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Schachmaschine oder Salonlöwe? Die Geschichte des José Raoúl Capablanca

Der dritte Schachweltmeister, der Kubaner José Raoúl Capablanca, zählt zu den ambivalentesten Persönlichkeiten im Schachzirkus der zwanziger und dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts. Einerseits wurde er aufgrund seiner einfachen, aber perfekten Technik die »Schachmaschine« genannt, wohl auch deshalb, weil er als Begründer einer »Neuen Sachlichkeit« im Schachspiel gelten kann. Sein glasklarer Stil war Ausdruck seines logischen Denkvermögens. Er überließ nichts dem Zufall, und einen einmal gefaßten Plan verfolgte er konsequent bis zum Schluß. Andererseits war er eine mondäne Erscheinung und schätzte eine Vielzahl von Zerstreuungen. Das Schachspiel war für ihn stets nur ein Zeitvertreib, ein sehr geistreicher zwar, aber dennoch nicht mehr als das. Es schien, als würde er seine glänzenden Siege ohne größere Vorbereitungen und Anstrengungen erringen.

Äußerlich entsprach der Mann aus Havanna in keiner Weise dem Bild, das man sich gemeinhin von Schachspielern macht. Der Vollbart, die Brille, die gefurchten Brauen, die gebeugte Haltung, der nachlässige Habitus – von alledem keine Spur. Der attraktive, stets elegant gekleidete Capablanca ähnelte mehr einem erfolgreichen Geschäftsmann als einem Schachspieler. Für die Medien jener Zeit verkörperte er Schach in dem Maße, in dem Albert Einstein als Lichtgestalt der Theoretischen Physik gesehen wurde.

Ein Stern wird geboren
Es ist ein heißer Nachmittag in Kubas Hauptstadt Havanna. Gelangweilt streift ein Junge von gerade einmal vier Jahren durch das Castillo ›El Morro‹, das zu einer Kaserne der spanischen Armee umfunktioniert worden ist. Er ist auf der verzweifelten Suche nach einer Nachmittagsbeschäftigung. Schließlich betritt er eine Kammer, in der sich sein Vater aufhält. Der Leutnant der spanischen Armee sitzt an einem Tisch, ihm gegenüber der Kommandeur. Beide starren versunken und doch konzentriert auf die Tischplatte. Der kleine José Raoúl tritt näher und erblickt zum ersten Mal in seinem Leben ein Schachbrett. Wie elektrisiert von dem unbekannten Treiben, aber ohne die gespannte Ruhe zu stören, sucht er sich einen Platz, von dem aus er das Spiel genau beobachten kann. Die seltsame Art, wie sein Vater die Figuren auf dem Brett führt, fasziniert ihn auf Anhieb. Sogleich versucht er eine Gesetzmäßigkeit in der Bewegung der Figuren zu entdecken. Am Ende der Partie ist sich der Junge sicher, die Regeln begriffen zu haben, denen dieses merkwürdig anmutende Spiel unterliegt.

»Ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht hätte mich nicht mehr fesseln können.« Mit diesen Worten wird der dritte Weltmeister José Raoúl Capablanca später diese Schlüsselszene beschreiben. In der Folgepartie bemerkt der Vierjährige einen Fehlzug seines Vaters, den wohl auch dessen Opponent übersehen hat. Nach Beendigung des Spiels macht er seinen Vater darauf aufmerksam. Mit der Nachsichtigkeit, die nur ein Vater seinem Sohn gegenüber an den Tag legen kann, und in dem Bewußtsein, daß sein Sprößling nie zuvor einem Schachspiel beigewohnt hat, fragt er den kleinen José Raoúl, ob er denn überhaupt eine Ahnung habe, wovon er da spreche. Die Antwort des Jungen ist knapp und eindeutig: Er fordert seinen Vater kurzerhand zu einem Spiel heraus. Der nimmt die Herausforderung an – in dem sicheren Glauben, daß sein Sohn nach nur wenigen Zügen kapitulieren wird. Doch er irrt sich. Der Junge von nur knapp vier Jahren geht aus seiner allerersten Partie gegen den Vater als Sieger hervor.

Ein Spiel für Kämpfer
Der Beruf des Vaters prägte Capablancas Leben von Kindesbeinen an. Soldaten waren seine Spielkameraden, die Kaserne sein Spielplatz. Er wuchs auf mit wilden Geschichten über blutige Kriege und große Schlachten, grandiose Niederlagen und unsterbliche Helden. Gespannt und mit großer Begeisterung, zu der nur ein Kind fähig ist, lauschte er den Soldaten, wenn sie von Belagerungen und Gefangennahmen berichteten, von Hinterhalten erzählten, in die sie gelockt worden waren. In dieser Umgebung begriff Capablanca schnell, wie wichtig es ist, ausgeklügelte Angriffs- und Verteidigungsstrategien zu entwickeln. Wen sollte es da wundern, daß der Vierjährige dachte, Schach sei irgendein Spiel für Soldaten, als er an jenem hitzigen Nachmittag die beiden Militärs über dem Schachbrett sah. Später wiederholte er immer wieder: »Obwohl ich damals erst vier Jahre alt war, begriff ich sofort, daß ein Schachspiel einer militärischen Schlacht ähnelt. Ein Spieler agiert als Angreifer, während der Gegenspieler sich zu verteidigen sucht. Dieses Zusammenspiel von Actio und Reactio hat mich zeit meines Lebens beeindruckt. Ich glaube, meine frühe und bleibende Begeisterung für das Schachspiel ist Resultat einer merkwürdigen Geisteshaltung als Folge meiner militärischen Umgebung.« Und so sollte José Raoúl Capablanca, der am 19. November 1888 in Havanna geboren wurde, mit seinem unbeirrbaren Stil und einer Strategie, die sich stets von der Logik der stärksten Position leiten ließ, als »Schachmaschine« in die Geschichte eingehen. Er verstand es wie kaum ein anderer, im richtigen Moment feine und vorausschauende Kombinationen zu spielen, die er selbst bescheiden als »Petites combinaisons« bezeichnete.

Der Schachclub von Havanna
Capablancas Umfeld war sich einig: In der Kaserne wuchs ein Wunderkind heran. Viele sahen in ihm bereits den künftigen Schachweltmeister und drängten den Vater, dem kleinen José Raoúl ein spezielles Schachtraining angedeihen zu lassen. Natürlich ahnte der Vater, welch großes Talent in seinem Jungen schlummerte, doch andererseits wollte er für sein Kind ein normales, seinem Alter entsprechendes Leben. Allen Bedenken zum Trotz beschloß er letztendlich dennoch, den jungen Capablanca in den angesehenen und renommierten Schachclub von Havanna einzuführen, einen Club der allerersten Kategorie. Selbst der erste Schachweltmeister, der in Prag geborene Österreicher Wilhelm Steinitz, kam nicht umhin zu bemerken, hier handele es sich um das »Eldorado del Ajedrez«, das »Goldene Schachland«. Und in der Tat: In kaum einer anderen Stadt trafen sich die Großen des Schachs mit einer solchen Begeisterung wie in Havanna.

Zwei Meister im Antagonismus: Capablanca und Lasker

Kuba blickt auf eine lange und ruhmreiche Schachtradition zurück. Sie läßt sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen, als Christoph Columbus die Neue Welt entdeckte und die ersten Eroberer kubanischen Boden betraten. Die spanischen Konquistadoren hatten sich die Zeit auf ihren langen Seereisen oft mit dem königlichen Zeitvertreib verkürzt. Schnell erfreute sich das Schachspiel auf der gesamten Insel großer Beliebtheit, und im 19. Jahrhundert schwang sich Kuba zu einem der größten Schachzentren des amerikanischen Kontinents auf.

Die ersten Besuche im Schachclub von Havanna hinterließen bei Capablanca großen Eindruck, und bald konnte er auch seine ersten Siege gegen die hiesigen Schachgrößen feiern. Doch der schnelle Erfolg schien den unbedarften Jungen zu überfordern. Sobald er aus dem Schachclub nach Hause kam, war er aufgewühlt und rastlos. Die große Anspannung und das Auf und Ab des Schachspiels wurden zunehmend zur Belastung für den jungen José Raoúl. Ein Gehirnspezialist, der den Jungen untersuchte, attestierte ihm zwar außergewöhnliche mentale Fähigkeiten, riet den Eltern jedoch, das Kind nicht weiter den Club besuchen zu lassen. So mußte sich Capablanca vorerst damit begnügen, zu Hause gegen Nachbarn und Schulfreunde zu spielen.

Besagter Neurologe zeigte sich vor allem von der großen Gedächtnisleistung des Heranwachsenden beeindruckt. Doch Capablanca selbst sah darin nicht den Grund für sein großes Talent. In einem späteren Rückblick sagte er dazu: »Ein gutes Gedächtnis kann hilfreich sein, ist aber nicht zwingend notwendig. Heute spiele ich wesentlich stärker als früher, obwohl mein Gedächtnis längst nicht mehr so gut funktioniert wie damals.«

José Raoúl Capablanca und Herman Steiner: Schachmeister in einem Spiel mit lebendigen Schachfiguren und mit Cecil B. DeMille als Schiedsrichter in Los Angeles, Kalifornien

Erst als der amerikanische Großmeister Harry Nelson Pillsbury, vor allem wegen seiner phänomenalen Ergebnisse im Blindspiel berühmt, im Jahre 1899 in der kubanischen Hauptstadt gastierte, durfte der mittlerweile elfjährige José Raoúl wieder den Schachclub besuchen. »Leicht kann man sich vorstellen, wie die reiche Phantasie eines Kindes beflügelt wird von einem Menschen, der gleichzeitig, ohne auf die Bretter zu sehen, sechzehn und mehr Schachpartien und nebenher Dame und eine Partie Whist [Kartenspiel, das auf Trumpf basiert] spielen konnte«, beschrieb Capablanca später das elektrisierende Spiel Pillsburys.

In den Schachclub Havannas zurückgekehrt, dauerte es keine drei Monate, bis José Raoúl die Spielstärke der Klasse 1 erreicht hatte. Und nicht einmal zwei Jahre später bezwang er Juan Corzo y Príncipe im Kampf um die Kubanische Meisterschaft. Es war Capablancas erstes offizielles Match.

Der Weg festigt sich
Der Aufstieg des jungen Schachgenies schien unaufhaltsam. Der frischgebackene Kubanische Meister wurde zur Hoffnung eines ganzen Landes. Doch seine Eltern drängten darauf, ihr Sprößling möge eine »ordentliche« Ausbildung verfolgen. So ging er im Sommer 1904 nach New York, um dort Englisch zu lernen und sich auf die Aufnahmeprüfung an der ›University of Columbia‹ vorzubereiten. Zuvor mußte er den besorgten Eltern versprechen, während des Studiums seine Schachambitionen ruhen zu lassen. Kurze Zeit später nahm er ein Studium an der Fakultät für Chemietechnik auf, nachdem er die Aufnahmeprüfung glänzend bestanden hatte. Für die Lösung der Aufgaben in Algebra benötigte er beispielsweise statt der vorgesehenen drei Stunden nur etwas mehr als eine Stunde.

Zunächst bereitete es ihm kaum Mühe, das Versprechen zu halten, das er den Eltern gegeben hatte. Capablanca war ein sehr vielseitiger Mensch. Er interessierte sich vor allem für Mathematik, Geschichte und Philosophie. Zudem war er ein begeisterter Sportler. Eine Zeitlang spielte er gar mit dem Gedanken, eine Profilaufbahn als Baseballspieler einzuschlagen. Auch dem Tennis und dem Billard galt sein Interesse. Als er sich 1922 in Monte Carlo zu einer Simultanvorstellung aufhielt, wohnte der Billardweltmeister Erich Hagenlocher zur gleichen Zeit im selben Hotel. Die beiden Weltmeister entschieden sich dazu, ein einmaliges Experiment durchzuführen: ein Match mit der Elfenbeinkugel und eines mit Schachfiguren. Die Bedingungen waren schnell ausgehandelt: Hagenlocher gewährte seinem Gegner bei einem Limit von 100 Punkten 75 Punkte als Vorgabe, während der Schachmeister seinen Damenturm vom Brett nahm. Der Wettkampf rief in der monegassischen Hauptstadt reges Interesse hervor, und das Hotel avancierte für einen Tag zum Hauptanziehungspunkt des kleinen Fürstentums. Die erste Runde konnte Erich Hagenlocher trotz der gewaltigen Vorgabe mit 100 zu 94 Punkten zu seinen Gunsten entscheiden, während der Kubanische Meister seine Runde ebenfalls überzeugend gewann.

Capablanca hatte aber auch Sinn und Muße für die schönen Künste. Als er beispielsweise 1914 an einem international besetzten Turnier in St. Petersburg teilnahm, sprang er nach einer in Windeseile gewonnenen Partie plötzlich auf und rief: »Ausgezeichnet, nun schaffe ich es noch ins Ballett.«

Doch Caissa – so der Name der fiktiven Göttin des Schachs – ließ nicht ab von dem jungen Kubaner. Viele Schachclubs tragen ihren Namen, der aus einem gleichnamigen Gedicht des Briten William Jones stammt. Darin ist Caissa eine Nymphe, in die sich der Gott Mars verliebt. Als seine Liebe nicht erwidert wird, erfindet er das Schachspiel, um ihr Herz zu gewinnen. Und Caissa hatte José Raoúl in diesen Zeiten ganz offensichtlich zu ihrem Liebling erwählt.

In New York war Capablanca bald ein gerngesehener und geschätzter Gast im berühmten ›Manhattan Chess Club‹, einem der »Schachtempel« bis heute. Auch dem Kubaner gefiel es dort: Nach nur zwei Jahren gab er sein Studium auf und verschrieb sich ganz der Schachkunst. In dieser Zeit wurde auch der deutsche Weltmeister Emanuel Lasker zum ersten Mal auf das große Talent aufmerksam. Ob Lasker bereits damals ahnte, in absehbarer Zukunft gegen »den kleinen kubanischen Jungen« um die Schachkrone kämpfen zu müssen?

In Lauerposition
Nach einigen spektakulären Siegen avancierte Capablanca in Amerika zum Publikumsliebling. Seine äußerliche Erscheinung und sein galantes Auftreten glichen eher denen eines Hollywoodstars als denen eines Schachspielers. So trug er bei seinen Auftritten stets einen Smoking mit einer aus Elfenbein geschnitzten Chrysantheme am Revers. Verehrer und Anhänger versuchten das Ausnahmetalent dazu zu bewegen, den amtierenden Champion Lasker zum Weltmeisterkampf herauszufordern. Der Schachclub von Havanna organisierte gar eine landesweite Sammlung, um dem neuen Schachidol ein Haus zum Geschenk machen zu können. An erster Stelle auf der Liste der Spender befand sich der Präsident Kubas persönlich.

In Europa hingegen übte man sich in Zurückhaltung. Vor allem in Rußland herrschte nur wenig Freude über den neu herangewachsenen Konkurrenten aus Übersee. Schließlich wollte man eigene Hoffnungsträger wie den Großmeister Rubinstein ins Rennen um den Weltmeistertitel schicken. Doch der Kubaner machte ihnen einen Strich durch die Rechnung: Nachdem er auch bei namhaften europäischen Turnieren – so unter anderem 1911 im spanischen San Sebastián – überzeugen konnte, forderte er Lasker zu einem Kampf um die Weltmeisterschaft heraus. Der Deutsche stellte jedoch derart überzogene Matchbedingungen und hatte solch unglaubliche Preisvorstellungen, daß Capablanca erbost die Verhandlungen abbrach. (An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß Capablanca Jahre später als amtierender Weltmeister seinen Herausforderern gegenüber nicht minder übertriebene Bedingungen stellte.) Von diesem Zeitpunkt an galten Capablanca und Lasker als Intimfeinde, und erst einige Jahre später, beim schon erwähnten Turnier von St. Petersburg, sprachen sich die beiden aus.

Kurz vor diesem bedeutenden Turnier wurde José Raoúl Capablanca als Gesandtschaftsattaché in das Diplomatenkorps Kubas aufgenommen. Böse Zungen behaupteten, Capablanca sei es bei seiner Ernennung weniger um diplomatisches Engagement als vielmehr um seine Existenzsicherung durch eine lebenslange »Jahresrente« gegangen.

Abseits des Turniers von St. Petersburg präsentierte sich Capablanca als wahrer Bonvivant. Gemeinsam mit dem russischen Spieler Alexander Aljechin zog der lebensfrohe Kubaner durch die Straßen St. Petersburgs und genoß bei Champagner und Cigarren die märchenhaft schönen weißen Nächte. Capablanca galt als Salonlöwe. Er war ein fröhlicher, geselliger Mensch, der den Turniersälen von Buenos Aires bis St. Petersburg einen mondänen Glanz verlieh. José Raoúl Capablanca liebte gutes Essen, schätzte ausgesuchte Cigarren und auch so manchen edlen Tropfen – und er hatte eine Schwäche für schöne Frauen.

Das Turnier von St. Petersburg sollte vorerst sein letztes großes Engagement in Europa sein. Zwei Wochen nach dessen Beendigung brach der Erste Weltkrieg aus, der Europa in Chaos und Elend stürzen sollte. Auf einem englischen Dampfer verließ Capablanca Europa und kehrte nach Südamerika zurück.

Der Berg geht zum Propheten
Erst 1920 trafen sich Lasker und Capablanca im niederländischen Den Haag wieder und unterzeichneten dort die Vereinbarung über einen Weltmeisterkampf. Die große Neuigkeit wurde von Schachspielern aus aller Welt begeistert gefeiert. Nach den Jahren der Angst, der Entbehrungen und der Trauer dürstete es sie geradezu nach einem Ereignis dieser Güte. Doch der ersehnte Kampf um die Schachkrone wurde dennoch nicht ausgetragen, da seitens der Niederländer die finanzielle Seite nicht abgesichert werden konnte. Lasker, der sich großem Druck ausgesetzt fühlte, stellte daraufhin seinen Titel zugunsten Capablancas zur Verfügung. Das war wohl weniger eine spontane Geste als vielmehr klares Kalkül: Ein so großes »Geschenk« vom besten Spieler der Welt anzunehmen, das verbot sich für die Schachwelt. Dessen konnte sich Lasker sicher sein. Und er hatte sich nicht verspekuliert: Capablanca nahm nicht an. Schließlich kam das Duell um den Schachthron doch noch zustande. Der Schachclub von Havanna bot sich im Frühjahr 1921 als Austragungsort an. Das Preisgeld betrug für damalige Verhältnisse unglaubliche 20.000 US-Dollar.

Es war wohl ein schlechtes Omen, daß Emanuel Lasker gemeinsam mit seiner Frau den Dampfer ›Holland‹ bestieg, um die lange Reise nach Havanna anzutreten. Wie sollte ihm ein Schiff Glück bringen, welches den Namen des Landes trug, dem es nicht gelungen war, den Weltmeisterkampf auszutragen – und damit nicht verhindern konnte, daß der alternde Schachgigant nun im Heimatland seines Gegners spielen mußte? Und so setzte sich der »Berg in Richtung des Propheten in Bewegung«, wie einige Schachzeitschriften süffisant titelten.

Endlich Weltmeister!
Zu Beginn gestaltete sich das Match, auf das die gesamte Schachwelt so lange gewartet hatte, mehr als ausgeglichen, was aber keineswegs bedeuten soll, daß die Spiele nicht hart umkämpft waren. Die ersten vier Partien endeten remis. Erst in der fünften Partie sollte der erste Sieg Capablancas mit Weiß die Vorentscheidung bringen. Nun ging der Herausforderer in Führung. In den folgenden fünf Partien wiederholte sich der vorangegangene Zyklus: Vier Partien endeten remis, die fünfte konnte wiederum der Kubanische Großmeister, der dieses Mal die schwarzen Figuren führte, auf furiose Weise für sich entscheiden. Capablanca selbst urteilte über diese zehnte und matchentscheidende Partie, sie habe eine der besten Leistungen seiner Schachkarriere dargestellt, vollbracht im Kampf gegen einen der herausragendsten Schachspieler aller Zeiten. Auch in der zwölften Partie konnte der Herausforderer einen fulminanten Sieg erringen. Nach zwei weiteren Remis-Partien folgte die vierzehnte Partie … welche die letzte sein sollte, obwohl man sich zuvor auf vierundzwanzig Begegnungen geeinigt hatte. In dieser vierzehnten Partie unterliefen dem großen Lasker kurz hintereinander zwei schwerwiegende Fehler, die sich letztlich nicht mehr korrigieren ließen. Nach dieser erneuten Niederlage beschloß der Deutsche, das Match aufzugeben, woraufhin der Kubaner José Raoúl Capablanca offiziell zum neuen – und insgesamt dritten – Weltmeister erklärt wurde. Er hatte es geschafft. Nach vielen Jahren des Wartens und Hoffens hatte er endlich den Schach-olymp erklommen.

Emanuel Lasker erklärte nach seiner Niederlage, die »Hitze und der blendende Glanz der Aprilsonne von Havanna« hätten seine Bestform zu verhindern gewußt, die nötig gewesen wäre, um gegen den Kubanischen Großmeister zu bestehen. Das tropische Klima machte dem zweiundfünfzigjährigen Deutschen sicherlich mehr zu schaffen als seinem zwanzig Jahre jüngeren Kontrahenten, der an diese hohen Temperaturen von Geburt an gewöhnt war. Der Hauptgrund für den Verlust der Schachkrone war dennoch ein anderer: das geniale Spiel seines Gegners. Capablanca war perfekt vorbereitet auf dieses Match, das er so sehr herbeigesehnt hatte. Sein Spiel war nicht mehr derart impulsiv mit jenen scharfen Kombinationen, die zu Beginn seiner Karriere zu beobachten gewesen waren. Er agierte weniger »aus dem Herzen, aber mehr mit Verstand«, kühler, dabei nahezu fehlerlos. Diese technisch vollkommene Spielweise sollte der kubanischen Schachkoryphäe endgültig den Beinamen »Schachmaschine« einbringen. Schlußendlich erkannte das auch Emanuel Lasker an: »Capablancas Stil war über jeden Vorwurf erhaben. Sein Spiel war dem meinigen schlicht überlegen.«

Capablancas Triumph machte ihn in seiner Heimat endgültig zu einer Ikone. Sein Geburtstag wurde gar zum »Capa-blanca-Tag« erklärt. Er selbst suchte bei all diesem Trubel um seine Person nach Ruhe und zog sich nach einem Turnier in London weitgehend in sein Privatleben zurück. Bald darauf heiratete der Weltmeister Gloria Simoni Beautucourt, die einer vermögenden Familie aus Havanna entstammte. Aus der Ehe gingen eine Tochter und ein Sohn hervor. Das fürstliche Salär, das der kubanische Staat seinem berühmten Landsmann zugesichert hatte, war wohl ein weiterer Grund für Capablanca, seine schöpferische Pause auszudehnen. Er war nie, wie viele andere seiner Schachkollegen, dazu gezwungen, von Turnier zu Turnier zu hetzen, um das eigene Überleben sichern zu können. Und so kehrte er erst im Jahre 1924, anläßlich eines Turniers in New York, wieder auf die internationale Schachbühne zurück – und mußte sich prompt mit dem zweiten Platz hinter seinem Dauerrivalen Lasker begnügen.

Die Verfolger nehmen die Spur auf
Im Jahre 1925 wurde zum ersten Mal ein großes internationales Turnier in Moskau ausgetragen, an dem nahezu die gesamte Schachelite der Welt teilnahm. Dieses Turnier war für die Entwicklung der Sowjetunion zur Schachsupermacht von entscheidender Bedeutung: Zehn führende sowjetische Schachspieler traten gegen elf der besten ausländischen Meister an. Moskau erlebte in jenen Tagen einen wahren Schachboom. Allerorten waren Gespräche über das Turniergeschehen zu hören, wurden in Geschäften »Schach-cigarren«, »Schachcigaretten« und »Schachseife« angeboten, trugen Frauen schachbrettartig gemusterte Kleider, banden Männer ihre Halstücher im Stile Capablancas. Getragen von dieser Begeisterungswelle, gelang es dann auch dem russischen Landesmeister Jefim Bogoljubow, den kubanischen Weltmeister zu überflügeln und das Turnier für sich zu entscheiden. Damit war neben dem langjährigen Kontrahenten Alexander Aljechin, der, aus Rußland emigriert, nicht am Turnier teilnahm, ein neuer Herausforderer aus dem riesigen sowjetischen Schachreservoir erwachsen. Capablanca kommentierte die ungeahnte Stärke der sowjetischen Spieler während des Turniers: »Die russischen Spieler hatten weitaus mehr Klasse, als ich angenommen hatte. Wenn sich die Sowjetmacht weiter so des Schachs annimmt, werden aus den Reihen der russischen Schachspieler führende Meister hervorgehen.« Wie recht er damit hatte, sollte er bald am eigenen Leibe erfahren …

Caissas neuer Liebling
Doch bis dahin durfte Capablanca die Weltmeisterehren noch in vollen Zügen genießen. Nach seiner »Thronbesteigung« mußte er bis zum Jahr 1927 nur insgesamt drei Niederlagen hinnehmen. Demgegenüber standen zweiundvierzig Siege und achtundzwanzig Unentschieden. Es schien, als könnte niemand an seiner Herrschaft ernsthaft rütteln. Die Schachwelt glaubte, der Titel sei noch über Jahre hinweg für ihn reserviert.

So galt er denn auch im Vorfeld des Weltmeisterschaftskampfs gegen Alexander Aljechin als klarer Favorit. Anders als 1921 standen sich 1927 in Buenos Aires jedoch zwei Schachmeister gegenüber, die sich beide im Zenit ihrer Leistungsfähigkeit befanden. Zwar kannte und schätzte Capablanca das harmonische Spiel seines Herausforderers, doch zweifelte er, der um seine eigene Stärke wußte, keinen Moment daran, als Sieger das Brett zu verlassen. Seine Stärke lag in der genialen Einfachheit seines Spiels. Capablancas Fähigkeit, die Stellung zu vereinfachen und dabei einerseits einen selbst minimalen Vorteil zu nutzen, andererseits das Spiel auszugleichen, hatte sich zu großer Vollkommenheit entwickelt. »Seine Partien sind klar, logisch und kräftig. Seine Züge sind, wiewohl durchsichtig, keineswegs naheliegend. Er liebt weder Verwicklungen noch Abenteuer. Er liebt es, vorher zu wissen, wohin er tritt. Man kann ihn nicht durch ungesunde Opfer treffen. Sein Stil ist gehämmerte Zweckmäßigkeit.« So hatte einst Emanuel Lasker seinen Nachfolger und dessen Stil charakterisiert. Diese Perfektion ließ Capablanca jedoch auch unvorsichtig werden. Er war überzeugt davon, daß selbst die stärksten Schachmeister jedwede Stellung nicht so geschickt vereinfachen konnten wie er und daß niemand in der Lage war, hohe Spannungen derart geschickt zu verringern oder derart gekonnt auf ein Remis zu spielen.

Doch Aljechin sollte ihn eines Besseren belehren. Das Match begann mit einer sensationell deutlichen Niederlage Capablancas, woraufhin sich der amtierende Weltmeister eine Auszeit erbat. Er entschwand mit einer Yacht auf den Atlantik, um dort die Ruhe zu haben, die er für das Ersinnen einer neuen Taktik benötigte. Zurückgekehrt, konnte er nach einem Remis in der dritten Partie für den peinlichen Auftritt zu Beginn des Matches Revanche üben. Auch die siebte Partie gewann er mit gewohnter Leichtigkeit. Nun, da er in Führung gegangen war, hoffte der Weltmeister auf den erwarteten glatten Verlauf nach dem Prinzip »Remis mit Schwarz, Sieg mit Weiß«. Doch weit gefehlt. Sowohl die elfte als auch zwölfte Partie konnte der Herausforderer Aljechin für sich verbuchen. Jetzt begann auch die Schachöffentlichkeit leise Zweifel am sicher geglaubten Sieg des Kubaners zu hegen.

Capablanca schien sehr verunsichert und spielte in den folgenden Partien auf ein vorsichtiges Remis. Doch die siebzehnte wie auch die einundzwanzigste Partie gingen erneut an den Herausforderer. Von Caissa im Stich gelassen, ließ der ansonsten so beherrschte Capablanca mutlos seine Arme auf die Knie sinken und seufzte: »Was ist nur los mit mir?« Nach zwei weiteren Niederlagen stand das Ergebnis nach der vierunddreißigsten Begegnung fest: José Raoúl Capablanca mußte seinen Titel an Alexander Aljechin abtreten. Der Kubaner hatte sich zu selbstsicher gezeigt und seinen Kontrahenten schlicht unterschätzt. Hinzu kam seine Trägheit, Varianten nicht berechnen zu wollen, die ihm zu kompliziert erschienen.

Da Capablanca im Vorfeld allzu siegessicher gewesen war, war in den Verhandlungen, in denen die Bedingungen für den Weltmeisterschaftskampf festgelegt wurden, kein Revancherecht vereinbart worden. Wie sich herausstellte, hatte er sich damit selbst die Möglichkeit genommen, den nun verlorenen Titel zurückzuholen.

Ein Schachgenie auf dem Rückzug
Nach dem Verlust des Weltmeistertitels gewann Capablanca nur noch wenige bedeutende Turniere. Er zog sich immer mehr in sein Privatleben zurück und verbrachte einen großen Teil seiner freien Zeit in einem Pariser Café, wo Freunde und Bekannte oft vorbeikamen, um mit ihm zu plaudern oder eine Partie zu spielen. Eines Tages, so heißt es in einer der zahlreichen Anekdoten über den charismatischen Kubaner, kam ein Fremder an seinen Tisch, deutete auf ein Schachspiel und gab zu verstehen, er wäre bereit zu spielen, wenn Capablanca einverstanden sei. Das Gesicht Capablancas erhellte sich. Er baute die Figuren auf, steckte dabei aber seine Dame ein. Sein Gegner, der offensichtlich nicht wußte, wer ihm gegenübersaß, reagierte leicht verärgert und meinte trocken: »Hey! Sie kennen mich ja gar nicht. Ich werde Sie schlagen.« Capablanca erwiderte leise mit einem höflichen Lächeln: »Wenn Sie mich schlagen könnten, würde ich Sie kennen.«

Besonderes Aufsehen erregte als eines der letzten Turniere, die Capablanca spielte, dasjenige von Karlsbad im Jahr 1929. In einer der vielen Partien unterlief dem Kubaner ein grober Fehler, der in der Schachwelt größtes Unverständnis hervorrief. Später erklärte er seinen Fehlzug mit der Fassungslosigkeit, die ihn überkam, als er seine überraschend aus Havanna angereiste Frau im Saal erblickte, während er in Karlsbad eine leidenschaftliche Affäre unterhielt. 1937 wurde die Ehe geschieden.

Um Capablancas Liebesleben ranken sich zahlreiche Legenden. Er galt als schöner Mann, kleidete sich elegant und verfügte über wahrlich vornehmes Benehmen. Bereits beim New Yorker Turnier von 1913 bemerkte die Presse nicht ohne ironische Untertöne, daß sich im Publikum weitaus mehr Frauen als Männer aufhielten. Und während des Moskauer Turniers im Jahre 1925 wurde er von den Vertreterinnen des schönen Geschlechts auf Schritt und Tritt verfolgt. Da er im allgemeinen sehr schnell spielte, hatte er seine Partien meist viel früher beendet als seine Kollegen. Kaum war ein Spiel abgeschlossen, sah sich Capa­blanca von einer gewaltigen Schar von Verehrerinnen umringt, die ihm teures Konfekt anboten. Neidische Beobachter müssen diese Szenen wohl genau verfolgt haben, denn es hieß, daß der galante Kubaner im Laufe des Turniers mindestens zweihundert Bonbonnieren erhalten habe.

Und dennoch begab sich Capablanca erneut in den Ehehafen. Im Jahre 1938 heiratete er in New York Olga Clark, eine gebürtige Georgierin. Die Schachkünste des Kubaners hingegen hatten ihre Glanzzeiten hinter sich. Aufgrund der fehlenden sportlichen Herausforderung konnte sich sein Spiel kaum noch weiterentwickeln. Seine Kräfte mobilisierte er nur noch im Ausnahmefall. Schließlich verlor er jeglichen Anschluß an die Weltspitze.

Am Abend des 7. März 1942 hielt sich Capablanca wie so oft im ›Manhattan Chess Club‹ auf. Plötzlich klagte er über starke Kopfschmerzen und brach bewußtlos zusammen. Umgehend wurde er in ein nahe gelegenes Krankenhaus gebracht, wo er in den frühen Morgenstunden einem Gehirnschlag erlag, ohne das Bewußtsein noch einmal erlangt zu haben. Bemerkung am Rande: Ein plötzlicher Gehirntod ereilte eine ganze Reihe von Schachgenies.

Den wohl schönsten Nachruf auf Capa-blancas Tod formulierte sein härtester Rivale Alexander Aljechin: »Capablanca wurde der Schachwelt viel zu früh entrissen. Mit seinem Tod verlieren wir ein großes Schachgenie, wie wir es nie wieder erleben werden.«

Von Astrid Hager
 
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