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Als die Cigarette noch nicht ihre Unschuld verloren hatte

Sie hat es schwer heutzutage, die Cigarette. Der Gegner werden immer zahlreicher, auch deshalb, da so manches, das durch den Gazettenwald wabert, mehr als übertrieben ist, weil zu wenig differenziert wird, weil Schlagworte unreflektiert an die Öffentlichkeit gelangen, weil Bruchstücke nach Art des Holzhammers bewußt und gezielt kolportiert werden – und auf diese Weise bei vielen eine Stimmung erzeugt wird, die mit dem Doppelbegriff »schizophrene Hysterie« noch zurückhaltend formuliert ist. Das trifft vorwiegend auf jene Zeitgenossen zu, deren Informationsinput vornehmlich mit ebensolchen Schlagworten bedient wird.

Gleichwohl haben viele Cigarettenhersteller erheblich zu diesem Stimmungsbild beigetragen. Daß inhaliertes Nikotin nicht gerade den gesundheitsfördernden Mitteln auf dieser Welt zuzuordnen ist, hat sich mittlerweile bis zum kleinsten Dorfanger herumgesprochen. Daß aber in den letzten Jahren Begriffe wie »Additive«, »Blähtabak«, »Tabakstaub« und »Zusatzstoffe« aufgetaucht sind, hat das schlechte Image des Glimmstengels noch verstärkt. Daran ist, wie angedeutet, ein Großteil der Cigarettenhersteller keineswegs unschuldig.

Dabei war das Image, das der Cigarette in zurückliegender, nicht in grauer (Vor-)Zeit anhaftete, ein häufig durchaus positives, eines, das in bestimmten kulturellen Ären mit Zeitgeist, mit Glamour, ja mit Feinsinnigkeit belegt war. Die »Goldenen Zwanziger« waren so eine Zeit. Da war die Cigarette, wie wir sie heute weitgehend kennen, gerade einmal wenige Jahre alt. Die Geschichte der Cigarette hatte allerdings bereits einige Dezennien früher ihren Anfang genommen …

Vor der Mitte des 19. Jahrhunderts war es, als hier und da die ersten Cigaretten auftauchten. Pfeife und Cigarre hatten sich zu diesem Zeitpunkt schon lange etabliert. Das gepflegte (Cigarren-)Rauchen fand überwiegend in (vornehmen) Clubs statt, und wer als Raucher an die Öffentlichkeit trat, indem er beispielsweise ein Varieté aufsuchte oder einen Ballsaal ansteuerte oder ein Revuetheater betrat, um dort den Cancan-Tänzerinnen unter die Röcke zu schauen oder sich anderweitig zu verlustieren, der bewahrte auch hier seine Contenance: Er zog wie im Club einen Smoking an, denn wie heute setzte sich auch damals Tabakrauch in den Kleidern fest, insbesondere dann, wenn die Luft damit geschwängert war und rauchiger Nebel sich über alles und jeden legte.

In diesen Jahren war ein Smoking ein nahezu normales Kleidungsstück, einzig und allein dazu gedacht, anstelle der üblichen Kleidung angezogen zu werden, sobald viel Rauch im Spiel war. Auf diese Weise wurde so mancher Gehrock geschont. Am Anfang seiner Geschichte hatte der Smoking also einen ganz anderen Stellenwert, als er ihn heutzutage innehat. Er war schlicht und einfach ein banales Ersatzkleidungsstück.

Das änderte sich, als seine Schnitte modischer wurden. Nun gehörte es zum guten Ton, sich mit einem Smoking zu zeigen. Der dandyhafte irisch-englische Schriftsteller Oscar Wilde, der nicht nur mit seinem Bildnis des Dorian Gray für Aufsehen sorgte und stets in feinem Zwirn gewandet war, unterstrich seine elegante Lässigkeit häufig mit einer Cigarette in der Hand. Das war um 1880, und zu dem Zeitpunkt war die Cigarette durchaus salonfähig geworden. Zwar bestimmte die Cigarre nach wie vor das (rauchige) gehobene Gesellschaftsbild, aber ihrem schlanken Pendant haftete gewißlich etwas Feinsinniges, Feminines, ja Sinnliches an. Intellektuelle Freigeister wie Oscar Wilde trugen nicht unerheblich zu diesem Bild bei.

Zu Beginn der Ära der Cigarette, als das neuartige Rauchgebilde hier und da auftauchte, war dieses Bild noch ein gänzlich anderes gewesen. Es wurde in erster Linie von türkischen und russischen Soldaten geprägt, die für ihre machthungrigen Potentaten vor Gewehrläufe und Bajonette getrieben wurden. Sie entdeckten die Cigarette für sich, als sie damit begannen, den milden Tabak aus dem Schwarzmeerraum und weiteren Provenienzen des Osmanischen Reichs in billiges Papier zu wickeln. Ihnen dienten solche »Cigaretten« als eine Art Psychopharmakon, waren sie doch bestens geeignet, die Unbill ihres Soldatendaseins zu mildern. Rauchen unterdrückte Müdigkeit und bekämpfte Hungergefühle – und Rauchen war dazu geeignet, Kontakte herzustellen: Man rückte näher zusammen, wenn die militärische Lage bedrohlich schien und notdürftig errichtete Stellungen nur eine unzureichende Deckung und somit eine vorgetäuschte Sicherheit boten.

Es dauerte nicht lange, und die Cigarette klopfte an die Türen der vornehmen Welt von Konstantinopel und St. Petersburg. Ihr stetiger Einzug in die besseren Kreise der Metropolen an Bosporus und Newa war nicht mehr aufzuhalten.

Nicht von ungefähr kam es, daß die Cigarette nach der Beendigung des Krimkriegs (1853–1856) mehr und mehr im Westen Europas bekannt wurde. Folgerichtig scheint es auch, daß es vornehmlich Mitgliedern des russischen Hochadels, stets mit einer gewissen Reisefreudigkeit gesegnet, vorbehalten war, die Cigarette in den besseren Kreisen einzuführen. Die nun offerierten Tabakgebilde rochen nicht nach billigem Papier, sondern vermittelten durch ihr seidenes Gewand eine luxuriöse Eleganz. Die Cigarette wurde allmählich hof- und salonfähig, auch und gerade im Deutschen Kaiserreich, jenem Land, in dem das Obrigkeitsdenken besonders stark ausgeprägt war – und da Wilhelm II. ein eifriger Cigarettenraucher war, hielten es viele seiner Untertanen für ihre vaterländische Pflicht, es ihm gleichzutun. Anders dagegen in England, wo der Prince of Wales, der nachmalige Edward VII. – und Cousin Wilhelms II. –, wie eh und je seiner Cigarrenleidenschaft hemmungslos frönte.

Wie dem auch sei: Die Cigarette etablierte sich allmählich. Mehr und mehr hielt sie Einzug in die gehobene Gesellschaft. Sie gehörte um die Jahrhundertwende einfach zum guten Ton. In zahlreichen exklusiven Restaurants richteten die Besitzer Rauchsalons ein, in den Hotels der Luxusklasse gehörten solche Einrichtungen zum Standard, und in den Bars der noblen Herbergen sah man immer häufiger elegant gekleidete Frauen, welche schlanke und in unschuldigem Weiß gehaltene Cigaret­ten kapriziös zum Mund führten, während die meisten Männer – trotz Wilhelms II. – nach wie vor ihre Cigarren rauchten. Selbst an Spieltischen war es gang und gäbe, dem blauen Dunst nachzugeben.

Zu dieser Zeit hatten Cigarren und Cigaretten bedeutend mehr gemein, als das heute generell der Fall ist. Sieht man einmal davon ab, daß die Cigarette ohne Papier nicht auskommt, bestanden beide Rauchobjekte zu einhundert Prozent aus Tabak, wiesen also keinerlei Zusatzstoffe auf, und zudem war der weitaus überwiegende Teil der schlanken Tabakprodukte von Hand gemacht.

Daß nicht nur die ersten Cigaretten, sondern auch jene der Belle Époque vornehmlich von Hand hergestellt wurden, mag heute ein wenig überraschen. Zwar gab es schon seit Mitte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts Cigarettenfabriken in Deutschland, doch handelte es sich hier nahezu ausschließlich um reine Manufakturen. Erst zwei Jahrzehnte später, in den achtziger Jahren, erfolgten erste Versuche der maschinellen Herstellung. Diese Art der Fertigung sollte zunächst in den Vereinigten Staaten und im Nahen Osten, so etwa in Kairo, in großem Stil betrieben werden. Aber in der Zeit, die hier beleuchtet wird, waren es in Europa die vielen kleinen Manufakturen, oftmals nur aus einem Mann bestehend, welche Cigaretten fertigten und praktisch den gesamten Markt bedienten. Diese Leute verstanden sich daneben auf die Kunst des Tabakmischens, konnten somit den Wünschen ihrer einzelnen Kunden nach individuellen »Blends« nachkommen, auch nach ausgefallenen Anliegen, indem sie beispielsweise Cigaretten mit goldenen Mundstücken versahen oder auf dem (seidenen) Papier einen hauchenen Stempel mit den Initialen oder dem Wappen des Auftraggebers anbrachten. Zino Davidoffs Vater Hillel etwa war so jemand, der diese hohe Kunst des Cigarettenmachens beherrschte.

Um die vorletzte Jahrhundertwende war bis zur vollkommen industriellen Massenproduktion also noch ein gutes Stück des Weges zurückzulegen. Diese neuartige Cigarettenproduktion sollte sich auch auf das allgemeine Rauchverhalten auswirken. Doch das ist ein anderes Thema, und hierüber wird demnächst an anderer Stelle zu berichten sein …

Offene Fragen
Um 1900 kam nicht nur die Cigarette ohne sämtliche Zusatzstoffe aus. Konzentriert sich der Focus auf die Nahrungsmittel, so leben wir heute in einer Gesellschaft der (künstlichen) Aromastoffe, der Antioxidations-, Feuchthalte-, Gelier-, Konservierungs-, Säuerungs-, Schaum- und Verdickungsmittel, der Füll-, Süß-, Träger- und Zucker­austauschstoffe, und auch die modifizierten Stärken, die Lebensmittelfarben und die Emulgatoren sollten nicht unerwähnt bleiben, während zu Kaiser Wilhelms Zeiten – und noch lange Zeit danach – diese Bestandteile in Lebensmitteln gänzlich unbekannt waren. Darüber hinaus war die Luft im Gegensatz zu heute so gut wie nicht mit Schadstoffen belastet, waren nervliche Streßsituationen im Alltag nur in äußersten Extremfällen zu beobachten, und wer damals über eine Allergie klagte, ward nicht selten als Sonderling abgetan.

Ist es dieser (gefährliche) Mix unserer Tage, gepaart mit Nikotinkonsum, der heute zu so vielen Erkrankungen der Atemwege und des Herz-Kreislauf-Systems führt? Diese Krankheitsbilder waren damals bei weitem nicht so verbreitet. Trotzdem war die Lebenserwartung um die vorletzte Jahrhundertwende bedeutend niedriger, als das heute der Fall ist. Ein Paradoxon? Auf wissenschaftliche Untersuchungen, welche sich diesen Zusammenhängen widmen, warten wir noch …

Text: Dieter H. Wirtz
 
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