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Sklaven der Etikette

Um das  Gesicht zu wahren und die Etikette nicht zu verletzen, den Kodex von Normen und Regeln, der dem einfachen Volke völlig unverständlich und unzugänglich war, mußten Monarchen oftmals sehr umständliche und zweideutige Handlungen vollführen.

Einst wollte sich Ludwig XIII. mit Kardinal Richelieu in einer äußerst dringlichen Staatsangelegenheit beraten. Als er im Palast des Kardinals eintraf, wurde ihm jedoch mitgeteilt, dieser sei krank und könne das Bett nicht verlassen und damit auch nicht den König empfangen. Denn die Etikette erlaubte es nicht, daß ein Monarch im Stehen mit einem liegenden Untertanen spricht, selbst wenn es sich dabei um einen Kardinal handelt.

Da die Angelegenheit aber eine rasche Entscheidung erforderte, griff Ludwig XIII. zu einem Kunstgriff, um die Situation zu retten: Er legte sich kurzerhand zu Kardinal Richelieu ins Bett. Denn einen derartigen Fall sah der strenge Kodex höfischen Lebens nicht vor.

Der Höflichkeitskodex
Der große Moralphilosoph Jean de La Bruyere schrieb einst über das Los, zu Zeiten Ludwigs XIV. König zu sein: »Dem König fehlt nur eine einzige Sache, die Freuden des Privatlebens. Über diese Entbehrung kann ihn nur selbstlose Freundschaft und die tiefe Ergebenheit enger Freunde hinwegtrösten.« Zweifellos hätten die Monarchen dem Idealisten de La Bruyere selber am besten zeigen können, wie man sich über diesen Verlust hinwegtrösten kann. Doch die gekrönten Häupter blieben trotz ihrer oft unbegrenzten Macht, ihrer großen Reichtümer und der zahllosen Möglichkeiten zur Zerstreuung Zeit ihres Lebens Geiseln ihres Standes. In manchen Fällen läßt sich dies selbst heute noch beobachten.

Die Öffentlichkeit, die alle Lebensbereiche der Monarchen mit Argusaugen verfolgte und ihnen vorschrieb, in ihrem Beisein zu essen, zu gebären, die Morgentoilette und andere Intimitäten zu verrichten, war jedoch nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite war die königliche Etikette, akribisch ausgearbeitete und die Jahrhunderte überdauernde Regelwerke, die den Ablauf höfischen Lebens bis ins Detail festschrieben. Im 16. Jahrhundert war die Etikette praktisch zum einzigen Lebensinhalt und zur Daseinsberechtigung der europäischen Königshäuser geworden. Dieser Kodex, dessen Regeln heute manchmal allzu absurd anmuten, war geradezu ein gefundenes Fressen für Dichter und Komödianten. So schrieb Voltaire verächtlich, die Etikette sei der Verstand derer, die keinen hätten.

Obwohl die ersten Vorschriften guten Benehmens bereits im 12. Jahrhundert formuliert wurden, entstand das Wort »Etikette« selbst erst sehr viel später. Der französische König Ludwig XIV. war der erste, der es in diesem Zusammenhang gebrauchte. Auf einem seiner prächtigen Empfänge ließ der König kleine Karten an die zahlreichen Gäste verteilen, auf denen geschrieben stand, wie sie sich zu verhalten hätten und welche Kleider sie bei Anlässen wie diesem und ähnlichen anlegen sollten. Von dem französischen Wort für Kärtchen bzw. Schild wurde schließlich der Begriff »Etikette« abgeleitet, der künftig für Wohlerzogenheit, Kultiviertheit und gutes Benehmen in der Öffentlichkeit stehen sollte.

In gewisser Hinsicht war die Etikette zunächst in der Tat ein Etikett, ein Kärtchen, daß die Vertreter des höchsten Standes bei sich trugen, um ihresgleichen erkennen und eventuellen Abenteurern oder Emporkömmlingen aus dem Bürgertum den Zugang zu ihren Kreisen verwehren zu können. Da jegliche Mißverständnisse damit eigentlich auszuschließen waren, drehten sich viele Komödien eben gerade um derartige Verwechslungen: Ein Schausteller beispielsweise – etwa auch ein gutherziger Dieb – verliebt sich in eine Dame aus dem Hochadel, schleicht sich in die höchsten Gesellschaftskreise ein, besticht dort mit Redegewandtheit und Furchtlosigkeit und besiegt dadurch letztlich auch seine Rivalen.

In der Realität wäre solcher Schwindel wohl in kürzester Zeit aufgeflogen. Der Betrüger wäre vielleicht daran erkannt worden, daß die Blüte an seinem Kragenspiegel für den Anlaß unpassend, oder daran, daß sein Hofknicks nicht tief genug war. Die Etikette, die das Verhalten der Adligen in buchstäblich allen Situationen ihres Lebens vorschrieb, wurde zwar immer mehr zur Last, dennoch unterwarf sich ihr der Großteil der höfischen Gesellschaft. Für sie hatte die Etikette die Bedeutung eines Gesetzbuches. Und ein Verstoß dagegen kam nicht selten einem Verbrechen gleich. Ein lehrreiches Beispiel in diesem Zusammenhang ereignete sich während einer Jagd am Hofe der Habsburger. Ein gejagtes Wildschwein stürzte sich plötzlich auf den Kaiser, der von schrecklicher Todesangst ergriffen wurde. Das Jagdgefolge des Kaisers, das der herzzerreißenden Szene beiwohnte, rührte nicht einmal den kleinen Finger, um dem Kaiser zu helfen. Schließlich faßte sich ein junger Page ein Herz, tötete den Keiler mit einem Dolch und rettete so seinem Herrn das Leben. Bleibt noch zu sagen, daß der Diener daraufhin wegen Verstoßes der königlichen Etikette hart bestraft wurde.

Rußland und die Etikette
Die Franzosen haben der Etikette nicht nur ihren Namen gegeben, sie waren auch ihre größten Kenner und Wächter. Alle europäischen Königshäuser mußten sich in diesen Fragen, ob sie nun wollten oder nicht, mit dem französischen Hof messen. Auch Rußland, wo die Etikette neben anderen Neuerungen unter Peter dem Großen eingeführt wurde, bildete hierbei keine Ausnahme. Da die Pflege der neuen Umgangsformen auf jungfräulichen Boden traf, wurde sie vorwiegend durch strenge Erlasse des Zaren und präzise Anleitungen durchgesetzt. So wurden die patriarchalischen Familienregeln abgelöst von einer Sammlung an Regeln, die von verschiedenen Verfassern niedergeschriebenen worden waren und die künftig den Umgang miteinander festlegen sollten.

Darüber, wie lange dieser Bereich vernachlässigt wurde und wie erfolgreich die Versuche waren, den Hof zu »veredeln«, zeugen die Berichte der Zaren selbst. Bereits unter Katharina der Großen war bei den Verhaltensregeln in ihrer ›Eremitage‹ folgender Ratschlag zu beherzigen: »Eßt und trinkt gut und süß, doch nicht zu viel, damit Eure Beine nicht unter dem Tisch bleiben, sobald zum Tanz aufgespielt wird.« Und weiter hieß es: »Wertvolle Porzellanfiguren und andere Ziergegenstände dürfen betrachtet werden, doch sie dürfen keinesfalls in den Taschen der Gäste verschwinden.«

Nachdem sich die Aristokratie durch den Wust zahlloser guter Manieren, die von Peter dem Großen eingeführt wurden, durchgekämpft hatte, fand sie wieder zu sich selbst und fügte sogar neue Regeln hinzu. Die russischen Zaren wurden zu übereifrigen Dienern des höfischen Zeremoniells. Besonders hervor taten sich dabei Nikolaus I. und Alexander II., die nicht die geringste Abweichung von der Etikette duldeten. Getreu den westeuro­päischen Vorbildern oblag die Einhaltung der höfischen Etikette den Oberzeremonienmeistern und den Oberhofmeistern. Das Zeremoniell sah Dutzende von Posten vor: Der Obervorschneider war verantwortlich für die Speisen, die dem Zaren während des königlichen Mahls gereicht wurden, der Oberschenk goß Seiner Hoheit Wein ein, der Oberjägermeister begleitete die königliche Jagd, und die Aufgabe des Stallmeisters bestand darin, der Zarenfamilie in die Kutsche zu helfen. Diese Posten waren an allen europäi­schen Höfen gleichermaßen begehrt. Der berühmte Intrigant Baron Beaumarchais konnte viele seiner Ziele auch dank seines Postens an der königlichen Tafel in die Tat umsetzen. Dennoch durfte er nie den ersehnten Posten des Kapitäns des königlichen Hundezwingers oder das Amt des Wächters der königlichen Haushunde bekleiden.

Die Mehrzahl der Regeln und Rituale aus den westlichen Königshäusern erfuhr in Rußland keine wesentlichen Veränderungen. So wurde auch in Rußland die Tradition des Verrichtens der Morgentoilette unter Anwesenheit des gesamten Hofstaats fortgesetzt. Vom Aufwachen Seiner Hoheit bis zum Ankleiden betraten die Vertrauten bis zu sechs Mal das königliche Schlafgemach. Die Mitglieder der königlichen Familie, die Minister – alle betraten den Raum nach einer strengen Ordnung gemäß Titel und Stellung. Der morgendlichen Toilette beiwohnen zu dürfen war für jeden Höfling eine große Ehre.

Der König und das Rauchen
Obwohl die höfische Etikette sämtliche nur denkbare Verhaltensweisen der königlichen Familie berücksichtigte, gab es keine besonderen Vorschriften, die das Rauchen betrafen. Für gewöhnlich durfte der Monarch in dieser Frage seine eigenen Regeln aufstellen – abhängig natürlich davon, ob er selbst rauchte oder nicht.

Der englische König Jakob I. beispielsweise verfaßte eine ganze Abhandlung darüber, welchen Schaden der Konsum von Tabak verursachen würde. Er schrieb, wie verderblich das Rauchen für die Sehkraft und den Geruchssinn und wie gefährlich es für das Gehirn sei. Zudem drohe dadurch ein Verfall der guten Sitten. Er ließ das Rauchen am Hofe, an öffentlichen Plätzen und auf den Straßen verbieten. Vor einem völligen Tabakverbot schreckte er jedoch zurück, da die Zölle, die auf die Einfuhr von Tabak nach England erhoben wurden, große Summen in die Staatskassen spülten. Noch strikter gegen das Rauchen ging die Inquisition vor. Am spanischen Hof konnte man einen Verstoß gegen das Rauchverbot durchaus mit dem Leben bezahlen.

In der Zeit vor Peter dem Großen erging es den Rauchern in Rußland ähnlich wie denen in England und Spanien. Die verruchte Angewohnheit wurde zum Beispiel mit Stockhieben auf die Fersen geahndet, und in einigen schweren Fällen wurde sogar die Verbannung nach Sibirien verhängt. Peter der Große, der während seines Aufenthalts in England seine Leidenschaft für Tabak entdeckte, ließ diese Gesetze abschaffen und erlaubte den Einfuhr von Tabak. Dann, in der Folgenzeit des 18. Jahrhunderts, fand das Rauchen am russischen Hofe immer mehr Anhänger; unter ihnen, allen anderen voran, Katharina die Große. Sie liebte, so wird mitunter berichtet, insbesondere Cigarren. Und damit sich ihre hoheitliche Hand durch den Tabak nicht verfärbte, wurden ihre Cigarren mit einem Seidenbändchen umwickelt. Viele gehen davon aus, daß dieses Bändchen das Vorbild für die Bauchbinde heutiger Cigarren war. Ob sich das allerdings wirklich so zugetragen hat, darf zumindest bezweifelt werden. Dennoch ist es eine schöne Geschichte.

Am stärksten wurde das Rauchen jedoch wohl am Hofe des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. propagiert, dem Begründer des ›Tabac-Collegiums‹. Friedrich Wilhelm haßte die Etikette mit ihrem Zeremoniell und hatte für alle Pracht nur Verachtung übrig. Er verkleinerte regelmäßig den Hofstaat, verkaufte viele Wertgegenstände, auch seine Reitpferde – und befahl einmal sogar, das königliche Silbergeschirr einzuschmelzen, um daraus Münzen schlagen zu lassen. Für feine Vergnügungen fehlte ihm der Sinn. Dagegen liebte er Militärparaden, die Jagd – und eben seine Raucherrunde, in der beim Schmauchen mit der Tonpfeife wichtige Staatsangelegenheiten beraten wurden. Adlige und Minister, Offiziere und Wissenschaftler gehörten dem Raucherkreis an – und für diese Runde ließ Friedrich Wilhelm in allen seinen Schlössern eigens einen Rauchsalon einrichten. Die Zeit vor dem Mittagessen war für den Militärrat reserviert, und abends entspannte sich dort der König mit seinen Vertrauten. Hierbei hatten alle Anwesenden zu rauchen, zumindest jedoch eine Pfeife im Mund zu haben.

Die Etikette im Wandel der Zeiten
Heute gibt es weltweit noch 29 Monarchien: 14 in Asien, zwölf in Europa und drei in Afrika. Monarchie ist dabei aber nicht gleich Monarchie. Während die Fürsten- und Königshäuser in Europa heute längst über keinerlei reale Macht mehr verfügen und lediglich als nationale symbolische Institutionen fungieren, haben sich in Afrika und Asien absolutistische Herrschaftsstrukturen fortgesetzt. Es ist kaum überraschend, daß in diesen Staaten nur sehr ungern auf die strenge Etikette verzichtet wird. Dies liegt weniger an der Komplexität der jeweiligen Etikette, vornehmlich der östlichen, die für Europäer ohnehin nur schwer nachvollziehbar ist. Diese Komplexität ist weit übertrieben. Während sich die europäische Etikette im Wandel der Zeiten selbst ad absurdum führte, hat sich der Lebensrhythmus in einigen absolutistischen Staaten kaum verändert. Warum sollte dort dann die Etikette reformiert werden?

In Swasiland, einer der bis heute konservativsten Monarchien, entbrannte erst unlängst erneut ein erbitterter Kampf um das Recht der Frauen, Hosen tragen zu dürfen. Zunächst wurde Frauen verboten, am Hofe und in staatlichen Einrichtungen in Hosen zu erscheinen. Danach verkündete ein Sondervertreter des Hofes, das Tragen von Hosen sei Ausdruck der Respektlosigkeit gegenüber nationalen Traditionen und werde künftig hart bestraft. Die Art der Bestrafung ist dabei mehr als delikat. Der hohe Beamte erklärte, daß der Hosenträgerin das Kleidungsstück des Anstoßes von Soldaten einfach vom Leibe gerissen würde, dazu noch auf offener Straße. Daß diese Maßnahme nicht unverzüglich angewendet wurde, verdankten die aufgebrachten Gesetzesbrecherinnen nur dem glücklichen Umstand, daß sich die junge Prinzessin von Swasiland auch als passionierte Hosenträgerin zu erkennen gab.

In den westlichen Monarchien wird die Etikette hingegen immer stärker vernachlässigt. Die jungen Monarchen von heute fahren Motorrad, ehelichen Journalistinnen, und manche kommen gar mit dem Gesetz in Konflikt. Kurzum: Sie verhalten sich wie jeder Normalsterbliche auch.

Eine Vorreiterrolle übernehmen hierbei die skandinavischen Königshäuser. So liebt es das schwedische Königspaar Carl XVI. Gustaf und Silvia, gemeinsam zu kochen, und die dänische Königin Margarete kocht nicht nur selbst, sondern bekocht auch noch ihre Gäste. Die Beispiele für diese neue Ungezwungenheit, die vor einem halben Jahrhundert noch undenkbar gewesen wäre, ließen sich endlos fortsetzen.

Dagegen erscheint der englische Hof, allen voran die Queen, geradezu als Bollwerk der königlichen Etikette. Ungeachtet der zahllosen Skandale der letzten Jahrzehnte, die nur allzuoft durch Fehltritte und Verstöße gegen ebenjene Etikette ausgelöst wurden, hält Elizabeth II. unbeirrt an ihr fest.

Was die eigenhändige Zubereitung von Speisen betrifft, so beschränkt sich die britische Königin darauf, das Fressen für ihre Hunde zuzubereiten. Und wenn sie ins Theater geht, so erlaubt es die Etikette nicht, daß sie sich am dortigen Buffet bedient. Deshalb werden sämtliche Speisen direkt aus dem Palast geliefert. Und beim königlichen Mittagessen dürfen die Gäste nur so lange essen, solange die Queen selbst speist. Deshalb behält sie immer einen kleinen Happen auf dem Teller zurück, um keinen der Gäste in Verlegenheit zu bringen. Und selbst bei Geschenken hat sie nicht wirklich freien Handlungsspielraum. So darf sie beispielsweise von Botschaftern lediglich Blumen annehmen, wobei der Hofmarschall immer eine bestimmte Blumensorte empfiehlt. Sie ähneln Feldblumen und sind nur beim königlichen Blumenhoflieferanten erhältlich. Der Queen bleibt es jedoch untersagt, Gegengeschenke zu machen, ausgenommen das Portrait Ihrer Majestät.

Die Erziehung alter Schule verbietet es ebenso, Interviews zu geben. Deshalb werden die Meinungen und Ansichten der Queen über eine Pressestelle im ›Buckingham Palace‹ an die Öffentlichkeit weitergegeben. Auch in der Wahl ihrer Hobbys ist die Queen eingeschränkt. Es heißt, Elizabeth II. sei eine ausgezeichnete Autofahrerin – allein: Bislang hat sie noch niemand dabei gesehen. Man fürchtet wohl, dies könne ihr Ansehen in den Augen ihrer Untertanen schmälern.

Die königliche Etikette müssen nicht nur die Normalsterblichen einhalten, sondern natürlich auch die Familienmitglieder der Queen. Sobald sie ein Zimmer betritt – die privaten Gemächer im ›Buckingham Palace‹ nicht ausgeschlossen –, müssen sich alle Anwesenden, auch ihr Sohn und ihr Mann, zum Gruß erheben.

Die Queen empfängt täglich unzählige Besucher, und nicht immer sind diese mit der Etikette und unter dem gestrengen Blick des Zeremonienmeisters aufgewachsen. Insofern es sich nicht um einen Staatsbesuch handelt, kann man sich auf der offiziellen Internetseite der englischen Königin mit den Grundregeln des guten Benehmens am Hofe vertraut machen. Dort wird ausführlich beschrieben, wie die Queen und die königliche Familie zu begrüßen und mit welchen Titeln sie anzusprechen sind. Daneben wird auch erklärt, wie man sich im – unwahrscheinlichen – Fall einer Einladung zum Tee verhalten soll. Wer sich intensiver mit der königlichen Etikette befassen möchte, wird auch im Internet und in diversen Nachschlagewerken fündig. Bis hin zu der Frage, ob es sich schickt, im Beisein Ihrer Hoheit genüßlich ein Sandwich mit Gurke zu verspeisen, das in England traditionell zum Tee gereicht wird, oder ob man es doch lieber unberührt zurückgehen lassen sollte.

Trotz aller Beschränkungen fühlen sich heute die europäischen Monarchen längst nicht mehr als Sklaven jenes höfischen Zeremoniells, wie es noch ihre Ur-Urgoßväter waren. Anstelle der Kuriosa der Etikette stehen heute Skandale und Fehltritte aus dem Leben der Royals im Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Besondere Aufmerksamkeit bei der Presse erregen die jungen Thronfolger der europäischen Königshäuser, denn ihr Verhalten ist immer wieder Anlaß für Klatsch und Tratsch, an dem sich dank der modernen Massenmedien heute alle Untertanen ergötzen können.

von Xenia Jakowlewa

Geschichten, welche die Etikette schrieb

Adel verpflichtet
Wie weit das Bestreben des Adels ging, die Etikette nur ja nicht zu verletzen, zeigt der absurde Tod des spanischen Königs Philipp III.

Will man den Geschichtschroniken Glauben schenken, verbrannte der Monarch buchstäblich bei lebendigem Leibe in seiner Kammer. Aus dem lodernden Kamin war ein kleines Stück Holzkohle auf den Boden des Zimmers gefallen. Da die Etikette jedoch verbot, daß ein König eine Kaminzange in die Hand nimmt, und der für das Feuer am Hofe zuständige Hoffeuermeister gerade nicht zur Stelle war, rührte sich der König mit unnachahmlicher Standfestigkeit nicht von der Stelle, selbst als die Flammen bereits Besitz von seinen Kleidern ergriffen hatten. Einige Tage später erlag Philipp III. seinen schweren Verbrennungen. Diese Geschichte, die heute als Paradebeispiel für übertriebene Etikettentreue herangezogen wird, wurde zu jener Zeit völlig anders interpretiert. Für seine Zeitgenossen wurde Philipp III. zum Inbegriff des Ehrenmanns, der, um seine königliche Pflicht zu erfüllen, selbst die Flammen nicht fürchtete.

Braut ohne Bräutigam
Auf diejenigen, die nur wenig Einblick in die Besonderheiten einer königlichen Hochzeit haben, mag die Geschichte von der zweiten Heirat Napoleons vielleicht befremdlich wirken. Braut und Bräutigam sahen sich nicht nur nicht vor der Hochzeit, was vollkommen üblich war, sondern nicht einmal am Tag ihrer Eheschließung. Napoleon, der gerade mit wichtigen Staatsangelegenheiten beschäftigt war, fand keine Zeit, persönlich nach Wien zu reisen, um der Trauungszeremonie beizuwohnen. Die königliche Etikette half ihm dabei, dieses »Problem« zu lösen.

Zunächst wurde Marschall Louis-Alexandre Berthier an den österreichischen Hof entsandt, stellte den Kaiser vor und bat in dessen Namen um die Hand Maria-Louises. In einem zweiten Schritt übergab er den Staffelstab an den österreichischen Erzherzog Karl, der die Rolle Napoleons in der Kirche übernahm und dort den Platz an der Seite der neuen französischen Kaiserin einnahm. Nach dem Gottesdienst, an dem die gesamte österreichische Kaiserfamilie teilgenommen hatte, wurde die frisch Angetraute zu ihrem Ehemann nach Paris geschickt.

Die Königin und das Pferd
Auch die Frau des spanischen Königs Philipp II. wurde ein Opfer der Etikette. Damit kein falscher Eindruck entsteht: In Spanien starben nicht mehr Menschen an der Etikette als an ganz normalen Krankheiten. Die Königin wollte den Anwesenden eigentlich nur demonstrieren, was für eine hervorragende Reiterin sie sei. Doch das Pferd, auf dem sie zu reiten versuchte, ließ sich nicht bändigen und stieg auf. Die arme Königin hätte sich dringend in Sicherheit bringen müssen, doch ihr Fuß verhakte sich im Steigbügel. Das Pferd ging durch und schleifte die königliche Reiterin mit sich. Ihr Mann beobachtete diese grausame Szene von seinem Balkon aus. Obwohl auf dem Hof zahlreiche Untertanen weilten, wagte es keiner der Anwesenden, der Königin zu helfen, da entsprechend der Etikette niemand den Fuß Ihrer Durchlaucht berühren durfte. Schließlich stürzten sich zwei junge Männer auf das aufgebrachte Tier und befreiten die Königin. Die beiden erwarteten keinen Dank, und der wäre wohl auch nicht erfolgt. Statt dessen schwangen sie sich auf das Pferd, ritten davon und versteckten sich, um so dem Zorn der Hofgesellschaft zu entrinnen. Man kann sich leicht vorstellen, daß der Hof weniger von der Rettung der Königin bewegt war, als sich vielmehr darüber entrüstet zeigte, daß die beiden Burschen die Etikette verletzt hatten.

Die Prinzessin und die Schuhe
In der Geschichte der Etikette gab es jedoch durchaus auch romantische Episoden. Eine davon erzählt von dem auf Freiersfüßen in der Kirche übernahm König Ludwig XV.

Der Herrscher warb einst um die spanische Prinzessin Isabella. Zu diesem Zweck entsandte er einen Boten nach Spanien. Als der Adjutant das Elsaß durchquerte, machte er Rast in einem bescheidenen Schloß, in dem der aus Polen geflohene König Stanislaus I. Leszczyński lebte. Maria, die Tochter des polnischen Königs, bat entgegen aller Vorschriften der Etikette den hohen Gast, sich etwas zu gedulden, damit sie – kniend! – ihrem alten Vater die Schuhe anziehen konnte. Der Bote des Königs war tief gerührt von der Herzlichkeit, die in dieser Familie herrschte. Kurze Zeit später traf er in Spanien ein, wo sich ihm eine komplett andere Szene bot. Prinzessin Isabella, die den Gast nicht warten lassen wollte, schlug einen greisen Diener mit ihren Schuhen, weil dieser angeblich ihre Schleppe zu ungeschickt angehoben hätte. Die Versuche der Königinmutter, den armen Alten in Schutz zu nehmen, riefen bei der Prinzessin einen noch gewaltigeren Wutausbruch hervor. Daraufhin schrieb der Bote an seinen König: »Eure Hoheit! Ich habe zwei völlig unterschiedliche Prinzessinnen gesehen. Die eine ist nicht sonderlich hübsch, sie ist nicht reich, ihr einziger Vorzug besteht in ihrer Gutmütigkeit. Ich konnte sehen, wie sie ihrem kranken Vater in die Stiefeletten half. Die andere ist schön, reich und mächtig. Doch ich mußte sehen, wie sie sich wegen einer winzigen Verletzung der Etikette mit ihrer Mutter zankte. Welche der beiden möchte Eure Hoheit zur Frau erwählen?« Und Ludwig XV. entschied sich für … Maria Leszczyńska.
 
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