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Chapeau, Christine

Skizzen einer außergewöhnlichen Frau

Sogar an die vier kleinen quadratischen Steine, die wiederum ein etwas größeres Viereck bilden, hat sie gedacht. Dieses unscheinbare Detail ist eines von den vielen Kleinigkeiten, die sich, neben den größeren Möbeln, zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen. Hier, am Hauptmarkt im Herzen Nürnbergs, scheint sie sich einen Traum erfüllt zu haben.

Doch, wie gesagt, es scheint nur so. Träume sind meist lange angelegt, heben an in Zeiten, die von Lebenssituationen geprägt sind, welche nicht gerade mit dem Ausdruck »rosig« umschrieben werden können. In solchen Phasen suchen sich Träume einen ganz eigenen Raum, werden gestaltet, manifestieren sich irgendwann in Ideen, die es lohnend erscheinen lassen, sie auch umzusetzen. Dann von einer Vision zu sprechen ist durchaus naheliegend.

Das, was den Besucher bzw. den Gast in den zwei Etagen des Eckhauses am Nürnberger Hauptmarkt mit der gediegenen Atmosphäre für sich einnimmt – das ist nicht die sichtbare Umsetzung einer Vision der Christine Klever, sondern das ist einfach nur die logische Konsequenz einer Entwicklung, die vor noch nicht einmal zehn Jahren ihren Anfang genommen hat. Aber auch das ist eigentlich zu kurz gedacht bzw. ausgedrückt. Deshalb der Reihe nach …

Es muß Spaß machen
In dem Jahr, in dem Fidel Castro und Che Guevara, unterstützt von ihren Guerilla-Kämpfern, das Regime des Fulgencio Batista stürzen und Kuba in eine andere, eine bessere Zukunft führen wollen, wird Christine in der fränkischen Bischofsstadt Bamberg geboren. Sie ist das zweitälteste Kind eines gelernten Bäckers und Konditors. Diesen Beruf übt er aber nicht mehr aus. Schon lange Jahre betreibt er mit seiner Frau im nahe gelegenen Ort Mühlhausen eine kleine Landwirtschaft. In den Nachkriegsjahren ist das Leben kein Wunschkonzert, und nicht selten sind es Sachzwänge, welche die Zukunft bestimmen. So auch im Falle von Lorenz und Johanna Bär. Der elterliche Hof soll weitergeführt werden, und da haben eigene Bedürfnisse und Wünsche hintanzustehen. Man fügt sich in sein Schicksal. Das tun die beiden auch, setzen sechs Kinder – drei Jungen und drei Mädchen – in die Welt, arbeiten hart, um ihnen eine angenehme Kindheit und Jugendzeit zu bieten, auch eine solide Ausbildung zu ermöglichen.

Nach dem Besuch der Volksschule beginnt Christine in Höchstadt an der Aisch eine Lehre als Photographin, und in dem Beruf arbeitet sie auch nach dem Abschluß ihrer Ausbildung. Aber tagein, tagaus Babys, die süß, Madln, die fesch, Mannsbilder, die gestanden, Familien, die glücklich sind, und frohe Brautpaare auf Zelluloid zu bannen – das ist für sie auf Dauer gar nicht spannend. In Erlangen nimmt sie eine Stelle in einer mittelgroßen Druckerei an, in der sie in der Druckformherstellung ihre Frau steht. Hier zeigt sie großes Engagement, nicht zuletzt deshalb, weil ihr die Arbeit Spaß macht. Den notwendigen Einsatz hat sie allerdings auch als Photographin an den Tag gelegt, denn wenn Christine Klever etwas macht, dann macht sie es richtig. Halbe Sachen sind nicht ihr Ding.

Die Zeit wird es richten
Die macht sie auch in der Folgezeit nicht. Als die Druckerei in schlechtes wirtschaftliches Fahrwasser gerät – zu dem Zeitpunkt arbeitet Christine Klever erst gut zwei Jahre dort – und wenig später schließen muß, sucht sie sich ein neues Tätigkeitsfeld. Sie findet es in der Gastronomie. Von nun an wird sie als Serviererin lange Jahre in Speiserestaurants arbeiten, die allesamt der gehobenen Kategorie zuzuordnen sind. Das tut sie auf der Schwäbischen Alb, denn dort ist Bernd Klever stationiert. Ihr Mann – die beiden haben 1982 geheiratet – verrichtet in der Radarstellung Meßstetten als Radarflugmelder seinen Dienst auf Zeit bei der Luftwaffe der Bundeswehr. Da Soldaten, auch Zeitsoldaten, nie wissen, ob sie für längere Zeit an ein und demselben Ort stationiert sein werden, erinnert das Leben vieler solcher Ehepaare mitunter an ein Provisorium. Planungen hinsichtlich Familiengründung, Hausbau und sonstiger bürgerlicher Vorstellungen und Bedürfnisse werden oft auf später verschoben – bei einem Zeitsoldaten eben auf die Zeit danach, dann also, wenn die Entlassung aus der Bundeswehr vollzogen sein wird.

Die Klevers arrangieren sich mit der Situation – und machen das ihrer Meinung nach Beste daraus. Bis eine mögliche Zukunft fest umrissen werden kann, wird er seinen Dienst bei der Luftwaffe machen, während sie weiterhin als Kellnerin arbeiten wird. Eine neue berufliche Orientierung – sowohl bei ihm als auch bei ihr – kann auch später erfolgen. Mal sehen, was die Zeit bringt …

Christine Klever geht in ihrem Beruf auf. Sie liebt es, Gäste zu bedienen, nimmt auch auf das Ambiente beim Eindecken Einfluß, kurz: Sie ist voll und ganz bei der Sache. Das registrieren und spüren auch die Gäste, und so übersteigt das Trinkgeld, das sie erhält, nicht selten ihr Gehalt. Da sie viel Engagement an den Tag legt, bleibt den beiden wenig Möglichkeiten, zum einen das verdiente Geld großzügig auszugeben, zum anderen ihrer Feizeit breiten Raum zu geben und sie entsprechend zu gestalten. Sie genehmigen sich zwei- und dreitägige Auflüge, die sie, vor allem des Genießens wegen, ins Elsaß führen und später auch ins südliche Frankreich. Irgendwann wird Lyon ihre Lieblingsstadt, nicht zuletzt deshalb, weil dort ein gewisser Paul Bocuse sein Restaurant betreibt. »Gourmet-Tempel« ist in diesem Fall der wohl passendere Ausdruck, denn der Begründer der ›Nouvelle Cuisine‹ und bekannteste Koch Frankreichs (und somit auch der Welt) setzt 1991 – in diesem Jahr genießen die Klevers erstmals seine Kochkunst – schon seit geraumer Zeit kulinarische Akzente. Im letzten Jahr hat der Altmeister – er ist am 11. Februar 2006 runde 80 geworden – übrigens zum 40. Mal in Folge drei Sterne vom ›Guide Michelin‹ verliehen bekommen – ein Rekord, der wohl auf ewig Bestand haben wird.

Der verwehrte Traum
In diesem Jahr 1991 lassen es sich Bernd und Christine Klever nicht nur bei Paul Bocuse gutgehen, sondern es passiert auch sonst einiges, das für ihr weiteres Leben von Bedeutung ist. Die Luftwaffe macht Bernd Klever das Angebot, ihm ein Studium zu finanzieren, indem sie ihm über drei Jahre 75 Prozent seines letzten Gehalts bezahlt, wenn er denn ein Studium aufnimmt. Er überlegt nicht lange, nimmt an, verläßt nach etwas mehr als zehn Jahren die Bundeswehr und schreibt sich an der Fachhochschule Nürnberg als Student der Betriebswirtschaftslehre ein. Es folgen der Umzug nach Nürnberg und die Überlegung, in welchem Bereich seine Frau tätig werden soll. Daß sie sich selbständig machen wird, steht außer Frage, und es steht ebenfalls außer Frage, daß sie ihren Traum vom eigenen Restaurant wird aufgeben müssen. Diese Vorstellung ist der begeisterten Köchin über die Jahre in der Gastronomie gereift, hat konkrete Gestalt angenommen und sich bei ihr allmählich festgesetzt. Doch da ist ihr Mann dagegen: »Dann sehe ich dich ja gar nicht mehr!« Wie immer, so diskutieren sie auch dieses Mal alles aus, und Christine Klever nimmt schließlich Abstand von ihrem Traum.

In den nun folgenden Jahren wird Bernd Klever seine Frau aber noch seltener sehen als zuvor, denn noch 1991 übernimmt sie einen U-Bahn-Kiosk – zunächst zur Untermiete, dann, nach einem Jahr, zur Miete. Morgens um fünf verläßt sie die Wohnung, um abends nach sieben zurückzukommen. Zwar löst er sie nachmittags, wenn keine Vorlesungen sind, des öfteren ab, aber dann sehen sie sich ebenfalls nicht, denn Christine Klever will in diesen Stunden, in denen ihr Mann sie vertritt, auch mal die Sonne sehen …

Eine ›Casa‹ in der vierten Etage
Nachdem Bernd Klever sein Studium der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Steuerrecht nach extrem kurzer Studienzeit 1995 erfolgreich abschließt, ist er bereit für den Arbeitsmarkt. Der jedoch nicht für ihn. Die logische Konsequenz: Ehemann und Ehefrau werden auch beruflich Partner. Ein zweiter U-Bahn-Kiosk kommt 1997 hinzu, und am 1. Januar 1999 übernimmt das Ehepaar in der Fürther Fußgängerzone ein Tabakwarenfachgeschäft mit historisch gewachsenem, aber brachliegendem Cigarrensegment. Da sie für die Übernahme eine beträchtliche Summe aufzubringen haben, greifen sie auf das Ersparte aus vergangener Zeit zurück, mit dem sie einen Großteil der Abstandszahlung aufbringen.

Wie schon das Jahr 1991, so ist auch das Jahr 1999 eines mit weitreichenden Entscheidungen: Im Herbst kommen ein dritter U-Bahn-Kiosk sowie ein Zeitschriftenladen mit Postfiliale in einem Kaufhaus hinzu. Über die Arbeitsteilung bedarf es keiner großen Diskussionen: Während sich Bernd Klever um die Organisation der Läden kümmert und um das, was sich berechnen und standardisieren lassen kann, begibt sich seine Frau mit ihrer Kommunikationsfähigkeit an die »Cigarrenfront«.

Jetzt ist Christine Klever in ihrem Element. Sie, die bis dato Cigarren praktisch nur vom Hörensagen kennt, setzt sich intensiv mit der neuen Materie auseinander, entdeckt schließlich ihre Leidenschaft für die Cigarre – und kann auch bald durch ihre offene und begeisternde Art viele Kunden für dieses Naturprodukt begeistern. Recht bald werden aus den Kunden Gäste, denn im März 2001 bietet sich die Möglichkeit, im vierten Stock des Fürther Geschäftshauses Räumlichkeiten mit einer Fläche von 50 Quadratmetern anzumieten. Da die Kapazitäten im Geschäftsladen an ihre Grenzen gestoßen sind, bedarf es keiner langen Überlegungen: Die Räume im vierten Stock werden angemietet und entsprechend den Vorstellungen von Bernd und Christine Klever umgebaut. Die ›Casa del Puro‹ ist geboren.

Der Einsatz, auch und vor allem der materielle, ist enorm, aber er lohnt sich: Die beiden schaffen es mit ihrer ›Casa del Puro‹, ein Einkaufserlebnis mit Wohlfühlcharakter zu ermöglichen. Herzstück der ›Casa‹ ist ein großräumiger begehbarer Humidor, daran angegliedert eine Espressobar, und für die Clubatmosphäre sorgen Schauvitrinen mit Raucheraccessoires sowie englische Ledersessel, Stofftapeten und Teppichboden. Für alles werden hochwertige Materialien verwendet, wodurch der Gesamteindruck als elegant bezeichnet werden kann.

So etwas wird angenommen, und schon bald ist die Kundenfrequenz in dieser Cigarrenlounge enorm hoch. Es muß mit Thomas Blaschke ein kompetenter Fachverkäufer eingestellt werden. Die Klevers haben alles richtig gemacht.

Und dennoch: Bald ist auch die ›Casa del Puro‹ zu klein. Wieder stoßen sie an Kapazitätsgrenzen. Und erneut werden Überlegungen angestellt, wie dem immer stärker werdenden Kunden- bzw. Gästeaufkommen Rechnung getragen werden kann. Eines kristallisiert sich bald heraus: Da sich der Kundenkreis – trotz der 2002 erfolgten Auszeichnung ›Fachhändler des Jahres‹ beim bundesweiten Wettbewerb von ›Philip Morris‹ – nach wie vor hauptsächlich auf Fürth beschränkt und es nur vereinzelt gelingt, Kunden, die außerhalb der Stadt ansässig sind, an die ›Casa del Puro‹ zu binden, darüber hinaus in Nürnberg gute Fachgeschäfte Mangelware sind, richtet sich der Blick zwangsläufig auf die große Nachbarstadt.

Der entscheidende Impuls
Über das Stadium der Überlegungen kommen beide zunächst nicht hinaus. Wie so oft in solchen Fällen kommt der entscheidende Impuls von außen. Während der Dortmunder Tabakmesse im Jahre 2004 steht Christine Klever mit Thomas Hammer, Außendienstmitarbeiter der ›5thAvenue‹, dem Alleinimporteur von Habanos für Deutschland, und dem neuen kubanischen Geschäftsführer der Gesellschaft, Jorge Hernández, zusammen. Irgendwann läßt Thomas Hammer die Bemerkung fallen: »Ich würde mich nicht wundern, wenn Christine Klever bald die dritte ›Casa‹ in Deutschland eröffnet.« Ihre prompte Antwort: »Du spinnst! Jetzt laß’ mal die Kirche im Dorf! Ich und eine ›Casa‹ …« Zwei Tage später ruft Christine Klever in Waldshut-Tiengen an und erkundigt sich bei Jorge Hernández, wie das denn so wäre mit einer ›Casa‹. Es ließe sich über alles reden, so die Antwort.

Viele Anstrengungen sind nötig gewesen, viel Schweiß ist geflossen. Doch mittlerweile sind sie fertig, die beiden ›Casas‹, und warten mit jeweils einem großen begehbaren Humidor auf

Die Suche nach einem geeigneten Objekt beginnt. Es wird gefunden in zentraler Lage und mit idealen Bedingungen am Hauptmarkt. Im Erdgeschoß des Eckhauses befindet sich eine Buchhandlung, die auf die älteste Universitätsbuchhandlung Deutschlands zurückgeht, während seit Februar 2006 im zweiten und dritten Stock zwei ›Casas‹ ihre Heimat haben: zunächst die ›Casa del Puro‹ mit den nichtkubanischen Cigarren, zu denen jetzt auch ›Davidoffs‹ gehören (die Christine Klever als Depositärin nunmehr anbieten kann), und darüber, verbunden durch eine ausladende Treppe, die dritte ›La Casa del Habano‹ in Deutschland. Bis es soweit war, sind viele Anstrengungen nötig gewesen, mußten viele Hürden (vor allem materielle) überwunden werden, ist viel Schweiß geflossen. Doch jetzt sind sie fertig, die beiden ›Casas‹, warten jeweils mit einem großen begehbaren Humidor auf, bieten mit insgesamt über 250 Quadratmetern ausreichend Platz, laden durch Thekenbereiche und Ledersessel zum Verweilen und Entspannen ein, und auch an einen separierbaren Raum, der für geschäft­liche Besprechungen freigehalten werden kann, ist gedacht worden.

Insgesamt präsentiert sich dem Besucher ein außergewöhnliches, in Orange (›Casa del Puro‹), Rot (›Casa del Habano‹) und Schwarz gehaltenes Ambiente, und wer aus dem Fenster schaut, der blickt auf die ›Frauenkirche‹ und den Platz, auf dem alljährlich, im Dezember, der ›Christkindlesmarkt‹ stattfindet. Nicht vergessen werden dürfen die zahlreichen interieuren Kleinigkeiten, welche durch Liebe zum Detail das Gesamtbild nicht nur unterstützen, sondern letztendlich erst ausmachen. Da sind etwa die vier kleinen quadratischen Steine, die wiederum ein etwas größeres Viereck bilden. Nur wer, so heißt es, beim Tanz des Bolero die (gedachten) Linien dieses Steinquadrats nicht überschreitet bzw. übertanzt, ist ein guter Bolero-Tänzer.

Die Nürnberger ›La Casa del Habano‹ ist nicht nur die dritte in Deutschland, sondern – was noch viel bemerkenswerter ist – die erste weltweit, die von einer Frau geführt wird. Chapeau, Christine …

von Dieter H. Wirtz
 
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