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Eine Pfeife für Bilbo Was weiß man im Ausland über Bayern? Daß dort hervorragende Biere gebraut, die berühmten Weißwürste wie die nicht minder bekannten Nürnberger Rostbratwürste gegessen werden, es in München das ›Oktoberfest‹ gibt und daß dort eines der zuverlässigsten Autos der Welt montiert wird. Pfeifenraucher wissen außerdem, daß Bayern, genauer gesagt Franken, berühmt für seine Pfeifen ist. Man sagt von ihnen, sie seien klassisch wie ein ›Mercedes‹ und zuverlässig wie ein ›BMW‹. Die Pfeifen von ›Vauen‹ stehen für die deutsche Pfeifenschule wie ›Peterson‹ für die irische, ›Stanwell‹ für die dänische, ›Savinelli‹ für die italienische und ›Chacom‹ für die französische. ›Vauen‹ ist heute auch jenen ein Begriff, die nicht zu den Pfeifenrauchern gehören, die aber auf der Kinoleinwand den ›Herrn der Ringe‹ gesehen haben … Deutsche Schule Die Geschichte des Pfeifenherstellers ›Vauen‹ begann 1848 mit den Werkstätten von Karl Ellenberger und Carl August Ziener. Diese beiden Herren waren neben einigen anderen die Begründer der deutschen Pfeifenschule. 1901 fusionierten Ellenberger und Ziener mit der Firma von Gebhard Ott und gründeten die relativ große Aktiengesellschaft ›Vereinigte Pfeifenfabriken Nürnberg‹ (›VPFN‹). Die Federführung im Unternehmen wurde Ernst Eckert übertragen, einem Nachkommen der Gründerfamilie Ott. ![]() Der findige Unternehmer wandte erhebliche Anstrengungen auf, um seine Produktion über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt zu machen – und hatte großen Erfolg damit. Das Talent der fränkischen Schnitzer in Kombination mit der geschickten Leitung machte die Pfeifen mit dem Kürzel ›VPFN‹ auf dem Holm schon damals weltweit sehr beliebt. Ende des 19. Jahrhunderts gingen mehr als 90 Prozent aller in den ›Vereinigten Pfeifenfabriken‹ hergestellten Pfeifen in den Export. Interessanterweise erfreuten sie sich besonders in den USA einer regen Nachfrage. Aber auch in der Alten Welt schätzte man die Qualität und den erlesenen Stil der fränkischen Pfeifen, so daß sich die ›Vereinigten Pfeifenfabriken Nürnberg‹ 1906 bereits mit sechs goldenen Medaillen der größten Messen Europas und Amerikas schmücken konnten. Auf dem Posten des Geschäftsführers folgte Adolf Eckert seinem Vater. Um die Position des Unternehmens auf dem internationalen Markt zu stärken, führte er eine Reihe von Verbesserungen ein. Zuallererst gab er der Marke einen anderen Namen: Nach langem Nachdenken wurde die schwer auszusprechende Abkürzung durch das weiche und melodische ›Vauen‹ ersetzt. Eigentlich steht dieser Name für die Anfangsbuchstaben »V« (sprich »vau«) für ›Vereinigte Pfeifenfabriken‹ und »N« (sprich »en«) für Nürnberg, die Stadt, in der sich bis heute die Produktion befindet. ![]() Ein Jahr vor Alfred Dunhill entwickelte Adolf Eckert 1911 eine spezielle Markierung für seine Pfeifen der Luxuskategorie: ein besonderes Zeichen auf dem Mundstück in Form eines weißen Punktes Ein Jahr vor Alfred Dunhill entwickelte Adolf Eckert 1911 eine spezielle Markierung für seine Pfeifen der Luxuskategorie: ein besonderes Zeichen auf dem Mundstück in Form eines weißen Punktes. Heute wird jede dritte Pfeife von ›Vauen‹ mit diesem Kennzeichen versehen. Nur sehr wenige Firmen können mit einem solch hohen Qualitätsnachweis aufwarten. Gut und praktisch Nicht ohne Grund werden die Pfeifen von ›Vauen‹ mit Automobilen der gehobenen Klasse verglichen. Die talentierten fränkischen Schnitzer sorgen für das erlesene Design, und eine typisch deutsche Tugend – eine gewisse Pedanterie im Umgang mit den Dingen – verleiht den Pfeifen eine unglaubliche Zuverlässigkeit sowie ausgezeichnete Raucheigenschaften. Statistisch zählen die Pfeifen von ›Vauen‹ zu den langlebigsten; sie halten häufig ein Raucherleben lang und brennen fast nie durch. Wie schon sein Vater Ernst verwandte Adolf Eckert große Aufmerksamkeit auf die Auswahl der Lieferanten für das Rohmaterial und verbrachte viel Zeit auf Reisen durch Südeuropa. Daher konnte sich das Unternehmen von Anfang an die Unterstützung der besten europäischen Bruyère-Lieferanten sichern. Selbst heute, da sich die Vorräte an alter Baumheide verringert haben, hat sich das Verhältnis der Franken zur Qualität des Rohmaterials nicht geändert. Sogar die kostengünstigsten Pfeifen werden bei ›Vauen‹ aus Bruyère-Holz hergestellt, das mindestens vier Jahre gelagert worden ist. Ist das Bruyère-Holz fehlerfrei und hat es eine besonders schöne Maserung, erhält die daraus gefertigte Pfeife den Stempel ›extra‹. Meistens gehören solche Pfeifen zu einer speziellen limitierten Serie, die unmittelbar und bis zum letzten Stück von Sammlern aufgekauft wird. Die Wahl der Baumheide ist einer der Faktoren, welche für die Zuverlässigkeit der Pfeifen von ›Vauen‹ stehen. Ein anderer ist die Gewissenhaftigkeit, welche das Unternehmen systematisch von seinen Mitarbeitern einfordert. Bereits die Gründer hatten die Pfeifenherstellung in einzelne Etappen unterteilt und sechzig Einzelschritte bestimmt, von denen jeder einzelne kontrolliert wird, um auszuschließen, daß am Ende des Produktionsprozesses fehlerhafte Exemplare aussortiert werden. Wie die Mitarbeiter von ›Vauen‹ sagen, sei dies ein klassisches Beispiel für das in der ganzen Welt berühmte Verhältnis der Deutschen zur Qualität. Leidenschaft für Innovationen Ein weiteres Erkennungskriterium des Unternehmens ist seine Leidenschaft für Innovationen. Genau, Leidenschaft, anders läßt sich das nicht nennen. Das Streben nach Neuem ist unabdingbarer Bestandteil der mittlerweile über anderthalb Jahrhunderte währenden Philosophie von ›Vauen‹. Es sei nur daran erinnert, daß die erste Auszeichnung, die ›Vauen‹ erhielt, die »Fortschrittsmedaille in Gold« war; das war 1876 auf der ›World Exhibition‹ in Wien. Bemerkenswert ist, daß die Innovationen, mit welchen das Unternehmen regelmäßig aufwartet, nicht nur die Pfeifen und deren Konstruktionen betreffen, sondern auch die Accessoires bzw. das unentbehrliche Zubehör. ![]() Seit Anfang der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts beschäftigen sich die Nürnberger Pfeifenhersteller auch sehr produktiv mit der Verringerung von jenen Schadstoffen, die dem Tabakrauch eigen sind. 1921 entwickelten und produzierten die Spezialisten von ›Vauen‹ den 4‑ und den 6‑Millimeter-Papierfilter ›Dr. Perl‹. Dreizehn Jahre später erschien die verbesserte Version: ›Dr. Perl junior‹ mit Aktivkohle. Diese Filter werden bis heute hergestellt und erfreuen sich anhaltender Nachfrage. Die Filtergröße von 9 Millimetern Durchmesser hat sich als extrem vorteilhaft erwiesen: Fast alle europäischen Hersteller und privaten Meister, wie zum Beispiel ›Peterson‹, ›Savinelli‹ und ›Stanwell‹, haben ihre Pfeifen diesem Standard angepaßt. Heute ist der ›Dr. Perl junior‹ der meistgekaufte 9‑Millimeter-Filter der Welt. Das Gesamtverkaufsvolumen des Marktführers beträgt inzwischen fast drei Millionen Stück pro Woche. Auf dem österreichischen, dem deutschen und dem schweizerischen Markt haben die Filter praktisch eine Monopolstellung inne. Statistisch bevorzugen 75 Prozent der Raucher dieser Länder jenen 9‑Millimeter-Filter von ‹Vauen‹. Dieser ungewöhnliche Erfolg hängt eng mit der Konstruktion der Filter zusammen. Je geringer ein Filter mit Aktivkohlestückchen befüllt ist, desto »luftiger« ist er, weshalb der Rauch relativ ungehindert durch die Pfeife fließen kann. Ist dagegen ein Filter verhältnismäßig dicht mit den besagten Stückchen befüllt, muß der Rauch bedeutend mehr »Umwege« über die schadstoffabsorbierenden Poren in der Aktivkohle nehmen. Die Hauptaufgabe bei der Konstruktion eines solchen Filters war somit recht diffizil: Es mußte ein Filter her, der einen Großteil der beim Rauchen entstehenden Schadstoffmenge absorbiert, der gleichzeitig aber auch so wenig Zugwiderstand wie möglich hervorruft – schließlich soll das Rauchen einer Pfeife zum wohltuenden Genuß führen und nicht zum Kampfsport mutieren. Allem Anschein nach – und das belegt der Erfolg – haben die seinerzeit Verantwortlichen bei ›Vauen‹ diese »Aufgabe« hervorragend gelöst. ![]() Die ›Vauen Zeppelin‹ in Form des bekannten Luftschiffs des Grafen von Zeppelin erschien 1996 anläßlich des sechzigsten Jahrestages des Beginns des regelmäßigen Flugverkehrs zwischen Deutschland und New York mit dem seinerzeit größten Luftschiff der Welt Formenvielfalt: Die Ära ungewöhnlicher Entscheidungen Im Jahre 1944 gab Adolf Eckert seinen Posten als Geschäftsführer auf. Das Steuer übernahm nun sein Sohn Ernst, benannt nach seinem Großvater, dem Firmengründer. Erst 1949 gelang es ihm, die am Ende des Krieges zerstörte Pfeifenfabrik wieder aufzubauen. Trotz der angespannten finanziellen Lage verkaufte Ernst die Fabrik nicht, sondern konnte sogar Geld erübrigen, um dort neue Anlagen einzurichten. Als Ernst 1961 heiratete, fing seine Frau Ruth sofort damit an, sich aktiv an dem Familienunternehmen zu beteiligen. Häufig hat die Einwirkung »weiblicher Hände« direkten Einfluß auf das Produktionssortiment eines Unternehmens. So auch bei ›Vauen‹. Ruth entwickelte selbst einige Modelle, und so wurde im Ergebnis das klassische Sortiment um eine Vielzahl ungewöhnlicher Modelle ergänzt. Heute umfaßt das Angebot von ›Vauen‹ mehr als vierzig Pfeifenformen, die es in circa dreißig verschiedenen Pfeifenlinien (Kollektionen) gibt. ![]() Jahrespfeife 2004 In den letzten fünfzig Jahren hat ›Vauen‹ eine beträchtliche Zahl von Pfeifen ungewöhnlicher Formen und Größen hergestellt. So spielte das Unternehmen keine geringe Rolle bei der Wiedergeburt der einst sehr verbreiteten, zwischenzeitlich aber nahezu vergessenen Pfeifenform ›Churchwarden‹. Pfeifen dieser Form – sie sind aus Ton und haben ein langes Mundstück – erfreuten sich im 17. und 18. Jahrhundert in Kreisen der europäischen Aristokratie großer Beliebtheit. Selbst Peter I. und Katharina II. sollen genau diese Pfeifen am russischen Zarenhof geschmaucht haben. Die tonigen ›Churchwarden‹ rückten in den Hintergrund, als Pfeifen aus Bruyère-Holz gängig wurden – sie waren kompakter, leichter und zuverlässiger als die althergebrachten. Irgendwann sprach niemand mehr von einer ›Churchwarden‹ – bis dann solche aus Bruyère allmählich in den Ladenregalen auftauchten. Dort ist seit geraumer Zeit auch die ›Churchwarden Sterling Silver‹ von ›Vauen‹ zu finden, und mittlerweile gehört dieses Modell für viele Pfeifenraucher auf der ganzen Welt zu den beliebtesten ›Churchwardens‹. Mancher Raucher ist nicht nur von der Qualität und der Zuverlässigkeit dieser Pfeife fasziniert, sondern auch von der ungewöhnlichen Lösung der Nürnberger Designer. Sie haben die Pfeife mit zwei austauschbaren Mundstücken ausgestattet. Das lange ist ideal für den Hausgebrauch, während sich das kürzere bequem mitnehmen läßt. ![]() ›Vauen Pocket‹ In diesem Zusammenhang darf die ›Kono‹ nicht unerwähnt bleiben. Benannt nach dem Designerbüro, das sie entwickelt hat, fällt sie vor allem durch ihren konischen Fuß auf. Als man Pfeifen aus Ton fertigte, die darüber hinaus eine respektable Länge aufwiesen (man könnte sogar sagen, es handelte sich um Tischpfeifen), war ein solcher (kleiner) Fuß notwendig, damit der Kopf, der sich beim Rauchen erhitzte, nicht die Unterlage verbrannte, auf welche die Pfeife gestellt wurde. Die ›Vauen Kono‹ erfüllt ebenfalls diese »Anforderung«. Einziger (markanter) Unterschied: Gegenüber ihren Vorgängern ist sie relativ kurz. Erst vor wenigen Jahren hat sich das Unternehmen ein weiteres Mal alten Pfeifenformen zugewandt. Auslöser war das Leinwandepos Der Herr der Ringe. Die Produzenten des Films, bekannt für ihre Liebe zum Detail, verwendeten genau solche Pfeifen, wie sie Tolkien in seiner Trilogie beschrieben hatte. Von allen vier Pfeifen, ihrer Form nach ›Churchwardens‹, die auf die Leinwand kamen, erwarb ›Vauen‹ die Lizenz, die Modelle nachzubauen und weltweit zu vertreiben. Das Ergebnis war eine vielbeachtete Pfeifenserie, welche auf die berühmtesten Tolkien-Helden abzielte: Hobbit Bilbo, Zauberer Gandalf, Gnom Gimli und Ritter Aragorn. Die Pfeifen dieser (limitierten) Serie, unter dem Namen ›Vauen. Der Herr der Ringe‹ zunächst nur in Deutschland auf den Markt gebracht, zeichnen sich wie die Originale durch das ungewöhnliche Design im Stil der Tolkienschen »Mittelerde« aus. ![]() Neben den vielfältigen Remakes alter Formen enthält das Sortiment von ›Vauen‹ auch vollkommen ungewöhnliche Modelle, die von den Nürnberger Designern von Grund auf neu entwickelt worden sind. Dazu gehört beispielsweise die ›Vauen Zeppelin‹ in Form des bekannten Luftschiffs des Grafen von Zeppelin. Sie erschien 1996 anläßlich des sechzigsten Jahrestages des Beginns des regelmäßigen Flugverkehrs zwischen Deutschland und New York mit dem seinerzeit größten Luftschiff der Welt. Um diese »cigarrenähnliche« Pfeife zu stopfen, muß man sie in der Mitte trennen. Geraucht wird die ›Vauen Zeppelin‹ ebenfalls auf recht ungewöhnliche Art, da man die Pfeife nicht, wie sonst üblich, von oben nach unten anzündet, sondern wie eine Cigarre horizontal von vorne. Eine weitere originelle Designer-Idee von ›Vauen‹ ist die Pfeife mit dem lakonischen Namen ›Pocket‹. Dieses einzigartige Rauchinstrument besteht aus einem recht großen, aber nicht sehr breiten ganzen Stück Bruyère mit rechtwinkligem Miniaturmundstück. Das Mundstück befindet sich oben und kann eingedreht werden, weshalb diese Pfeife bedeutend kleiner ist und damit sehr platzsparend, so daß sie nicht nur in eine Jackettasche, sondern auch in eine Hemd- oder sogar in eine Jeanstasche paßt. Traditionstreue Heute wird das Unternehmen von Alexander Eckert geleitet, dem Vertreter der fünften Generation der Familiendynastie. ›Vauen‹ ist ein klassisches Beispiel für ein Familienunternehmen, das trotz Krieg und Finanzkrisen seine Unabhängigkeit bewahrt hat. Hingegen mußten selbst solche berühmten Pfeifenhersteller wie ›Peterson‹ und ›Stanwell‹ internationalen Konzernen beitreten, um sich über Wasser zu halten. Seit Anbeginn führt die Familie Eckert das Unternehmen. Das ist der Garant für die Kontinuität der Tradition. In den mehr als anderthalb Jahrhunderten wurden die Produktionsweisen der Nürnberger Pfeifenherstellung zwar ständig überprüft und perfektioniert, doch die Philosophie ist die alte geblieben: strenge Qualitätskontrolle der Materialien, ausschließlich Handarbeit und höchste Sorgfalt, selbst bei winzigen Details – zu gut deutsch: zuverlässig und auserlesen. Text: Eldar Tusmuchamdedow |
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