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Wie wird man ein Zentaur? Die Zivilisation begann, als der Mensch das Pferd zähmte. Zuerst ackerten die Paarhufer für das menschliche Geschlecht im direkten Sinne des Wortes. Als die Menschheit aber die Pflugscharen zu Schwertern schmiedete, mußten die Pferde ihr friedliches Leben gegen kriegerische Feldzüge eintauschen. Die ersten Reiter bedeckten die Pferderücken mit Reitdecken und Reitkissen, während ihre Nachkommen ständig deren Konstruktion im eigenen Interesse wie auch in dem des Tieres perfektionierten. Nach und nach begann der Sattel, eine besondere Rolle in der Beziehung von Mensch und Pferd zu spielen: Er wurde, so könnte man sagen, zu einem Kommunikationsmittel. Ein guter Sattel muß auf dem Pferd »sitzen«, ähnlich maßgefertigten Schuhen oder einem maßgeschneiderten Anzug. Nur so kann der Reiter durch den Sattel hindurch den Atem des Pferdes spüren, und das Tier wird schon bei einer bloßen Bewegung seinen Herrn verstehen. ![]() Ist der Sattel nach allen Regeln gefertigt, verwandeln sich zwei unterschiedliche Geschöpfe, Pferd und Mensch, in ein Ganzes, in einen Zentaur. Dann sitzt der Reiter wie angegossen im Sattel, absolut gerade und aufrecht. Und nur die rhythmischen Bewegungen des Pferdeschweifs zeugen von den unsichtbaren Kommandos des Reiters. Der Rucken des Pferdesist die Basis Um einen sehr guten Sattel anzufertigen, braucht es entsprechendes Leder, fähige Sattlermeister und vor allem die Liebe zu Pferden. Das Modehaus ›Hermès‹ hat bereits vor nahezu 170 Jahren einen Pferdekult kreiert und verdankt seinen Ruhm diesem eleganten Tier. Nicht ohne Grund ist das Symbol des Hauses eine angespannte Kutsche, und in jeder Kleider- oder Schmuckkollektion tauchen Pferdemotive auf. Ein chinesischer Weiser sagte einmal: »Der Rücken des Pferdes ist die Basis des Staates.« Und die des Hauses ›Hermès‹, fügen wir hinzu. Heute assoziiert man das Modehaus mit Carré-Tüchern, Taschen, Accessoires und Parfums. Im 19. Jahrhundert jedoch, als der Franzose Thierry Hermès eine Sattlerei eröffnete, fertigte niemand Sättel und Zaumzeug, Reitstiefel und Steigbügel besser als ›Hermès‹. Die Sättel von ›Hermès‹ waren stets ein Symbol für tadellose Qualität, die viele reizte, aber nur wenigen Auserwählten erreichbar waren. Seinerzeit war das Haus der offizielle Lieferant für den russischen Zarenhof, und auch die Rothschilds und die Vanderbilts, die etwas vom Reiten verstanden, schätzten die Sättel von ›Hermès‹. Bis heute sitzen Personen königlicher Abstammung und Weltmeister des Reitsports in diesen Sätteln und zeigen ihre Kunststücke. Die Regeln des Hauses ›Hermès‹ Thierry Hermès war davon überzeugt, daß nur sensible Finger geschickter Hände etwas schaffen können, daß seinen Besitzer wirklich umschmeichelt. Selbst der technische Fortschritt änderte nichts am Grundprinzip von ›Hermès‹. Auch heute werden alle Sättel von Hand gefertigt. Die berühmte Naht ist der sichtbare Beweis dafür: Die zierliche Steppnaht (Stich für Stich) wird mit zwei Nadeln genäht, die durch einen mit Wachs eingeriebenen Leinenfaden miteinander verbunden sind. Manchmal sieht die Naht etwas ungleichmäßig aus, dann nämlich, wenn sich die Ahle um einen Millimeterbruchteil »geirrt« hat, aber genau diese »Mängel« dienen als Einlaßschein in die oberste Welt namens »hand made«. Die Sattlerei befand sich in der zweiten Etage der Pariser Boutique ›Hermès‹ in der Rue Saint-Honoré 24. Seltsam genug war die Anfertigung von Sätteln mitten im Zentrum der französischen Hauptstadt (zwei Schritte entfernt von den Champs-Élysées) und paradox die Nachbarschaft von einer Sattlerei und teuren Boutiquen in ein und derselben Straße, und doch gab es einen gewichtigen Grund dafür: ›Hermès‹ schätzte Traditionen und setzte Pferdesättel gleich mit den Kreationen berühmter Couturiers. ![]() Um die berühmte Naht zu erhalten, sticht der Sattler Tausende Löcher mit der Ahle Zwölf Sattler des Hauses meißeln Sättel. »Meißeln« ist das passendste Wort, da jeder Sattel wie eine großartige Skulptur wirkt, deren feine Silhouette millimetergenau geprüft ist. Übrigens wählen die Sattler das Leder für die Sättel mit nicht geringerer Sorgfalt aus, als es Michelangelo mir dem Marmor für seine Skulpturen getan hat. Zur Verarbeitung werden nur Häute verwendet, deren Herkunft und Qualität keinen Grund zur Beanstandung zulassen. Daher schickt man die potentiellen »Kandidaten« für die Sattelherstellung für mindestens ein halbes Jahr »zur Kur«: Die Büffel-, Kalbs-, Rinds- und Schweinehäute werden zusammen mit Eichenrinde in Wasser versenkt. Der Grund: Die Rinde enthält Gerbstoffe, die allmählich in die Häute eindringen. Nach diesem Prozeß ist das Leder widerstandsfähig und haltbar. Die Sattlerei des Hauses ›Hermès‹ produziert jährlich lediglich 600 Sättel. Ein Meister »führt« den Sattel vom Zuschneiden der Haut bis zur Fertigstellung. Jeder Sattel erhält eine Nummer, die in einen speziellen Katalog eingetragen wird. Falls in einigen Jahren eine auch nur geringfügige Reparatur vonnöten sein sollte, wird diese höchstwahrscheinlich von dem Meister vorgenommen, der den Sattel angefertigt hat. In den Sattel! Die charakteristische Besonderheit der Sättel von ›Hermès‹ besteht in der feinen Krümmung, die es ermöglicht, auf einen hinausragenden Sattelbogen zu verzichten. Das dabei verwendete Latex nimmt mit der Zeit die Formung des Körpers des Reiters und der Kruppe des Tieres an und garantiert so beiden maximalen Komfort. Es wird behauptet, daß die Aristokraten der Alten Welt Menschen ihrer Kreise ausnahmslos danach beurteilten, wie sie sich im Sattel hielten. Ein Reiter in einem Sattel von ›Hermès‹ wird niemals aussehen wie ein »Usurpator«, und sogar ein Anfänger findet nach allen Regeln der Reitkunst in ihm Platz, ohne hin und her zu schaukeln. Insgesamt offeriert ›Hermès‹ acht verschiedene Sattelmodelle, inklusive des Spezialsattels für Polo. Die Sattler fertigen auch Damensättel, doch werden diese Stücke selten gekauft, da sich die modernen Ladys schon lange von Amazonen-Kleidern verabschiedet haben. Einige Modelle haben, wie man so sagt, ihre eigene Geschichte. Beispielsweise ist der Reitsattel ›Corlandus‹ nach jenem berühmten Rennpferd benannt, auf dem die französische Reiterin Margit Otto-Crépin bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul die Silbermedaille in der Dressur gewonnen hat. Übrigens war man stets der Auffassung, ein Sattel habe schwarz zu sein, bis der ›Corlandus‹ herauskam. Im Jahr 2000 jedoch gab ›Hermès‹ den Anstoß zu neuen Traditionen: Nicht seltener bestellen jetzt die Profis den ›Corlandus‹ in naturfarbenem Leder wie solche in banalem Schwarz. Dann, bei der Anfertigung des Sattels ›Steinkraus‹, legte der amerikanische Springreiter William Steinkraus mit Hand an, dem zu Ehren er auch benannt ist. Dieser Sattel hat ein flacheres Profil und ist sehr beliebt bei amerikanischen Jägern. Aber auch wenn Sie kein amerikanischer Jäger sind, werden Sie bei ›Hermès‹ das finden, was Sie brauchen, da hier die Grundregel gilt: Ein Sattel ist ein Kommunikationsmittel. von Julia Sorina |
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