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Glücksrad

Clark Gables Hobbys waren wie sein Leinwand-Image: männlich und energisch. Der King of Hollywood liebte das Risiko – und schöne Frauen, Jagd und Fischfang, gute Cigarren, teure Pfeifen und Automobile.

»Er hat zu große Ohren, und überhaupt sieht er aus wie ein Affe.« Die Rede ist von Clark Gable, Sex-Symbol Hollywoods, die Inkarnation von Männlichkeit, der Schwarm von Millionen Frauen. Vielleicht war der Producer, der diesen Satz sagte, einfach nur neidisch auf Clark?

Wohl kaum. Es war Ende der 20er Jahre. Gable war noch keine internationale Berühmtheit, noch nicht von Millionen Fans umringt, und die Filme, in denen er spielte, ermöglichten ihm noch nicht die volle Entfaltung seines männlichen Charmes …

Auf dem Weg zum amerikanischen Traum
Clarks Vater war Farmer, offenbar jedoch nicht sonderlich erfolgreich. Wieso hätte er sonst als Erdölarbeiter schuften und seinen 14‑jährigen, 1901 geborenen Sohn in ein Reifenwerk schicken sollen?

Interessant: Beide Gables fanden in einem Betrieb Arbeit, der unmittelbar mit einem der Industriezweige Amerikas verbunden war, der sich in diesen Jahren besonders stürmisch entwickelte: dem der Automobilindustrie. Gerade dieser Zweig wurde bald zu einem der Symbole für Macht und Reichtum der Vereinigten Staaten. Das Automobil war bereits nicht mehr nur ein Fortbewegungsmittel für Millionen Bürger unterschiedlichsten Lebensniveaus, sondern ein Zeichen für Wohlstand, die Visitenkarte des Besitzers, der eine bestimmte Stufe der langen sozialen Leiter erklommen hatte. Clark hatte dies natürlich kapiert. Aber es verging mehr als ein Jahr, bis der Junge, der sich von morgens bis abends dem ätzenden Kautschukstaub aussetzte, seiner Leidenschaft für teure und schnelle Automobile freien Lauf lassen konnte.

Zunächst ging er, seinem hauptsächlichen Hobby Theater frönend, als Hilfs­arbeiter an ein Wandertheater. Der Lohn war mäßig, doch Clark konnte schon kleine Rollen übernehmen.

Der junge Mann besuchte weder Universitäten noch »Akademien«; dafür lernte er schnell von den Menschen an seiner Seite. Zweifellos war seine Frau Josephine Dillon damals seine wichtigste Ratgeberin; immerhin war sie ein halbes Dutzend Jahre älter als ihr Mann.

Die Gables zogen nach Hollywood. Hier war Clark dem »Allerheiligsten«, dem Olymp der amerikanischen Film­industrie, ganz nahe. Anfang der 30er Jahre spielte er Rollen vom Klein­darsteller in Massenszenen bis hin zum Gangster und allen möglichen anderen Schurken in zumeist unbekannten Filmen. Für diese Art von Filmen war der Schauspieler Gable nicht unbedingt notwendig; Clark reichte voll­kommen aus – jung, männlich, begeistert von Frauen, Fischfang, Jagd und Pferden, von Cigarren und Pfeifen. Doch er fühlte, daß er zu mehr fähig war, und wollte ein »richtiger« Schauspieler werden.

Endlich wurde die Leitung des einflußreichsten Hollywood-Imperiums auf ihn aufmerksam, ›Metro Goldwyn Mayer‹. Er wurde zum romantischen Helden des neuen Tonfilms (bei weitem nicht alle Stars aus Stummfilmen konnten ihre Karriere fortsetzen). Jetzt spielte er hinterli­stige Verführer; eine seiner Partnerinnen war die berühmte Greta Garbo. Clark befand sich nicht nur auf halbem Weg zum Olymp, sondern bereits fast auf dem Gipfel. Es fehlte ihm nur noch ein bißchen Glück. Und Fortuna ließ ihn nicht im Stich …

Im Schein des ›Oscars‹
Noch ein Schritt – und Gable gehört zur ersten Reihe: In seine Filme werden Millionen begeisterter Mädchen und Hausfrauen gehen und für anderthalb Stunden die alltäglichen Sorgen vergessen. Kleine Angestellte werden versuchen, ihn als einen Jungen aus ihrem Arbeiterstadt­bezirk »zu sehen«. Er und seine Helden werden sie nicht enttäuschen.

In dieser Zeit wurden Autos zum unverzichtbaren Attribut des amerikanischen Lebens. Anfang der 30er Jahre fuhr Gable einen ›Packard‹, der gewöhnlich offen und zweitürig war, und außerdem war der ›Packard Super Eight‹ von 1934 auffällig rot. Genau dieses Automobil galt unter den Filmstars als Standard. Die Marke war eine der angesehensten in den USA, ja sogar in der ganzen Welt und stand auf einer Stufe mit ›Cadillac‹ und ›Lincoln‹ … oder sogar eine halbe Stufe höher.

Gable avancierte zum ewigen »Liebhaber und Helden«, und wahrscheinlich war dies auch die Zeit, als Autos für ihn genau so wichtig wurden wie Frauen. Mittlerweile war er schon zum zweiten Mal verheiratet: mit der mondänen Maria Langham, einer reichen Witwe mit zwei Kindern, mit denen sich der junge Stiefvater sehr bald gut verstand.

1934 meuterte Gable. Er erdreistete sich, seinen Bossen entgegenzutreten, indem er es rundweg abschlug, erneut Gangster- und Schurkenrollen zu spielen, bestens »geeignet«, seine Karriere als Liebhaber zu überschatten. Die Chefs von ›MGM‹ schickten den widerspenstigen Schauspieler zu ›Columbia‹ in die »Verbannung«. Hier drehte er unter der Regie von Frank Capra den Film It Happend One Night und … erhielt einen ›Oscar‹ für seine schauspielerische Leistung.

Dies war nicht nur ein Sieg, sondern ein Triumph.

Die königliche Kollektion
Alles weitere lief nach Hollywood-Muster ab: Kaum ein Jahr verging ohne eine neue und kommerziell erfolgreiche Filmpremiere. Automobile kaufte Gable wahr­scheinlich noch öfter, als er sich seinen Fans in einer neuen bedeu­tenden Filmrolle präsentierte.

Jetzt konnte er es sich erlauben, sich voll und ganz dem »Automobilrausch« hinzugeben. 1935 schaffte sich der Schauspieler einen grellgelben ›Duesenberg SJ‹ an, einen luxuriösen, äußerst leistungsstarken, logischerweise unglaublich teuren Roadster mit riesigen Scheinwerfern und langer Motorhaube. Gable und ein anderer berühmter Kollege, Gary Cooper, der ein analoges Modell fuhr, jedoch mit vier Türen, machten den »Duesy« (so nannten amerikanische Fanatiker diese Marke) besonders unter Hollywood-Stars zur Mode.

Bald darauf, 1938, fügte der Mime seiner Garage noch einen ›Packard‹ vom Modell ›Eight‹ hinzu mit dem äußerst seltenen, speziell in Auftrag gegebenen Chassis eines Roadsters.

Nachdem der Schauspieler dem Automobil-Patriotismus seinen Tribut gezollt hatte, richtete er seinen Blick auf Wagen aus England, die etwas prüde und konservativ, dafür aber ausgenommen aristokratisch und natürlich schnell waren. Genau diese Attribute vereinigte der geräumige ›Lagonda Rapide‹ auf sich. Fast zur selben Zeit kaufte Gable das absolut exotische, ebenfalls britische Cabriolet ›Jensen 3.51‹. Diese recht seltenen Autos waren mit amerikanischen Motoren von ›Ford‹ und ›Nash‹ ausgerüstet. Die kleine Firma ›Jensen‹, die später einen Aufschwung erlebte, stand seinerzeit kurz vor dem Zusammenbruch und brüstete sich stets mit dem transatlantischen Klienten, wobei sie bei jeder Gelegenheit daran erinnerte, daß Clark Gable einen ›Jensen‹ gefahren hat.

Als der »King of Hollywood« – jetzt war dieser Beiname endgültig für Gable reserviert – 1939 die blauäugige Blondine Carole Lombard heiratete, schauspielerndes Sex-Symbol des amerikanischen Kinos, hatten die Jungvermählten bereits einen stattlichen Autopark zu ihrer Verfügung. Übrigens spielte der chice ›Packard‹ von 1938 eine nicht unwesentliche Rolle in der stürmischen Liebesaffaire von Clark und Carole. Er war das be­vorzugte Automobil der beiden Verliebten.

Nach dem berühmten Leinwand­epos Vom Winde verweht ergänzte Clark seine Kollektion und kaufte einen ›Buick‹ im modischen ›Woody‹-Stil, das heißt, ein Teil der Karosserie war aus Holz gefertigt. War etwa Gable der Auslöser dafür, daß »Wald-Automobile« (ge­nannt »Station wagons«, weil mit großem Kofferraum ausgestattet und für Farmer gedacht, nicht aber für Filmstars) vor allem bei der Bohème-Jugend in Mode kamen?

Schließlich war Gable auch Besitzer eines weiteren amerikanischen Motoren-Fetischs, dem Symbol eines echten Yankees – einer ›Harley-Davidson‹. Clark hatte sie kurz vor dem Krieg erworben, genauer gesagt kurz vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg.

Der Luftkrieg mit dem Schicksal
Es sah danach aus, als ob Clark und Carole wirklich das ideale Paar waren. Ihr Familienleben glich einem Kinofilm …

Das Flugzeug stürzte in den Bergen ab. Es dauerte lange, die Leichen zu finden, darunter auch die von Carole, so daß Clark sich selbst auf die Suche begab und fast dabei umkam. Nach der Beerdigung überwand Gable heldenhaft seine Flugangst und ging als Flieger zur Armee. Nicht einer seiner Filmhelden hatte einen solchen Schritt jemals gewagt.

Gable schaffte es bis zum Major, brachte Orden aus Europa mit, jedoch die Wunde in seiner Seele konnte nicht heilen. Clark bediente sich ausgiebig der beliebten Männermedizin, aber der Alkohol half wenig. Mit den Frauen hatte er auch kein Glück. Der Schauspieler heiratete Sylvia Ashley, doch die Ehe ging nach kaum einem Jahr in die Brüche, und die Newcomerin Grace Kelly gab dem ernsthaft verliebten Gable einen Korb. Aber er fand dennoch, was er suchte: Mit Kathleen Spreckles, Model und Schauspielerin, kam sein Leben wieder in normale Bahnen.

Good Bye, King!
Jetzt interessierte sich Gable wieder für das Kino. Erneut gab er die Mode vor: Er kaufte einen luxuriösen blauen ›Cadillac‹. Nach dem Abgang der in den 30er Jahren berühmten Marken war diese die »Nummer 1« geworden. Leistungsstarker Motor, einlullende Aufhängung, riesige Sofasitzflächen – so sieht ein echtes amerikanisches Auto eines amerikanischen Idols aus.

Die alte Liebe zu britischen Autos rostete jedoch nicht. Nach dem nächsten Film bekam der Schauspieler einen ›Jaguar XK 120‹ geschenkt, ein sportliches, elegantes, schnelles und außerdem in diesen Jahren sehr modisches Auto. Als Gegenstück erwarb der Schauspieler den niedrigen, einem Rennwagen ähnlichen britischen ›Allard‹, offen und innen asketisch ausgestattet …

Die letzte Etappe der automobilen Biographie Gables ist mit dem deutschen dreizackigen Stern verbunden. In den Vereinig­ten Staaten wurde Clark Gable einer der ersten Besitzer des legendären ›Mercedes-Benz 300 SL‹, der aufgrund seiner ungewöhnlich zu öffnenden Türen »Gullwing« – »Möwenflügel« – genannt wurde. Das Auto war nicht nur ultramodern in der Konstruktionsweise (sogar Sportflugzeugkonstrukteure interessierten sich ernsthaft für sein Benzineinspritzsystem), extrem dynamisch, sondern auch äußerst teuer. Eleganter sportlicher ›Mercedes‹, Cowboy-Hut, dazu Cigarre – zur Schau getragener »American Dream«!

Der solide klassische ›Mercedes-Benz 300 S‹ wurde zum Lieb­lingsautomobil seiner späten Jahre. Das tabakfarbene Cabriolet mit dem Innenraum in der Farbe von teurem Cognac stand dem nach wie vor rüstigen, energischen Schauspieler gut.

Genau dieses Auto wird assoziiert mit der letzten Lebenszeit und seinem berühmten Film Misfits – Nicht gesellschaftsfähig, in dem der King of Hollywood zusammen mit Marilyn Monroe spielt. Alles ist gesetzmäßig: der provozierend pompöse ›Duesenberg‹: Symbol der Krönung; der strenge, klassische ›Mercedes-Benz‹: Wappen des gereiften, weisen Monarchen, der den Zenit seines Lebens überschritten hat, ohne greisenhafte Schwäche zu erleben. So hatte es das Schicksal gewollt.

von Sergej Orlow

GABLES AUTOPARK

Der legendäre ›Mercedes-Benz 300 SL‹, aufgrund seiner ungewöhnlich nach oben zu öffnenden Türen »Gullwing« genannt, »Möwenflügel«

›Packard‹, Modell ›Eight‹ mit dem auf Bestellung angefertigten, sehr seltenen Chassis eines Roadsters


›Jaguar XK 120‹: sportlich, elegant und schnell


Zum Lieblingsmodell der letzten Jahre avancierte der ›Mercedes-Benz 300 S‹
 
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