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Sphinx im Cigarrenrauch

Der Dramatiker Heiner Müller liebte Cigarren und Whisky
Als dem durch die USA reisenden Autor eines Nachts die Cigarren ausgegangen waren, rief er seinen Verleger in New York an, um von ihm einen Tip zu bekommen, wo er zu dieser späten Stunde noch gute Cigarren erwerben könnte. Das Problem war allerdings: Müller befand sich am Grand Canyon.

Eine andere Anekdote erzählt, wie Müller sich einmal bei einer Sitzung in der Ost-Berliner ›Akademie der Künste‹ eine Cigarre anzündete. Von einem Feuerwehrmann darauf aufmerksam gemacht, daß man in diesem Saal nicht rauchen dürfe, erwiderte der Dramatiker: »Wenn hier nicht geraucht werden darf, dann können hier auch keine Versammlungen abgehalten werden.«

Als Müller nach einer schweren Krebsoperation, bei der ihm die halbe Speiseröhre herausgeschnitten werden mußte, von seinem Freund, dem Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge, voller Sorge gefragt wurde, ob das denn gut sei, wenn er schon wieder rauche, gab Müller zur Antwort, es wäre viel gefährlicher in seinem Zustand, dem Körper das Gewohnte zu entziehen.

Heiner Müller galt ab Mitte der siebziger Jahre als der berühmteste und umstrittenste Dramatiker der beiden Deutschlands. Als dieser war er nun auch vermehrt in der Öffentlichkeit zu erleben, bei Lesungen und Diskussionen, später dann im Fernsehen bei Talkshows, und schließlich, am Ende der achtziger Jahre, waren ganze Sendungen allein Gesprächen mit ihm gewidmet. Gespräche mit Müller waren immer geistreich, voller Überraschungen und bisweilen von boshaftem Witz. In der Regel war der kleine Mann schwarz gekleidet, meist mit ausgebeultem Jackett, und das Unglaubliche mancher Äußerung wirkte vor allem durch den geradezu sanften Ton, mit dem er sprach. Die Cigarre, die er immer bei dieser Gelegenheit rauchte, behandelte er wie ein Instrument für eine einfache, aber wirkungsvolle Partitur: Der Interviewer stellt eine Frage – Müller nickt zustimmend und zieht an der Cigarre – der Rauch entströmt ihm zu feinem Gewölk um seinen Kopf – die Antwort kann kommen. Als Autor ist Müller tausendfach photographiert worden. Auf den meisten Photoportraits, die ja immer ein wenig inszeniert sind, ist er mit Cigarre zu sehen. Denkt man bei Hemingway an Hochseefischen und Daiquiris, bei Proust unwillkürlich an die Melancholie der Erinnerung oder bei Arnold Schwarzenegger an den »Terminator«, so verbindet sich die Erinnerung an Heiner Müller mit seinen Cigarren. Bei Bildern, auf denen er ohne Cigarre zu sehen ist, fragt man sich sofort, warum er da keine in der Hand habe.

Das Accessoire des Coolen
Müller hat den Weg zur Cigarre relativ spät gefunden, dann jedoch kultiviert und dabei Kennerschaft entwickelt. Seiner Herkunft und seinem Jahrgang nach mußte ihm die Cigarre lange fernbleiben. 1929 in einem kleinen Ort im Erzgebirge geboren, erlebte er, wie der Vater als Sozialdemokrat verhaftet wurde; eine erste Erfahrung von politischer Gewalt. Zu Hause ist man gegen die Nazis; der bald wieder entlassene Vater lehrt ihn aber auch die Anpassung und Verstellung. Im sozialen Gefüge steht der Vater am unteren Ende der Angestelltenwelt; bürgerliche Rituale wie die behagliche Cigarre am Abend sind dort unbekannt. Das Kriegsende empfindet der Sechzehnjährige, der noch ins »letzte Aufgebot« geholt wurde, wie der Einsatz von Minderjährigen und Alten genannt wurde, als befreiendes Chaos. Autoritäten, die auf Ordnung pochen, gibt es nicht, aber natürlich jede Menge andere Gefahren und den Druck des einfachen Überlebens. Bekanntlich ist die Raucheinheit des Soldaten die kurze Cigarettenpause, und auch im Nachkriegswirrwarr dreht sich vieles um Cigaretten. Sie sind die beste Währung auf dem Schwarzmarkt, können weit günstiger gegen Lebensmittel eingetauscht werden als etwa Schmuck. Die Cigarette ist der Tabak der hastigen, unsicheren Jahre; nie hat man vom Schwarzhandel mit Cigarren gehört. Der berühmteste Cigarrenraucher dieser Zeit ist der englische Premier Winston Churchill, der imposant an die Karikaturen erinnert, auf denen Vertreter des Großkapitals wohlbeleibt und mit dem rauchenden Zepter in der Hand dargestellt werden.

Humphrey Bogart mit der »Zichte« im Mund-winkel – das läßt den zaghaften deutschen
Cigarrenfreund, sofern es ihn schon wieder gibt, als Spießer wirken


Die Filme der Nachkriegszeit, vor allem die aus Amerika, machen die Cigarette zum Accessoire des Coolen. Humphrey Bogart mit der »Zichte« im Mundwinkel – das läßt den zaghaften deutschen Cigarrenfreund, sofern es ihn schon wieder gibt, als Spießer wirken. Müller, als sich langsam erst entwickelndem Autor Anfang der fünfziger Jahre in Ost-Berlin, konnte diese Symbolik nicht verborgen geblieben sein. Außerdem: Große Schriftsteller wie der Nobelpreisträger William Faulkner, den Müller sehr bewunderte, waren oft passionierte Pfeifenraucher. Die Pfeife war gewissermaßen der Ausdruck des am Schreibtisch denkenden Menschen. Dort war ihr Platz, schmauchend über Manuskripten – knisterndes Verströmen von überlegener Ruhe. Das genießerische Nuckeln am Mundstück gehörte zum sichtbaren Vorgang des allmählichen Verfertigens von Gedanken und großer Kunst.

Doch dann eine Überraschung für den jungen Müller: Der aus Amerika zurückgekehrte Bertolt Brecht liebt Cigarren. Sie sind sein einziger Genuß, ein Luxus neben der Arbeit als Autor und Regisseur, die Müller mit dem größten Interesse verfolgt, ohne in den inneren Zirkel um Brecht vorstoßen zu können, obwohl er dem Dramatiker einige Manuskripte zuschickt. Brechts Cigarrenleidenschaft geht auf die zwanziger Jahre zurück, als der erfolgreiche wie auch umstrittene Autor der Dreigroschenoper mit knapp dreißig nicht nur Sportwagen fuhr und Lederjacken trug, sondern auch diese Insignie bürgerlicher Behaglichkeit in sein rebellisches und später sogar revolutionäres Image einbaute. Die Neigung von Theaterleuten, sich möglichst einfach zu geben und dabei die größten Cigarren zu rauchen, läßt sich ohne weiteres auf dieses Vorbild zurückführen. In jeder deutschen Theaterkantine wird man wenigstens einen Vertreter dieses Typs antreffen, und wenn er nicht der Schlechteste seines Fachs ist – als Dramaturg, Autor oder Regisseur –, dann wird er bald auch junge Nachahmer haben, die dann wieder in anderen Kantinen ihren Cigarrenrauch spazieren führen, so daß diese Erscheinung des Cigarren-Theater-Menschen wohl noch sehr lange erhalten bleiben wird. Für Brecht war die Brasil-Cigarre aber nicht nur Ausdruck davon, sich durchaus auch bürgerlicher Genüsse bedienen zu können – seine Schriftstellerkollegen der zwanziger Jahre probierten bekanntlich alles aus, was auf dem Drogenmarkt zu kriegen war –, sondern in der Art des Cigarrenrauchens auch ein Medium, angeregte Gespräche zu entwickeln und dabei Zeichen zu setzen. Besucher Brechts berichten vom Cigarrenrauch als Signal: Regelmäßiger Zug mit mäßiger Rauchverbreitung bedeutete ein gutes Gespräch, während eine Wolke wiederholten Paffens, in der Brecht zu verschwinden schien, darauf hinwies, daß er nun lieber auf ein anderes Thema kommen würde. Müller dürfte von diesem Modus der Rauchsignale erst später erfahren haben; mit Brecht gemeinsam hat er, wie all die vielen weniger bekannten cigarrerauchenden Theatermenschen, den Rauchgenuß als Medium der Kommunikation, und um nichts anderes geht es ja in diesem Metier.

Ein Utensil wie die Schreibmaschine
Müller hatte in Sachen Brecht, was die Cigarre anging, keine Vorbildallüren und vorerst auch zu wenig Geld. Er blieb ein hastiger Cigarettenraucher, was auf frühen Photos gut zu erkennen ist. Nach eigenem Bekunden stellte er in den sechziger Jahren, mit Mitte Dreißig, auf Cigarren und Cigarillos um, als erste Symptome eines Raucherbeins bei ihm festgestellt wurden. Zu dieser Zeit war die DDR sicher kein Paradies für Cigarrenraucher. Das kleine Land hatte genug damit zu tun, Kaffee in den benötigten Mengen zu importieren, und die Tabakeinfuhr, zumeist aus Bulgarien, orientierte sich an Millionen von Cigarettenqualmern in Fabriken, Kasernen und Büros. Was Müller geraucht hat, konnte nur vom einheimischen Markt oder später auch schon in Form von Geschenken aus dem Westen stammen. Auf den Bildern jener Jahre sieht man noch keine stämmigen Havannas, sondern zumeist blättrig abbrennende Stumpen, und lediglich die kleineren Cigarren, die er raucht, sind in der Qualität wahrscheinlich besser zu rauchende Objekte als jene, zu denen er gemeinhin greift. Mit sich vermehrenden West-Tantiemen und der Möglichkeit, zu reisen oder einfach nur in West-Berlin den Bedarf decken zu können, setzt Mitte der siebziger Jahre Müllers Entwicklung als Cigarrenkenner ein. Die Cigarre wird nun zum Utensil wie die Schreibmaschine – in seinem Werk, das aus knapp vierzig Stücken und mehr als hundert Gedichten besteht, kommt sie allerdings mit keinem Wort vor.

Als Stoiker, zu dem Müller in einer kaputten, absurden Welt als Dramatiker werden mußte, um sie zu überleben, brauchte er die besten Cigarren

Das Qualitätsdefizit der frühen Jahre gesteht der Havanna-Liebhaber später so ein: »Ich glaube an Whisky, und es ist ein ganz geheimer Wunsch, nur gute Cigarren zu rauchen. Das ist leider ein sehr teurer Wunsch.« Ab den achtziger Jahren mußte sich Müller nicht mehr bescheiden; er nahm nur noch das Beste und achtete als Connaisseur auch aufs Zubehör: »Daß einem hier im West-Berliner ›InterConti‹ [einem der besten Hotels der Stadt] für eine Monte Cristo № 1 auf einem goldenen Pappteller ein Cigarrenabschneider hingelegt wird, der überhaupt nicht geeignet ist zum Abschneiden von Havannas, weil er nämlich einen Kerbschnitt macht statt eines glatten Schnitts … ist die nackte Barbarei. Das zeigt allerdings auch, daß Genußfähigkeit nicht nur vom Geld abhängig ist. Am Geld liegt es bestimmt nicht, daß sie hier den richtigen Abschneider nicht haben, sondern es ist ein Mangel an Kultur.«

Müller hat Hunderte Interviews gegeben, bei denen er seine Havanna rauchte und zu allem möglichen befragt wurde: von den Verbrechen Stalins oder Verhältnissen in der Antike bis zur Computerkultur und wie diese Kultur das Schreiben von Theaterstücken verändern würde. Nach dem Medium seines Sprechens wurde er nicht gefragt. Es gibt sieben Bücher Gespräche mit ihm, die praktisch zum Bestand von Müllers Werk – als Performance – und somit auch zur deutschen Literatur gehören. Nur einmal – und das aber als entschiedenes Bekenntnis – hat Alexander Kluge ihm die Philosophie des Cigarrenrauchens entlockt: »Du, es ist ein Genuß, es schmeckt gut, und die Lunge hat keine Geschmacksorgane, also man braucht das nicht in der Lunge … die Geschmacksorgane sind am Gaumen. Und wahrscheinlich ist es eigentlich für die Stoa, wenn man raucht. Es gibt bei Brecht im Ui so einen Satz: ›Wer raucht, sieht kaltblütig aus.‹ Und wer raucht, wird kaltblütig. Vielleicht ist es das. Du schließt dich kurz mit deiner Sexualität, wenn du rauchst, besonders Cigarren. Mit Cigaretten könnte ich wenig anfangen.«

Als Stoiker, Nachfahre der aufrecht Gelassenen im untergehenden Rom, zu dem Müller in einer kaputten, absurden Welt als Dramatiker werden mußte, um sie zu überleben, brauchte er die besten Cigarren. Sie, die langsam geraucht werden müssen, verhalfen dem sphinxhaften Betrachter der immer schneller aufeinanderfolgenden Katastrophen zu seinem Blick: kaltblütig.

Von Thomas Irmer
 
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