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Auf den Spuren des Großvaters Ein junger Geiger war auf dem Weg zu einem Gastspiel von Moskau nach London. In Dänemark erreichte ihn die Nachricht von der Revolution in seinem Land. Da sein Paß ungültig war und er kein Geld bei sich hatte, blieb er kurzerhand in Kopenhagen. Bald darauf heiratete er dort eine junge Pianistin. Wir sprachen im Jahre 2005 mit seinem Enkel, dem dänischen Pfeifenmacher Jess Chonowitsch, der als einer der Besten seiner Zunft gilt. Weltweit. ![]() Wie kommt der Enkel eines Geigenspielers und einer Pianistin dazu, Pfeifen herzustellen? Ein außergewöhnliches musikalisches Talent hat sich bei mir nie gezeigt. Eigentlich wollte ich Veterinärmediziner werden. Ich hatte auch bereits begonnen zu studieren. In den Semesterferien schickte mich mein Vater, der ein Tabakgeschäft in Kopenhagen unterhielt, zu seinem Freund, dem Pfeifenmacher Poul Rasmussen. Ich sollte meine freie Zeit sinnvoll nutzen. Die Ferien endeten damit, daß ich mein Medizinstudium aufgab und eine Lehre zum Pfeifenmacher begann. Im ersten Jahr durfte ich lediglich Ausbesserungsarbeiten übernehmen und Mundstücke schnitzen. In das eigentliche Handwerk wurde ich vorerst nicht eingewiesen. Ich mußte mich in Geduld üben. Erst im zweiten Jahr erlaubte mir Poul, mit Bruyère-Holz zu arbeiten. Dabei weihte er mich jedoch keineswegs in seine Geheimnisse ein. Er gab mir einfach ein Stück Holz und zeigte mir, wie die Pfeife am Ende aussehen sollte. Kurzum, er zwang mich, eigenständig zu arbeiten. Wie viele Stücke Bruyère-Holz haben Sie dazu benötigt? [Lächelt.] Ich habe sie nicht gezählt, aber es waren sehr viele … Nach Rasmussens Tod wurde ich Geselle bei dessen langjährigem Freund Sixten Ivarsson, der Begriffe wie ›Danish Freehand‹ geprägt hatte. Um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete ich in der Pfeifenfabrik ›W.O. Larsen‹, und abends weihte mich Ivarsson in die hohe Kunst des Pfeifenmachens ein. Das heißt, morgens die klassische ›Billiard‹ und abends ›Freehand‹? Ganz genau. Bedeutet ›Freehand‹ das fortgeschrittene Stadium in der Pfeifenkunst nach der Klassik? Die schwierigste Pfeifenform überhaupt ist die klassische ›Billiard straight grain‹. Eine schwierigere Form ist eigentlich nicht vorstellbar. Der ›Freehand‹-Stil regt dagegen zu mehr Phantasie an. Erlaubt ist, was gefällt. Allerdings sind viele Pfeifenmacher mit rein klassischen Formen überfordert. Mir gelingt mittlerweile das eine wie das andere. Meine Pfeifen haben sehr ausgefeilte Formen. Das liegt daran, daß meine Pfeifen reine Handarbeit sind und nicht wie am Fließband produziert werden. Jede einzelne wird bis zur Perfektion bearbeitet. Ich versuche stets, die ideale Pfeifenform zu finden, indem ich immer auch ihre Geometrie berücksichtige. ![]() Und das hat Ihnen alles Ivarsson beigebracht? Er erlaubte mir, mich auf allen Gebieten auszuprobieren. Und vieles von dem, was ich heute beherrsche, verdanke ich ihm. Das erste Lob für eine meiner Pfeifen erntete ich allerdings erst, nachdem ich bereits mehr als 100 Stück gefertigt hatte. Haben Sie diese Pfeife noch? Leider nicht. Was war Ihrer Meinung nach der Durchbruch für Sie? Das größte Tabakgeschäft Chicagos, Iwan Ries, gab einen Katalog heraus. Gemeinsam mit Ivarsson fertigte ich dafür einige Pfeifen. Die Amerikaner wählten für den Einband des Katalogs ausgerechnet eines meiner Modelle aus. Ivarsson war sehr betroffen, jedoch im positiven Sinne. Der Schüler sei über seinen Lehrer hinausgewachsen. Nach kurzer Zeit begann ich, alleine zu arbeiten. Sie eröffneten Ihre eigene Werkstatt? Nicht sofort. Zunächst mußte ich zur Armee. Nach dem Militärdienst arbeitete ich noch ein halbes Jahr bei Ivarsson. Doch nachdem ich Ivarsson verließ, gründete ich gleich am darauffolgenden Tag meine eigene Firma. ![]() Konnten Sie nichts mehr von Ivarsson lernen? Sixten sagte zu mir, ich sei nun so weit, auf eigenen Beinen zu stehen. Und just in diesen Tagen lernte ich meine künftige Frau Bonnie kennen. Wir verließen Kopenhagen und zogen aufs Land. Fühlten Sie sich damals bereits als wahrer Meister? Das kam erst später. Damals mußte ich erkennen, daß es nicht nur darauf ankommt, Pfeifen anfertigen zu können, sondern auch darauf, Kunden zu gewinnen. Noch bei Ivarsson zeigten Pfeifenliebhaber aus Dänemark, den Vereinigten Staaten und Japan großes Interesse für meine Stücke. Sie waren meine ersten Käufer. Doch ich mußte auch neue Interessenten finden. Dazu reiste ich durch ganz Europa: Finnland, Deutschland, Italien … Und wovon lebten Sie und Ihre Frau in dieser Zeit? Na ja, wir schlugen uns mehr schlecht als recht durch. Wir hatten ein altes Haus, ein altes Auto … Außerdem war Bonnie auch berufstätig. So war es zu schaffen. Heute sind Sie derart erfolgreich, daß sogar ›Stanwell‹ zu Ihren Auftraggebern zählt. Das ist richtig. Zunächst arbeitete Ivarsson für ›Stanwell‹. Danach war ich dann zehn Jahre lang für das Design von ›Stanwell‹ verantwortlich. Welche Auftraggeber hatten Sie noch? Die deutsche Firma ›Kohlhase, Kopp & Co‹ und das Tabakgeschäft von René Wagner in Zürich. Wie viele Pfeifen stellen Sie her? Um die 200 pro Jahr. Mehr nicht. Ihre Pfeifen sind nicht gerade billig. Eine sandgestrahlte Pfeife kostet im Durchschnitt 800 bis 900 Euro. Die Preise für die glatten Modelle beginnen ab 2000 Euro. Schließlich werden die seltensten und schönsten Exemplare mit einer Gravur in Form einer Taube versehen. Bei diesen Pfeifen liegen die Preise bei ungefähr 5000 Euro. Sie haben nach meinem Empfinden die ideale Form und sind aus dem besten Bruyère-Holz, daß heißt ohne Fehler und mit perfekter Maserung. Sind diese beiden Voraussetzungen erfüllt, handelt es sich um ein Top-Modell. Im Durchschnitt gelingen mir zwei solcher Superpfeifen im Jahr. Letztes Jahr verdiente beispielsweise nur eine die gravierte Taube. In diesem Jahr hingegen sind es bereits drei Pfeifen. Und welche Ihrer Pfeifen ist die teuerste? Das läßt sich nur schwer sagen. In Japan beispielsweise habe ich gesehen, daß eine meiner Pfeifen mit einem Aufpreis von fast 700 Prozent gegenüber dem Preis verkauft worden ist, der in Europa verlangt wurde. Wieviel Zeit nimmt es in Anspruch, eine Pfeife zu fertigen? Das weiß man im Vorfeld nie. Weil es von der Qualität des verwendeten Bruyères abhängt. Es können Fehler, Kavernen oder Punkte auftreten. Dann ist die Herstellung sehr zeitaufwendig. Aber auch bei der Fertigung anderer Pfeifen kann man wertvolle Zeit verlieren. Ist es dann nicht sinnvoller, einfach ein anderes Stück Bruyère-Holz zu verwenden? Natürlich. Deshalb besitze ich auch den größten Ofen Dänemarks. Ich sortiere sehr viel Holz aus. Verwenden Sie nicht ausschließlich das hochwertigste Material? Ich verwende nahezu ausschließlich korsisches Bruyère. Es ist robuster, schöner und lebendiger als anderes. Ich kenne mich damit sehr gut aus, da ich bereits viele Jahre mit diesem Holz arbeite. Ist auch das Alter des Holzes von Bedeutung? Für mich spielt es keine Rolle, wie alt das gesamte Holzstück ist. 50 Jahre, 100 Jahre. Für mich ist nur der Abschnitt in Wurzelnähe wichtig. Dieser muß in den letzten 20 Jahren gewachsen sein. Dann besticht er meiner Meinung nach durch seine Schönheit und kann als hochwertig bezeichnet werden. Es heißt, in letzter Zeit sei es sehr schwierig geworden, gutes Bruyère zu finden … Es herrscht durchaus kein Mangel an Bruyère-Holz. Die Qualität hängt jedoch davon ab, auf welcher Höhe es wächst. Das Holz, das auf hochgelegenen Plateaus wächst, wächst langsamer und ist somit von seiner Struktur her kräftiger. Allerdings ist es auch schwieriger, das Holz in diesen Höhen zu fällen. Es ist nicht gerade einfach, die Plateaus zu erreichen. Wenden Sie eine bestimmte Technik bei der Behandlung des Bruyères an? Ivarsson hatte hierzu eine hervorragende Idee. Er bewahrte das Bruyère an demselben Ort auf, an dem er auch die Pfeifen daraus schnitzte. Damit verhinderte er schädliche Temperaturschwankungen. Das Bruyère konnte sehr gut trocknen, und die Pfeife ließ sich später wunderbar rauchen. Bruyère-Holz muß mindestens vier Jahre getrocknet werden. Ich habe allerdings auch Stücke, die bereits mehr als 30 Jahre in meiner Werkstatt lagern. Wer erledigt bei Ihnen denn die»niederen Arbeiten«? Also: Wer besorgt beispielsweise das Holz und trocknet es? Ich habe weder Hilfskräfte noch Auszubildende. Kandidaten gibt es mehr als genug, doch bislang habe ich noch nicht den geeigneten Schüler gefunden. Hinzu kommt, daß meine Werkstatt sehr klein ist. Neben den vielen Maschinen, die dort untergebracht sind, hätte eine weitere Person schlicht und einfach keinen Platz. Ist das nicht ungerecht? Schließlich hatten Sie zwei Lehrmeister. Und Sie selbst wollen Ihr Wissen nicht weitergeben? Das dänische Gesetz schreibt eine Abgabe für jeden Auszubildenden vor. Darin sehe ich reine Geldverschwendung. Als ich bei Ivarsson in die Lehre ging, gab es ein derartiges Gesetz noch nicht. Außerdem beschäftige ich derzeit zwei Praktikanten aus Japan und der Schweiz. Beide sind Pfeifenbauer, die bereits das Handwerk beherrschen und bei mir zusätzliche Erfahrungen sammeln möchten. Sie arbeiten in meiner Werkstatt ohne Versicherung und auf eigene Verantwortung. Wenn man alleine arbeitet, ist man unabhängig. Doch sobald man jemanden beschäftigt, muß man sich auch um ihn kümmern. Und dann würde ich meinen Aufträgen nicht mehr gerecht werden können. Ich habe nun einmal nur zwei Hände. Aber Sie haben doch einen großen Namen, und es gibt eine enorme Nachfrage nach Ihren Pfeifen. Stellen Sie doch jemanden ein und erweitern Sie Ihre Produktion … Das ist für mich unvorstellbar. Die Pfeifen, die meinen Namen tragen, stelle nur ich selbst her. Und nur ich verpacke sie für den Versand. Probieren Sie auch andere Pfeifen aus? Ich rauche nur meine eigenen, da ich sie als angenehm empfinde. Ich mag die Dicke des Mundstücks und die Größe von Holm und Kopf. Das bedeutet, Sie fertigen die Pfeifen nach Ihren eigenen Bedürfnissen an. Im Grunde genommen ja. Und ich hoffe dabei, daß mein Geschmack den meiner potentiellen Kunden trifft. Stellen Sie die Mundstücke auch selbst her? Das Mundstück hängt entscheidend von der Form der Pfeife ab. Damit es sich ideal an den Holm anpaßt, fertige ich es selbst. Ich verwende dafür einen speziellen mit Perlmutt versehenen Bambus. Ebonit wird beim Rauchen schnell heiß und sondert dann einen störenden Eigengeschmack ab. Beim Mundstück aus Bambus kühlt der Rauch ab, wodurch kein unangenehmer Beigeschmack entstehen kann. Wen halten Sie für den größten Pfeifenmacher aller Zeiten? Diese Frage läßt sich nicht eindeutig beantworten. Oder könnten Sie sich darauf festlegen, wer der größte Maler aller Zeiten ist? Aber ich denke, Sixten Ivarsson ist der größte Meister, da er den ›Freehand‹-Stil begründete. Ohne ihn wären die modernen Formen wohl undenkbar. Heute gibt es eine ganze Reihe großer Meister, deren Pfeifen zu wahren Sammlerstücken geworden sind. Hier wären beispielsweise Bo Nordh, Lars Ivarsson, Per Hansen und Ulf Nortensmeier von der Firma ›S. Bang‹ zu nennen. Unsere Pfeifen können sich nur sehr wohlhabende Menschen leisten. Wieviel Zeit verbringen Sie in Ihrer Werkstatt? Meine Frau sagt, ich sei dort Tag und Nacht. Und sehen würden wir uns nur, wenn wir gemeinsam verreisen. von Sergej Drosdow |
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