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Das Comeback der »Taschendiebe«

Sonnenuhren und Wasseruhren, Feueruhren, Sanduhren und Turmuhren – viele Jahrhunderte konnten die Menschen nur davon träumen, über eine anspruchslose Vorrichtung zur Wahrung der Zeit zu verfügen, die Temperaturgefällen, Sonnenkaprizen, Schwerkraft und ähnlichen negativen Einflüssen trotzt. Doch Zeit muß man nicht sehen, sondern vor allem: haben. Von diesem Gedanken besessen, verbrachten Hofastronomen und Mechaniker ganze Ewigkeiten in ihren Arbeitszimmern, brüteten über Zeichnungen und Formeln, und das taten sie mit nicht weniger Leidenschaft als die Alchimisten auf ihrer Suche nach dem Stein der Weisen.

$40 000
Taschenchronometer aus der ersten Dekade des 19. Jahrhunderts mit Viertelrepetitor. Am wahrscheinlichsten ist Ferdinand Aubert als ihr Schöpfer anzusehen, ein berühmter Genfer Spezialist für musikalische und Stundenschläger-Mechanismen, der vorwiegend für Auftraggeber aus China arbeitete. Das Blumenbouquet auf rotem Guilloche-Hintergrund ist von einem Perlenrand umkränzt, während sich das weiße Emaille-Zifferblatt mit kleinem Sekundenzähler an der klassischen »6‑Uhr-Posi­tion« befindet.


Unsere Geschichte beginnt im 16. Jahrhundert. Die ersten portablen Zeitmesser, die Vorgänger der Taschenchronometer, eroberten die Welt als tragbare kugelförmige oder ovale Uhren; sie wurden entweder um den Hals oder wie ein Ridikül in der Hand getragen. Wenn man wollte, konnte man diese Uhren auch in eine etwas größer dimensionierte Tasche stecken; die damalige Mode erlaubte es. Im Unterschied zu ihren festen Analogen ersetzte bei diesen Mechanismen eine Aufzugfeder das platzraubende Gewichtssystem.

$48 000
Der atemberaubend schöne Skeleton ›Cartier Diamonds and Sapphires‹, Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts hergestellt und verkauft. Der Rand ist mit vierundsechzig kleinen Brillan­ten besetzt, der äußere Saum (in »Marquise«-Schliff) mit jeweils sechzehn Brillanten und Saphiren. Die Summe, die der neue Besitzer auf der Auktion hierfür bezahlt hat, scheint mehr als bescheiden gewesen zu sein.


Als Erfinder dieser Konstruktion gilt der Hofuhrenmeister Peter Henlein aus Nürnberg, dessen schöpferische Laufbahn im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht hatte. Überliefert sind uns Zei­len eines Zeitgenossen, welche diese Entwicklung dokumentieren: »Täglich erfinden sie feinere Dinge. So bringt Peter Hele, ein noch junger Mann, Werke hervor, welche selbst die gelehrtesten Mathematiker bewundern, denn aus ein wenig Eisen fertigt er mit vielen Rädern ausgestattete Uhren, die ohne irgendein Gewicht vierzig Stunden zeigen und schlagen, selbst wenn sie im Busen oder Geldbeutel stecken.«

Die »Nürnberger Eier« (die ersten Vorbilder ähnelten äußer­lich kleinen Zylindern) und ähnliche Anfertigungen konjunkturschnuppernder Uhrmacher aus Deutschland und Frankreich erfreuten sich großer Popularität bei der europäischen Aristokratie, besonders bei der englischen – und nicht ohne Grund ergriff das neblige Albion bald darauf die künstlerische Initiative und wurde zum Begründer der europäischen Uhrenmode.

Um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert zeigten – ähnlich wie in heutigen Tagen – die Uhren nicht nur die Zeit an, sondern waren außerdem Symbol für Macht, Reichtum und sogar für die seelischen Tugenden ihrer Besitzer. Einfache Menschen konnten sich diese Uhren nicht leisten; sie waren zu teuer und eigentlich auch unnütz. Es wird erzählt, daß der erste Monarch, der sich »eine persönliche Zeit« anschaffte, der junge englische König Edward VI. (1537–1553) gewesen sein soll. Es gibt jedoch auch Belege, daß schon sein Vater, Heinrich VIII. (1491–1547), eine Uhr in Form eines Medaillons, befestigt an einer Halskette, stets bei sich trug, auf die er außerordentlich stolz gewesen sein muß.


$102 000
Ein Maler namens Hess hat auf dem Deckel dieser Uhr eines unbekannten Herstellers sein Können dokumentiert. Vom Künstler selbst ist wenig bekannt, doch ist sein Werk von höchster Qualität. Zwar wird es von vielen Experten anderen Künstlern zugeschrieben, aber die Unterschrift »Hess« räumt alle Zweifel aus dem Weg. Das Zifferblatt gleicht dem des vorherigen Modells bis auf winzige Feinheiten. Allen Kennzeichen nach wurde dieses Exemplar für den chinesischen Markt gefertigt.

Am Hof von Königin Elisabeth I. (1533–1603) hatten die Vorläufer der Taschenuhr eine rein ästhetische Funktion: Die Damen schmückten ihre Dekolletés damit. Bei der Modellwahl spielten so auch das Exterieur des Gehäuses sowie die Anzahl der Karate die entscheidenden Rollen. Es waren wahre Kunstwerke, deren Deckel mit wertvollen Inkrustationen verziert waren; auch bemalte Zifferblätter gehörten dazu. Die Qualität des Mechanismus war dabei nur von geringem Interesse, und die Ganggenauigkeit nahm einen der letzten Plätze auf der Liste der unbedingt erforderlichen Eigenschaften ein. Allerdings verdanken wir genau diesem damaligen Hang zu ausschweifendem Luxus das klassische weiße Emaille-Zifferblatt. Emaille galt als ideale »Grundierung« für Farben und Lack, und als Mitte des 18. Jahrhunderts die Taschenuhren zu erschwinglichen Alltagsattributen wurden, blieb die preiswerte und praktische Emaillierung innerhalb des technischen Herstellungsprozesses erhalten und entwickelte sich auf diese Weise zur allgemein üblichen Methode.

In den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts erfand man schließlich die Schnecke für die Aufzugsfeder. Mit ihr wurden die Uhren kleiner und zuverlässiger, da sich die Feder von nun an relativ gleichmäßig drehte. Bis zum Erscheinen der ersten echten Taschenuhr dauerte es nun nur noch ungefähr vierzig Jahre. Der Löwenanteil bei der Umwandlung der »Nürnberger Eier« in komplizierte und genaue Konstruktionen gebührt dem holländischen Wissenschaftler Christiaan Huygens. 1674 ersetzte er das Pendel durch die Unruh und stattete sie mit einer Spirale aus, wodurch es möglich war, den gesamten Inhalt in einem kompakten runden Gehäuse unterbringen (daher auch die Bezeichnung »Zwiebeluhr«).


$70000
Eine ›Patek Philippe‹ von Bischoff mit zweiteiligem Gehäuse, verziert mit einem Portrait in Kleidung eines Aristokraten aus dem 18. Jahrhundert. Das Auktionslot wurde für nahezu das Doppelte des Anfangspreises erworben.

Die erste Taschenuhr mit einer Spiralfeder wurde unter der Leitung von Huygens in Paris zusammengesetzt und in einer feierlichen Zeremonie dem französischen Absolutisten Ludwig XIV. (1643–1715) überreicht.

Da die Uhren von nun an die genaue Zeit anzeigten, wurde das Zifferblatt zunächst um einen zweiten Zeiger bereichert, den Minutenzeiger (1676), danach um einen dritten, den Sekundenzeiger (1680). Ende des 17. Jahrhunderts wurden dann Herrenwesten in Europa modern, und so verließ die Uhr für immer die gepflegten Hälse der Aristokraten und wanderte in die Brusttaschen. Die Taschenuhr in der Gestalt, wie wir sie heute kennen, war geboren.


$93 000
Goldene ›Breguet‹ mit Viertel­repetitor (um 1810). Der hintere Deckel ist mit einem Gold­ornament und durchbrochener blauer Emaille verziert. Von Zeit zu Zeit setzte Breguet Mechanismen in seine Uhren ein, die er bei Kollegen und Konkurrenten kaufte. Der vorliegende Mechanismus wurde von der Werkstatt ›Lallemand‹ gefertigt. Es gibt noch drei Arbeiten ähnlicher Art von Rieussec, Godon und Foggo.

Gleichzeitig schritt die Entwicklungsarbeit weiter voran, und bald war das endgültige Ziel erreicht. Alle Teile des Mechanismus paßten zueinander und hatten mehr oder weniger perfekte Proportionen, und so erlangte die Taschenuhr Anfang des 18. Jahrhunderts das uns geläufige Aussehen und die entsprechende Form. Das aus zwei Teilen zusammengesetzte Gehäuse schimmerte in Silber oder Gold, und das Zifferblatt erhielt ein absolut modernes Design mit viertelstündlichen Zahlen und punktförmigen Zeichen dazwischen. An der Farbe der Zeiger ließ sich oft der Wert der Uhr ablesen: In normaler Ausführung erschienen sie schwarz, während teure Uhren mit blauen Zeigern aus brüniertem Stahl ausgestattet waren. Blau waren auch die Schrauben, mit denen die Baugruppen und Details an den Brücken befestigt waren. Moderne Hersteller, die ihre Traditionsverbundenheit demonstrieren wollen, verwenden deshalb ausschließlich blaue Schrauben bei der Montage des Mechanismus als Zeichen höchster Qualität.

Mit einer Uhr erwarb man gewöhnlich ein Futteral sowie einen Schlüssel zum Aufziehen und ein kleines Ölkännchen zum zeitweiligen Schmieren der Zahnräder. Die Ankerhemmung und andere Bestandteile, die das wiederholte Schmieren des Hemmungsmechanismus überflüssig machten, kamen dank der Bemühungen Breguets, Mudges und anderer bedeutender Uhrmacher erst sehr viel später hinzu. Jean-Adrian Phillippe erfand dann 1842 den Kronenaufzug, und schlußendlich gelang es ab 1734, bedingt durch die Arbeit John Harrisons, in die Uhren Unruhen aus Bimetall (Messing, Stahl) einzubauen, durch die das Problem gelöst werden konnte, das die Temperaturanfälligkeit des Mechanismus immer noch verursachte: Bis zu diesem Zeitpunkt führten jähe Temperaturschwankungen zu den ungeheuerlichsten Fehlern.


$42000
Ein weiterer Chronometer, der für chinesische Kunden gefertigt wurde: ›Bovet, Fleurier‹ (um 1820). Goldenes zweiteiliges Gehäuse mit Seiten und Rand aus durchbrochener Emaille sowie weißes Emaille-Zifferblatt mit römischen Ziffern. Auf dem hinteren Gehäusedeckel sind ein Mädchen mit Lyra und ein Junge mit Stab dargestellt.

Bemerkenswert: Auch nach allen schicksalsschweren Erfindungen hat sich die Praxis des Verzierens der Uhrengehäuse erhalten. Über die Jahrzehnte hinweg entwickelte sie sich von einer sich selbst genügenden Kunst in eine Methode zur ästhetischen Steigerung des wertvollen komplexen Inhalts. In dem Maße, in dem eine Taschenuhr nach wie vor als Statussymbol galt, in dem Maße stiegen auch die Preise für exklusive Exemplare in astronomische Höhen. Angesehene Handwerker und ihre Gesellen arbeiteten emsig daran, ihre Erzeugnisse zu handgefertigten Wundern umzuformen, indem sie den Mechanismus mit Stundenschlägern und diversen anderen komplizierten Feinheiten ausstatteten.

Auf der Suche nach neuen Marktlücken konzentrierten sich viele Hersteller im 19. Jahrhundert auf China. Ähnlich wie heute fand eine privilegierte Bevölkerungsschicht Geschmack an Uhrenpretiosen und scheuten keine Ausgabe für die Produkte herausragender europäischer Cabinotiers. Taschenuhren, die speziell für den Verkauf im Reich der Mitte vorgesehen waren, lassen sich deshalb unfehlbar an den roten Lackminiaturen auf dem Deckel und dem mit Flußperlen verzierten Rand erkennen. Im Unterschied zu diesen »Exportartikeln« wiesen die europäischen Exemplare für den kontinentalen Markt reiche Verzierungen, Schnitzereien und Gravuren auf.


$37500
Ein glänzendes Beispiel einer Taschenuhr von ›Patek Philippe‹. Gefertigt 1901 und seinerzeit im amerikanischen Philadelphia verkauft. Minutenrepetitor, weißes Emaille-Zifferblatt mit arabischen Ziffern, goldene Zeiger (»Ludwig XV«). Auf dem hinteren Gehäusedeckel ist das Monogramm ›GHW‹ eingraviert, die Initialen des ersten Besitzers George H. Washbern.

Eine weitere Besonderheit, die damals sehr in Mode war, war die Herausgabe von Uhrenpaaren. Diese Paare wurden nicht nur aus Gründen der Schönheit hergestellt, sondern waren für den Komfort des möglicherweise Tausende von Kilometern entfernt lebenden chinesischen Verbrauchers bestimmt. Da im Falle eines Defekts des Mechanismus der Chronometer an den Hersteller zur Reparatur in die Alpen­republik zurückgeschickt wurde, blieb der Besitzer dennoch nicht »zeitlos« zurück, denn er war ja noch im Besitz der Kopie. Angesichts der riesigen Entfernungen benötigte die Behebung einer Störung mehrere Monate – und den hochverehrten Kunden für eine so lange Zeit ohne seine Uhr zu lassen, das konnte, ja mußte bedeuten, seinen Glauben in die Schweizer Qualität zu erschüttern. So wurden die »Uhren-Zwillinge« zu einer garantierten und außerdem kommerziell vorteilhaften Lösung des Problems.

Leider ist die Zeit auch ein großer Meister im Abschiednehmen, und so ist es heute äußerst schwer, ein solches chinesisches Paar aufzutreiben, das noch erhalten geblieben ist und das außerdem noch funktioniert.


$39 000
Englische Version eines »chinesischen« Taschenchronometers. ›Ilbery‹ (London 1840). Auch hier Blumenmotive und Perlenrand.

Der Untergang der »Zwiebeluhren«-Ära war durch vieles vorherbestimmt. Zu beobachten ist der Beginn in der Zeit des Vorabends zum Ersten Weltkrieg. Mit Anfang des zweiten Dezenniums mußten allmählich, doch unaufhaltsam die Taschenuhren den in Massenproduktion gefertigten Handchronometern Platz machen – Ausdruck eines (Arbeits-)Alltags, der zusehends unruhiger und schnellebiger wurde: Von Armbanduhren ließ sich schnell die Zeit ablesen.

Die Rede ist hier selbstverständlich vor allem von Modellen für Männer, denn Damenarmbänder mit Brillanten, Rubinen, Saphiren, Smaragden und auch Zeigern gehörten bereits seit langem zum Bestandteil der Schmuckdose jeder wohlhabenden Dame, die ein gewisses Modebewußtsein an den Tag legte. Die Produktion von »Armbändern« für das starke Geschlecht steckte jedoch noch in den Kinderschuhen, so daß deren Funktion häufig Taschen- oder Westenuhren erfüllten: Sie wurden mit Hilfe eines speziellen Mechanismus an einem passenden Lederriemen befestigt.


$42000
Diese »chinesische« Taschenuhr wurde um 1860 von Edouard Juvet hergestellt. In Konstruktion und Gestaltung ähnelt sie sehr ›Bovet, Fleurier‹ (was den auf den Cent identischen Preis rechtfertigt).

Überhaupt herrschte in diesen Jahren ein bizarrer »Lederriemenboom«, und feinfühlige Konjunkturisten scheffelten Berge von Geld mit einfachen bearbeiteten Lederstreifen. Für ein Weilchen waren die Taschenuhren noch Spitzenreiter in den Verkaufslisten, doch in den zwanziger Jahren verließen sie endgültig ihren Sonnenplatz in der Kundengunst – und gerieten zu einem Accessoire von Konservativen und Aristokraten, die ihre besten Zeiten schon lange hinter sich gelassen hatten …

Wie allgemein bekannt, dreht sich ja die Geschichte spiralförmig, und daher mußten die Taschenuhren früher oder später zum Verbraucher zurückkehren. Offenbar ist jene Zeit bereits gekommen. Zumindest signalisiert diesen Umstand die heute wachsende Nachfrage nach Taschenchronometern, und zwar nicht nur nach antiquarischen oder Einzelexemplaren, sondern auch und vor allem nach neuen Modellen.

Von Alexander Wetrow

SIE HABEN IHREN BESITZER GEFUNDEN
Vor einiger Zeit fand in Hongkong wieder einmal die ›Antiquorum‹ statt, eine regelmäßig stattfindende Auktion antiquarischer Uhren zum Thema »Important Collectors’ Wristwatches, Pocket Watches & Clocks«. Vierhundertsechs Sammleruhren verschiedener Bauweisen und Zweckbestimmungen standen zum Verkauf. Zum teuersten Auktionslot avancierte das aus dem Jahr 2000 stammende goldene Handchronometer von ›Patek Philippe‹ mit Minutenrepetitor und Tourbillon, das für 412.000 US-Dollar seinen Besitzer wechselte.

Dieser Fall ist für uns jedoch von geringerem Interesse als der mit dem Lot Nummer 196, das den sechsten Platz auf der Gesamtliste von zehn Auktions­hits einnahm und den ersten in der Kategorie der Taschenuhren. Gemeint ist die Uhr ›Girard-Perregaux‹ von 1907 mit verdecktem Tourbillon aus der Hand von Albert Pellaton-Favre, einem der besten Tourbillon-Experten dieser Zeit (bis heute sind nur zwei Tourbillons ähnlicher Konstruktion bekannt). Besonders erwähnenswert bei dieser Taschenuhr, deren Gehäuse aus Gelbgold besteht, sind das weiße emaillierte Zifferblatt mit römischen Ziffern sowie der Sekundenzähler, der sich an der 6‑Uhr-Marke befindet.

1907 belegte die Uhr den ersten Platz beim angesehenen Wettbewerb des Observatoriums von Neuchâtel für den präzisesten Mechanismus. Der Endpreis für dieses Lot betrug 170.000 US-Dollar.

 
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