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Kubas farbigste Seite. Von Vistas, Cubiertas und Bofetóns. Teil I

Die farbenprächtigen Lithographien auf und in den kubanischen Cigarrenkisten vereinen das scheinbar Unvereinbare: Naivität und Eitelkeit, Gefälligkeit und Heimatstolz, sozialistische Propaganda und romantische Sujets der Weltliteratur. Viele Motive waren im 19. Jahrhundert jedem bekannt – und sollten dem (unentschlossenen) Käufer vor allem eines suggerieren: Die Fabrik, deren Cigarren er gerade in Augenschein nimmt, blüht und gedeiht – und deshalb wird er keine besseren Cigarren als diejenigen finden, die vor ihm liegen.

Auch in unserer Zeit kauft das Auge mit. Gleichwohl rufen heutzutage so manche Havanna-Lithographien Mißverständnisse hervor und lassen sich nur mit Mühe interpretieren. Kurz gesagt, beim Öffnen der nächsten Kiste aromatischer Havannas sollte sich der Connaisseur auf einige spannende Entdeckungen freuen: Er muß dafür lediglich für einige Sekunden sein Augenmerk auf die bunten Blickfänger richten.

Belinda


... ist eine der ältesten Havanna-Marken, die bis zur Kubanischen Revolution von 1959 hergestellt wurden. Die ›Belinda‹ war eine angesehene Marke, die auf Ausstellungen viele Medaillen gewann. Die Lithographie schmückte das Portrait eines Mädchens namens Belinda, der zu Ehren die Marke benannt worden war. Leider ist nichts über dieses Mädchen bekannt. Links und rechts sind jedoch die Festung ›El Morro‹ in Havanna und eine Ansicht von New York abgebildet, und so werden die Cigarren in den Vereinigten Staaten recht populär gewesen sein. Das modern anmutende Logo tauchte 1987 auf, als die Herstellung der ›Belindas‹ wiederaufgenommen wurde. Ausschließlich maschinell gefertigt, waren sie vor allem für die ehemaligen Ostblockstaaten vorgesehen. Vielleicht deshalb das schmucklose Logo? Etwas aufgehoben wird diese relative Einfachheit durch den Kraft symbolisierenden Löwen, der über das Wappen der kubanischen Hauptstadt läuft.

Cabañas

Ein sehr lakonisches Exemplar. Der obere Buchstabe »H« steht für »hijos« (»Söhne«), während die Präpositionen »de« und »y« auf die aristokratische Herkunft des Namensgebers verweisen. In der Mitte befinden sich die schwer leserlichen Buchstaben »C«, »A«, »B« und »S« als Abkürzung des Familiennamens ›Cabañas‹.

Cuaba

Trotz ihres jungen Alters ist die Cubierta der ›Cuaba‹ – auf dem äußeren Deckel angebracht – äußerst traditionell gearbeitet: Man sieht Plantagen, das Wappen Havannas, ein Bündel Cigarren sowie die Instrumente eines Cigarrenmachers, wie Chaveta und Holzbrett. Das Wort »cuaba« ist übrigens indianischen Ursprungs. Die kubanischen Ureinwohner bezeichneten so eine Pflanze, die sich durch Reiben schnell entzündete und ihnen zum Entfachen von Feuer diente – und wohl auch von (den Vorläufern der heutigen) Cigarren.

Bolívar

Das Galaportrait des berühmten Generals Simón Bolívar, der in Lateinamerika seit weit mehr als eineinhalb Jahrhunderten als Befreier verehrt wird, schmückt sowohl Vita als auch Cubierta der Marke. Verschiedene Symbole kriegerischen Heldenmuts und Ruhms umrahmen das zentrale Bild: ein reich mit Gold verzierter roter Umhang (spanisch »capa«), eine Girlande aus Eichenblättern, die Kraft und Kühnheit symbolisiert, sowie – natürlich – der Generalssäbel. Bei genauer Betrachtung ist links eine aufgehende Sonne zu sehen – die Sonne, die seinerzeit über dem von Simón Bolívar befreiten neuen Amerika aufgegangen ist. Die goldenen Medaillen auf der rechten Seite haben hingegen nichts mit dem Libertador zu tun. Sie dokumentieren einige der das Renommee hebenden Auszeichnungen, welche die ›Bolívars‹ aufgrund ihrer Qualität und Machart verliehen bekommen haben.

Cohiba



Die graphische Gestaltung des Logos der noch jungen, dennoch schon legendären Marke hat sich mehrmals verändert. Zunächst diente die warme Farbe eines Tabakblatts als Hintergrund, dann dominierte Schwarz. Fidel Castro war jedoch unzufrieden mit dem Gesamtdesign der Verpackung: Die Blätter in Form eines Fächers (Bogens) erinnerten ihn zu sehr an die verschnörkelte Kolonialarchitektur, zu welcher der Comandante ein ambivalentes Verhältnis hatte. Castro wollte etwas Urwüchsigeres auf dem Logo der nunmehr wichtigsten Havanna sehen, immerhin bedeutsames Symbol des neuen Kuba. So erschien das scharfe Profil eines Indianers vom Stamm der Arawaken auf der Lithographie, deren letzte Vertreter bis heute am Orinoko leben. Sie ähneln äußerlich einem anderen Stamm, der zwar heute ausgestorben ist, aber zu Zeiten von Kolumbus und der Kolonialisierung auf Kuba lebte, den Taínos. Unter dem Einfluß der revolutionären Propaganda erhielt diese Darstellung nun eine große ideologische Funktion: Der Indianer wurde zum Symbol für den Unabhängigkeitskampf der Kubaner, mit einem realen »Prototypen«, einem Häuptling der Taínos namens Hatuey. Der Legende nach geriet Hatuey während eines bewaffneten Konflikts zwischen den spanischen Eroberern und den Ureinwohnern in Gefangenschaft. Da Spanien die Eroberung neuer Länder mit seinem Bestreben erklärte, Heiden dem wahren Glauben zuzuführen, war dem Häuptling vor seinem Tod unterbreitet worden, zum Christentum überzutreten: Man erklärte dem Indianer, daß er in jedem Fall getötet werde, daß er jedoch, sollte er Katholik werden, nach dem Tod ins Paradies komme; falls er sich nicht bekehren ließe, komme er eben in die Hölle. Daraufhin fragte Hatuey: »Bist du selbst Christ?« Die Antwort: »Ja, natürlich.« – »Das heißt«, fuhr der Häuptling fort, »wenn du stirbst, kommst du auch ins Paradies?« – »Ja, natürlich.« Hatuey lehnte ab: »Nein danke, in diesem Fall gehe ich lieber in die Hölle.«



Mit der Einführung der neuen Figur änderte sich auch der graphische Gesamtauftritt der Marke; von der ehemaligen Gestaltung blieb lediglich die schwarze Farbe erhalten. Das moderne Design der Cohiba, eine stilvolle Schwarzweißzeichnung mit einem kontrastierenden Orange, wurde von spanischen Künstlern entwickelt.

Diplomáticos

Es war Anfang der zurückliegenden siebziger Jahre, als die Marke für das französische diplomatische Corps in Afrika kreiert wurde. Die altertüm­liche Kutsche auf der Lithographie symbolisiert die Diplomatenpost.

El Rey del Mundo

Die Rolle des »Königs der Welt« – so die Über­setzung des Markennamens – nimmt ein Indianer aus den Zeiten der Entdeckung Kubas ein. Der von ihm gelenkte Streitwagen wird von Tieren gezogen, welche die fünf Kontinente symbolisieren: Das Pferd steht für Europa, der Elefant für Asien, das Dromedar für Afrika, das Lama für Amerika und der Widder für Australien (hier Ozeanien genannt). Neben seiner Rolle als König der Welt demonstriert der Indianer auf dieser Vista – auf dem inneren Deckel angebracht – die Herkunft der Cigarren: In seinen Händen liegt eine typische primitive indianische Cigarre, grob gedreht und mit einem Bindfaden umwickelt. Auf der Erde selbst sind alle historischen Cigarrenverpackungen abgebildet: in Fäßchen, Ballen und schlußendlich in Kisten. Links befindet sich ein weiteres Emblem, das häufig auf Lithographien solcher Art zu finden ist: das goldene Horn der Fülle, voll mit Cigarren. Das spanische Wappen in der Mitte und die Aufschrift darunter zeugen von der Wertschätzung, die der Marke – die ersten ›El Reys‹ kamen 1882 auf den Markt – seinerzeit am spanischen Hof entgegengebracht worden ist.

Partagás



Schlicht die Gestaltung, klar die Aussage der Cubierta (oben): Die unzähligen Medaillen sprechen für sich, während die Wappen auf die blaublütige Klientel verweisen, die dem Cigarrengenuß der Marke ›Partagás‹ nicht abgeneigt gewesen ist. Bei der Lithographie, die von dem schwarzen Hintergrund beherrscht wird, handelt es sich um eine ältere Version. Farbenfroher präsentiert sich da schon die Vista, die rechts außen abgebildet ist, auch sie älteren Datums. Diese Lithographie lehnt sich an Vorbilder aus der Antike an.

Quintero

Die ›Quinteros‹ gehören zu den wenigen Havannas, die in dem Städtchen Cienfuegos an der Südküste Kubas hergestellt werden (worauf auch die Angabe auf der Vista verweist). Vor der Tabakplantage ist vermutlich Nike abgebildet, die griechische Göttin des Sieges, deren traditionelle Attribute Lorbeerkranz und Palmenzweig sind. Mit dem rechten Arm stützt sie sich auf das Wappenschild der Markengründer, der Familie Quintero, mit dem anderen auf einen Schiffsanker. Wie auch bei der ›La Gloria Cubana‹ fungiert hier der Anker als Symbol für kommerziellen Erfolg und soll zusammen mit der Göttin Nike dem Konsumenten signalisieren, daß er es bei der ›Quintero‹ mit einer erfolgreichen Marke zu tun hat.

Da viele Cigarrenraucher die logische Schlußfolgerung ziehen konnten, daß für die ›Quinteros‹ Tabake aus der nahe gelegenen Region Remedios verwendet würden, hielten es die Besitzer der Marke für unbedingt notwendig, mit großen Buchstaben auf die Vuelta Abajo als die Region hinzuweisen, in der die Blätter für die Fertigung der ›Quinteros‹ gezogen werden. Das erscheint sinnvoll, wächst doch hier der beste Cigarrentabak auf Kuba.

Punch

In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts etablierte sich in England ein Printperiodikum, um in der Folgezeit zu einer britischen Institution zu werden.

Gemeint ist das Satiremagazin Punch, das 1841 zum ersten Mal erschien (und dessen Erscheinen zunächst 1992 und endgültig dann 2002 eingestellt wurde). Der Harlekin, die Titelfigur, dessen Name mit dem des Magazins deckungsgleich war, trieb Woche für Woche im Innenteil der satirischen Zeitschrift seine Späße, und dieser britische »Kasperl« kam seinerzeit bei den gebildeten Engländern mit ihrem ganz eigenen Sinn für Humor gut an.

In den englischen Clubs kamen auch kubanische Cigarren gut an, und so war die Einführung einer Havanna-Marke mit Namen ›Punch‹ durchaus folgerichtig. Die Begründer der Marke wählten für ihr Vista-Sujet – ebenso (merkantil) folgerichtig – ein leicht verändertes Titelbild des Satiremagazins. So zeigt die Lithographie neben einigen Szenen, die der Havanna-Produktion entnommen sind – Sortieren der Tabakblätter, Cigarrenrollung, Qualitätskontrolle und die Verpackung der fertigen Produkte –, in der Mitte jenen »Mister Punch«, der, seinen treuen Hund zu Füßen, genüßlich eine Cigarre pafft.

Quai D`Orsay

Das Logo hat nichts Überflüssiges. Lediglich der Name ist mit einigen Schnörkeln versehen. Das gefiel den französischen Havanna-Liebhabern offenbar, zumal die Cigarren extra für den französischen Markt kreiert wurden. Zu den größten Fans dieser Marke avancierten Diplomaten, da die Cigarren den gleichen Namen trugen wie das Seine-Ufer, an dem sich das französische Außenministerium befand (und immer noch befindet).

Trinidad

Das Logo der noch jungen Marke ›Trinidad‹ ist recht minimalistisch gestaltet und mit einer Graphik aus sich wiederholenden umgedrehten »T« s dekoriert. Mit viel Phantasie kann man hierin die bizarren Silhouetten der Barockkirchen erkennen, die in ihrer Mehrheit in dieser beeindruckenden kubanischen Stadt erhalten geblieben sind, der die ›Unesco‹ den Titel »Weltkulturerbe der Menschheit« verliehen hat.

Troya

Die Lithographie der Marke ›Troya‹ zieht durch ihr mythologisches Sujet die Aufmerksamkeit auf sich. Im Vordergrund ist ein Streitwagen, im Hintergrund die Stadt Troja vor der Zerstörung zu sehen. Der Markengründer wollte mit diesem Motiv auf die langjährige und interessante Geschichte seiner Cigarren verweisen.

Statos de Luxe

Der riesige Adler auf der Kiste kann nicht aus Spanien stammen, denn in der spanischen Heraldik wird der Adler mit gesenkten oder gekreuzten Flügeln dargestellt.

Sehr wahrscheinlich stammten die Gründer dieser Marke aus Zentral- oder Osteuropa, womöglich aus Deutschland oder aus dem Vielvölkerreich Österreich-Ungarn.

Text: Xenia Jakowlewa
 
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