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Home > Cigar Clan 2/2006 > Zino Davidoff. Von der Legende zum Mythos |
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Zino Davidoff. Von der Legende zum Mythos Vor einem Jahrhundert ist er zur Welt gekommen, der »Grand Old Man of the Cigar«. Er war die Lichtgestalt in der Cigarrenwelt des 20. Jahrhunderts, hoch angesehen, hoch geachtet. Aus kleinsten Verhältnissen stammend, ist ihm weltweite Anerkennung zuteil geworden. Er war gefragt, wenn es um die Geheimnisse des (Cigarren-)Tabaks ging – und er ist nie einer Frage aus dem Weg gegangen. Geduldig und kompetent hat er alle beantwortet, waren sie auch noch so weit hergeholt. Dabei war der erhobene Zeigefinger seine Sache nicht. Insbesondere in der Zeit als Botschafter in eigener Sache – da war er in einem Alter, in dem andere ihr Arbeitsleben hinter sich haben – wurde die Person Zino Davidoff allmählich von der Legende zum Mythos. Solch ein Mythos wird nicht einfach wie ein Verdienstkreuz verliehen. Er bildet sich mit der Zeit heraus. Das wiederum bedingt harte Arbeit. Nicht nur, aber ohne sie geht es nicht. Und dazu gehört auch Charisma. Zino Davidoff hatte dieses Charisma – und er hat hart gearbeitet, hat auch nie aufgehört, sein über die Jahre erworbenes umfangreiches Wissen über die Geheimnisse des Tabaks ständig zu erweitern. Das machte ihn unangreifbar. Zu seiner Zeit gab es niemanden, der ihm in Sachen Tabak und Cigarren das Wasser reichen konnte. Zino Davidoff galt damals weltweit als der Cigarrenfachmann schlechthin. Nach dem »Großen Mann der Cigarre« kam lange nichts (und das wird auch noch eine reichliche Weile so bleiben). ![]() Vor dem Mythos – wir haben es schon angedeutet – kommt die Legende. Auch eine Legende braucht ihre Zeit, ehe sie sich als solche etabliert hat. Meist sind es viele Facetten, die dazu beitragen, warum jemand zur Legende wird. Eine dieser Facetten wollen wir im folgenden etwas näher beleuchten, hat sie doch zum hohen Ansehen des »kleinen Russen«, wie er sich selbst gerne nannte, entscheidend beigetragen. Besagte Facette betrifft Zino Davidoff als Verkäufer. Sein Umgang mit seinen »Kunden« hat ihm schon früh Anerkennung in Cigarrenraucherkreisen erfahren lassen, und nicht zuletzt dieses »Handling« – ein Ausdruck, den er gar nicht gerne gehört hätte – ist es gewesen, das als überaus wichtiger Stein in jenem Fundament gesehen werden muß, das seinen späteren weltweiten Ruhm begründet hat … »» Die Schwierigkeit der Annäherung Mehr als einmal im Jahr versuchen Seminarleiter der ›Oettinger Davidoff Group‹ zu demonstrieren, auf welche Art und Weise Zino Davidoff seine Kunden bedient hat. Die Teilnehmer dieser Veranstaltungen kommen aus der ganzen Welt. Sie arbeiten in Fachgeschäften, die über ein ›Davidoff‹-Sortiment verfügen. Wird Zino Davidoff solcherart bemüht, ist Verkaufstraining angesagt. Die Übungsleiter solcher Seminare sind nicht zu beneiden, denn die Aufgabe, den Teilnehmern nahezubringen, wie ein Zino Davidoff seine Kunden bedient hat, ist keine leichte. Das Nahebringen ist durchaus möglich, doch nahezu unmöglich erscheint die Umsetzung. Selbst wenn es jemandem gelingt, die »Verkaufstechniken« des großen Vorbilds perfekt zu kopieren, ist er noch lange kein Zino Davidoff. Bekanntlich reicht selbst die beste Kopie niemals an das Original heran (wie wir im folgenden sehen werden). ![]() Dieses Original lebendig werden zu lassen ist schwierig genug, denn wohl nur die wenigsten, welche diesen Artikel lesen, sind Zino Davidoff in einem seiner Genfer Geschäfte begegnet. Deshalb werden wir ihm auch bestimmt nicht ganz gerecht werden – und aus diesem Grund kann es zuvorderst nur Aufgabe sein, uns dem Original bis zu einem gewissen Grad zu nähern … Hinter dem Verkaufstresen Zino Davidoff – das muß vorab festgehalten werden – ist in seiner ganzen Zeit als Cigarrenhändler niemals ein Verkäufer im eigentlichen Sinne gewesen. Weshalb ihm auch sicherlich ein Ausdruck wie »Verkaufstechnik« vollkommen fremd gewesen wäre – und wäre er ihm zu Ohren gekommen, hätte er ihn rundweg abgelehnt. Auch dem neudeutschen Wort »Hardselling«, das die Anwendung von aggressiven Verkaufsmethoden bezeichnet, wäre er mehr als skeptisch begegnet – und so hätte ein »Hardseller« nach seinem ersten »Verkaufsgespräch« bei ›Davidoff‹ sofort seinen Hut nehmen können. Der kleine Russe, stets großer Humanist, stets auch Philanthrop, pflegte zu einem gewissen Grad seine konservativen Ansichten, war aber auch bereit, neuen Einsichten den ihnen gebührenden Raum zu geben. Was er jedoch vor allem war: authentisch. Er machte keinem etwas vor, sagte seine Meinung – und wenn sich bei ihm das Gefühl einstellte, diese Meinung könne für sein Gegenüber auch nur den Hauch des Unangenehmen implizieren, dann setzte er seinen Humor ein, der manchmal burlesk, mitunter hintergründig, zuweilen skurril war – der aber stets von seinem natürlichen einnehmenden Charme flankiert wurde. Hinzu kam ein Charisma, das in seiner Intensität nur beeindrucken konnte. ![]() Zino Davidoff begrüßte keine Kunden – er empfing Gäste. Perfekter Gastgeber, der er war, fühlte sich jeder, der ihn in seinem Laden aufsuchte, akzeptiert und willkommen, und selbst jemand, der zuvor nur ein einziges Mal bei ihm eingekauft hatte, wurde wie ein alter Bekannter empfangen. Dabei machte Zino Davidoff keine Unterschiede, ob sein Gast einen gewissen Bekanntheitsgrad besaß oder nicht. Er behandelte und bediente einen Aga Khan oder einen Prinz von Dänemark ebenso wie einen Maler oder Tischler, einen Fred Astaire oder einen Elvis Presley, einen Alain Delon oder Jacques Dutronc wie einen Maurer oder Schuster, und ein Angestellter oder Bürohelfer war ihm genauso gern gesehener Gast wie der Filmschauspieler Philippe Noiret oder das Multitalent Peter Ustinov, selbst wenn der eine »nur« eine Schachtel Cigaretten kaufte, während sich der andere mit Cigarren für Tausende von Schweizer Franken für den monströsen heimischen Humidor eindeckte. Auch Frauen waren ihm willkommen. Obwohl konservativ, gestand er dem immer stärker werdenden schwachen Geschlecht schließlich zu, durchaus Gefallen daran zu finden, sich hin und wieder mal eine Cigarre zu gönnen. Gleichwohl brach sich in bestimmten Situationen sein patriarchalisch geprägtes Weltbild Bahn, etwa dann, als einmal eine hübsche Frau um die dreißig in einem Minirock vor ihm stand, der seiner Meinung nach viel zu kurz war. Da kam er nicht umhin, sie lächelnd zu fragen: »Ist es sooo teuer, Sie anzuziehen?« Der erste Angestellte Zino Davidoff konnte sich vielleicht seine Bemerkung wohl auch deshalb nicht verkneifen, weil er auf tadellose Kleidung stets großen Wert legte. Daß er seine Anzüge maßschneidern ließ, war in damaliger Zeit gang und gäbe, denn der »Anzug von der Stange« sollte sich erst mit Beginn der späten 50er Jahre allmählich durchsetzen. Daß er seine Zweireiher jedoch im häuslichen Kleiderschrank nach einem bestimmten Schema durchnumeriert hatte, war dagegen nicht alltäglich. Ähnlich verhielt es sich mit seinen Schuhen. Auch sie waren nach Maß gefertigt. Gute Kleidung war aber auch der einzige nennenswerte Luxus, den sich Zino Davidoff leistete, wenn denn in diesem Fall überhaupt von Luxus geredet werden kann. In seinem Geschäft mußte er – das stand für ihn außer jeder Diskussion – gut gekleidet sein. Außerdem war es für ihn eine Qualitätsfrage, ein Punkt, bei dem er sich – auch und gerade, was die Ware betraf, die er anbot – bedingungslos und kompromißlos zeigte. Schon in frühen Jahren, als er materiell noch nicht so gut gestellt war, legte er auf qualitativ hochwertige Kleidung großen Wert. Das war für ihn immer auch eine finanzielle Frage: »Ich kann es mir nicht leisten, etwas Billiges anzuziehen. Das ist im Endeffekt teurer.« Wie wahr. ![]() Und so erschien Zino Davidoff jeden Morgen in feinem Zwirn in seinem kleinen Reich. Zu Anzug und Hemd die passende Krawatte. Das obligatorische Einstecktuch fehlte ebenfalls nicht. Nun war er bereit, Gäste zu empfangen … Seit Mitte der 60er Jahre begrüßte dann auch ein Angestellter die Kunden, die den Davidoffschen Laden in der Rue du Marché aufsuchten. Das war im Jahr 1964, und es war eine Premiere, denn Borah Fradkoff war der erste Mitarbeiter Zinos, der nicht der Familie angehörte. Das sollte sich aber bald ändern. Nicht durch Heirat, sondern durch einen kleinen Schwindel, denn Zino Davidoff gab ihn bei den zuständigen behördlichen Stellen als seinen Cousin aus. Der Grund war eine Verordnung der Stadt Genf, nach der es untersagt war, Angestellte sieben Tage in der Woche zu beschäftigen – es sei denn, bei dem Betreffenden handelte es sich um ein Familienmitglied. Da aber in der Rue du Marché auch des Sonntags gearbeitet wurde, fand Borah Fradkoff kurzerhand Aufnahme in die Davidoffsche Familie. Zino besaß also auch eine gehörige Portion Chuzpe. Borah Fradkoff, 15 Jahre jünger als Zino, erschien sieben Tage in der Woche (bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 49 Stunden) im Laden in der Rue du Marché, der gegenüber dem Place du Molard liegt, welcher zu den schönsten Flecken in der Stadt an der Rhône gehört: Abends, wenn es die Temperaturen zuließen und sich der weitläufige Platz in einen einzigen großen Restaurationsbetrieb verwandelte, legte sich über die zahlreichen Tische und Stühle und Menschen, die es sich hier bei Speis und Trank – und nicht selten auch bei Cigarren – gutgehen ließen, eine Stimmung, die es erlaubte (und immer noch erlaubt), hier von mediterranem Flair zu sprechen. ![]() Auch tagsüber hatten (und haben) die Cafés am Place du Molard geöffnet. Wenn es – was selten genug vorkam – die Zeit erlaubte, genossen es dann schon mal Chef und Angestellter, zwischendurch einen Espresso zu trinken und dabei eine Cigarette zu rauchen. Abwechselnd hatte dann stets einer das Geschäft im Auge, damit ja kein Kunde das Cigarren-Mekka vergeblich ansteuerte. Tatsächlich war zu dieser Zeit für viele Cigarrenliebhaber aus aller Welt der Davidoffsche Laden längst zu ihrem Wallfahrtsort geworden, den sie immer wieder gerne aufsuchten, selbst wenn sie von weit her kamen und sich die Anreise mehr als nur über ein paar Stunden erstreckte. Sie kamen gerne, erschienen mit großen Erwartungen, wußten sie doch um das außergewöhnliche Angebot, das sie erwartete, wußten auch um die ausführliche Beratung, die ihnen hier zuteil wurde. Von einigen wenigen dieser Kunden soll im folgenden die Rede sein. Ein gewichtiger Mann läßt anfragen Es muß Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre gewesen sein, als eines Tages ein Anruf aus Rom kam. Am anderen Ende der Leitung kündigte ein Sekretär an: »Morgen kommt Ihre Majestät und kauft bei Ihnen.« Ein König aus Rom? Italien war doch seit 1946 Republik, nachdem der 33-Tage-König Umberto II. abgedankt hatte! ![]() Es handelte sich hier auch nicht um einen Italiener, sondern um einen Ägypter, genauer gesagt um Faruk I. Der war, ebenso wie sein Leidensgefährte – von Leidens»genossen« sollte man bei blaublütigen Menschen eher nicht reden –, schon vor einigen Jahren seiner Krone verlustig geworden. Im Juli 1952 besaßen Ali Muhammad Nagib und Gamal Abdel Nasser, der eine General, der andere Offizier seiner Streitkräfte, die Frechheit, ihn zu stürzen. Seit dieser Zeit war Ägypten Republik und er im Exil. Zum (unfreiwilligen) Aufenthaltsort hatte sich Faruk die Ewige Stadt auserkoren, Rom. Hier ließ es sich gut leben, zumal ihm noch ein gewisses Vermögen geblieben war, das sein Auskommen sicherte und es ihm erlaubte, seine kleinen und auch die etwas größeren Laster zu befriedigen. Faruk, Freund schöner Frauen und ausschweifenden Lebens, war ein leidenschaftlicher Raucher, wobei er großformatige Cigarren bevorzugte, und zwar ausschließlich Havannas. Im Moment hatte er jedoch ein Problem damit. Er hoffte deshalb auf Abhilfe aus Genf. ![]() Um von diesem Problem zu erfahren, muß noch der erste Teil des knappen Anrufs ergänzt werden, den der Sekretär Seiner Majestät getätigt hatte. Er lautete: »Ich habe 20.000 Bauchbinden für ›Double Coronas‹ Können Sie mir dazu die passenden Cigarren liefern?« Das also war des Ägypters Begehr. Zino Davidoff konnte, hatte er doch ständig weit mehr als 100.000 Cigarren auf Lager. Es folgte der schon zitierte zweite Teil des Anrufs. Anderntags fand der Besuch des ehemaligen ägyptischen Königs tatsächlich statt. Dem schwergewichtigen Faruk, begleitet von einigen Dienern seines exilierten Hofstaats, wurde ein Stuhl angeboten. Kurz darauf nahm er Hillel Davidoff wahr, den Vater Zinos, der in jenen Jahren noch im Geschäft tätig war. Auf Faruks Frage, wer denn dieser kleine Mann sei, antwortete Zino: »Das ist der erste Davidoff, der Begründer der Dynastie.« Ob Faruk, 1920 in Kairo geboren und von 1936 bis 1952 König von Ägypten, noch weitere Fragen stellte, ist nicht überliefert … Ein Konzert der besonderen Art Zwei der liebsten Kunden von Zino Davidoff waren Isaac Stern und Arthur Rubinstein. Wohl deshalb, weil der eine, Isaac Stern, gefeierter amerikanischer Violinist russischer Herkunft, das tat, was auch Zino gerne getan hätte, und weil er in dem zweiten, Arthur Rubinstein, einen Gesprächspartner hatte, mit dem er sich immer über Kuba und Musik unterhalten konnte, was zudem noch auf russisch geschah. Arthur Rubinstein, 1887 im polnischen Łódź in eine jüdische Weberfamilie hineingeboren, schon als Jugendlicher gefeierter Pianist, lebte etliche Jahre in Genf, wo er auch im Dezember 1982 mit knapp 96 Jahren starb. Wie Isaac Stern Freund von kubanischen Cigarren, war er oft in Zinos Laden anzutreffen. Wie schon angedeutet, unterhielten sie sich gerne über Kuba, hatte doch der Pianist dort eine kleine Tabakplantage besessen, die ihm »seine« Havannas lieferte. Viele dieser Cigarren hat er, versehen mit einer Bauchbinde, die sein Konterfei trug, an Freunde verschenkt. ![]() Nach der Machtübernahme Castros war diese Plantage – wie nahezu alle anderen Fincas auch – in den Besitz des kubanischen Staates übergegangen, und so blieb dem gebürtigen Polen nichts anderes übrig, als seine Cigarren fortan käuflich zu erwerben. Und das tat er bevorzugt in Genf, bei Zino Davidoff. Sie verstanden sich mehr als gut, und eines Tages fragte Rubinstein sein Gegenüber, welchen Wunsch er denn habe, den er gerne erfüllen werde, wenn er ihn denn realisieren könne. Auf Zinos Frage nach dem Grund meinte Rubinstein, dies sei ihm ein Bedürfnis, da er sich nicht nur von ihm immer gut beraten, sondern sich hier fast wie zu Hause fühle. Zino, bescheiden wie immer, mochte dieses Angebot zunächst nicht wahrnehmen, doch als Rubinstein nicht locker ließ, äußerte er den Wunsch, einmal ein Konzert von ihm besuchen zu dürfen, wenn er wieder einmal eines in Genf gebe. Einige Zeit später erhielt Zino einen Anruf, in welchem ihm mitgeteilt wurde, ein Chauffeur werde ihn und seine Frau Marthe abholen und zu einem Konzert fahren, das Arthur Rubinstein gebe. Zino war erstaunt, denn von einem stattfindenden Rubinstein-Konzert in Genf hatte er bis dato nichts gehört. Aber es würde schon seine Richtigkeit haben … Anderntags hielt dann eine breite Limousine vor Zinos Laden, und der Chauffeur fuhr die beiden zum Haus von Arthur Rubinstein. Dort gab der Pianist ein Klavierkonzert. Einzige Gäste: Marthe und Zino Davidoff. Arthur Rubinstein spielte auch einige Stücke von Mozart, dem Lieblingskomponisten des Cigarrenkenners. Für Marthe und Zino Davidoff eines der schönsten Erlebnisse ihres wahrlich ereignisreichen Lebens. Ein Amerikaner in Genf Der Mann – nennen wir ihn Mr. Smith – betrat recht aufgeregt den Davidoffschen Laden in der Rue de Rive. Begleitet wurde er von seiner Frau. Der amerikanische Geschäftsmann, der, wann immer er sich in der Schweiz aufhielt (und das war oft der Fall), den Weg nach Genf fand, um hier, zum einen, seine Lieblings-Cigarren zu kaufen, zum anderen, um stets etwas mehr über das »braune Gold« zu erfahren – der Geschäftsmann schien ein elementares Anliegen zu haben. ![]() In der Tat: »Monsieur Davidoff. Ich habe da ein Problem. Meine Frau mag den Geruch meiner Cigarren nicht mehr.« Dabei schaute er gespannt den Fachmann an, erhoffte er sich doch von ihm die Nennung einer Cigarrenmarke, deren Formate beim Rauch einen Duft verbreiten, der auch seiner Frau zusagen würde. Zinos Ratschlag erfolgte auch prompt, begleitet vom breitesten Lächeln, mit dem er dienen konnte: »Ich sehe da kein Problem. Ganz einfach: Wechseln sie die Frau!« Kurze Stille. Dann erfüllte schallendes Gelächter das Ladenlokal. Zinos Humor, so eigenartig er auch mitunter war, überschritt nie jene Grenzen, die verletzend wirken. Dazu trug natürlich auch seine Mimik bei – und ein Charme, dem sich niemand entziehen konnte. * * * Wer mehr über das Leben des Zino Davidoff erfahren möchte, etwa über seine ukrainische Herkunft, seine Jahre in Südamerika, seinen Aufstieg zu dem Cigarrenkenner weltweit, dem sei mein Buch über ihn empfohlen, das im ›Econ Verlag‹ erschienen ist (und aus dem ich einige Passagen für diesen Artikel entnommen habe): Davidoff. Legende – Mythos – Wirklichkeit. 304 Seiten, gebunden, Schutzumschlag, zahlreiche Abbildungen, Lesebändchen. Preis: € 24,90. © by Econ Verlag, Berlin. Das Buch (mit ausführlichem Glossar) ist überall dort erhältlich, wo es Bücher gibt. von Dieter H. Wirtz ZINO DAVIDOFF: WICHTIGE DATEN UND EREIGNISSE 1906 Zino Davidoff wird am 11. März in dem Städtchen Novgorod Seversk in der ukrainischen Provinz Tschernigow geboren. 1911 Vor dem Hintergrund um sich greifender Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung verlassen Hillel und Rachel Davidoff mit ihren fünf Kindern Rußland und emigrieren in die Schweiz, nach Genf. ![]() 1912 Hillel Davidoff richtet ein kleines Ladenlokal in direkter Nähe des Place des Philosophes ein und bietet unter anderem selbstgedrehte Cigaretten an, auch solche mit Goldmundstück. Auf Wunsch (und gegen Aufpreis) wird das Cigarettenpapier mit den Initialen des Empfängers versehen. 1925 Zino Davidoff verläßt das ›Collège Calvin‹ in Genf, um danach, ausgestattet mit einem ›Nansen-Paß‹, zu seinen »Lehrjahren« in Südamerika aufzubrechen. Sein erstes Ziel ist Argentinien. 1928 Zino Davidoff reist nach Brasilien, um die dortige Tabakindustrie kennenzulernen. Nach nur wenigen Monaten reist er von dort aus weiter nach Kuba. 1930 Zino Davidoff verläßt Kuba und kehrt in die Schweiz zurück. 1931 Zino heiratet die 1909 geborene Marthe, Tochter von Eva und Josef Fromer, die in Basel eine Kaffeerösterei betreiben. Nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise übernimmt das junge Paar ein Cigarrengeschäft in Lausanne. 1933 Sonia Davidoff wird am 16. Januar in Lausanne geboren. Die Tochter von Marthe und Zino soll das einzige Kind der beiden bleiben. 1936 Zino Davidoff kehrt nach Genf in das väterliche Geschäft zurück, das sich nun in der Rue de la Confédération befindet. Dort richtet er den weltweit ersten Klimakeller für Cigarren ein. In der ersten Hälfte der 50er Jahre wird dann der erste Humidor auf den Markt kommen, entwickelt und gefertigt nach den Vorstellungen Zino Davidoffs. 1939 In Genf übernimmt Zino Davidoff zusammen mit seinem Vater ein neues Ladenlokal in der Rue du Marché. 1940 Noch bevor deutsche Truppen am 14. Juni Paris besetzen, erhält Zino Davidoff von dort das Angebot, über zwei Millionen Havannas zu einem günstigen Preis zu kaufen. Zino läßt sich auf das Geschäft ein – und wird der einzige Cigarrenhändler weltweit sein, der während des gesamten Krieges Havannas anbieten kann. 1946 Die Idee der ›Les Grand Crus de la Havane‹ wird in Genf geboren. 1947 Die von Zino Davidoff mitgestaltete und in der Fabrik ›Hoyo de Monterrey‹ gefertigte Havanna-Serie ›Château‹ kommt auf den Markt, benannt in Anlehnung an die herausragendsten Weingüter des Bordelais. 1967 In der Fabrik ›El Laguito‹, gelegen in Havannas Villenvorort Miramar, werden erstmals kubanische ›Davidoffs‹ hergestellt. 1968 In der Genfer Rue de Rive werden die neuen Davidoffschen Geschäftsräume bezogen. 1970 Dr. Ernst Schneider übernimmt für die in Basel ansässige ›Oettinger AG‹ das Geschäft von Zino Davidoff sowie alle Rechte an dem Markennamen ›Davidoff‹. Der Kaufpreis beträgt 4 Millionen Schweizer Franken. 1972 ›Davidoff‹ kann die ersten Cigarrenhändler in der Schweiz von der Idee eines Depositärsystems überzeugen. Kurz darauf beginnt die Umsetzung dieses Konzepts in Belgien, Deutschland und England. 1973 Mit dem ›Davidoff Flagship Store‹ in Brüssel öffnet das erste unternehmenseigene Geschäft, das sich nicht im Stammland Schweiz befindet. Mittlerweile gibt es weltweit über 50 dieser ›Flagship Stores‹. 1982 In der Nacht vom 17. auf den 18. Januar (Sonntag auf Montag), kurz nach Mitternacht, bricht ein Brand im Davidoffschen Geschäft in der Rue de Rive aus. Grund ist ein Kurzschluß in der Klimaanlage. Das Feuer macht nicht nur einen Großteil der Ware unverkäuflich, sondern vernichtet auch zahlreiche Unterlagen und Dokumente. Genau drei Monate und ein Tag nach Brandausbruch kann Zino Davidoff mit seinem Personal in den sanierten und renovierten Räumen in der Rue de Rive wieder Kunden empfangen und bedienen. 1988 Zino Davidoff gewinnt den Cigarettenhersteller ›Reemtsma‹ für ein Engagement beim ›Schleswig-Holstein Musik Festival‹. Der ›Prix Davidoff‹, ein mit 15.000 DM dotierter Förderpreis für junge Musiker, wird erstmals während des ›Schleswig-Holstein Musik Festivals‹ vergeben. Im selben Jahr werden in der Basler Kehrichtverbrennungsanlage 131.000 Havannas verbrannt – vorläufiger »Höhepunkt« der Auseinandersetzung der ›Oettinger Davidoff Group‹ mit den kubanischen Cigarrenherstellern. Es geht um von den Schweizern geforderte Standards und um die Rechte an der Cigarrenmarke ›Davidoff‹. 1989 In der Dominikanischen Republik beteiligt sich die ›Oettinger Davidoff Group‹ an der von Hendrik Kelner geführten Cigarrenmanufaktur ›Tabacos Dominicanos S.A.‹ (›Tabadom‹). 1991 Mit diesem Jahr werden fortan alle Longfiller-Cigarren von ›Davidoff‹ in der Dominikanischen Republik gefertigt. Gegen Ende des Jahres legen Kubaner und Schweizer ihre weltweiten Rechtsstreitigkeiten einvernehmlich bei. Aufgrund der von beiden Seiten getroffenen Vereinbarung sind sämtliche Marken- und Distributionsrechte für die Produkte des Hauses ›Davidoff‹ ausschließlich beim Basler Unternehmen konzentriert. 1993 Mit Beginn dieses Jahres gibt es keine kubanischen ›Davidoffs‹ mehr zu kaufen. 1994 Zino Davidoff stirbt am 14. Januar in Genf, zwei Monate vor Vollendung seines 88. Geburtstags. |
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