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Hinter Glas Skeleton. Einigen scheint dieses Wort furchterregend, besonders sensiblen Naturen gar erschreckend, es kann jedoch mehrere Bedeutungen haben. Gleich vorweg: Wir reden hier nicht von superschnellen Schlittensportarten, die in der Tat äußerst unangenehme Folgen für die Gesundheit haben können, sondern von einem absolut ungefährlichen weiterentwickelten Uhrenmechanismus. Skelettierte Modelle sind Vertreter der wohl schönsten chronometrischen Familie und auch der präzisesten. Besonders wichtig ist aber, daß sie sich an der Schnittstelle einer extrem spezialisierten Uhrenkunst zu der Kunst als solcher befinden. Das Wort selbst weckt zunächst einmal Assoziationen: Die Nähe zum Begriff »Skelett« scheint nicht von ungefähr zu kommen. Ein Skeleton ist jedoch nicht unbeweglich, sondern lebt, pulsiert, verändert sich strukturell – und das jede Sekunde. Der sich offenbarende Mechanismus läßt sich sehr gut mit einem Haus vergleichen, in dessen tragende Wände unzählige Öffnungen, Bögen und Fenster eingebracht wurden, welche die Gesamtkonstruktion dennoch nicht beeinflussen. Bei den Skeletons wirken die durchsichtigen Platinen, Brücken und Hebel äußerst zerbrechlich, scheinen ungeeignet für das ermüdende Abzählen der Zeit. Genau hinter dieser Illusion verbirgt sich die große Anziehungskraft von Skeletons. Eine Kollektion von »aufgeschnittenen« Uhren kann man sehr lange betrachten, ohne Gefahr zu laufen, gleiche oder gar ähnliche Exponate zu sehen. Die ersten Skeletons erschienen bereits vor einigen Jahrhunderten, und eigentlich begann die Geschichte der universalen Haute Horlogerie mit ihnen. Das nicht etwa aufgrund der kreativen Versuche der Handwerksmeister, auch nicht aufgrund ihrer Bemühungen, etwas Originelles zu bauen, sondern weil das Zahnrad bedeutend früher als die Gehäuse-Zifferblatt-Form geboren wurde und der Uhrenmechanismus in der ersten Zeit offen zutage lag. Schließlich galt in der frühen Neuzeit die Zeitanzeige als wichtigste Errungenschaft der Uhren, doch solange sie nicht präzise einstellbar war, konnten alle anderen Probleme warten. Natürlich erinnerten die grob modellierten Skeletons des 16. und 17. Jahrhunderts nicht an jene gravierten Wunderwerke, welche heutzutage die Phantasie anregen und mit denen führende Hersteller ihre kenntnisreichen Kunden reizen. Überhaupt entstand die Idee, überschüssiges Metall von den Platinen, Brücken und ähnlichen Bestandteilen der Mechanismen zu entfernen, erst viel später, als die übersättigten »Chronomanen« das längst vergessene Alte reanimierten und ihm neues Leben einhauchten. Es wurde nachgewiesen, daß man einen gewöhnlichen Uhrenmechanismus um 70 Prozent (!) erleichtern kann, indem man mit speziellen winzigen, laubsägeartigen Werkzeugen »Überflüssiges« gezielt »herausschält«, die restlichen 30 Prozent maximal ausdünnt und in bemalte durchsichtige, gleichwohl metallene Spitze verwandelt, die dick mit Gravuren oder Edelsteinen besetzt ist. Es ist typisch, daß es relativ schwierig ist, die Zeit mit Hilfe dieser Uhren abzulesen, da sich die Zeiger im Geflecht der krummen Linien der Zahnräder und Brücken verlieren, auch deshalb, weil jegliche Zeichen fehlen. Vermutlich sind die Zeiger im Idealfall unnütz und dienen nur als Wiedererkennungszeichen, damit man den Skeleton nicht mit »gewöhnlichem« Schmuck verwechselt. Apropos Schmuck. Der kleinste Skeleton der Welt, einzig zur Erquickung der Augen konzipiert und nicht zur Bestimmung der Zeit, wurde 1989 vom Schweizer Uhrenmacher Armin Strom gebaut. Ein Jahr später wurde dieses winzige geldstückgroße Damenmodell ins Guinness Buch der Rekorde eingetragen, in dem es bis heute sicher aufgehoben ist – ohne die Gefahr, von kompakteren Konkurrenten verdrängt zu werden (weil es sie nicht gibt). Und noch eine weitere Beobachtung. Viele, wenn nicht sogar die meisten modernen teuren Uhren kann man mutig als »Halb-Skeletons« bezeichnen wegen des durchsichtigen Bodens, durch den man hervorragend den innen liegenden Körper sehen kann. Auch wenn die Einzelteile nicht herausgemeißelt und traditionell schwer sind, ist das Dekor dennoch gewöhnlich in beeindruckender Vielfalt vorhanden. Dieser Trend nimmt jährlich zu, da er die geheimnisvollen Seiten der menschlichen Seele berührt, das Vergnügen der Empfindung, etwas Mystisches zu besitzen. Das Schauspiel ist schließlich nicht für jedermann bestimmt, sondern nur für den Besitzer höchstselbst, der, wann immer er will, das Objekt seines Stolzes zum meditativen Studium vom Handgelenk nehmen kann. Eine unschätzbare Möglichkeit, vor allem, wenn es um so ein intimes Objekt wie eine Armbanduhr geht. Corum. Golden Bridge Dieses zweifellos zu den originellsten Exemplaren der Welt zählende Skeleton hat sich die Firma ›Corum‹ selbst zum 50‑jährigen Jubiläum geschenkt. Das Modell von 1980, das eine Sensation für die Uhrengemeinde darstellte, hat ein gewisses Restyling erfahren und erschien vor den Augen des entzückten Publikums der ›Baselworld 2005‹ in modernisierter avantgardistischer Form. Scharfzüngige Menschen bezeichnen den vertikalen Mechanismus der ›Golden Bridge‹ als einen »Kristallsarg«, in dem eine schlafende Prinzessin liegt, was uns sehr treffend zu sein scheint, doch wer möchte, kann das Wort »Sarg« durch »Loge« ersetzen. Entfernt man die Zeiger von der »Brücke« und zeigt diese Brücke einem in chronometrischen Raffinessen nicht sehr bewanderten Menschen, so wird der Betreffende schwerlich die goldene, in Saphire gefaßte »Säule« als Uhr identifizieren. ![]() ›Golden Bridge‹ von ›Corum‹ Insgesamt sollen lediglich 200 Exemplare hergestellt werden: je 50 Stück in drei verschiedenen Goldfarben und in Platin. Wahrscheinlich ist jedoch, daß in dem Moment, in dem diese Zeilen gelesen werden, der Großteil der Auflage bereits vergriffen sein wird. Der Mechanismus (mit Handaufzug) ist graviert, selbstverständlich von Hand. Die Gangreserve ist recht gering (entspricht eher dem normalen Standard): 40 Stunden, was für solche Chronometer allerdings nicht sonderlich wichtig ist. Wasserbeständigkeit bis 30 Meter. Piaget. Emperador Tourbillon Squelette Eine nächste luxuriöse Variation auf ein »kompliziertes« Thema in der Ausführung des hochverehrten Mitglieds der Gruppe ›Richemont‹. Die Zusammenstellung ist wie gehabt: der durch den Buchstaben »P« gekennzeichnete Tourbillon-Schlitten an der Ziffer »12«, Stunden- und Minutenzeiger auf der zentralen »Mutter-Achse«. Die Ausführung beeindruckt durch Neuartigkeit und Luxuriösität: Das Gehäuse ist aus Weißgold, Brücken und Klappschließe sind mit 336 Brillanten (Gesamtgewicht 3 Karat) besetzt, die Platine außerdem mit sieben Saphiren (0,2 Karat) verziert. ![]() ›Emperador Tourbillon Squelette‹ von ›Piaget‹ Ein leichter gewordener Mechanismus braucht eine leichter gewordene Komplikation. Nun denn: Die »Imperatoren« von ›Piaget‹ sind berühmt wegen ihrer superleichten Tourbillon-Schlitten, die aus 42 Teilen bestehen und dabei nur 0,2 Gramm wiegen. Die Maße des Gehäuses: 22,40 mal 28,64 Millimeter, wobei die Gangreserve ungefähr 40 Stunden beträgt. Das Modell wird ausschließlich in Boutiquen von ›Piaget‹ verkauft. Peter Speake-Marin. The Piccadilly Minute Repeating Tourbillon Noch keine 40 Jahre alt – und schon gehört der britische Meister Peter Speake-Marin zu den wenigen Gesetzgebern der Welt-Uhren-Mode. Das vorliegende Exemplar ist ein ›Piece unique‹ und in Zusammenarbeit mit dem berühmten holländischen Graveur Keith Engelbart entstanden, der vor kurzem seine eigene exklusive Chronometer-Serie herausgebracht hat. Der silberne Mechanismus mit Handaufzug ist mit 16 Brillanten inkrustiert, das Gehäuse aus Platin. ![]() ›The Piccadilly Minute Repeating Tourbillon‹ von Peter Speake-Marin Der Tourbillon liegt unter der Ziffer »9«, doch wer ihn sich genauer betrachten möchte, sollte durch den Saphir-Boden schauen. Aus dieser Perspektive sind auch die Minuten-Repetitoren gut zu sehen. Wer davon träumt, etwas Ähnliches für den persönlichen Gebrauch zu erwerben, dem empfehlen wir, sich persönlich mit Peter Speake-Marin in Verbindung zu setzen. Der Engländer ist zwar sehr mit Arbeit überlastet, dennoch stets bereit, einen interessanten Auftrag eines anspruchsvollen Klienten auszuführen. Vacheron Constantin. The Patrimony Minute Repeater Ein selten schönes Beispiel für einen Skeleton. Man hat den Eindruck, als ob in das goldene Gehäuse eine Handvoll unterschiedlich großer und unterschiedlich farbiger Einzelteile geschüttet und in dieser Unordnung belassen worden wäre. Das scheinbare Chaos ist indessen präzise organisiert, reguliert und für das reibungslose Funktionieren über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte kreiert. ![]() ›The Patrimony Minute Repeater‹ von ›Vacheron Constantin‹ Bemerkenswert ist die Kombination von gemäßigt dekorierten und polierten Mechanismusfragmenten, die den Eindruck von erregendem avantgardistischen Eklektizismus erwecken. Die goldenen Ziffern und die römischen Zahlen sind mit Hilfe der Siebdruckmethode auf der Rückseite des Saphirglases angebracht worden. Falls sich jemand nach dem Preis dieser eleganten Kostbarkeit erkundigen möchte, sei er ihm schon an dieser Stelle mitgeteilt: Sie kostet fast 600.000 Euro. Audemars Piguet. Edward Piguet Sapphire Dies ist ein nicht ganz gewöhnlicher Skeleton, besser gesagt ein absolut ungewöhnlicher. Die Hauptplatte des Mechanismus ist aus einem Stück Rutil-Quarz gefertigt und deshalb nahezu unsichtbar. Die Anfertigung von Rutil-Einzelteilen ist ein recht komplizierter und langwieriger Prozeß und daher kaum verbreitet innerhalb der Uhrenwelt. Das Resultat rechtfertigt dafür alle moralischen und materiellen Ausgaben: Die Brücken und die darauf montierten Brückenteile schweben buchstäblich in einer schwerelosen Atmosphäre und sind von allen Seiten gut zu sehen. ![]() ›Edward Piguet Sapphire‹ von ›Audemars Piguet‹ Trotz der luxuriösen Ausstattung und Ausführung macht dieses Modell einen recht lakonischen Eindruck und verfügt über alle High-Tech-Merkmale. Die folgenden zwei Beispiele kann man zwar nur mit Mühe und Not als Skeletons bezeichnen, jedoch erinnern sie daran, wie die Uhren vor 100 Jahren ausgesehen haben, als die Vorfahren der modernen Uhrenmacher noch nicht gelernt hatten, die Resultate ihrer Arbeit in schöne Formen zu verpacken. Blancpain. Tourbillon Transparence Dies ist auch ein »Geschenk an sich selbst«. ›Blancpain‹ feierte das 270. Jubiläum mit der 27. Serie »durchsichtiger Tourbillons«. Eine Serie alle zehn Lebensjahre. Das Zifferblatt fehlt bei diesem Modell. Statt dessen prunkt unter dem Saphirglas ein von ›Côtes de Genève‹ mit schrägen Linien gravierter Mechanismus, in dessen oberen Teil ein fliegender Tourbillon untergebracht ist und im unteren ein doppelter scheibenförmiger Datumsanzeiger. Die Scheiben selbst sind fast vollständig sichtbar; die jeweiligen Zahlen bauen sich im Fenster auf, das auf der Rückseite des Glases aufgemalt ist. Im Gegensatz zu allen anderen oben aufgeführten Skeletons hat der ›Tourbillon Transparence‹ eine riesige Gangreserve von sieben Tagen. ![]() ›Tourbillon Transparence‹ von ›Blancpain‹ Selbstverständlich behaupten wir nicht, daß die hier beschriebene Uhr eine genaue Kopie jener bis heute erhaltenen Chronometer ist, die vor langer Zeit entstanden sind, aber unverkennbar handelt es sich dabei um eine Verbeugung vor den Verdiensten der ersten Apologeten der Haute Horlogerie. Breguet. La Tradition Hier muß man nicht raten. Der Name spricht für sich selbst. Tradition in Reinform. Im Moment gibt es keine konzeptuellen Analogien zu diesem Gerät zur Bestimmung der Zeit. An dekorativen Elementen gibt es lediglich die Guilloche auf dem kleinen Zifferblatt an der Ziffer »12«. Alles andere erinnert eher an ein »rohes« Kaliber, das zufällig in ein fertiges Gehäuse geraten ist. Anscheinend nicht sehr kreativ, einfach das Zifferblatt verwahren, aber bis zum letzten Augenblick wurde diese Prozedur von Verschönerungsarbeiten am Uhrwerk begleitet. ![]() ›La Tradition‹ von ›Breguet‹ Die Künstler von ›Breguet‹ haben bereits vor langer Zeit allen und jedem bewiesen, daß sie keine Angst davor haben, den Mechanismus ohne Aufputz zu demonstrieren, und sie haben damit möglicherweise den Anfang für einen neuen Trend gesetzt. Es würde uns nicht wundern, wenn schon bald mehrere ähnliche Modelle mit dem Logo angesehener Manufakturen auf den Markt kommen würden. Der Anzeiger für die Gangreserve betont die »Erstmaligkeit« der ›La Tradition‹: ein einfacher Zeiger und Ziffern, direkt auf die Platine geprägt. Übrigens können Fans dieser Marke hier die berühmte Antigravitationsvorrichtung sehen, jene »Parachute-Stoßsicherung«, die Abraham-Louis Breguet in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts erfand. von Alexander Wetrow |
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