home Home > Cigar Clan 2/2006 > Das Leben einer wunderbaren Cigarre
News Cigar Clan-Inhalt Tastings Abo Kontakt Media-Information & AGBs Where to find


 
Das Leben einer wunderbaren Cigarre

Nur erfahrene Aficionados, die dazu noch mit der Geschichte der Marke ›Partagás‹ vertraut sind, können im kräftigen Geschmack dieser Cigarren und im Aroma des Cigarrenrauchs die heftige Note von ökonomischen Krisen und Weltkriegen, den bitteren Beigeschmack der häufigen Besitzerwechsel und die würzige Note der postrevolutionären Epoche herausschmecken …

Don Jaime
Der künftige Tabakmagnat Jaime Partagás y Rabell wurde 1816 geboren. Zu der Zeit begann auf Kuba ein regelrechter »Tabakrausch«: Spanier, Franzosen, Deutsche wählten die Karibik-Insel als Ziel, um in Havanna Besitzer einer wenn schon nicht großen Tabakfabrik, so doch zumindest einer bescheidenen Chinchales zu werden, eines kleinen Ladens zur Tabakverarbeitung.

Jaime Partagás kam Ende August 1831 in der Hauptstadt an. Der Eifer des 15‑jährigen Jungen gründete sich nicht zuletzt auf unzählige Erzählungen von Freunden und Verwandten, die von ihren Erfolgen berichteten. Damals gehörten die besten Plantagen, Fabriken und Handelslager Katalanen, Landsleuten des jungen Jaime.

Partagás ging die Sache voller Elan an. Er eröffnete eine kleine Chinchales und stellte ein paar Leute ein. Das, was für viele seiner Landsleute bereits der Gipfel ihrer Karriere war, war für Jaime nur der Start. Seine schnellen Erfolge waren mit der Kraft und der Geschwindigkeit des Tornados vergleichbar, der gerade zu dem Zeitpunkt ausbrach, als sein Schiff in den kubanischen Zielhafen einlief. Jaime erlebte dergleichen zum ersten Mal.

Rasch eignete sich der junge Mann die Feinheiten des Tabakgeschäfts an: Die Einnahmen aus der Chinchales und aus dem Tabakverkauf reichten, um eigene Plantagen zu erwerben. So gelangte ein bedeutender Teil des Guts ›Hato de la Cruz‹ in der Provinz Pinar del Río in seinen Besitz, dort, wo sich die berühmten Plantagen der Vuelta Abajo befanden. Jetzt hatte Jaime alles zur Verfügung, um Cigarren unter einer eigenen Marke herstellen zu können: Plantagen, Chinchales – und Käufer in Europa. Einige Menschen verkaufen ihre Seele dem Teufel; Jaime verschrieb seine dem Tabakgeschäft. Seine Haltung zu seinen Cigarren war wie die eines Vaters zu seinem geliebten Kind: Die ganze Welt sollte an seine Einzigartigkeit glauben. Das zwang ihn geradezu, auf jedes Detail während der Produktion zu achten, angefangen bei den Besonderheiten der Tabakpflanzung bis hin zur Gestaltung der Cigarrenkisten.

Seine Plantage in der Vuelta Abajo lieferte stets die besten Tabakblätter Kubas. Partagás’ Try-und-Error-Methode führte zu einzigartigen Tabakmischungen aus Blättern verschiedener Sorten unterschiedlicher Lagerung. Als Folge zahlreicher Experimente entstanden die 67 berühmten Cigarrenformate von ›Partagás‹, solche wie ›Britanicos‹, ›Carolinas‹, ›Cazadores‹, ›Coronas Grandes‹, ›Cervantes‹, ›Partagás № 1‹, ›№ 2‹, ›№ 3‹, ›Superiores‹ und andere. Jede Sorte hatte einen einzigartigen Geschmack und ein unverwechselbares Aroma.
Jaime Partagás wollte, daß seine Handelsmarke bedeutend schneller berühmt würde als die der Cigarrenkonkurrenten. Er hatte nicht den Langmut wie seine Kollegen Plantagenbesitzer, die mindestens sechs bis sieben Jahre für das Trocknen und Fermentieren ihrer Tabakblätter investierten. Jaime Partagás erfand speziell konstruierte Gitter für seine Trockenschuppen, die übereinandergelegt werden konnten. Jetzt dauerten diese Prozesse nicht länger als 20 Wochen. Seine Erfindung hatte noch ein weiteres Plus: Die Aromen der verschiedenen Tabaksorten mischten sich zu einem neuen Bouquet.

Mit jedem Jahr verbesserte sich die Qualität der ›Partagás‹-Cigarren; parallel dazu stiegen die Einnahmen des Besitzers. Bald darauf konnte Partagás die Fabrik seiner Träume bauen. Er kaufte ein vierstöckiges Gebäude im Kolonial­stil in einer der besten Gegenden von Havanna. Jetzt wurden seine wertvollen Cigarren in einem Palast »geboren«. Ab 1845 trug die Fabrik in der Calle Industria den Namen ihres Besitzers – ›Königliche Tabakfabrik Partagás‹ (›Real Fábrica de Tabacos Partagás‹).

Die Disziplin, die in der Fabrik herrschte, läßt sich nur mit »eisern« umschreiben. Alle Arbeiter hatten entsetzliche Angst vor Don Jaime. Ging er durch die Fabrikhallen, herrschte tödliche Stille, lediglich vom Rascheln der Tabakblätter unterbrochen. Niemand wagte auch nur den Kopf zu heben, und die Aufseher sprachen nur dann mit dem Chef, wenn er sich direkt an sie wandte.

Ein einziges Mal kam Jaime Partagás seinen Arbeitern entgegen. Sie hatten die Bitte an ihn herangetragen, das Vorlesen von Büchern während der Arbeit zu gestatten. Der Unternehmer erklärte sich einverstanden, allerdings unter einer Bedingung: Er mußte dem Werk zustimmen, das für das Vorlesen vorgesehen war. Und er war so großzügig, in den Hallen die Errichtung von Tribünen vorzuschlagen, damit alle den Vorleser hören konnten. Im übrigen waren diese Tribünen eher für höhergestellte Besucher der Fabrik gedacht. So war einer der Staatssekretäre der US-Regierung, William H. Seward, noch lange nach seinem Besuch von der Initiative des Havanna-Industriellen begeistert und empfahl allen, sich ein Beispiel an Don Jaime zu nehmen. Diese Praxis fand große Verbreitung in den Tabakfabriken und wurde zu einer Tradition, die bis heute anhält.

Jaime Partagás war auch ein Neuerer bei der Aufmachung seiner Ware. Bei Ramón Allones bestellte er eine Serie bunter Etiketten als Aufkleber für seine Cigarrenkisten. Jetzt waren die ›Partagás‹-Cigarren unverwechselbar. Muß man noch erwähnen, daß auch diese Initiative weite Verbreitung fand?

Dabei hatte sich Don Jaime nicht immer darum bemüht, die »Firmenzugehörigkeit« seiner Cigarren zu betonen. In der Anfangsphase seiner Produktion hatte er sich im Gegenteil dadurch vergangen, indem er seine wenig bekannten Cigarren unter bereits gut laufenden Marken »versteckte«. Ein solcher Vorfall fand 1848 statt. Bereits ein Vierteljahrhundert bevorzugten die Europäer die Produktionen der Firma ›Cabañas, Carbajal y Cia‹, insbesondere die Cigarren der Marke ›Hija de Cabañas y Carbajal‹. Häufig wurde der Name der populären Marke im Alltag auf ›Hija de Cabañas‹ verkürzt. Genau dieses Wort ›Cabañas‹ entlehnte der findige Jaime Partagás. Entsprechend der gesetzlichen Ordnung auf Kuba wandte er sich an die Behörden mit der Bitte, ihm die Lizenz für die Produktion und den Verkauf der Marke ›La Flor de Cabañas de Partagás‹ zu erteilen. Die Lizenz wurde erteilt. Zwei weitere Jahre wurden für die Kreation eines neuen Formats verwandt, das chließlich durch eine einzigartige Aromastruktur überzeugte. Jetzt war es nur noch ein vergleichsweise kleiner Schritt, Berühmtheit in der gesamten Welt zu erlangen. Die 1851 in London stattfindende Weltausstellung für Kunst und Industrie bestätigte die Einschätzung von Jaime Partagás – das Schlüsselwort spielte die ihm zugedachte Rolle: Die Kommission entschied, ›La Flor de Cabañas de Partagás‹ sei eine neue Marke von ›Cabañas, Carbajal y Cia‹, und verlieh ihr eine Goldmedaille.

Als der Besitzer von ›Hija de Cabañas‹, Manuel González Carbajal, erfuhr, daß der »Frechling Partagás« buchstäblich mit seinem Namen Einzug auf dem Welt-Cigarren-Markt gehalten hatte, strebte er einen Prozeß gegen den neugeborenen Tabakmagnaten an. Am Ende entschied das Gericht, daß Don Jaime den strittigen Namen in ›La Flor de Tabacos de Partagás‹ umändern müsse. Aber das war schon nicht mehr wichtig. In den zwei Jahren, in denen der Rechtsstreit lief, hatten es die ›La Flores de Cabañas de Partagás‹ geschafft, die Raucher auf beiden Seiten des Atlantiks für sich einzuehmen.

Die Welteroberung von Jaime Partagás begann also 1851 in London. Zehn Jahre später bevorzugten die anspruchsvollsten Raucher die Cigarren aus der ›Real Fábrica de Tabacos de Partagás‹, und Don Jaime ließ seine Konkurrenten weit hinter sich zurück.

Rätsel über Rätsel
Am späten Abend des 17. Juni 1868 fand man Don Jaime schwer verwundet auf einer seiner Plantagen in der Vuelta Abajo. Einen Monat später verstarb Jaime Partagás y Rabell. Hier enden die zuverlässigen Fakten, beginnen dagegen Gerüchte und Spekulationen.

Noch lange blieb der Tod von Don Jaime die wichtigste Nachricht in Havanna. Na­­türlich! Jaime Partagás, ein talentierter, erfolgreicher Geschäftsmann, der eleganteste Mann der kubanischen Hauptstadt, war eine der umstrittensten Personen der Oberschicht. Tauchte er, umgeben von seinem Gefolge, auf der Straße auf, gab es keinerlei Zweifel, daß hier ein echter Tabakkönig die Bühne betrat.

Jaime Partagás ließ farbige Etiketten auf seine Kisten kleben. Jetzt waren seine Cigarren unverwechselbar

Die Tabakleute mochten Jaime Partagás nicht besonders und bezeichneten ihn als Heuchler und Konkurrenten ohne Scham und Gewissen. Nicht selten konnte man von den Gebrüdern Upmann hören: »Jemand sollte diesen Flegel Partagás stoppen!« Auch Carbajals Geschichte war in aller Munde – ihm wird von vielen der Anschlag auf Don Jaime zugeschrieben. Angeblich konnte Señor Manuel Carbajal seinem Gegenspieler die Geschichte mit der Goldmedaille nicht verzeihen und dingte einen bekannten Mörder aus Havanna, Manuel Ordun. Auf der Plantage ›Hato de la Cruz‹ sei Manuel Ordun zwei Wochen vor der Tragödie gesehen worden. Er habe sich als Tabacalero ausgegeben und versucht, Arbeit zu finden. Örtliche Einwohner behaupteten, sie seien auf den Fremden in der Kneipe aufmerksam geworden und hätten sofort begriffen, daß er aus der Stadt komme: Er hätte zuviel Likör getrunken und seinen Händen hätte man angesehen, daß er nie auf einer Plantage gearbeitet hätte.

Einer anderen Version zufolge war ein amouröses Abenteuer der Grund für den Tod des Besitzers von ›Hato de la Cruz‹. Die markante Erscheinung von Jaime Partagás, sein Charme, seine Galanterie und sein Reichtum brachten ihm den Ruhm eines »Casanovas von Havanna« ein und verhalfen ihm dazu, mehr als eine lokale Schönheit zu erobern. Es gab viele Gerüchte über seine unzähligen Liebesaffairen. Am besten gefielen Don Jaime die Mulattinnen, die auf seiner Plantage arbeiteten. Viele hatten, wie die meisten vornehmen Schönheiten, eifersüchtige Männer, und ein jeder von ihnen hätte den »liebevollen« Plantagenbesitzer mit einer Machete abstechen oder mit einer Gewehrkugel ermorden können. Die Mordwaffe – ob Gewehr oder Messer – gibt also ebenfalls Rätsel auf.

Und noch eine weitere Version des Vorfalls: Jaime kam angeheitert von einem Besuch nach Hause. Sein Nachbar Don Pedro lauerte ihm auf und schoß ihm in den Kopf. Man erzählte, daß Jaime seinem Nachbarn nicht nur Hörner aufgesetzt, sondern vor seiner Nase Tabakvorräte entwendet hätte.

Wie auch immer: Frau und Kinder von Don Jaime taten alles, damit die Details jener Angelegenheit zusammen mit dem Verstorbenen begraben und nicht zum Klatsch in den Salons von Havanna wurden. Sie antworteten nie auf Fragen nach dem Tod des Familienoberhaupts, und wer etwaige Zeugnisse hätte erbringen können, dem zahlten sie Schweigegeld. Don Jaime hatte genug Reichtum angehäuft, um sich von der Gesellschaft das Geheimnis seines eigenen Todes erkaufen zu können.

Ein rebellischer Geist

Wären die Todesumstände beispielsweise für Arthur Conan Doyle interessant gewesen, so wäre die darauffolgende »Wiederkehr« des Tabakkönigs ein Sujet für die »schrecklichen« Geschichten von Edgar Allen Poe gewesen.

Eines Tages gegen Abend brachte eine junge Fabrikarbeiterin die von ihr an diesem Tag gerollten Cigarren ins Lager, als sie eine bekannte Silhouette sah: eleganter Hut aus dem teuren Laden in der Calle del Obispo, Anzug aus feinstem englischem Tuch, weißes Hemd, seidene Fliege. Das war … der verstorbene Don Jaime. Nachdem das Gespenst dem verblüfft dastehenden Mädchen offenbar zur Begrüßung zugenickt hatte, zog es die bekannte goldene Uhr aus der Innentasche, sah auf das Zifferblatt und entfernte sich langsam. Auf den herzzerreißenden Schrei der Arbeiterin rannte einige Sekunden später die halbe Fabrik herbei. Außer sich vor Angst, berichtete die Unglückliche allen von ihrer Begegnung mit dem Geist.

Möglicherweise wäre das Mädchen für verrückt erklärt worden, hätte es nicht den Vorfall mit dem Nachtwächter gegeben, den alle als einen äußerst ernsthaften und ausgeglichenen Menschen kannten. Kurz nach dem Ereignis im Lager trafen die Arbeiter, die morgens zur Fabrik gingen, den Wächter auf der Straße an, als er Hals über Kopf davoneilte. Er schwor alle Eide, nachts zusammen mit Don Jaime die Fabrikräume abgegangen zu sein. Das Gespenst hätte sich in einiger Entfernung aufgehalten und die ganze Zeit eine lange Cigarre geraucht. Wie man auch auf den Wächter einredete – er weigerte sich kategorisch, in die Calle Industria zurückzukehren.

Jene Panik drohte in eine Flucht der Arbeiter auszuarten. Die von einer solchen Perspektive beunruhigten Verwandten des Toten riefen sogleich zwei Priester herbei: Einer führte das Ritual der Geistervertreibung durch, der andere besprengte Werkhallen, Lager und Läden mit Weihwasser. Die durchgeführten Maßnahmen stellten jedoch nicht alle zufrieden. Drei dunkelhäutige Arbeiterinnen betrachteten die katholischen Rituale voller Mißtrauen. Sie baten die Leitung um Erlaubnis, einen Zauberer aus dem Städtchen Guanabacoa herbringen zu dürfen. Zu einer anderen Zeit hätten die Mädchen einen ordentlichen Rüffel für ihre heidnischen Launen bekommen, doch dieses Mal erklärten sich die neuen Hausherren angesichts der Situation einverstanden. Beim Anblick des Beschwörungen murmelnden und mit einem eigenartigen Gefäß hantierenden Zauberers bekreuzigten sich die katholischen Arbeiter inbrünstig. In diesem Moment verfiel der Zauberer in Trance und sprach: »Von jetzt an wird der Geist von Jaime nicht mehr hierher zurückkehren.« Und der ratlos dreinblickende Fabrikleiter murmelte: »Wir werden sehen, ob die Seele des Armen ins Paradies kommt und dort endlich ihre Ruhe findet.«

Genau 30 Jahre hielten die Beschwörungen. Anfang des 19. Jahrhunderts erschien das Gespenst noch einige Male. Vielleicht wollte der rebellische Geist Don Jaimes mit seinem Mörder abrechnen, vielleicht wollte er seine Kinder nicht ohne wachsame Kontrolle lassen, vielleicht aber sehnte er sich auch nach den auf der Erde zurückgebliebenen braunhäutigen Schönheiten. Dabei scheuchte er in den Gängen der Fabrik einen kleinen Dieb aus seinem Versteck. Es wird erzählt, der Dieb habe nach dieser Begegnung seine kriminelle Laufbahn beendete. Ein weiterer Auftritt des verstorbenen Tabakkönigs hatte nicht nur positive Folgen: Der Aufseher einer der Werkhallen starb vor Schreck. Und die Nachtwächter hörten mehr als einmal jenes eisige Lachen einer Seele, das ihrer Meinung nach eindeutig dem früheren Fabrikbesitzer gehörte.

Das ruhelose Erbe

Jaimes Sohn José erbte nicht nur Plantagen und Fabriken, mehr noch, er erbte die weltweit anerkannte Marke ›Partagás‹. Er hatte jedoch nicht das Talent von Don Jaime geerbt, nicht seine Besessenheit. So wurde er nicht ohne Grund nie zu Don José, sondern blieb für alle Joseito. Die Tabakproduktion war lediglich eine Einnahmequelle für ihn. Er schaffte es gerade, das Unternehmen seines Vaters zu erhalten; von Innovationen konnte keine Rede sein. In den zehn Jahren unter seiner Leitung erschien kein einziger neuer Cigarrenname; alle Erfolge gehörten der Vergangenheit an. Ungeachtet dessen, daß sich die Cigarren großer Nachfrage in Eu­ropa, den Vereinigten Staaten, in Kanada, Argentinien und sogar Ägypten erfreuten, konnte es so nicht weitergehen. Das Cigarrenpublikum wollte sich nicht damit abfinden, daß ›Partagás‹ zu einem Klassiker geworden war. Nachdem Joseito begriffen hatte, daß er alle Bemühungen seines Vaters zunichte machen könnte, beschloß er, ›Partagás‹ zu verkaufen. José Bances hieß der neue Besitzer, gut bekannt unter den Cigarrenhändlern Havannas.

José Bances war Mitte der 50er Jahre nach Havanna gekommen. Er begann seine Karriere als Börsenspekulant, führte dann die dortigen Bankgeschäfte der Rothschilds, kaufte Zuckerrohrplantagen und kleine Tabakverarbeitungsläden auf. Er hatte ›Partagás‹ schon lange aufmerksam beobachtet, und als sich 1877 die Möglichkeit ergab, erwarb Bances die berühmte Cigarrenproduktion für 30.000 Peso in Gold. Das Organisationstalent, das unternehmerische Geschick und das Kapital von Bances verbesserten die Lage der Firma. Die »Gesundung« betraf jedoch in erster Linie die finanzielle Situation von ›Partagás‹. Hinsichtlich der Kreativität war alles beim alten geblieben: Auf der nächsten Weltausstellung erhielt lediglich eine Cigarre, die noch Don Jaime kreiert hatte, eine Goldmedaille.

Mit dem Eintritt von Bances begannen neue Zeiten für das Unternehmen. Mit bisher unbekannter Regelmäßigkeit sollten buchstäblich alle zehn Jahre die Teilhaber von ›Partagás‹ wechseln. Aber auch die waren unfähig, die Lage zu beeinflussen. 1888 wandelte Bances seine Tabakbetriebe in eine Aktiengesellschaft um, behielt selbst ein Drittel der Aktien mit dem Eigentumsrecht auf die Plantagen in der Vuelta Abajo und die Fabrik ›Partagás‹ in Havanna. 1899 wurde Ramón Cifuentes Kompagnon von Bances, der ihm später seinen Anteil verkaufte. Kurzzeitig verband Cifuentes seine Bemühungen mit Baldomero Fernández; dann, 1916, verkaufte er seine neuen Aktien an Francisco Pego-y-Pita weiter, und in den nächsten 20 Jahren brauchte man bei ›Partagás‹ nicht mehr an Besitzerwechsel zu denken.

Ramón Cifuentes war ein erfahrener Tabakhersteller und -händler. Obwohl man seine Beziehung zum Geschäft nicht als gleichgültig bezeichnen kann, befaßte er sich ebenfalls vorwiegend mit der Lösung von finanziellen Problemen. In dieser Zeit wurde die Kasse des Unternehmens nicht mit selbst hergestellten Marken aufgefüllt, sondern mit solchen, die Don Ramón erworben hatte, berühmten wie ›Coruncho‹, ›El Corojo‹, ›F. Pego Pita‹, ›La Intimidad‹, ›Particulares‹, ›Prudencio Rabell‹ und nicht zuletzt ›Ramón Allones‹. Cifuentes’ Hauptverdienst bestand jedoch darin, seinen Kindern die Liebe und die Achtung zu ›Partagás‹ anzuerziehen. Die schweren Zeiten waren vorüber. In der Historie der Marke war ein neues Haupt hinzugekommen: Cifuentes.

Tradition in neuem Gewand
Nach dem Tod von Ramón Cifuentes verkaufte Pego-y-Pita seinen Anteil den Söhnen von Don Ramón: Ramón, Rafael und Manuel. Einzig Ramón bekundete ein echtes Interesse, war er doch ernsthaft begeistert vom Cigarrengeschäft. Für ›Partagás‹ wurde der jüngere Ramón Cifuentes zum zweiten Don Jaime. Grenzenlose Liebe zu den legendären Cigarren half ihm, die schwierigsten Situationen durchzustehen. ›Partagás‹ zu Zeiten der Leitung von Cifuentes junior ist die andauernde Suche nach Kompromissen und vor allem der Versuch, eine gemeinsame Sprache mit den Arbeitern zu finden.

Die Wirtschaftskrise von 1920 und 1921 machte nicht wenige nordamerikanischen Raucher zahlungsunfähig. Mit jedem Monat reduzierte sich die Zahl der produzierten Cigarren, so daß die Fabrikanten gezwungen waren, das Personal zu verringern und die Löhne zu kürzen. Noch unter Cifuentes senior hatte sich die Fabrik von ›Partagás‹ dem gesamtkubanischen Streik angeschlossen. Gemäß der offiziellen Version der kubanischen Behörden dauerte der Streik zwei Jahre, von 1930 bis 1932, aber in Wirklichkeit war die ansässige Tabakindustrie noch lange von diesem Fieber befallen. Jeden Moment konnten die Arbeiter den nächsten Streik beginnen (was auch bis Anfang der 40er Jahre geschah). Die Perspektiven der Firma ›Partagás‹ im Verlauf jener Zeit waren äußerst nebulös: Eine kleine Fabrik in einem Vorort von Havanna, wohin die Leitung gezogen war, und eine Handvoll Arbeiter, die weiterhin Cigarren in der Hauptstadt rollten, konnten lediglich die kubanischen Raucher versorgen. Für den Export blieb nichts übrig.

1939 wehten endlich günstigere Winde. Mit der Hilfe von Ramón Cifuentes junior gelang es den Chefs der Cigarrenfabriken, Absprachen mit den Arbeitern zu treffen. Ein neuer Vertrag wurde gemeinsam unterzeichnet, der zumindest teilweise die Bedingungen der Arbeiter erfüllte. Bald darauf wurde ›Partagás‹ wieder zur Marke Nummer 1. Die ganze Welt schien auf das Comeback dieser Marke gewartet zu haben.

Don Ramón gelang es bis Anfang der 50er Jahre, das Verhältnis zu seinen Mitarbeitern stabil zu halten. Doch dann erwarb er eine technische Neuerung: eine Maschine zum Rollen von Cigarren. Das Tabakgeschäft war seinerzeit erneut von einer Krise betroffen. Die Welt, noch nicht vom Zweiten Weltkrieg erholt, offenbarte wenig Sinn für kubanische Cigarren. Cifuentes setzte neue Hoffnung nicht zuletzt auf den Einsatz von Maschinen: Dadurch ließen sich das Produk­tionsvolumen erhöhen und Arbeitsplätze einsparen. Die Reaktion der Arbeiter in Havanna ähnelte dem unbesonnenen Zorn der englischen Maschinenstürmer: Sie waren bereit, die Maschinen allesamt zu zerschlagen. Ramón Cifuentes fand schließlich einen Kompromiß: Es wurde entschieden, die Exportcigarren von Hand zu rollen und die für den Binnenmarkt mit Maschinen zu fertigen.

Diese Mißerfolge hätten jeden zerbrechen können, nur nicht Cifuentes junior. Zu sehr war er inzwischen der Sache ›Partagás‹ ergeben, um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen und äußeren Bedingungen zu gestatten, ihm den Sinn seines Lebens zu nehmen. Selbst mit sehr starrköpfigen Streikenden fand er eine gemeinsame Sprache. Ganz anders sah es dann mit den weit radikaleren »Brüdern« Fidel Castro und Ernesto »Che« Guevara aus …
}
Die ›Partagás‹-Fabrik war die erste größere, in der den Cigarrenrollern während der Arbeit laut aus Büchern vorgelesen wurde

1961 besetzten Revolutionssoldaten der Republik Kuba das Gebäude der Fabrik in Havanna und erklärten Ramón Cifuentes die Verstaatlichung seines Betriebs und die Konfiszierung seines gesamten Eigentums. Man gestattete ihm noch nicht einmal, sein persönliches Hab und Gut zu behalten. Statt dessen unterbreiteten sie ihm einen verlockenden Vorschlag: Nach Auffassung der Revolutionäre sollte der Export von berühmten kubanischen Cigarren zur lichten Gegenwart und Zukunft der Republik gehören. Fidel Castro wußte genau, daß er keinen zweiten Tabakproduzenten finden würde, der bereits zu Lebzeiten zu einer Legende geworden war. Er schlug vor, daß Ramón Cifuentes junior die nationale Tabakindustrie führen und alle Cigarrenfabriken Kubas leiten solle. Doch Cifuentes lehnte ab. Sein Leben gehörte nur einer Marke: ›Partagás‹.

Ramón Cifuentes zog den amerikanischen Kapitalismus dem kubanischen Sozialismus vor. Zusammen mit seiner Frau begab er sich zunächst nach New York und dann in den Staat Connecticut. Ohne einen Cent in der Tasche kam Ramón in den Vereinigten Staaten an, aber es war ihm gelungen, Samen des berühmten ›Partagás‹-Tabaks mitzunehmen.

Wenn es nicht möglich ist, eigenen Tabak auf Kuba anzubauen, so läßt sich das anderswo tun, beispielsweise in der benachbarten Dominikanischen Republik, beschloß Cifuentes und fuhr in die Gegend von Santiago de los Caballeros, wo er anfing, die Dominicos in allen Feinheiten des Tabakanbaus und der Cigarrenherstellung zu unterweisen. Es wurde entschieden, für die Einlage Tabak von Cifuentes’ dominikanischer Plantage zu verwenden, für das Umblatt wurde solcher aus Mexiko importiert, und beim Deckblatt entschied man sich für Tabakblätter aus Kamerun. Die »neue« ›Partagás‹ erschien 1977 in den Regalen der amerikanischen Cigarrenläden.

Bis zu seinem Tod rauchte Ramón Cifuentes keine kubanische Cigarre mehr. Aus Prinzip. Im Exil bevorzugte er seine eigenen »neuen« Cigarren. Er war der Meinung, daß er ›Partagás‹ wiederbelebt habe, und behauptete, daß die neue Sorte bedeutend besser sei als die alte, weicher und angenehmer.

von Julia Sorina
 
Highlight Media UG (haftungsbeschränkt) | Franklinstr. 14 | 10587 Berlin
Tel.: +49 (30) 886 75 585 | Fax: +49 (30) 886 75 586 | Email: info@cigarclan.de