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Die Zeit genießen

Nüchtern betrachtet, ist die mechanische Uhr ein Anachronismus, zeigt doch jede Quarzuhr für zwanzig Euro die Zeit genauer an. Doch genausowenig, wie Sie sich eine Cigarre anzünden, nur damit es raucht, genausowenig kaufen Sie sich eine schöne Uhr, nur um zu wissen, wie spät es ist. Edle Zeitmesser sind Ausdruck eines Lebensgefühls, bei dem Genuß eine wichtige Rolle spielt. Dieses Gefühl erhält jedes Frühjahr auf den Leitmessen in Basel (›Baselworld‹) und Genf (›Salon International de la Haute Horlogerie‹) neues Futter. Was dort präsentiert wurde, ist jetzt in den Auslagen der Juweliere zu sehen.

Cigarre und Uhr: Edles zu Edlem
L’art de vivre – die Kunst zu leben. Marc Hayek weiß, was das ist, hat er sich doch nahezu sein ganzes Berufsleben damit beschäftigt, seinen Kunden Genuß zu bereiten. Erst als Gastronom, heute als Chef der Uhrenmanufaktur ›Blancpain‹. Mit seinem neuesten Produkt hat er beide Professionen – man sollte eigentlich eher Leidenschaften sagen – zusammengebracht.

Blancpain

Die Verbindung beider Welten hört auf den Namen ›Blancpain Quantième Perpétuel GMT Havana‹. Zugegeben, ein komplizierter Name, doch handelt es sich hier auch um eine komplizierte Uhr. ›Quantième Perpétuel‹ steht für ein Uhrwerk mit Ewigem Kalender, weltweit das flachste seiner Art, das über Wochentag, Datum und Monat und auch über die aktuelle Mondphase Auskunft gibt. Alle Indikationen berücksichtigen automatisch die unterschiedlichen Monatslängen im Jahreszyklus und den Einfluß der Schaltjahre. ›GMT‹ ist die Abkürzung für ›Greenwich Mean Time‹ und sagt aus, daß diese Uhr per zentralem 24‑Stunden-Zeiger noch eine zweite Zonenzeit anzeigt. Ein so hochkarätiges Uhrwerk verlangt nach einer adäquaten Verpackung in Form eines eleganten Platingehäuses mit 42 Millimetern Durchmesser. Das Zifferblatt erstrahlt dank eines Sonnenschliffs je nach Lichteinfall in den verschiedenen Farbnuancen eines goldbraunen Tabakblatts. Ein handgenähtes braunes Krokolederband mit Faltschließe hält das uhrmacherische Meisterstück am Handgelenk.
Schon allein die Farbgebung rechtfertigt den Namenszusatz ›Havana‹, doch der passionierte Cigarrenraucher Hayek tut ein übriges und spendiert dem Käufer noch einen Cigarrenabschneider aus Bronze, dessen Form von einem historischen Uhrmacherwerkzeug abgeleitet ist. Uhr und Schneider gelangen in einer hochwertigen Uhrenbox aus Nußbaum zu den genau hundertfünfzig künftigen Besitzern dieser limitierten Spezialität. Diese Box hat, wie die darin enthaltene Uhr, einen mehrfachen Nutzen – sie läßt sich später ausgezeichnet als Humidor verwenden.

Erlesenes für den Mann von Welt
Nicht nur einen Humidor, sondern gleich einen kompletten ›Gentleman’s Corner‹ ließ Dr. Frank Müller, Geschäftsführer von ›Glashütte Original‹, für die Kunden seiner Sonderedition ›500 Jahre Glashütte‹ bauen. »Wir wollten damit einen besonderen Rahmen schaffen, unsere Uhren und noch ein wenig mehr zu genießen«, bemerkt der feinsinnige Manufakturchef. Das ist ihm und seinem Team gelungen. Die mit schwarzem Klavierlack überzogene Holztruhe ist ein Schmuck für jedes Kaminzimmer.

Glashütte Original

Es beherbergt nicht nur edles Rauchwerk, sondern bietet auch Platz für feinen Whisky und integriert obendrein noch einen DVD-Spieler sowie einen elektronisch gesteuerten Uhrenbeweger für fünf Automatikuhren. In diesem Falle handelt es sich um fünf Modelle aus der ›PanoMatic‹-Kollektion von ›Glashütte Original‹ im Rotgoldgehäuse: das Tourbillon, den Chronographen, die beiden Uhren mit Mondphasen- und Gang­reserveanzeige sowie das Modell ›Venue‹, das eine zweite Zonenzeit anzeigt. Ist jede Uhr für sich schon ein Genuß, repräsentiert das komplette Set das geballte Können der sächsischen Uhrmacher. 189.000 Euro soll der auf fünfzig Exemplare limitierte ›Gentleman’s Corner‹ kosten, inklusive der fünf Uhren, einer Selektion von ›Cohibas‹ sowie eines achtzehn Jahre alten schottischen Single Malt. Nicht zu viel zum fünfhundertsten Jahrestag des Städtchens im Erzgebirge, das der Uhrmacherei seit mehr als hundertsechzig Jahren eine Heimat gibt.

Weit in die Zukunft konstruiert …
In dieser Stadt im Tal der Müglitz ist auch die Traditionsmarke ›A. Lange & Söhne‹ zu Hause, die im sportlichen Wettstreit mit dem Nachbarn die deutsche Uhrmacherei wieder ganz nach vorne gebracht hat. Eingedenk dieses Wissens nennen die Verantwortlichen bei ›Lange‹ ihre jüngste Kreation ganz unbescheiden »ein Meisterwerk für den Moment und die Ewigkeit«. Wirklich widersprechen kann man da nicht. Schließlich vereint der neue ›Datograph Perpetual‹ die praktischen Komplikationen eines Flyback-Chronographen und eines Ewigen Kalenders.

A. Lange & Söhne

Der Chronograph, der ganz traditionell über ein Kolonnenrad gesteuert wird, ist dabei für die kurzen Momente zuständig – sogar für die ganz kurzen, denn die Flyback-Schaltung ermöglicht es, den Chronographen auf Null zu stellen und gleich wieder anlaufen zu lassen, ohne die Stopptaste zu bedienen. Das Ewige Kalendarium schließlich ist so programmiert, daß die Kalenderanzeigen bis ins Jahr 2100 stimmen (sofern die Uhr ständig läuft).

Aufgrund der Unregelmäßigkeiten des Gregorianischen Kalenders ist hier am 1. März 2100 ein einmaliger korrigierender Tastendruck notwendig. Diese Mühe dürfte allerdings wohl den Erben überlassen bleiben.

Eine Referenz an den guten Geschmack
Diese Erben portraitiert auch die Genfer Manufaktur ›Patek Philippe‹ regelmäßig in ihrer Werbekampagne mit der Bemerkung, daß man eine ›Patek‹ nie wirklich besitze, sondern sie für seine Nachkommen aufbewahre.

Patek Philippe

Das gilt in besonderem Maße für das Highlight des Jahres, den Jahreskalender-Chronographen mit der Referenznummer ›5960‹. Schließlich haben die Freunde des Hauses lange auf ein neues, komplett im eigenen Haus konstruiertes und gefertigtes Chronographen-Kaliber warten müssen. Doch das Warten hat sich gelohnt. Den Konstrukteuren und Uhrmachern ist nicht nur ein besonders schönes, sondern auch technisch erstklassiges Werk gelungen, in dem die Funktionen des Kalenders und des Chronographen integriert und nicht etwa modulmäßig kombiniert wurden. Aber seien wir ehrlich: Von ›Patek Philippe‹ darf man auch nicht weniger erwarten. Ganz gegen die Erwartungen ist allerdings die Gestaltung des Zifferblatts, in dem – sehr unkonventionell – Stoppminuten und -stunden in einem Hilfszifferblatt dargestellt werden, und zwar mit einem roten und einem blauen Zeiger in zwei konzentrischen Kreisen. Damit ist die Referenz ›5960‹ nicht nur die jüngste Konstruktion, sondern auch optisch die jüngste Uhr in der Kollektion von ›Patek Philippe‹.

Für entschlossene Tatkräftige
Eine sehr junge Marke ist ›Carl F. Bucherer‹. Als Händler – oder Detaillist, wie man in der Schweiz sagt – ist ›Bucherer‹ schon lange ein Begriff, als Uhrenhersteller jedoch hat sich das Luzerner Unternehmen erst seit wenigen Jahren einen Namen gemacht. Die Erfahrung aus dem Verkauf trug sicher maßgeblich dazu bei, daß es den Deutschschweizern in kurzer Zeit gelungen ist, eine rundum stimmige Kollektion zu erschaffen. Neu in dieser Saison ist die Linie ›Manero‹, deren Name sich aus der vierten Landessprache der Schweiz ableitet, dem Rätoromanischen. »La Manera« heißt »Axt« oder »Beil« und geht auf das lateinische Wort »manuaria« zurück, das etwa soviel wie »Das mit der Hand Geführte« bedeutet.

Carl F. Bucherer

Thomas Morf, CEO von ›Carl F. Bucherer‹, interpretiert das so: »Die ›Manero‹ ist die Uhr des tatkräftigen, entschlossenen Menschen.« Weil tatkräftige Menschen heute meist global tätig sind und mithin viel auf Reisen, spendierte Bucherer der ›Manero Retrograde‹ nicht nur eine Wochentags- und eine retrograde Datumsanzeige, sondern auch noch eine zweite Zonenzeit: Bei der Zwölf dreht sich beharrlich der 24‑Stunden-Zeiger, der stets die Heimatzeit indiziert, während sich der zentrale Stundenzeiger einfach per Stellkrone auf die jeweilige Lokalzeit einstellen läßt, ohne daß der Minutenzeiger davon beeinflußt würde. Die neue ›Bucherer‹-Kreation erweist sich als gelungene Kombination aus anspruchsvoller Mechanik, praktischer Funktionalität und schlichter Eleganz.

Mechanisches Denkmal
Auf diese Kombination setzt Gerd-Rüdiger Lang, Gründer und Inhaber von ›Chrono­swiss‹, seit er Uhren macht. Der Wahl-Münchner, der in den späten achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts maßgeblich zur Renaissance der mechanischen Uhr beitrug, ist ein im positiven Sinne eigensinniger Uhrmacher. Er setzt voll und ganz auf die Ästhetik, die schon die großen Uhrmacher im 19. Jahrhundert lehrten.

Chronoswiss

So achtet er stets peinlich darauf, daß Zeigerlängen sowie die Größe des Gehäuses zum eingesetzten Uhrwerk passen. »Heiße Luft« zu verkaufen, also ein Uhrwerk mit viel Nichts drum herum, ist Lang ein Greuel, weshalb er für seine neue ›Grand Régulateur Chronomètre‹ mit ihren 44 Millimetern Durchmesser ein Taschenuhrwerk als Basis nutzt. Das wird unter seiner Regie zum Regulator umgebaut, der die Minute mit einem zentralen Zeiger, Stunde und Sekunde jedoch auf zwei kleinen Hilfszifferblättern anzeigt – und zwar sehr genau, denn schließlich handelt es sich hier um ein geprüftes Chronometer. Mit dieser Uhr hat sich Lang quasi selbst ein Denkmal gesetzt, ist seine Erfolgsgeschichte doch eng mit dem 1987 erstmals vorgestellten ›Régulateur‹ mit Handaufzug verbunden.

Nichts für Sekundenfuchser
Die Chronometer-Norm würde auch die neue ›L.U.C. Extra Plate‹ von ›Chopard‹ spielend erfüllen, schließlich wird sie von dem extrem präzisen Manufakturwerk ›L.U.C. 1/96‹ angetrieben. Das Problem ist nur: Diese Uhr hat keinen Sekundenzeiger, weshalb die Chronometer-Prüfstelle ›C.O.S.C.‹ ihr das Zertifikat verweigert. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn die wahre Stärke dieser Uhr liegt in ihrer gestalterischen Schlichtheit: Stunden- und Minutenzeiger, fertig – der wahre Gentleman ist eben kein Sekundenfuchser.

Chopard

Er erfreut sich eher an der Klarheit des Designs, das besonders in der Platinvariante mit schwarzem Zifferblatt zur Geltung kommt. Hinter so viel Eleganz steckt auch ein gerüttelt Maß an uhrmacherischer Leistung. Denn es ist kein einfaches Unterfangen, ein Automatikwerk mit rund siebzig Stunden Gang­autonomie in einem knapp sieben Milli­meter flachen Gehäuse unterzubringen.

Robust und ausgeklügelt
Nicht Flachheit, sondern die Robustheit des Gehäuses stand bei der Entwicklung der ›Reverso‹ von ›Jaeger LeCoultre‹ im Mittelpunkt. Das Uhrenglas sollte bei der aktiven Ausübung des Polosports gegen Bruch gesichert werden. So konstruierte der französische Ingenieur René-Alfred Chauvot im Auftrag der Herren Edmond Jaeger und Jacques-David LeCoultre ein Wendegehäuse, das der Uhr auch ihren Namen gab (vom lateinischen »reversare«, was nichts anderes als »wenden« bedeutet). Heute begeht die Design-Ikone, die als Gesicht der Marke ›Jaeger LeCoultre‹ gilt, ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag, den die Manufaktur aus dem Juradorf Le Sentier mit zahlreichen neuen Modellen feiert. Neben der traditionellen rechteckigen Gehäuseform kommt in den drei ›Squadra‹-Modellen erstmals das Quadrat zu Ehren, das der ›Reverso‹ ein deutlich jüngeres Erscheinungsbild verleiht. Leadermodell ist der ›Squadra World Chronograph‹, der das Wendegehäuse mit zwei Anzeigen nutzt.

Jaeger LeCoultre

Auf der Vorderseite erscheint die Uhr wie ein normaler Chronograph; wird das Gehäuse gewendet, entdeckt der Betrachter eine Anzeige aller vierundzwanzig Zeitzonen unserer Erde, die über einen ausgeklügelten Übertragungsmechanismus angetrieben wird. Weitere Besonderheit der auf eintausend Exemplare limitierten Uhr ist ein aus fünfzig Einzelteilen bestehendes Gehäuse aus Titan des Härtegrads fünf.

Nüchtern-kühle Eleganz
Noch etwas härter ist die Verpackung des neuen Flieger-Doppel-Chronographen von ›IWC‹. Das Gehäuse besteht aus Zirkoniumoxyd, einer Hightech-Keramik, die sonst nur noch im Automobil- und Computerbau sowie bei der Herstellung chirurgischer Instrumente eingesetzt wird. ›IWC‹ beherrscht als einzige Uhrenmanufaktur den Umgang mit diesem ultrakratzfesten Material, doch da die Bearbeitung so aufwendig ist, werden nur eintausend Exemplare dieser Uhr gefertigt.

Panerai

Nüchtern und kühl kommt der Flieger-Chronograph daher, dabei farblich sehr reduziert: Gehäuse, Zifferblatt und Softband mattschwarz, Drücker und Krone titangrau, Ziffern, Indexe und Zeiger leuchtend weiß. Lediglich der Zeiger der Permanentsekunde leuchtet rot, und zwar zur Funktionskontrolle auf einen Blick. Der 44 Millimeter messende Uhrenbolide wird von einem Automatik-Chronographen-Werk angetrieben, dessen Rattrapante-Mechanismus die Ermittlung von Zwischenzeiten ermöglicht.

Für italienische Genießer
Wer Uhren in dieser Größe mag, hat auch immer die Marke ›Panerai‹ im Blick, die zwischenzeitlich zur Manufaktur aufgestiegen ist. Sichtbares Ergebnis dieser Bemühungen ist das im eigenen Haus entwickelte und gebaute Kaliber ›P.2002‹, das vergangenes Jahr als Prototyp vorgestellt wurde und nun Serienreife erlangt hat.

IWC

Das Uhrwerk mit einer Gangautonomie von acht Tagen tut unter anderem im Modell ›Luminor 1950 8 Days GMT‹ seinen Dienst. Die Uhr verfügt über zwei separat verstellbare Stundenzeiger, so daß zwei Zonenzeiten angezeigt werden können. Vor allem aber gibt der Zeitmesser mit dem charakteristischen Kronenschutzbügel Auskunft über seinen Träger: Er liebt den italienischen Lebensstil. Mit anderen Worten: Er ist ein Genießer.

Von Martin Häußermann
 
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