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Ungleiche Zwillinge

Sie haben einige erfolgreiche Filme miteinander gedreht, Arnold Schwarzenegger und Danny De Vito. Dazu gehört sicherlich der Streifen Twins (Zwillinge). Äußerlich und in ihrer Lebenshaltung extrem verschieden, finden die beiden nach mehr als dreißig Jahren zusammen. Der eine, Julius alias Schwarzenegger, ein muskelbepackter Hüne, wird als liebenswürdiger, doch realitätsferner Zeitgenosse von seinem Bruder Vincent alias De Vito, einem kleinen Ganoven, in so manch prekäre Situation hineingezogen. Wie es sich für eine märchenhafte Komödie à la Hollywood gehört, kommen die beiden mit heiler Haut davon, ehe sie schließlich ihre Mutter wiederfinden.

Wären zwei Schwarzeneggers oder zwei De Vitos aufgetreten, hätte der Film zwar einiges von seinem Komödienhaften verloren, dafür aber so manche Verwirrung für die übrigen Darsteller bereitgehalten, denn wenn sich zwei Menschen zum Verwechseln ähnlich sehen, fühlen sich die weiteren Beteiligten mitunter skurrilen Irritationen ausgesetzt. Diese Laune der Natur – jenes Aussehen, das eine Verwechslung geradezu impliziert – ist nahezu ausschließlich bei eineiigen Geschwister zu beobachten. Bei zweieiigen Zwillingen sieht das schon anders aus, kann doch bei ihnen die jeweilige körperliche Entwicklung so unterschiedlich verlaufen, daß irgendwann nur noch wenige Übereinstimmungen bestehen.

Bei den Zwillingspaaren, um die es auf den folgenden Seiten geht, verhält es sich ähnlich, denn auch hier haben wir es mit zweieiigen Vertretern einer ganz bestimmten Spezies zu tun …

Nachdem Fulgencio Batista in der Silvesternacht zum Jahr 1959 die größte Insel der Großen Antillen in einem Flugzeug verlassen hatte, übernahm Fidel Castro die Macht auf Kuba. Sein jahrelanger Kampf um die Errichtung einer Demokratie auf Kuba hatte mit dem Sieg der Revolution geendet. Castro hatte sich nicht nur auf seine Kampfgefährten verlassen, hatte nicht nur auf die Unterstützung zahlreicher Campesinos zählen können, sondern wußte auch um das Wohlwollen nicht weniger Großindustrieller, darunter auch maßgebender Cigarrenhersteller. Einige förderten sogar die aufständische Bewegung. Unter ihnen auch Carlos Toraño. 1957 hatte er Fidel Castro persönlich 100.000 Pesos (eine Summe, die damals in etwa 100.000 US-Dollar entsprach) zum Ankauf von Proviant und Waffen für die Guerilleros übergeben.


Als die neue kubanische Führung auf breite Ablehnung innerhalb des politischen und gesellschaftlichen Establishments der Vereinigten Staaten stieß, geriet Castro recht schnell unter den Einfluß der Sowjetunion. Das sollte bald innenpolitische Folgen haben. Der Máximo Lider fing an, seine sozialdemokratischen Ansichten zu ändern. Große unabhängige Betriebe und Privatfirmen paßten auf einmal nicht mehr zu seinen Vorstellungen von einer neuen Gesellschaft.

Stück für Stück begann Castro mit der Verstaatlichung der Industrie, ließ die Cigarrenfabriken jedoch zunächst in Ruhe. Unter verschiedenen Vorwänden gerieten zunächst bedeutendere Betriebe sowie kleinere Plantagen unter staatliche Kontrolle. Die alten Tabakdynastien, die Castro geholfen hatten, an die Macht zu kommen, waren jedoch nach wie vor überzeugt, von solchen Maßnahmen verschont zu bleiben.

Doch der Sturm der Revolution war unerbittlich. Das gefürchtete Unwetter brach am 15. September 1960 über sie herein. Das war der Tag des großen Verhängnisses für die kubanische Tabakindustrie: Sechzehn Cigarrenfabriken, vierzehn Cigarettenbetriebe und zwanzig Tabaklager wurden mit einem Schlag verstaatlicht. Für Carlos Toraño, der sich für einen Freund Castros hielt, war die Verstaatlichung ein Schock. Als vor den Toren seiner Farm in Pinar del Río zwanzig Soldaten mit Jeeps vorfuhren, ging der Unternehmer vor die Tür, um nachzusehen, was vorgefallen sei. Ein Offizier teilte ihm mit, ihm gehörten ab sofort weder Betrieb noch Plantagen und er möge das Territorium der Farm verlassen. Carlos Toraño war ein großer Mann von fast zwei Metern und wog mehr als hundert Kilogramm. Hinter ihm standen fünfhundert Arbeiter, und so antwortete er furchtlos, dies sei eine private Firma und niemand habe das Recht, in sein Territorium einzudringen. Die Belagerung der Farm dauerte drei Tage. Carlos kapitulierte erst, als die Soldaten einige Farmarbeiter festgenommen hatten und drohten, sie zu erschießen.


Es gibt noch eine andere Version, erwähnt in dem Buch Cigar Family: A 100 Year Journey in the Cigar Industry. Danach traf sich Castro persönlich mit Toraño. Ihm gegenüber sitzend, sagte er: »Ich kassiere dein Geschäft ein.« Toraño entgegnete: »Fidel, wir waren doch immer gute Freunde. Erinnere dich, wie ich dir geholfen habe, wie ich dir Geld geschickt habe, als du dich in den Bergen versteckt hast. Was du dir ausgedacht hast, ist nicht notwendig.« Die Antwort: »Du bist ein Dummkopf, Carlos. Und jetzt: Zieh Leine!«

Eine der ersten Fabriken, welche die Soldaten okkupierten, war die von Fernando Palicio, in der die Marken ›Punch‹, ›Hoyo de Monterrey‹ und ›Belinda‹ produziert wurden. Dann kam die Manufaktur ›H. Upmann‹, Fabrikationsstätte der ›H. Upmanns‹ und der ›Montecristos‹, sowie deren Besitzer Alonso Menéndez und Pepe García an die Reihe. Und bald darauf machten sich Soldaten auf den Weg zu Ramón Cifuentes, dem Hersteller der ›Partagás‹. In seinem Büro angelangt, eröffneten sie ihm: »Wir nehmen die Firma in Besitz. Von jetzt ab gehört sie dem Staat.« Ramón Cifuentes durfte noch nicht einmal persönliche Dinge mitnehmen.

Die zentrale Welle der Verstaatlichung auf Kuba endete Anfang 1961. Nahezu jede Tabakplantage war in staatliche Kontrolle übergegangen, und von nun an herrschte in der Cigarrenindustrie das blanke Chaos: Fast alle vorrevolutionären Marken wurden ihres Namens beraubt, bis schließlich Ende 1961 sämtliche Cigarren unter der Marke ›Siboney‹ in drei Formaten produziert wurden.


Recht bald jedoch begriff Castro die prekäre Situation, in die er die Cigarrenindustrie durch seine Maßnahmen gebracht hatte: Ein Land, in dem Cigarren und Tabak zu den wichtigsten Exportartikeln zählen, ohne die berühmten Havannas, ohne Tabakspezialisten? Nachdem er seinen Eifer in bezug auf Verstaatlichung etwas gezügelt hatte, bemühte er sich darum, einige jener Spezialisten in seiner Nähe zu behalten. Ramón Cifuentes war einer der ersten, dem das Angebot unterbreitet wurde, auf Kuba zu bleiben und Chef der Tabakindustrie zu werden. Castro schlug ihm vor, Leiter aller kubanischen Tabakplantagen und Cigarrenfabriken zu werden. Doch der ehemalige Besitzer der Fabrik ›Partagás‹ lehnte ab und verließ einige Tage später die Insel. Der nächste, der gefragt wurde, war Silvio Peréz, einst Leiter der Tabakplantagen von Carlos Toraño. Auch Peréz wollte nicht für Castro arbeiten – und erhielt vierundzwanzig Stunden, um Kuba zu verlassen.

7 Dollar hatte Alonso Menéndez in der Tasche, als er mit seiner Frau und seinen Kindern nach Miami emigrierte. Der einst einflußreiche Tabak­magnat verdiente in seiner neuen Heimat gerade genügend Geld, um seine zehnköpfige Familie zu ernähren. Silvio Peréz wusch Autos, und andere Tabakhersteller arbeiteten als Taxifahrer oder Straßenmusikanten oder fanden sich in irgendwelchen Bars hinter der Theke wieder.


Doch dann kam der 7. Februar 1962. Dieser Tag eröffnete den kubanischen Emigranten eine neue Chance, denn Präsident John F. Kennedy unterschrieb das Papier über die Erweiterung des 1960 verhängten Wirtschaftsembargos gegenüber Kuba. Ab jetzt durften keine kubanischen Waren – unter anderem weder Cigarren noch Tabak – in die Vereinigten Staaten importiert werden.

Der größte Cigarrenkonsument der Welt war von seinem bedeutendsten Lieferanten abgeschnitten worden. Innerhalb weniger Tage leerten sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Regale der Tabakläden zusehends, und bald gab es in den Vereinigten Staaten keine Havannas mehr zu kaufen – und wenn doch, dann zu unglaublichen Preisen, hatten doch einige clevere US-Unternehmer die Zeichen der Zeit erkannt und bis zum Verhängen des Embargos Cigarren und Tabak kubanischer Herkunft in Mengen aufgekauft. Doch sie hielten in der Folgezeit das Angebot knapp. In dieser Situation verlangte der Cigarrenmarkt der Vereinigten Staaten nach neuen Lieferanten. Natürlich versuchten US-amerikanische Cigarrenhersteller, die Situation zum einen zu retten, zum anderen für sich zu nutzen, indem sie ihre Produktion spürbar erhöhten, aber die Resultate waren eher bescheiden. Aller Augen richteten sich auf die kubanischen Exilanten.

Bereits Mitte 1961 hatte die erste Cigarrenfabrik eines Kubaners in Miami ihren Betrieb aufgenommen. Nach Simon Camacho folgten drei weitere anerkannte kubanische Cigarrenmacher seinem Beispiel: Ephraim González, José Padron und Juan Sosa. Die Bewirtschaftung der weit abgelegenen Plantagen und die arbeitsintensive Cigarrenherstellung in den Manufakturen ließen die Kosten für die Cigarrenherstellung jedoch ins Unermeßliche steigen. Die Kubaner waren gezwungen, sich nach neuen Regionen für die Produktion umzusehen.


Die Wahl fiel auf die Kanarischen Inseln. Seit langem wurden hier Cigarren hergestellt. Sie waren zwar von äußerst mittelmäßiger Qualität (und daher nur für den Binnenmarkt vorgesehen), aber das schreckte die kubanischen Auswanderer nicht ab: Sie hatten ihren eigenen, aus Kuba mitgebrachten Samen, die Kanaren die Ressourcen und die Tabacaleros. Außerdem waren die Kosten für die Arbeitskräfte bei weitem nicht so hoch wie im florierenden Miami. Und ein zufriedenstellendes Qualitätsniveau konnten die Kubaner überall erreichen …

Die erste für den US-Markt bestimmte Cigarre der Kategorie »Premium« brachten Alonso Menéndez und Pepe García 1964 heraus. Die beiden Partner nannten ihre kanarische Schöpfung ›Montecruz‹ – analog zu den Cigarren der Marke ›Montecristo‹, die sie einst auf Kuba hergestellt hatten. Warum Menéndez und García nicht den Namen der ihnen gehörenden, bereits eingeführten Marke verwendeten, ist zwar eine berechtigte Frage, aber es geschah nicht ohne Grund.

Erstens hatten die Tabak-Flüchtlinge sehr wohl verstanden, daß weder der kanarische Boden noch das dort herrschende Klima, noch der Boden und das Klima einer anderen Region auf dieser Welt jemals mit den Gegebenheiten auf Kuba zu vergleichen waren. Deswegen gaben sie den neuen Cigarren bewußt nicht die alten Namen. Sie wollten den Ruf der Havanna nicht schädigen. Zweitens glaubten sie einfach nicht, daß Castros Herrschaft länger als fünf Jahre andauern würde, und hofften, alsbald in ihre Heimat zurückkehren zu können.


Castro wiederum hegte keinerlei Rückzugspläne und fing an, die kubanische Tabakindustrie wieder auf ihr ehemaliges Niveau zurückzuführen. Alte Marken wurden wiederbelebt: ›H. Upmann‹ etwa, ›Punch‹ ebenfalls; auch die Marken ›Hoyo de Monterrey‹ und ›Montecristo‹ wurden, neben vielen anderen, ihrem todes­ähnlichen Schlaf entrissen. Nach und nach kehrten berühmte kubanische Cigarren in die Regale der europäischen Tabakläden zurück; das Exportvolumen stieg mit jedem Jahr. Und für die Produktionskontrolle und die Distribution wurde ein staatliches Tabakmonopol gegründet: ›Cubatabaco‹.

Die kubanische Regierung konnte ihre Rechte auf fast alle Havanna-Marken in vielen Ländern der Welt anmelden. Nur in einem gelang das nicht: in den Vereinigten Staaten. Verständlich. Einleuchtend auch die nun einsetzenden Aktivitäten der ehemaligen kubanischen Fabrikbesitzer, die sich bis heute für die rechtmäßigen Eigentümer ihrer legendären Marken halten: Sie meldeten die Rechte an ihren Marken in den USA an. Kubanische Juristen versuchten zwar, sich gegen diese Vorgänge zu behaupten, aber die US-Behörden standen auf der Seite der Exilanten. So begannen »Cigarren-Doubles« mit der Eroberung des US-amerikanischen Tabakmarkts.

Erste kubanische Marke nichtkubanischer Herkunft war die ›Hoyo de Monterrey‹, deren Rechte Fernando Palicio hielt. Seine US-amerikanischen Partner wurden die (nunmehrigen) Tabakmagnaten Frank Llaneza und Dan Blumenthal. In jenen chaotischen Tagen, als das Embargo bevorstand, hatten sie die Situation analysiert und nahezu den gesamten kubanischen Tabak aufgekauft, der in den Vereinigten Staaten zu finden war. Frank Llaneza zufolge war ihre Firma ›Villazon & Co‹ dank dieser Serie erfolgreicher Geschäfte, die zum richtigen Zeitpunkt getätigt worden waren, von einem kleinen, unbekannten Hersteller relativ schnell zu einem wahren Giganten der US-amerikanischen Cigarrenindustrie geworden.

Die Cigarren der Marke ›Hoyo de Monterrey‹ wurden erstmals 1963 im amerikanischen Tampa herausgebracht und in Schachteln verkauft, die mit dem Hinweis »made with real havana leaf« versehen waren. Dieser Umstand sowie die »Ehe« mit der Autorität eines Fernando Palicio, der an ihrem Schöpfungsprozeß beteiligt war, sorgten für einen durchschlagenden Erfolg dieser neuen »alten« Cigarren auf dem US-Markt.

Noch vor seinem Tod im Jahre 1965 hatte Fernando Palicio seine Rechte an den Marken ›Hoyo de Monterrey‹ und ›Punch‹ an Frank Llaneza verkauft. Bis zum Ende der sechziger Jahre wurden dann die ›Hoyos de Monterrey‹ unter Verwendung kubanischen Tabaks von ›Villazon‹ hergestellt. Als die Havanna-Reserven zu versiegen begannen, modifizierten die Amerikaner allmählich die Rezeptur ihrer Cigarren, indem sie den kubanischen Tabak durch solchen aus anderen Ländern ersetzten. Schließlich wurde die Produktion 1969 nach Honduras verlagert. Bald tauchte dort ein weiterer Doppelgänger auf: ›Villazon‹ startete die Produktion einer neuen Cigarrenlinie unter der Marke ›Punch‹.

Kurz vor Ende der sechziger Jahre fand eine weitere Übersiedlungswelle statt, welche die Tabakwelt erneut nachhaltig verändern sollte. Im Bemühen, die Qualität ihrer Produktion zu steigern, hatten die kubanischen Auswanderer begonnen, neue Terroirs in Mittelamerika zu erschließen. In ihrem Gefolge befanden sich die größten Cigarrenproduzenten der Welt.

Im Verlauf einer ganzen Reihe komplizierter kommerzieller Operationen gelangte zu dieser Zeit die einstmals kubanische Marke ›Macanudo‹ in den Besitz von ›General Cigar‹. Ursprünglich befand sich ihre Produktion auf Jamaika, war jedoch nach der Kubanischen Revolution eingestellt worden. Die US-Amerikaner beschlossen, die Marke wiederzubeleben, erwarben aus diesem Anlaß 1969 die jamaikanische Fabrik ›Temple Hall‹ und gewannen Ramón Cifuentes als Berater. Cifuentes hatte sich nie richtig entscheiden können, eine eigene Produktion für die ihm gehörenden Marken ›Partagás‹, ›Ramón Allones‹ und ›Bolívar‹ zu beginnen, und nahm daher das verlockende Angebot gerne wahr. Die handgerollten Cigarren aus auserlesenem jamaikanischen Tabak unter der Leitung des international anerkannten Cigarrenexperten avancierten zu den ersten jamaikanischen Premium-Cigarren und eroberten augenblicklich den US-Markt. Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger galten die jamaikanische ›Macanudo‹, die kanarischen Marken ›Montecruz‹ und ›Punch‹ sowie die honduranische ›Hoyo de Monterrey‹ als die besten nichtkubanischen Cigarrenmarken.

Seit dieser Zeit arbeitete ›General Cigar‹ intensiv mit Ramón Cifuentes zusammen, zog ihn zu ihren Projekten heran und – was nicht ganz unwichtig war – investierte Geld in seine Plantagen (welche auf Cifuentes’ Wunsch in der Dominikanischen Republik begründet wurden). Die enge Kooperation mit dem legendären kubanischen Tabakhersteller brachte dem US-amerikanischen Cigarrengiganten die erhofften reifen Früchte. Anfang der siebziger Jahre verkaufte dann Ramón Cifuentes die gesamten Rechte an seinen kubanischen Marken und erhielt einen hohen Posten bei ›General Cigar‹. Schließlich, 1977, begann die Produktion der Cigarren unter dem neuen Label ›Partagás‹ in der Dominikanischen Republik, kurz darauf auch die jener Cigarren, die den Namen ›Ramón Allones‹ tragen. Ein weiterer »Klon«, die ›Bolívar‹, betrat dagegen erst Ende der Neunziger die Cigarrenbühne.

Und noch eine Marke konnte ›General Cigar‹ in ihr Portefeuille aufnehmen: ›La Gloria Cubana‹. Mitte der sechziger Jahre hatte der aus Kuba emigrierte Tabakpflanzer Ernesto Peréz-Carillo diese Marke in den Vereinigten Staaten registrieren lassen, und schon 1968 wurden in Miami die ersten ›Glorias‹ hergestellt (ehe man die Produktion später in die Dominikanische Republik verlegte). Da ›General Cigar‹ einen intensiven Kontakt zur Familie Peréz-Carillo pflegte, erhielt das Unternehmen die Exklusivrechte für die Distribution der Marke in den Vereinigten Staaten – und wurde so faktisch zum Eigentümer der ›La Gloria Cubana‹.

Ähnlich verlief das Schicksal der Marken ›H. Upmann‹, ›Montecristo‹ und ›Por Larrañaga‹, die ja einst Alonso Menéndez und Pepe García gehört hatten. Als Menéndez 1965 starb, ging sein aufstrebendes Unternehmen auf den Kanarischen Inseln an seinen Sohn Benjamin, während die Rechte an den alten Marken sein ehemaliger Partner Pepe García erhielt, der mit der US-Gesellschaft ›Consolidated Cigar‹ 1968 die Firma ›Cuban Cigar Brands NV‹ gegründet hatte. Da die Mehrheit der Aktien des Unternehmens von Beginn an die US-Gesellschaft hielt, waren somit die Amerikaner schon damals faktische Besitzer jener drei beliebten Marken. Dominikanische ›H. Upmanns‹ und ›Por Larrañagas‹ erschienen Mitte der Siebziger, während die ›Montecristos‹ aus der Dominikanischen Republik erst zwanzig Jahre später damit begannen, den US-Markt zu erobern.

Zum vierten großen Spieler auf dem Cigarren-Doubles-Markt wurde die Firma ›Max Rohr Importers‹, die sich 1975 die Rechte an der Marke ›Romeo y Julieta‹ gesichert und einige Jahre später ihr Portefeuille um Marken wie ›Quintero‹ und ›San Luis Rey‹, ›Gispert‹ und ›Juan Lopez‹ ergänzt hatte. Bevor diese Marken Eigentum des US-Unternehmens wurden, waren sie durch mehrere Hände gegangen, was wiederum äußerst unerwartete Folgen mit sich brachte. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wurden ›Romeos y Julieta‹ gleichzeitig in drei Ländern hergestellt – weshalb so mancher US-amerikanischer Raucher die äußerlich sehr ähnlichen, aber geschmacklich sehr unterschiedlichen honduranischen und dominikanischen Cigarren verwechselte.

Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre befanden sich die wichtigsten Marken-Doubles in den Händen großer US-Gesellschaften, und ihre Produktion erwies sich als außerordentlich profitabel. Seinerzeit schickte sich die Dominikanische Republik an, zum Mekka der Cigarrenhersteller zu werden, nicht zuletzt deshalb, weil sie politische und ökonomische Stabilität zu garantieren schien und Arbeitskräfte für vergleichsweise geringen Lohn eingestellt werden konnten. Die Erschließung neuer Tabakpflanzregionen eröffnete den dominikanischen Produzenten die Möglichkeit, für ihre Cigarren nicht nur örtliche Tabake, sondern auch Tabaksamen aus anderen Ländern zu verwenden, was sich wiederum positiv auf die Organoleptik ihrer Cigarren auswirkte. Natürlich unterschieden sich die dominikanischen Doppelgänger für den US-Markt in Geschmack und Aroma extrem von ihren kubanischen Vorfahren, aber die Raucher in Michigan und Minnesota, in New Hampshire und New York gewöhnten sich recht schnell an den neuen Stil.

Ihrer eigenen Kraft bewußt, beschlossen die Hersteller der Duplikate zu einem bestimmten Zeitpunkt, ihre Sphäre auf den europäischen Markt auszudehnen. Allerdings führten ihre Versuche, den Europäern ihre nichtkubanischen Klone zu verkaufen, zu nichts anderem als zu Skandalen und zusätzlichen Ausgaben. Obwohl diese Expansion auch einige positive Resultate zeitigte: Selbige Cigarren-Doubles, die für den US-Markt bestimmt waren, wurden in Europa mit anderen, mit neuen Namen verkauft.

Im großen und ganzen wurden die Dominikanische Republik und andere Tabakregionen im Laufe ihrer Entwicklung zur Wiege von einer Vielzahl neuer Marken, die sowohl auf dem US-amerikanischen als auch auf dem europäischen Markt erfolgreich auftraten. Heute machen diese Duplikate aber nur einen geringen Prozentsatz am Gesamtvolumen jener Cigarren aus, die nach der Revolution und dem Embargo das Licht der Welt erblickten.

Ende der achtziger Jahre herrschte jedenfalls eine relative Stabilität auf dem Welt-Cigarren-Markt. Produzenten aus der Dominikanischen Republik, aus Honduras, Nicaragua und einigen anderen Ländern, die sowohl Duplikate als auch neue Marken anboten, konnten – unabhängig davon, ob sie von US-Gesellschaften kontrolliert wurden – in den Vereinigten Staaten dauerhaften Erfolg erzielen.

Allein der Cigarrenboom, der Anfang der neunziger Jahre die Vereinigten Staaten erfaßte und sich in kurzer Zeit weltweit ausbreitete, brachte diese Stabilität ins Wanken. Niemals zuvor war die Nachfrage nach Cigarren auf der Welt so groß, und niemals zuvor war deren Produktion so einträglich gewesen.

In diesem Jahr beschloß ›General Cigar‹, zu jenem Zeitpunkt der unangefochtene Leader des US-Cigarrenmarkts, die eigene Position auszubauen: Das Unternehmen erwarb die Firma ›Villazon & Co‹ und erweiterte damit ihr Portefeuille an Marken-Doubles. Jetzt gehörten neben ›Partagás‹, ›Ramón Allones‹, ›Bolívar‹ und ›La Gloria Cubana‹ auch ›Punch‹ und ›Hoyo de Monterrey‹ dazu.

Ein Jahr später verkündete der spanische Tabakgigant ›Tabacalera S.A.‹, der vornehmlich mit dem Import von kubanischen Cigarren nach Europa sein Geld verdiente, die Absicht, den US-Markt zu betreten. 1997 kauften die Spanier die Firma ›Hollco Rohr‹ (ehemals ›Max Rohr Importers‹) und erhielt damit die Rechte auf solch ureigene kubanische Marken wie ›Quintero‹, ›Romeo y Julieta‹ und ›San Luis Rey‹, wie ›Gispert‹ und ›Juan López‹.

Die Franzosen, neben den Spaniern die größten Cigarrenkonsumenten Europas, meldeten zu dieser Zeit ebenfalls Ansprüche an. Ihr Tabakmonopol ›Seita S.A.‹ erwarb die Firma ›Consolidated Cigar‹, kaufte das letzte Aktienpaket von ›Cuban Cigar Brand NV‹ auf – und wurde so zum Eigentümer der US-Doubles ›H. Upmann‹, ›Montecristo‹ und ›Por Larrañaga‹.

Das Erscheinen europäischer Unternehmen auf dem US-Cigarrenmarkt verstärkte die Konkurrenz zwischen den Global Players, wobei die Spitzenposition von ›General Cigar‹ – sowohl aktuell als auch in der Entwicklungsperspektive – unangefochten war. Es war ein anderer Aspekt, der die Operateure auf dem internationalen Cigarrenmarkt zunehmend beunruhigte: Die Möglichkeit der Aufhebung des Embargos zwang die Player, darüber nachzudenken, wie der Cigarrenmarkt zukünftig aussehen könnte und welche Vorbereitungen notwendig wären, um den eventuell stattfindenden globalen Veränderungen erfolgreich zu begegnen.

Im Oktober 1999 fand ein Ereignis statt, welches heute als durchaus historisch bezeichnet werden kann. Durch die Fusion der spanischen ›Tabacalera‹ und der französischen ›Seita‹ entstand die ›Altadis Group‹. Ihr fielen alle Aktiva ihrer Vorgänger zu, inklusive der Marken, die sie durch den Erwerb von ›Hollco Rohr‹ und ›Consolidated Cigar‹ erworben hatte. Der Cigarrenboom und die weltweite Globalisierung taten ihr übriges hinzu – und so standen sich auf dem internationalen Cigarrenmarkt schließlich vor allem die zwei großen Player ›Altadis Group‹ und ›General Cigar‹ gegenüber. Angesichts dieser Konstellation ist ein scharfer Konkurrenzkampf zwischen den beiden Unternehmen zu erwarten. Jenes Ringen scheint interessant zu werden, zumal noch ein ungeteiltes, relativ kleines, aber äußerst delikates Stück vom Kuchen übrig ist: Kuba.

Hier scheint die allmächtige ›General Cigar‹ machtlos zu sein. Die US-Firma ist zum Opfer des Embargos geworden, demgemäß die Amerikaner kein Recht haben, irgendeiner Tätigkeit auf der Antillen-Insel nachzugehen und wie auch immer geartete ökonomische Beziehungen mit Kubanern aufzunehmen. Vor diesem Hintergrund hat die ›Altadis Group‹ die Möglichkeit erhalten, in Verhandlungen mit der kubanischen Regierung zu treten, die im Jahr 2000 schließlich dazu führten, daß die Europäer 50 Prozent der Aktien des kubanischen Staatsmonopols ›Corporacion Habanos S.A.‹ erwerben konnten.

In den Händen nur eines Unternehmens befinden sich demzufolge faktisch sowohl die Rechte an bestimmten (nicht wenigen) Duplikaten, welche in den Vereinigten Staaten registriert sind, als auch an ihren kubanischen Pendants (sowie an allen anderen Originalmarken). Das heißt, daß es im Falle eines Aufhebens des Embargos keine Urheberrechtsuntersuchungen für die erste Markengruppe geben wird.

Offen bleibt lediglich die Frage nach den Marken, deren amerikanische Rechte ›General Cigar‹ hält, wie ›Partagás‹ und ›Hoyo de Monterrey‹, wie ›Ramón Allones‹ und ›Punch‹. Diese Marken werden wahrscheinlich eine Unmenge von Prozessen hervorrufen, denn in allen anderen Ländern liegen die Rechte bei der ›Altadis Group‹.

Dann gibt es in den Vereinigten Staaten noch einzelne Marken-Doubles, die kleineren Firmen gehören. Von diesen Marken ist wohl nur die ›Fonseca‹ wirklich bekannt, deren US-Rechte der ›Manufactura de Tabacos S.A. [Matasa]‹ gehören, die 1974 von den Exil-Kubanern Manuel Quesada und Juan Sosa in der Dominikanischen Republik gegründet worden ist. Es ist zwar schwierig, das Schicksal solcher Marken vorauszusagen, doch es ist wahrscheinlich, daß eine jede von einem Marktgiganten aufgekauft wird.

Zum Schluß darf ein überaus wichtiger Umstand nicht unerwähnt bleiben. Neben der ›Altadis Group‹ heißt der zweite Marktgigant nicht mehr ›General Cigar‹, sondern ›Swedish Match‹. Die US-Amerikaner sind zwar weiterhin operativ tätig, doch handeln sie im Namen der Skandinavier, denn seit 2005 ist ›General Cigar‹ eine hundertprozentige Tochter von ›Swedish Match‹. Um die Jahrtausendwende begannen die Schweden damit, Anteile an zahlreichen Unternehmen der Tabakbranche zu erwerben, diese Anteile ständig zu erweitern, um schließlich die betreffenden Gesellschaften vollständig zu übernehmen. So auch geschehen im Falle ›General Cigar‹. Da hier jedoch das Thema »Ungleiche Zwillinge« war und ist, kann dieser spannende Aspekt allenfalls einmal zu einer anderen Zeit thematisiert werden.

Fest steht auch etwas anderes: Kaum einer der großen alten Cigarrenproduzenten lebt noch, jene Persönlichkeiten also, welche die allerersten Anfänge mitgemacht und die Cigarrenwelt so gesehen haben, wie sie vor der Kubanischen Revolution gewesen ist. Alonso Menéndez und Fernando Palicio sind schon 1965 gestorben, Carlos Toraño senior 1970, und im Jahr 2000 starb Ramón Cifuentes im Alter von neunzig Jahren.

Von Eldar Tusmuchamedow
 
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