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Rauch und Asche Wenn Sie gefragt werden, woraus eine gute Cigarre besteht, antworten Sie wahrscheinlich: Aus Tabakblättern, möglichst aus ganzen. Und Sie haben vollkommen recht. Aber sind denn alle Blätter gleich, und wovon hängt die Rezeptur einer Cigarre ab, und wie rollt man sie richtig? Woraus besteht der Cigarrenrauch, welche Temperatur hat das Cigarrenende, und wozu braucht man die Asche? Wissen Sie eine Antwort auf all diese Fragen? Wenn nicht, helfen Ihnen die folgenden Zeilen bestimmt weiter … Die Struktur der Cigarre Eine Cigarre besteht aus fünf Tabakblattypen: Drei in der Einlage, dazu das Umblatt und das Deckblatt. Für die Einlage werden Blätter verschiedener Schichten der Tabakpflanze verwendet, die jeweils einen eigenen Namen und einen eigenen Charakter haben. Volado. Das sind die Blätter der zwei (manchmal auch drei) untersten Abschnitte. Sie enthalten viel Kalium, weshalb sie gut brennbar sind. Seco. Das sind die Blätter des mittleren Abschnitts. Sie sind am aromatischsten, groß und haarig. Eigentlich sind die Härchen die Drüsen des Tabaks, die Poren, durch die sich die Pflanze von den Überresten des Lebensfunktionsprozesses befreit. Diese Überreste setzen sich auf der Blattoberfläche ab und bilden eine klebrige, etwa anderthalb Millimeter dicke Schicht, in der sich ätherische Öle konzentrieren (Paraffin, Terpen und ähnliches.). Dank dieser Öle entwickeln sich im Tabak nach der Fermentation alle Aromen, die wir später in der Cigarre schmecken. ![]() Ligero. Das sind die Blätter des oberen Abschnitts. Sie enthalten viel Stickstoff, Ammoniak und Nikotin (Nikotin ist ein stickstoffhaltiges Alkaloid). Dieses Nikotin bildet sich in den Pflanzenwurzeln, und bisher konnte noch niemand eine vernünftige Erklärung abgeben, warum es sich in hohem Maße gerade in den oberen Blättern ansammelt. Ich erkläre dieses Phänomen so: Die Tabakpflanze entwickelt sich sehr schnell; ihr Zuwachs beträgt täglich 10 Prozent. Dieses Wachstum erfolgt in erster Linie zu Lasten der oberen Blätter. Die Zellen vermehren sich, das Gewebe dehnt sich aus, die Pflanze empfindet Unbehagen. Um den »Schmerz« der Zellvermehrung zu lindern, braucht sie ein Narkotikum, das die Funktion eines Anästhetikums erfüllt. Nikotin ist für die Pflanze quasi ein Wachstumshormon. So kommt es, daß gerade in den Blättern des oberen Abschnitts eine hohe Konzentration an Nikotin vorhanden ist. ![]() Folglich sind Volado-Blätter für die Brennbarkeit, Seco-Blätter für das Aroma und Ligero-Blätter für die Stärke da. Ihre proportionale Verteilung in der Cigarrenmischung hängt vom Format der Cigarre ab, von Länge, Durchmesser und Form. Beispielsweise werden für Cigarren vom Format ›Piramid‹ zwei Blätter Volado, drei Blätter Seco und ein Blatt Ligero verwendet. Falls die Cigarre kräftiger sein soll, nimmt der Roller anderthalb Blatt Ligero, und soll sie umgekehrt etwas weicher sein, reicht die Hälfte dieser Blattart. Große Bedeutung hat die innere Struktur der Einlage. Jeder Blattyp hat seine Position. In der Regel befindet sich der Ligero als das Blatt, welches am schlechtesten brennt, in der Mitte, darum herum die Seco- und außen die Volado-Blätter. Daher bildet der brennende Teil einer Cigarre einen Kegel. Falls beispielsweise ein unerfahrener Cigarrenmacher den Volado nicht an den Rand, sondern in die Mitte packen sollte, wird der brennende Teil wie ein Krater aussehen. Damit die Einlage nicht auseinanderfällt, wird sie in das Umblatt gewickelt. Das wiederum muß gut brennen, da es sich »am Rand« der Cigarre befindet. Deshalb werden hierfür Volado, aber auch – falls ein besonders großes Blatt benötigt wird –Seco vom ersten Abschnitt verwendet. Anschließend wird die »Puppe« in das Deckblatt gewickelt. Das hat vor allem eine ästhetische Funktion. Denn die Cigarre muß schön aussehen. Für das Deckblatt werden unter einer Abdeckung gezogene Blätter verwendet: Sie sind größer, elastischer und dünner. Blätter der untersten Abschnitte sind ungeeignet, zum einen, weil sie nicht sehr großflächig, zum anderen, weil sie häufig mit Erde beschmutzt sind und Flecken aufweisen. Die obersten Blätter sind gleichfalls ungeeignet, weil sie klein und außerdem dick, dunkel und voller grober Adern sind. Deshalb werden für das Deckblatt neben Seco (alle Abschnitte) Volado vom oberen sowie Ligero vom unteren Abschnitt benutzt. Asche Wie in jeder anderen Pflanze findet auch im Tabak die Photosynthese statt, das heißt die Absorption von Kohlensäuregas aus der Luft und dessen Umwandlung in organische Materie und Sauerstoff. Bei der Verbrennung von Tabak ist es umgekehrt: Organische Materie wird oxidiert und Sauerstoff absorbiert; dabei entstehen Wärme, Wasser und aromatische Stoffe. Dies ist der Prozeß der umgekehrten Photosynthese. Beim Rauchen einer Cigarre verbrennen die organischen Stoffe nahezu vollständig, und die anorganischen Stoffe werden zu Asche, wobei jene Stoffe chemische Verbindungen darstellen, die in ihrer Molekularstruktur kein Kohlenstoffatom aufweisen. Für den Raucher ist die Asche aus mehreren Gründen wichtig … Erstens bildet die Asche einen Filter, der den Sauerstofffluß durch den Cigarrenkörper bremst – eine äußerst nützliche Funktion. Denn je mehr Sauerstoff, desto stärker ist der Brand und desto intensiver der Oxidationsprozeß. Die Asche zügelt den Sauerstofffluß, die Temperatur sinkt, der Brand wird langsamer, der Rauch kühler und das Rauchen angenehmer. Ein Zentimeter Asche senkt die Temperatur des Rauchs um circa 50 Grad Celsius. ![]() Zweitens gibt die Farbe der Asche kubanischer Cigarren Auskunft über deren Herkunft, da sie direkt von den Überresten der mineralischen Stoffe bestimmt wird, die wiederum vom Boden des Terroirs bestimmt werden. Typisch für Tabak aus der Vuelta Abajo ist eine stählerne hellgraue Farbe. Für die Region Remedios dagegen eine weiße Farbe und für Oriente eine schwarze. Außerdem kann man anhand der Asche die Qualität einer Cigarre erkennen. Wird die Aschesäule zwei bis drei Zentimeter groß und fällt nicht herunter, ist das ein Beweis, daß für die Cigarre eine lange Einlage verwendet wurde. Asche von geschnittenem Tabak dagegen ist porös und hält sich nicht lange. Brandzonen Nachdem man die Aschesäule abgeschüttelt hat, wird der brennende Teil der Cigarre sichtbar, der die Glut- bzw. Brandzone darstellt. Genau in dieser Zone finden die unmittelbare Wechselwirkung zwischen Tabak und Sauerstoff und die totale Vernichtung organischer Stoffe statt, in deren Endeffekt einfache Brandprodukte wie Kohlensäuregas, Kohlenmonoxid und Wasser entstehen. Im Gegensatz zum Rauch sind sie mit bloßem Auge nicht erkennbar. In dieser exothermen Zone herrscht eine Temperatur von 800 bis 950 Grad Celsius. Dem folgt die Karbonisationszone. Der Tabak macht sich hier erst zum Verbrennen bereit, während die Blätter bereits stark erhitzt sind und sich in Kohle verwandelt haben. In dieser Zone entstehen die meisten Komponenten, die den Rauch bilden – als Ergebnis einer Pyrolyse1, einer pyrosynthetischen Reaktion und einer Destillation. Die Temperatur dieser endothermen Zone beträgt zwischen 200 und 600 Grad Celsius. Während des Zugs geht feuchter, konzentrierter Dampf durch den Cigarrenkörper und kühlt erheblich ab. Bei einer Temperatur unter 300 Grad Celsius kondensiert er und bildet feste Partikel, die den Rauch ausmachen. ![]() Die dritte Zone ist die Zone der trockenen Destillation. Unter Einfluß einer Wärmequelle beginnen hier die Transformation der organischen Stoffe und die Freisetzung aromatischer Verbindungen. Genau dieser Zone verdanken wir das gesamte Aromaspektrum einer Cigarre. Bei mittleren Temperaturen (60 bis 250° C) bilden sich flüchtige Stoffe wie Ameisensäure sowie Produkte des Zerfalls von Pektinen und Kohlenstoffen und schwach flüchtige Kohlenwasserstoffe. Des weiteren findet die Rekombination von freien Radikale und einigen Stoffen statt, die in der Glutzone produziert worden sind. Auch die Zirkulation des Rauchs, die man zwischen den Zügen beobachten kann, läßt sich erklären: Konzentrierter organischer Dampf, der sich im pyrolytischen Teil der Zone der trockenen Destillation gebildet hat, sickert durch das Deckblatt der Cigarre. Nachdem er sich von dort gelöst hat, kühlt der Dampf ab und kondensiert zu kleinen Partikeln, die den Rauch bilden. Bis zur Verbrennung enthält Tabak ungefähr 3800 chemische Verbindungen. Beim Destillationsprozeß werden jedoch rund 4800 freigesetzt, das heißt, die Verbrennung fügt ungefähr 1000 neue Stoffe hinzu, die größtenteils in Rauch aufgehen. ![]() Tabakrauch ist eine komplexe und sich ständig verändernde Mischung verschiedener chemischer Elemente, die sowohl aus gasförmigen als auch aus festen Teilchen besteht. Rauch ist ein Aerosol, bei dem ein Kubikmillimeter zwischen 10 und 100 Billionen Teilchen mit einem Durchmesser von 0,1 bis 1 Mikron2 enthält. Das sind Tabakalkaloide und, unter anderem, Wachs, Terpenoide, Pigmentteile der Blätter, Phenole, Karbonsäuren, Aldehyde sowie aromatische Kohlenwasserstoffe und für Tabak typische Stickstoffverbindungen. All diese Teilchen gerinnen schnell und verschmelzen miteinander, wobei sich deren Größe erhöht und sich deren Anzahl verringert. Deshalb hat Rauch am Anfang einen bläulichen Ton (da sich das Licht in den kleinen Teilchen bricht), wird jedoch allmählich grau und dann weiß (da sich das Licht nun auch in den etwas größeren Teilchen bricht). Die Dynamik der Cigarre Der Abbrand der Cigarre unterteilt sich in zwei Phasen: in die aktive (während des Zugs) und in die passive (zwischen den Zügen). Während des Zugs wird die Luft durch die Glutzone in den Cigarrenkörper eingezogen. Auf diese Weise bildet sich der Rauch, der gewöhnlich Mainstream genannt wird. In der Zeit zwischen den Zügen findet eine natürliche, nach oben gerichtete Konvektion der Luft um die Glutzone statt, die den Abbrand unterstützt. Dabei sondert sich der Sidestream-Rauch ab. Bei weitem nicht alle Aromen nimmt der Mensch durch die Nase auf. Die leichtesten bzw. flüchtigen zerfallen schnell und verschwinden; der Raucher schafft es gar nicht, sie zu erfassen. Flüchtig heißen alle chemischen Verbindungen, die eine Siedetemperatur von 100 Grad Celsius und weniger haben, während die schwach flüchtigen eine Siedetemperatur zwischen 100 und 200 Grad Celsius aufweisen und die schweren dann anfangen zu sieden, sobald sie die 200‑Grad-Celsius-Grenze überschreiten. In der Glutzone steigt die Temperatur, wie bereits erwähnt, auf über 800 Grad Celsius. Im weiteren Verlauf sinkt sie entlang des Cigarrenkörpers allmählich auf 600, 300, 200, 50 Grad Celsius und so weiter. Die schweren Aromen fallen gleich auf dem Weg aus, sobald sie auf ein Hindernis in Form von kalten Tabakblättern treffen, wohingegen die flüchtigen ihre Bewegung fortsetzen. Und beim Austritt erhält der Raucher zusammen mit dem Rauch die leichtesten Aromen. Eine solche Dynamik ist typisch für das erste Drittel. Da sich aber die »Feuerfront« weiter in Richtung Cigarrenende bewegt und der Strom des heißen Rauchs das Ende etwas erwärmt, werden im Endeffekt, zusammen mit den leichten Aromen, auch schwere Aromen im Rauchverlauf für den Raucher spürbar. Mit jedem neuen Zug entwickelt sich eine neue Aromawelle, die sich von der vorhergehenden unterscheidet, da sich die Cigarre mit jedem Zug erhitzt. Immer mehr schwere Aromen tauchen auf, die zunächst nicht im Tabak enthalten waren, wie zum Beispiel Trüffel, Schokolade, Ingwer. Dieses Phänomen nennt man die »Dynamik des Cigarrenrauchens«. Das letzte Drittel der Cigarre stellt den Filter dar. Viele schwere Aromen, so auch Nikotin, fallen gerade hier aus. Demgemäß erhöht sich die Stärke. Diejenigen, die gerade erst mit dem Cigarrenrauchen begonnen haben, lassen die Cigarre meistens nach dem zweiten Drittel liegen, aber es gibt auch Liebhaber, die sie bis zum Ende rauchen. Das Material wurde von Sergej Drosdow bereitgestellt. |
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