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Ein Tempel des Tabaks

Wie eine historische Institution nicht nur die Tradition pflegt, sondern mit Innovationen ihrem Ruf des Beson­deren gerecht wird.

Keine Frage: Ein solches Haus verfügt über eine Reihe von privaten Schließfächern, in denen die rauchigen Kleinodien, wohltemperiert, ihre vorläufige, fernerhin ideale luftfeuchte Heimstatt haben, ehe sie von ihren Besitzern abgeholt und ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt werden. Die Schließfächer, das sind ausreichend große Humidore, welche, eines neben dem anderen, dazu in mehreren Etagen übereinander, an – vom Eingang aus gesehen – der linken Wand angebracht sind, weiter hinten, in der ehemaligen Lagerhalle. Und die Kleinodien, das sind (meist) Longfiller-Cigarren mittel- und südamerikanischer Provenienzen, die es gar nicht mögen, wenn die Luft um sie herum zu trocken ist.

Außer jeder Regel und wohl einmalig, zumindest äußerst selten dagegen der folgende Service: Sollte sich der heimische Vorrat an erwähnten Kleinodien allmählich, doch unaufhaltsam dem Ende zuneigen, so läßt das Haus, in dem diese Behältnisse über-, unter- und nebeneinander angebracht sind, die gewünschten Cigarren per Kurier demjenigen Connaisseur nach Hause überführen, der dem jeweiligen Feuchtekasten zuzuordnen ist.

Einer dieser Connaisseure ist bis vor wenigen Jahren Prinz Bernhard zur Lippe-Biesterfeld gewesen, der Ehemann von Königin Juliane. Die Rede ist von jenem stets elegant gekleideten Herrn, bei dem immer eine Nelke in der Brusttasche seines tadellos sitzenden Jacketts auszumachen gewesen ist.

Wie allmählich deutlich wird, befinden wir uns in den Niederlanden, einem der zahlreichen Nachbarn Deutschlands, genauer gesagt das nördlichste der westlich gelegenen Anrainer. Wird die Frage an einen bundesrepublikanischen Passanten gerichtet, welche Begriffe bzw. Wörter ihm ad hoc einfallen, wenn von »Holland« die Rede ist, dann fällt ihm – neben »Tulpen« und »Windmühlen« – als erstes »Amsterdam« ein, sofern er nicht ein ausgemachter Fußballfan ist und ihm »Ajax« über die Lippen kommt. Apropos »Holland«: Diesen Ausdruck mögen die Niederländer gar nicht gerne, ist doch Holland, nein, sind Noord-Holland und Zuid-Holland wie auch Friesland oder Limburg oder Zeeland zwei der zwölf Provinzen des Königreichs.

Wohl nur den wenigsten der besagten Passanten käme, obgleich Regierungssitz, Den Haag in den Sinn, wenn von »Holland« die Rede ist. Dann schon eher der erwähnte Fußballclub, denn der ist mittlerweile eine Institution in der niederländischen Hauptstadt Amsterdam. Dabei kann er nur auf eine vergleichsweise kurze Geschichte zurückblicken, der Heimatverein des Johan Cruyff, der 1900 gegründet worden ist, während das Haus, das hier vorgestellt wird, auf eine ungleich längere Historie verweisen kann …

Ein Mann namens Pantaleon Gerhard Coenraad
›P.G.C. Hajenius‹ ist 1826 gegründet worden. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich die Geschäftsräume aber noch lange nicht am Rokin, der Haupteinkaufsstraße in der Stadt der Grachten, dort, wo sie heute zu finden sind. In jenem Jahr 1826 eröffnet der 19‑jährige Hajenius – er ist von der kleinen Festungsstadt Doesburg nach Amsterdam gekommen – im Hotel ›Rijnstroom‹ am Vijgendam einen Cigarrenladen, in dem er von Beginn an allererste Ware anbietet. Das Ort ist gut gewählt, denn hier hat es nicht nur eine kaufkräftige Klientel, sondern hier gibt es auch um die 30 kleine Cigarrenmanufakturen, die sich um die nahe gelegene Amsterdamer Tabakbörse angesiedelt haben. Aus diesen Betrieben sucht sich der junge Hajenius die besten heraus und läßt dort aus erstklassigen Tabaken Cigarren fertigen.

Pantaleon Gerhard Coenraad Hajenius scheint Erfolg zu haben: Recht bald reicht die Kapazität seines Ladenlokals nicht mehr aus. Er zieht zum Dam um, eine der Prachtstraßen Amsterdams, im Herzen der Stadt gelegen. Mittlerweile führt er sogar Fürsten- und Königshäuser – und nicht nur das der Oranier – in seiner Kundenliste, verschickt er Tabakwaren und die eigenen Cigarren­erzeugnisse über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus.

Irgendwann ist auch das Domizil am Dam zu klein, und so entsteht bei seinen Nachfahren der Wunsch nach einer größeren Niederlassung. Aus den Plänen geht schließlich das beeindruckende Gebäude am Rokin hervor, dessen Geschäftsräume 1915 bezogen werden. Als Verbeugung vor dem Gründer des Traditionshauses nennen sie es nach dem ersten Domizil ›Rijnstroom‹ (›Der Rhein‹).

Die »angetuckerten« Cigarren
Mittlerweile hat der Rhein Platz gemacht für den Namen ›P.G.C. Hajenius‹. Das ist eine gute Entscheidung gewesen. ›Rijnstroom‹ ist nicht unbedingt dazu prädestiniert, Assoziationen zu wecken, die mit einem der namhaftesten und traditionsreichsten Cigarrenhäuser der Welt in Verbindung zu bringen sind. Und dieses Cigarrenhaus beschreitet Wege, die außergewöhnlich, ja ungewöhnlich sind und die selbst Connaisseure, die schon einiges in der Welt der Cigarre gesehen und registriert haben, mehr als überraschen. Ein Beispiel ist die breit­gezogene niedrige Cigarrenvitrine, die den hinteren Teil des parterren Ladenlokals öffnet und in der rund 200 Cigarren mittels rund 200 Nägeln an die sich darunter befindliche Holzunterlage regelrecht »angetuckert« sind. Das ist fürwahr überraschend, weil zunächst befremdlich – und dennoch: Auf den zweiten Blick findet hier eine äußerst gelungene, weil kundenfreundliche Idee ihre Umsetzung. Sie besteht darin, indem die wichtigsten Cigarrenformate, die etwas weiter vorne, im eigentlichen Verkaufsraum, angeboten werden, durch informative Beschreibungen dem Interessierten all die Angaben vermittelt, die von Belang sind: neben Länge, Ringmaß und Formatbezeichnung die Tabake, die für Deckblatt, Umblatt und Einlage verwendet worden sind. Außerdem kann der Kunde mit einem Blick erfassen, welche Formatgröße seinem Gusto entspricht.


Ob heutzutage bei ›Hajenius‹ neben dem Cigarrengenuß noch der von Hochprozentigem erlaubt ist, ist angesichts der rigiden niederländischen »Raucherpolitik« zu bezweifeln

Noch etwas darf nicht unerwähnt bleiben. Wer beispielsweise bei einer Tasse Kaffee oder Tee eine Cigarre genießt, der kann in Muße beispielsweise ein Buch lesen – und dabei auf eine Bibliothek zurückgreifen, die in Sachen Tabak und Cigarren die wohl größte in Europa ist.

Bleibt noch die ›Heerenkamer‹. Dieser Raum, der praktisch den vorderen vom hinteren Teil trennt, ist vor allem für geschlossene Gesellschaften vorgesehen. Hier finden unter anderem regelmäßig Cigarrenseminare statt: das eine, um Cigarren kennenzulernen, das andere, um mehr über Longfiller-Cigarren zu erfahren.

Immer geradeaus
Wer heute nach Amsterdam kommt und nach dem Haus Rokin 92 – 96 sucht, der kann es eigentlich nicht verfehlen. Von der ›Centraal Station‹, dem Hauptbahnhof der Stadt, die auf rund fünf Millionen Tannenstämmen erbaut ist, geht es immer geradeaus, über den Damrak, den Dam selbst, jenen weitläufigen Platz, der vom ›Koninklijk Paleis‹ beherrscht wird, dem ›Königlichen Palast‹, um dann überzugehen in den Rokin. Irgendwann fallen zwei imposante tiefrote Markisen auf, die sich auffällig von dem hellen deutschen Sandstein der Fassade abheben und deren Rundbögen sich weit auf die Straße beugen, mitunter gar bis zum Boden reichen, je nachdem, welchen Blickwinkel der Betrachter einnimmt.


Nicht direkt sichtbar, aber jederzeit greifbar sind die rauchigen Kleinodien derjenigen Connaisseure, die bei ›Hajenius‹ am Amsterdamer Rokin ein Klimafach ihr eigen nennen können

So beeindruckend das Außen ist, kann es nicht mit den Eindrücken standhalten, die beim Betreten des Ladenlokals sofort auf den Besucher wirken. Eigentlich müßte es »Ladenhalle« heißen, denn der Raum mit seiner überdimensionalen Breite ist einige Meter hoch – Platz für die monumentalen Kronleuchter, die noch aus einer Zeit stammen, als es in Amsterdam Gasbeleuchtung gegeben hat. An der Einrichtung des außergewöhnlichen Eingangsraums hat sich seit seiner Eröffnung im Jahre 1915 nichts verändert: Alles ist im Art-deco- und im Jugendstil gehalten und aus Eichenholz, Leder und italienischem Marmor gefertigt, den einzigen Materialien, die seinerzeit Verwendung gefunden haben. Im Zusammenspiel mit den Aromen, die Cigarren und Pfeifentabak freigeben, sorgen diese Materialien für eine ganz eigene Luft. Hier von einem »Tabaktempel« zu sprechen, ist wahrlich nicht übertrieben.

Noch immer gibt es Cigarren, die den Namen des Firmengründers tragen. Sie werden heute nicht mehr in Amsterdam gefertigt, denn die einstmals blühende Cigarrenindustrie in der niederländischen Metropole hat längst aufgehört zu existieren. Aber es gibt ja noch andere Fertigungsstätten, denen ein guter Ruf vorauseilt. So läßt ›Hajenius‹ wie ehedem erstklassige Tabake verarbeiten, woraus Cigarren entstehen, die sich an bester holländischer Tradition orientieren und dementsprechend hergestellt werden. Und mittlerweile sind die Amsterdamer über ihren (traditionellen) Schatten gesprungen, indem sie hervorragende Longfiller aus Nicaragua anbieten, die nach der Hand-Bunched-Pressed-Rolled-Methode vollkommen von Hand gerollt werden – und die sie unter einem Namen anbieten, der Qualität garantiert: ›P.G.C. Hajenius‹.

von Dieter H. Wirtz
 
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