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Ein königliches Instrument

Viele Musikinstrumente – Violinen, Violoncelli, Flügel – werden im wesentlichen von Hand gefertigt. Man spricht in dem Fall nicht von Produktion, denn die Meister des Instrumentenbaus bestehen darauf, daß sie ein »Kunst-Handwerk« betreiben. Beim Fortepiano-Bau ist alles von Bedeutung, und zwar nicht nur die Technologie, sondern auch die Herkunft des Holzes, die lokale Lage der Fortepiano-Fabrik, das Herstellungsjahr. Schließlich kann es – wie für Weine – auch für Flügel gute und weniger gute Jahrgänge geben …

In unserem Fall geht es um Nuancen: Entscheidend sind Erfindergeist und Berufsgeheimnisse, Intuition und die Erfahrung der Meister. Sogar ob die Fabrik in Familientradition weitergeführt wird, spielt eine Rolle. So ist es Brauch von alters her, als es bei den Meistern des Instrumentenbaus noch üblich war, ihre Schüler zu behalten und die Geheimnisse des Handwerks von Generation zu Generation weiterzugeben. Die Herstellung von Flügeln ist also ein individueller Prozeß. Aber dafür klingt jedes Instrument auf seine ihm eigene Weise, und keines gleicht dem anderen. Wie alles Einzigartige ist ein echter Flügel teuer.

Die Anatomie der Kunst
Wie bei den Cigarren gibt es Flügel verschiedener Größe: Konzertflügel sind bis zu drei Meter, Salonflügel circa zwei Meter lang, Kabinettflügel sind minimal kürzer als Salonflügel, während Mignon-Flügel eine Länge von etwa anderthalb Metern haben.

Das Gehäuse des Flügels wird aus 18 bis 20 Holzschichten zusammengeleimt und erhält danach seine charakteristische Form. Manchmal dauert das ein halbes Jahr

An einem guten Flügel baut man nicht weniger als ein Jahr, und bis zu 300 Personen (!) sind damit beschäftigt. Sie alle bemühen sich darum, Unvereinbares miteinander zu verbinden: den Flügel zum »Singen« zu bringen und gleichzeitig das ideale Funktionieren der in ihm verborgenen Mechanik zu garantieren.

Klingendes Holz
Alles beginnt, wie beim Schiffbau, mit der Auswahl des Holzes. Seine Herkunft ist ausschlaggebend, wobei nicht nur das Land eine große Rolle spielt, sondern auch der Wald, in dem dieses Holz wächst. Der Resonanzboden des ›Fazioli‹-Flügels ist zum Beispiel aus der Rotfichte gefertigt, die in dem berühmten italienischen Wald Val di Fiemme gedeiht, den seinerzeit Stradivari persönlich aufsuchte. Auch wenn nicht mit Bestimmtheit zu sagen ist, ob in diesem Wald eines der Geheimnisse, welche die Geigen des legendären Meisters in sich tragen, verborgen liegt, so kann man Paolo Fazioli, den Gründer der Firma, welche die großartigen Traditionen der Vergangenheit fortführt, nur beneiden. In seiner Fabrik werden die berühmten »Stradivari-Fichten« einer komplizierten Verwandlung unterzogen: Man schneidet das Holz in etwa 10 Millimeter dünne Brettchen und klebt sie danach zusammen, um damit den Resonanzboden des erlesenen italienischen Flügels zu bilden.

Außer dem Resonanzboden verbirgt sich in jedem Instrument eine unvorstellbare Anzahl von Details, darunter auch absolute Miniaturteile. Und sie alle sind aus unterschiedlichen Holzarten. Laubhölzer (beispielsweise Buche und Mahagoni) verwendet man für das Gehäuse. Für den Flügeldeckel eignet sich amerikanische Pappel gut, und für die Hämmerchen, die auf die Saiten schlagen, Weißbuche und Nußbaum … Jede Fortepiano-Fabrik besitzt ihre Geheimnisse. Aber welches Holz es auch immer sein mag: zuerst wird es getrocknet, weil »frisch geschlagene« Hölzer sich für den Bau nicht eignen. Der langsame und gründliche Trocknungsprozeß des Holzes dauert bis zu zwei Jahren. Da künstliche Verfahren für eine so diffizile Sache wenig taugen, braucht das Ganze seine Zeit. Und frische Luft braucht es auch.

Erst nach diesem langwierigen Trocknen kann mit der Herstellung des Flügelgehäuses begonnen werden. Es wird aus 18 bis 20 Holzschichten zusammengeleimt und erhält danach seine charakteristische Form mit jenen Konturen, die allgemein bekannt sind. Das Gehäuse entsteht ausschließlich in Handarbeit; auch in diesem Fall ist entsprechend viel Zeit vonnöten. Zum Beispiel warten Gehäuse von Flügeln manchmal ein halbes Jahr in dem zur Firma ›Steinway & Sons‹ gehörenden Keller im Rondenbarg (so der Name der Straße, die in Hamburg-Bahrenfeld zu finden ist), bis die Meister an deren weitere Bearbeitung gehen. Im allgemeinen sind alle mit dem Holz verbundenen Vorgänge von majestätischer Langsamkeit und dabei geheimnisvoll; sie lassen sich von keiner exakten Planung und keiner überzeugenden Logik beeinflussen. Da bedarf es reicher Intuition, immenser Erfahrung, unglaublichen Gespürs und einfach auch des Glücks.

Kein Flügel gleicht dem anderen. Oft unterstreicht das auch die Ausstattung des Instruments. Hier ist ein weites Feld für die Phantasie: Es kann Ahorn, Buche, Birnbaum, Eiche oder Zitronenbaum sein, Eibe, Kirsche oder Nußbaum. Auch Palisander, Mahagoni und Ebenholz begegnen einem. Mitunter werden sehr seltene Arten verwendet wie Maulbeerfeigenbaum, Myrte, Platane, Rotulme, Se­quoia oder Vavona. Die Materialien für die auserlesensten Exemplare der Fortepiano-Kunst kommen aus aller Welt, unter anderem aus Südostasien und Afrika. Um Schönheit und Eleganz der Ausstattung nicht zu beeinträchtigen, wird das Furnier aus ein und demselben Baum geschnitten und die Nummer des Instruments auf allen Täfelchen notiert, um einer möglichen Verwechslung zu entgehen. Man kann nur ahnen, wieviel Aufmerksamkeit den Holzteilchen geschenkt werden muß, wenn der Flügel mit Intarsien geschmückt ist … Und zum Schluß beläßt man die Oberfläche des Instruments matt, oder man poliert oder lackiert sie. Viele Firmen haben dafür ihre eigenen Rezepturen, und manche Lacksorten werden sogar für einen bestimmten Flügel eigens kreiert. Schließlich: In besonderen Fällen inkrustiert man einen Flügel mit Perlmutt oder Edelsteinen.

Alles, was die Holzarbeiten betrifft, ist jahrhundertelang erprobt und hinlänglich – und liebenswert – konservativ. Denn davon hängt der »Gesang« des Instruments ab. Neue Materialien werden selten verwendet, und man erinnert sich lediglich an das spezifische hochtechnologische porenreiche Material für den Deckel des ›Porsche‹-Flügels oder an den Teflonbelag bei einem der Details in den Flügeln von ›Fazioli‹. Dagegen wird der zweite Organismus-Bestandteil eines Fortepianos – die Mechanik – ständig weiterentwickelt.

Die musikalische Mechanik
Den Flügel in seiner heutigen Form verdanken wir vor allem deutschen Mechanikern. Sie waren es, die alle möglichen kniffligen Vorrichtungen, die Hämmerchen und Pedalen entwickelten, ohne die man heute keinen Flügel mehr bauen kann. Und so stammen denn auch die Gründer der drei berühmtesten Fortepiano-Fabriken entweder aus Deutschland (›Bechstein‹, ›Steinway‹) oder aus Österreich (›Bösendorfer‹). Sogar die italienische Firma ›Fazioli‹ gibt bei deutschen Meistern Arbeiten in Auftrag, die sich auf mechanische Details für ihre Flügel beziehen: Sie läßt von ihnen Elastizität und Geschmeidigkeit, Form und Dichte jedes Hämmerchens und jeder Taste eingehend prüfen.

Die mechanischen Details gibt man bei deutschen Meistern in Auftrag. Sie prüfen Elastizität und Geschmeidigkeit, Form und Dichte jedes Hämmerchens und jeder Taste

Die Mechanik ist der Bereich ständiger Konkurrenz unter den führenden Fortepiano-Unternehmen. Sie ist darauf ausgerichtet, den Klang des Flügels noch ausdrucksvoller zu machen. Die technischen Möglichkeiten dafür sind fast grenzenlos.

In der Geschichte des Fortepiano-Baus sind zahlreiche Patente vergeben worden. ›Bösendorfer‹ wurde berühmt durch das Instrument mit der großen Oktavenzahl, ›Fazioli‹ stattete die Flügel mit einer vierten Pedale und einer doppelten Lyra aus, doch die meisten Erfindungen sind wohl ›Steinway‹ zuzuordnen, darunter das Ton­haltungspedal und eine spezielle Konstruktion der Tasten, die hochsensibel auf Berührungen reagiert.

Im hölzernen Korpus des Flügels ist die ganze Mechanik aus Eisen und Kupfer, Gold und Filz versteckt. Der Anschlag jeder Taste erweckt die unsichtbare Arbeit zum Leben: Die mit Filz bezogenen Hämmerchen schlagen jeweils auf mehrere Saiten. Hier gibt es eine Unzahl von Feinheiten: So werden beispielsweise Länge und Dicke der Saiten und die Stärke ihrer Spannung für jedes Instrument individuell berechnet, muß etwa der Filz extrem strapazierfähig und elastisch sein. Um das zu erreichen, wäre eine chemische Behandlung zwar denkbar, doch ein solches Tun wird gar nicht erst in Erwägung gezogen.

Die Saiten wiederum werden auf einen Eisenrahmen gespannt, der mit einem Firmenstempel versehen und auf dem die Nummer des Instruments angebracht ist. Interessant ist die Herstellung des Rahmens: Bei diesem Arbeitsablauf – der Rahmen hält übrigens eine Stärke der Saitenspannung von mehr als 20 Tonnen aus – greift man auf eine althergebrachte Technologie zurück: Er wird in einer Form aus feuchtem Sand gegossen. Zwar ist man Neuem durchaus aufgeschlossen, aber moderne Verfahren haben bis dato nicht so gute Resultate gezeitigt.

Bei der Herstellung der Flügel verwendet man im übrigen nicht nur ausgesuchte Hölzer, sondern auch andere edle Materialien. Die Kupferteile einiger Instrumente sind beispielsweise mit 18‑karätigem Gold belegt und die Tasten mit einer Elfenbeinauflage versehen.

Nach einem Jahr Präzisionsarbeit – jetzt ist der Flügel mit der gesamten Technik ausgerüstet – durchläuft das gute Stück den Prozeß des Intonierens. Der Meister stimmt dann das Instrument stundenlang und hört sich in seinen Klang hinein. Diese Arbeit gilt als eine der verantwortungsvollsten und verlangt höchste Qualifikation. Danach läßt sich auf dem Flügel spielen. Allerdings braucht es noch einige Zeit, bis das Instrument den ganzen Reichtum seines Klangs entfaltet.

Die Fortepiano-Legenden
Die besten Flügel der Welt tragen die Namen ihrer Schöpfer: ›Steinway‹, ›Fazioli‹, ›Bösendorfer‹ und ›Bechstein‹. Alle fertigen fast alles von Hand (ausgenommen das, was in den Bereich der reinen Mechanik gehört). Ein elegantes, singendes Instrument kann man anders einfach nicht kreieren. Aber auch unter diesen Instrumenten gibt es absolut einzigartige Exemplare. Sie klingen nicht nur göttlich, sondern sind von weltbekannten Designern entworfen worden, und einige sind sogar mit Edelsteinen besetzt. Solche Flügel stehen nicht im Konservatorium. Ihre Preise werden geheim gehalten, ebenso wie die Namen vieler ihrer Besitzer. Von den privilegierten Klienten machen wahrscheinlich nur die gekrönten Häupter kein Geheimnis daraus, daß sie extrem teure Flügel besitzen.

Bösendorfer

Von den genannten Branchenführern hat der österreichische ›Bösendorfer‹ die längste Geschichte. Ignaz Bösendorfer gründete seine Firma 1828 in Wien. Im Jahre 1839 erhielt er den Titel eines ›Österreichischen Königlichen Hoflieferanten‹ – einer solchen Ehre war vor ihm noch keiner für würdig befunden worden. Die Firma hatte großartige Perspektiven, wenn man bedenkt, daß Bösendorfers Wirken unmittelbar in die Blütezeit der glänzenden Kaisermetropole fiel. Eben in dieser Zeit wurden die Gebäude des Wiener Parlaments, der Universität und der Oper errichtet, und damals wählten die besten musikalischen und monetären Talente Wien als Ziel.

Der österreichische Kaiser war stolz auf die Produktion des Unternehmens. Das zeigte er auch nach außen: Bösendorfersche Flügel schenkte er der französischen Kaiserin Eugénie, dem japanischen Kaiser und dem russischen Zaren. Selbstverständlich stand auch in der Residenz des österreichischen Monarchen ein ›Bösendorfer‹.

Im Jahre 1900 erschien ein Flügel mit der großen Breite von acht Oktaven. ›Bösendorfer‹ nannte ihn ›Imperial Grand‹. Der Name war dazu gewählt worden, um an die beeindruckende Ausweitung des Staatengebildes Österreich-Ungarn zu erinnern. Aber, schon bald nahten für das k.u.k. Reich unheilvolle Zeiten, was sich auch auf die Situation des Unternehmens ›Bösendorfer‹ auswirkte. Mußte schon in den Jahren des Ersten Weltkriegs die Flügel-Produktion erheblich reduziert werden, so war sie während des Zweiten Weltkriegs nur noch »unbedeutend« zu nennen; sie ging auf 30 Stück pro Jahr zurück. Die für die Flügel bestimmten Bretter schleppte man als Brennholz weg, und in den Räumen der Fabrik waren Soldaten einquartiert.

Glücklicherweise besserte sich die Lage nach dem Krieg und ist seit jener Zeit äußerst stabil. Dieser Umstand wird wohl nicht zuletzt auf die hervorragende Qualität der Instrumente aus Wien zurückzuführen sein: Wie ehedem ist sie in der ganzen Welt anerkannt.

Bechstein

Das Unternehmen, das den legendären ›Bechstein‹ baut, wurde 1853 von Karl Bechstein in Berlin gegründet. Der zauberhafte und schlanke Klang, zart wie alles Poetische und Aristokratische, ist besonders eindrucksvoll, und nicht ohne Grund wird er in den Büchern von Nabokov und Mishima erwähnt. Der ›Bechstein‹ besitzt eine ruhmreiche Geschichte: In der ersten Radiosendung, die in Deutschland ausgestrahlt wurde, erklang ein ›Bechstein‹, und in dem Luftschiff, das den ersten transatlantischen Flug unternahm, reiste ebenfalls ein ›Bechstein‹ mit …

Der Komponist Claude Debussy hat einmal gesagt: »Klaviermusik sollte man nur für den ›Bechstein‹ schreiben.« Diese Aussage läßt einen bezeichnenden Blick frei auf die kongeniale Symbiose von handwerklicher und virtuoser Kunst. Vielleicht ist auch daraus die enge Freundschaft zwischen Karl Bechstein und Franz Liszt entstanden. Beleg dafür sind unter anderem die mehr als 200 Briefe, die der Schwiegervater Ricard Wagners an den Berliner Fortepiano-Bauer geschrieben hat.

Mit ›Bechstein‹ – übrigens offizieller Lieferant des Zarenhofs – sind auch viele große russische Namen verbunden. Ein Fortepiano stand im Hause Schaljapin, Igor Strawinski und Aleksandre Glasunow spielten ebenfalls auf einem ›Bechstein‹, und für Aleksandre Skrjabin baute man sogar ein eigens entworfenes Exemplar. Sergej Rachmaninow, ebenfalls Besitzes eines der begehrten Flügel, ging mit seinem ›Bechstein‹ sogar auf Tournee, und gleich zwei Instrumente dieser Firma besaß der Mäzen Pawel Tretjakow. Heute sind Sammler hinter den legendären Vorkriegsserien dieser Instrumente her.

Die glänzende Geschichte des legendären Flügels wurde nach dem Zweiten Weltkrieg für lange Zeit unterbrochen. Das Fabrikgebäude im Berliner Bezirk Kreuzberg war zerbombt, das Material vernichtet. Erst Jahre später gelang es dem Unternehmen, wieder zu einem der führenden Hersteller und Anbieter auf diesem Gebiet zu gehören.

Ein ›Bechstein‹ ist in Tonaufnahmen der ›Beatles‹, von ›Queen‹ und von David Bowie zu hören. Dann heißt es, Elton John gastiere stets mit seinem eigenen ›Bechstein‹, habe er ihn auch nach Moskau mitgebracht und in den ›Buckingham Palace‹. Dabei habe nicht einmal mit dem Flügel der englischen Königin tauschen wollen, obwohl bei ihr selbstverständlich ein ausgezeichneter Flügel steht: einer der Marke ›Steinway‹.

Steinway & Sons

›Steinway‹ ist die heute erfolgreichste Marke der teuren Flügel. Es war ein deutscher Emigrant, Heinrich Engelhard Steinweg, der – wie auch Karl Bechstein – seine Firma im Jahre 1853 gründete. Da Steinweg ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten emigrierte (und sich in New York neiderließ), nannte er sich von da ab Henry Steinway. In der Folgezeit unterstützten ihn seine fünf Söhne Albert, Charles, Henry, Theodor und William tatkräftig beim Aufbau und Ausbau der Firma. Es muß ein gutes familiäres Team gewesen sein, das da am Werke war, denn sehr bald wurde ›Steinway‹ der Lieferant vieler Königshäuser in Europa.

Die Familie entwickelte unglaubliche Kreativität und enormen Fleiß. Ihr Unternehmen patentierte über 100 Erfindungen für den Fortepiano-Bau. Schnell war das ›System Steinway‹ als eines der weltbesten anerkannt, und das 20. Jahrhundert wurde für dieses hervorragende Instrument zum Jahrhundert seines Ruhms. Das wirkte sich auch wirtschaftlich aus: Im Verlauf der unternehmerischen Erfolgsgeschichte sind mehr als eine halbe Million ›Steinways‹ verkauft worden. Heute bauen die New Yorker rund 5000 Fortepianos im Jahr.

Geradezu symbolisch für seinen wahrhaft olympischen Siegeslauf: Während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Griechenland erklang auf der ›Akropolis‹ ein ›Steinway‹. Besitzer eines ›Steinway‹ sind neben Königin Elizabeth unter anderem Muhammad Ali, Bill Gates und Condoleezza Rice sowie zahlreiche berühmte Hollywood-Schauspieler.

Fazioli
ist der jüngste Vertreter der aristokratischen Flügel-Familie, jedoch sehr ambitioniert. Das Unternehmen ›Fazioli‹ ist ganze 20 Jahre alt – verglichen mit den Patriarchen ein fast noch kindliches Alter. Doch in dieser kurzen Zeit gelang es dem Fortepiano-Bauer, viele mit seinen Flügeln zu bezaubern. Zudem fand der Ingenieur Paolo Fazioli einen außerordentlich passenden Firmensitz: unweit von Venedig, in einer Gegend mit sehr reicher Musiktradition. Für den Bau der Flügel werden dieselben Holzarten verwendet, welche einst die legendären Meister Amati, Guarneri und Stradivari für ihre Geigen auswählten. In der ›Fazioli‹-Fabrik baut man nur exklusive Flügel, und zu ihren Klienten gehört unter anderem der Sultan von Brunei.

Art case
Einige Fortepiano-Firmen bauen besondere Flügel. Solche Instrumente kann man in Katalogen mit Vermerken wie ›Art case‹ oder ›Limited edition‹ finden. Mitunter entwickeln die Hersteller oder ihre Klienten eine unglaubliche Phantasie. Im Ergebnis entstehen die erstaunlichsten Flügel der Welt.

Ihr Erwerb ist eine Art Kapitalanlage, denn die Zeit wertet die Flügel nicht ab, wenn man sorgsam mit ihnen umgeht. Einige Instrumente werden aufgrund ihres Alters sogar höher taxiert als der einstige Kaufwert. Während ein exzellenter Standardflügel den künftigen Besitzer ungefähr 100.000 US-Dollar kostet, sind phantastischere Varianten (mit Gold, Edelsteinen, Edelholz und dem Design eines berühmten Architekten oder Künstlers) schon um vieles teurer. Die exakten Summen dringen selbstverständlich nicht nach außen. Sie werden praktisch nur dann bekannt, wenn die Instrumente auf Auktionen versteigert werden. Das bekannteste Beispiel ist der berühmte ›Steinway‹ von Sir Lawrence Alma-Tameda, dem englischen Maler niederländischer Herkunft, der 1997 für 1.200.000 US-Dollar verkauft wurde. Im übrigen entscheidet jeder selbst, ob es sich lohnt, einen solchen Flügel zu verkaufen, oder ob er es sich gestattet, auch weiterhin darauf zu spielen.

Der ›Porsche-Flügel‹

Zu einem Fortepiano muß man – wie zu einem Auto oder einer Jacht – eine besondere Beziehung haben. Der Vergleich eines Flügels mit einem Auto ist selbstverständlich metaphorischer Natur, wenn auch in unserem Fall mit einer Ausnahme. Gemeint ist jener Flügel, den ›Porsche‹ projektiert hat. Das Unternehmen ›Bösendorfer‹ hat dieses Instrument nach dem Design der ›F.A. Porsche Design Company‹ gebaut. Wie zu erwarten, entstand dabei der wohl automobilähnlichste unter den Flügeln dieser Welt.

Man kann sich schwerlich von dem Gedanken lösen, daß seine Pedale an Autopedale (Kupplung, Gas, Bremse) erinnern. Die kleinen Räder sind überaus elegant (verständlich, wenn man an die Automobil-Herkunft des Designerteams denkt), und das Gehäuse weckt Assoziationen an die Karosserie eines teuren PS-Gefährts. Die Oberfläche ist mit Lack der Farben ›Aluminium Silberschimmer‹ und ›Vulkangrau Metallic‹ versehen. Beim Notenpult entschied man sich für Aluminium, und der Deckel besteht aus einem besonderen porenreichen Hochtechnologiematerial. Außerdem ist das Instrument mit einer speziellen Mechanik zum Aufstellen des Deckels ausgestattet. Nur ein Stuhl, der den Autositz detailgetreu imitiert, ist im Lieferumfang nicht enthalten.

Der ›Chrysler-Flügel‹

Von ›Bösendorfer‹ gibt es nicht nur den ›Porsche-‹, sondern auch den ›Chrysler-Flügel‹. Fortepiano und Automobil lassen hier ebenfalls grüßen, aber dieses Mal beschränkt sich das Ganze auf indirekte Assoziationen.

Das Instrument imitiert einen berühmten Wolkenkratzer, das ›Chrysler Building‹ der ›Chrysler Corporation‹ in New York. Die Intarsien aus Nußbaum, Amboia-Holz und dunkler Eiche auf dem Flügeldeckel stellen die Lifte im ›Chrysler Building‹ dar, und die bronzefarbenen Beine des Flügels imitieren seine Form. Sogar an die charakteristischen Dekors in der 61. Etage des Wolkenkratzers wurde gedacht.

Der Kristallflügel

ist offensichtlich das glänzendste Kunstwerk unter den Fortepianos – und das im wortwörtlichen Sinn. 8000 (!) handgeschliffene Kristalle von ›Swarovski‹ in vergoldeter Einfassung wurden für diesen Flügel verwendet. Die Vertreter der Firma ›Bösendorfer‹ geben zu verstehen, daß solche Verschwendungssucht lediglich eine schwache Metapher ist, die auf den glänzenden Klang ihrer Musikinstrumente anspielt.

Zu beiden Seiten der Klaviatur sind große Kristalle aus einem Stück angebracht. Die Metapher fortsetzend, kann man zu dem Schluß kommen, daß dies das Gewicht der Marke ›Bösendorfer‹ in der Musikwelt unterstreichen soll.

Für diesen Flügel wurde ein Speziallack kreiert, der Mikrokristalle enthält und der in mehreren Schichten aufgebracht ist, was einen grell funkelnden Ton ergibt. Der kleinste Funken Licht wird auf der Kristalloberfläche des Flügels vielfach gebrochen und läßt die unglaublichsten Nuancen und verheißungsvollsten Gedanken an Musik entstehen.

Der Flügel von Karl Lagerfeld

Der Couturier, Sohn eines Multimillionärs und einer Cellistin, der die Häuser ›Chanel‹ und ›Chloé‹, ›Fendi‹ und ›Valentino‹ repräsentiert, kennt sich natürlich in der Musik und in teuren Dingen aus. Sicherlich deshalb betraute ›Steinway & Sons‹ ihn mit dem Design für den Flügel zum 150. Gründungsjubiläum des Unternehmens. Das Instrument ist schwarz, die Innenseite des Deckels rot, und die Beine haben die Form von Rechtecken. Der Flügel ist auffallend kontrastreich und minimalistisch gestaltet und assoziiert die Welt der Haute Couture.

Der ›Lagerfeld-Flügel‹ kam in 150 Exemplaren heraus. Den Liebhabern der Modewelt eröffnet sich somit die Möglichkeit, Chopin im ›Chanel‹-Stil spielen zu können.

von Anna Blagaja
 
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