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The Gasconic Paradox

Als eines der ersten starken alkoholischen Getränke erblickte er das Licht der Welt. Er ist konservativ in bezug auf seine Herstellungstechnologie, doch wechselhaft in Geschmack und Aroma: Jedes Jahr beschert er seinen Verehrern neue Eindrücke. Die Verehrer, meist echte Gourmets, derzeit nicht sehr zahlreich, schätzen sein aromatisches Bouquet mit reichen und vielfältigen Nuancen. Trotz all seiner offensichtlichen Qualitäten ist er nach wie vor noch weit entfernt von der weltweiten Popularität seines nahen Verwandten, des Cognac.

Der Großvater des Branntweins
Ohne Umschweife: Der Armagnac hatte kein Glück. Er wurde zum Landsmann einer Gestalt, die berühmter ist als er selbst. Alexandre Dumas der Ältere beließ in seinen Drei Musketieren die Heimat des berühmtesten aller literarischen Haudegen dort, wo auch der wirkliche, der historische d’Artagnan zu Hause war: in der Gascogne – ein Umstand, warum so mancher lange Zeit die südwestliche französische Provinz ausschließlich mit der Heimat des berühmten Musketiers in Verbindung brachte.

Der Armagnac kam in der Gascogne nicht nur vor dem Abenteuerroman des Alexandre Dumas auf, datiert doch seine Geburtsstunde noch weit vor den Vorfahren d’Artagnans. Vor allem dank der Empfänglichkeit der örtlichen Einwohner für fremdländische Einflüsse wurde er zum ältesten aller Branntweine. Von den in Gallien stationierten Römern erlernten sie Winzerei und Kelterei, und von den Arabern, die im Süden das benachbarte Spanien erobert hatten, entlehnten sie den Destillierapparat und erlernten die Destillation.

Es ist nicht bekannt, wann die Gasco­gner die erwähnten Künste miteinander kombinierten, doch in Chroniken wird das Jahr 1461 erwähnt. In diesem Jahr ist den Betreibern einer Brennerei im Departement Landes die Genehmigung erteilt worden, ein bestimmtes Destillat herzustellen und zum Verkauf anzubieten. Dieses Destillat nannten sie »Armagnac«.

Strenggenommen war der mittelalterliche Armagnac im modernen Verständnis kein Armagnac, sondern ein einmal gebranntes Destillat aus trockenem Weißwein. Wunderdoktoren verwendeten ihn als Heilmixtur, holländische Händler zum Weinspriten. Nur die verzweifeltsten Trinker gingen das Risiko ein, das Destillat aus der Gascogne im Sinne eines eigenständigen alkoholischen Getränks zu benutzen.

Wunderdoktoren verwendeten ihn als Heilmixtur, holländische Händler zum Weinspriten. Nur die verzweifeltsten Trinker gingen das Risiko ein, das Destillat aus der Gascogne im Sinne eines eigenständigen alkoholischen Getränks zu benutzen

Zum 18. Jahrhundert hin veränderte sich die Situation allmählich, als man anfing, die Armagnac-Spiritusse in Fässern aus Steineiche zu lagern. Die Bernsteinfarbe, der runde Geschmack und das Aromaspektrum infolge des »Gesprächs« mit der Steineiche verwandelten ihn in ein Getränk, das sich ungeteilte Aufmerksamkeit und eine Herstellungsreglementierung verdiente.

Als die französische Regierung Anfang des 20. Jahrhunderts das System der Appellationen etablierte, herrschten keinerlei Zweifel darüber, daß es eine »Appellation Armagnac« geben würde. Die Produktionstechnologie des gleichnamigen Getränks wurde unter staatliche Kontrolle genommen.

Schwarzer und weißer Armagnac
Armagnac wird auf dem Territorium der historischen Provinz Gascogne, in abgegrenzten Gebieten des Departements Gers, in einigen Gebieten von Landes sowie in wenigen Kantonen des Departements Lot-et-Garonne hergestellt. Gemäß dem Dekret von 1909 unterteilt sich die Region Armagnac in drei Subregionen, von denen jede einzelne ihr ganz eigenes Mikroklima und ihre ganz eigene Bodenstruktur hat.

Gewöhnlich gilt Bas-Armagnac als das beste Armagnac-Gebiet, auch dank seiner zahlreichen Eichenwäldchen und Kiefernhaine »Schwarzer Armagnac« genannt. Dort, wo die Subregion einen Teil des Departments Landes einnimmt, sind die Böden sandig und sehr quarzhaltig. Eisenhaltige Einsprengsel geben den Böden einen Kastanienton, weshalb sie auch öfter »Rotsand« genannt werden. Der Großteil von Bas-Armagnac befindet sich auf dem Territorium des Departements Gers, wo Ton-Kiesel-Böden überwiegen. Die hier angebauten Weintrauben ergeben sehr volle und ölige Brände mit fruchtiger Dominante im Aroma.

Für die Subregion Ténarèze sind Ton-Kalk-Böden typisch, aufgrund derer die Brände streng werden und lange – bis zu dreißig Jahre – gelagert werden (müssen). Armagnac aus Ténarèze zeichnet sich durch sein kräftiges Aroma und seinen pikanten Geschmack aus.

Haut-Armagnac schließlich ist die kleinste Subregion der Appellation, nur 500 Hektar groß – weshalb die Eau de vie aus dieser Subregion nur zwei Prozent der Gesamtproduktion ausmachen. Aufgrund des Kalküberschusses wird Haut-Armagnac auch »Weißer Armagnac« genannt. In ihrer Beschaffenheit ähneln die Böden der Appellation den Kreideböden der Grande und der Petit Champagne – was im Ergebnis, bedingt vor allem durch das heiße und trockene Klima, eine wenig ertragreiche Ernte nach sich zieht, die jedoch würdige Weindestillate ergibt. Das Resultat: Die Getränke aus dem Haut-Armagnac haben einen lebendigen Charakter und ein delikates fruchtiges Aroma, das besonders bei jungen Armagnacs zur Geltung kommt.

Kein Cognac
Wenn man schon genau ist, so hatte der Armagnac zweimal kein Glück. Er befand sich nicht nur im Schatten der bereits erwähnten literarischen Gestalt, sondern auch in dem seines jüngeren »Bruders«: Uneingeweihte bezeichnen Armagnac oft sogar als eine Abart des Cognac.

Obwohl die Gascogner die Destillation dreihundert Jahre vor ihren nördlichen Nachbarn entdeckt hatten, gebührt dennoch dem Cognac der Ruhm des »Bran­­­­­-dy № 1 in der Welt«. Womöglich sind die Langsamkeit und die konservative Grundeinstellung von d’Artagnans Landsbrüdern dafür verantwortlich zu machen. Denn während die Einwohner von Cognac von Zeit zu Zeit etwas Neues in die Herstellung ihres Branntweins einbrachten, hielten die Bewohner der Gascogne stets am »Vermächtnis der Vorfahren« fest. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts blieb Armagnac ein weißes Destillat (weil bis dato auf vorsätzliche Lagerung in Eichenfässern verzichtet wurde).

Den Armagnac in seiner modernen Form verdanken wir der Epidemie der Reblaus Phylloxera, die fast alle Reben des Armagnac zerstörte. Als sich die örtliche Produktion wieder erholt hatte, beherrschte bereits der Cognac den Markt. Der jetzt in Mode gekommene weiche Geschmack bei harten Getränken zwang die Gascogner, ihre Ansichten zu ändern und die Technologie zur Herstellung ihres Getränks zu korrigieren. Daher stammt auch die gewisse Ähnlichkeit zwischen den beiden ewigen Konkurrenten: Sowohl Armagnac als auch Cognac sind im Grunde genommen eine Assemblage aus Destillaten weißer Brände, die in Fässern gelagert werden. Während die Cognac-Hersteller vorwiegend Brände verschiedener Jahre verschneiden, verwenden die Armagnac-Produzenten für die Assemblage Brände aus verschiedenen Rebsorten (häufig sogar die eines Jahrgangs). Zum Glück gestattet das geltende regionale Gesetz den Anbau von bis zu zehn Rebsorten auf dem Territorium der Appellation. Am weitesten verbreitet sind vier von ihnen: die aus der Cognac-Herstellung bestens bekannten Sorten ›Ugni blanc‹ (75 % der Pflanzungen), ›Colombard‹ (4 %) und ›Folle blanche‹ (1 %) sowie ›Baco 22 A‹ (20 %), die einzige hybride Sorte, welcher die Winzer im 19. Jahrhundert gestatteten, zu einem echten Armagnac-Produzenten zu werden. Da die modernen Hersteller des Getränks aus der Gascogne mit den Gepflogenheiten ihrer Vorgänger nicht einverstanden sind, sollen ab 2010 keine ›Baco 22 A‹ mehr angebaut werden. Grund ist die schlechte Verträglichkeit der Hybride mit Kalksteinböden – das Paar kann sich einfach nicht »anfreunden«.

Die anderen sechs Sorten (›Blanquette gris‹, ›Clairette de la Gascogne‹, ›Jurançon blanc‹, ›Meslier Saint François‹, ›Mozac‹, ›Plant et Gresse‹) verdienen trotz ihrer eingeschränkten Verbreitung eine ausdrückliche Erwähnung. Sie werden zur Zeit einem Test unterzogen, um ihre Fähigkeit zur Armagnac-Herstellung zu prüfen.

›Alambic armagnacais‹ versus ›Alambic charentais‹
Die Destillation ist Grundstein bei der Armagnac-Herstellung, das, was ihn vom Cognac und von allen anderen Branntweinen unterscheidet. »Verantwortlich« hierfür ist ein spezieller Destillierapparat, der ›Alambic armagnacais‹. Der einfache Destillationsprozeß findet in einem Kolben statt, und zwar kontinuierlich, bis aller Wein »aufgebraucht« ist. Beim Austreten ist das Eau de vie farblos, aber wohlriechend, und kann einen Alkoholgehalt von 52 bis 72 Prozent aufweisen. Im Vergleich zum Eau de vie aus dem ›Alambic charentais‹ ist das Armagnac-Destillat weniger rein. Aber gerade diese »Verschmutzung« macht den künftigen Armagnac zu einem Getränk mit besonderem, mit »herausforderndem« Charakter.

Neben der Armagnac-Technologie wird in der Region auch die traditionelle Charentais-Methode der doppelten Destillation angewandt, aber nur 10 Prozent der Gesamtproduktion werden auf diese Weise hergestellt.

Vom Vorteil der Unbeständigkeit
Die entstandenen Eau de vie haben sofort ein wenn auch rauhes, aber sehr prägnantes fruchtiges Aroma, in dem Noten von Pflaumen, Weintrauben und Lindenblüten präsent sind. Doch erst durch die Lagerung in den traditionellen 440‑Liter-Steineichenfässern offenbart sich das gesamte Potential des Destillats. In der Gascogne hält man die örtliche Steineiche für das beste Faßmaterial, weil deren Holz eine dichtere Struktur aufweist als die Eichen in anderen französischen Regionen. Genau diese Steineiche, auch als immergrüner Baum »Grüneiche« genannt, mitunter auch »Schwarzeiche«, weil deren Rinde bräunlich-schwarz bis schwarz ist – diese Eiche verleiht dem Armagnac die vornehme Feuerfarbe von rotem Holz. Aufgrund der zurückgehenden Bestände an Steineichen sind die Gascogner jedoch seit einiger Zeit gezwungen, auf traditionelle Cognac-Hölzer zurückzugreifen, auf Eichen aus Limousin und Troncet.

Gewöhnlich werden die Eau de vie des Armagnac zwischen sechs Monaten und einem Jahr in neuen Fässern gelagert, wo sie Tannine aufnehmen. Danach werden sie in ältere Fässer umgefüllt, in denen die holzigen Töne verfeinert und um Vanille- und Backpflaumennoten ergänzt werden. Im Gegensatz zum Cognac beträgt die maximale Lagerzeit für Armagnac nicht mehr als vierzig Jahre.

Sobald der Kellermeister die Brände für ausgereift genug hält, macht er sich an die Assemblage. Schätzt man beim Cognac die Beständigkeit seines Geschmacks, so besticht der Armagnac durch seine Unbeständigkeit. Bei seiner Zubereitung folgen die meisten Häuser dem Prinzip des Jahrgangs, des ›Millésime‹: Im Gegensatz zum Cognac sind am Coupage des Armagnacs Brände der Weinlese eines Jahres beteiligt (wobei das Jahr stets auf dem Etikett angegeben ist). Es gibt auch Armagnacs, die aus Bränden verschiedener Jahre verschnitten worden sind. In diesem Fall ist auf dem Etikett das Alter des jüngsten Brands verzeichnet.

Von Julia Sorina

DIE KLASSIFIZIERUNG VON ARMAGNAC

Ursprünglich wurden nur die verschnittenen Armagnacs besonders markiert. 1999 korrigierte der Branchenverband ›Bureau National Interprofessionnel de l’Armagnac‹ die Ungerechtigkeit gegenüber den Jahrgangs-Armagnacs und schlug eine neue Klassifizierung vor.

Bis 1999:
V.S.O.P. – Der jüngste Eau de vie ist mindestens fünf Jahre alt
Napoleon X.O. – Der jüngste Eau de vie ist mindestens sechs Jahre alt
Hors d’age – Der jüngste Eau de vie ist mindestens zehn Jahre alt

Nach 1999:
Blanche d’armagnac – Junger Eau de vie ohne Faßlagerung
Armagnac – Assemblage mit mindestens sechsjähriger Lagerung
Vieil armagnac – Assemblage mit einer Lagerung von mehr als sechs Jahren
Vintage – Armagnac aus Eau de vie eines Jahrgangs
 
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