den Wildling Vitis labrusca schlecht vertrugen und deshalb in ihrer Heimat praktisch verschwanden. In Chile fand sich so der verlorene ›Bordeaux Carmanère‹ wieder (in Bordeaux züchtet man ihn heute nur auf Versuchsgütern) und in Argentinien der ›Bordeaux Malbec‹. Beide Sorten haben sich wunderbar akklimatisiert und sind heute in Südamerika Visitenkarten der einheimischen Winzer. Chile und Argentinien exploitieren bis heute das Thema der wurzelechten, »vorphylloxeraischen« Reben, deren Existenz als Beweis für die Authentizität der südamerikanischen Weinfabrikation präsentiert wird. Der Niedergang des einen … Die Alte Welt entschied sich erst vor kurzem, den gleichen Weg zu verfolgen. Allerdings sind es vorläufig nur einzelne Weinbauern, die auf ihren Domänen die Anpflanzung von wurzelechten Rebstöcken riskiert haben. Henri Marionnet, charismatischer und liebenswürdiger Weinbauer von der Loire, bepflanzte einen Teil seiner Rebfläche in der Touraine mit wurzelechtem ›Sauvignon und ›Gamay‹. Den Nachbarn erklärte er, er wisse, daß diese Anpflanzungen mit der Zeit eingehen können (die Phylloxera ist ja nicht verschwunden), aber er meine, er riskiere erstens nur einen Teil seines Bodens und zweitens lohne sich die Mühe: Das Interesse am Wein dieses Rebbergs und guter Absatz seien garantiert. Dank der Phylloxera besteht für die Experimentatoren der Alten Welt heute nicht die Notwendigkeit, bei ihrer Suche nach neuen Möglichkeiten den Ozean zu überqueren. Orte für die Versuche gibt es jetzt auch in Europa genug. Zu vergleichsweise niedrigen Preisen kaufen sie Rebflächen in einstmals berühmten, aber während der Epidemie aufgegebenen Bezirken. So kam Alvaro Palasios aus Rioja auf Einladung von René Barbé in die verlassene Region Priorat (Provinz Tarragona). Er war auf der Suche, wo er seine bei einem Studienaufenthalt auf dem ›Château Pétrus‹ entstandenen Ideen umsetzen könnte. Im Priorat schuf er ein solches Wunder, das die Möglichkeiten der spanischen Sorte ›Garnach‹ regelrecht auf den Kopf stellte (sowie auch generell die Preise für spanische Weine). Nachdem er das Priorat wiederbelebt hatte, interessierte er sich danach (und zwar noch intensiver) für die Region Bierzo, gelegen im Westen der spanischen Provinz Léon. … fördert den Aufschwung des anderen Getränks Ein spezielles Dankeschön müssen die Hersteller »nationaler« Spirituosen mehrerer Länder der Phylloxera sagen, zum Beispiel Großbritannien. Als die Epidemie fast die kompletten Rebflächen der Charente vernichtet hatte, mußten die an ihren Brandy gewöhnten Lords zum einheimischen Scotch übergehen. Mit der Zeit begeisterten sie sich für den ›Single Malt‹ – Anlaß für die Entwicklung und den Aufschwung dieses hochgeistigen Getränks. Neue Wege In der Charente selbst tauchten nach der Katastrophe die ersten Molkerei- und Käserei-Kooperativen auf. Viele entschieden sich, mit dem Weinbau zu kooperieren. Später weitete sich die Bewegung der Kooperativen auch auf die Weinkelterung aus und war ein äußerst effektives Instrument gegenüber jenen Geschäftsleuten, welche die Kleinerzeuger mit niedrigen Ankaufspreisen abwürgten. Die Mitglieder der Kooperative bauten von dem gemeinsamen Geld einen Weinkeller, fuhren ihre Ernte dort zusammen ein, und der von ihnen angestellte Analyst sowie die Vertriebsabteilung befaßten sich mit der Weinkelterung und dem Verkauf der Produktion unter einer gemeinsamen Marke. Viele Kooperativen im Elsaß, im Chablis sowie in den Tälern der Loire und der Rhône vermehrten den Ruhm des französischen Weins, wenngleich dieser Ruhm aus einer nationalen Katastrophe hervorgegangen war. Heute sind die Kooperativen neben den Besitzern der Domänen und den Weinvertretern gleichberechtigt am Weingeschäft beteiligt. ![]() Die Phylloxera hat die Entwicklung eines Spezialzweigs der Agrarwirtschaft initiiert: die Züchtung und den Verkauf von Rebsorten, die auf amerikanische Wurzelstöcke aufgepfropft sind, und die Züchtung von reblausresistenten Klonen und Hybriden. Werbung für diese Dienstleistung kann man jetzt auch im Internet finden. Letztendlich haben die Weinbauern begonnen, sich immer öfter an den Auffassungen von Agronomen und Mikrobiologen, von Botanikern und Chemikern zu orientieren. Die moderne Weinfabrikation ist jedenfalls von den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen durchdrungen. Wenn man heute zur Bekämpfung von Insekten keine schädlichen Insektizide anwendet, sondern eine Methode der »Nationalitätenirritation« nutzt – die amerikanische Phylloxera kann den dortigen bzw. von dort stammenden Rebsorten nichts anhaben –, dann nur deshalb, weil die Winzer seit den Zeiten der Phylloxera-Plage gelernt haben, aufmerksam auf die Wissenschaftler zu hören. Die Phylloxera hat noch etwas Gutes bewirkt: Sie hat unwiderruflich den Herkunftsnachweis »sanktioniert«. Während der Epidemie hatten sich die Fälle von Imitationen und Fälschungen großer Gewächse dermaßen gehäuft, daß sie katastrophale Ausmaße annahmen. Der Staat war gezwungen zu reagieren und erarbeitete gemeinsam mit den Berufsorganisationen der Winzer Normen für die Weinqualität. Sie wurden gesetzlich verankert. Seit 1930 hat jede Weinregion überprüfbare Herkunftsbezeichnungen geschaffen, und es sind effiziente Methoden zur Unterbindung von Fälschungen entstanden. Dadurch hat, wie es scheint, vor allem der Verbraucher gewonnen. |
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