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Alter und Reife

Ein nicht zu unterschätzendes Mißverständnis beim Probieren, Konsumieren, Degustieren – und beim Kauf (!) – von wertvollen faßgelagerten Bränden tritt immer wieder bei der Beurteilung der Wechselwirkung zwischen Alter und Qualität auf. Folgen wir der leider nicht nur landläufigen Meinung, so müßte sich die Qualität eines Whiskys, eines Cognacs oder eines Brandys mit zunehmendem Alter ins Unermeßliche steigern. Dabei ist nur eines sicher: Das einzige, was sich mit zunehmendem Alter ins Unermeßliche steigert, ist der Preis, bedingt durch höhere Lagerhaltungskosten und den Aufwand, den es erfordert, ein zufriedenstellendes Ergebnis bei langer Reifung zu erzielen – ein Ergebnis, das nicht von einem muffig-bitteren Holzinferno übertüncht wird. Alles andere ist Legende, ist Märchen, ist Unfug. Graham Eunson, Distillery Manager bei ›Glenmorangie‹, hat es einmal auf den Punkt gebracht: »Es gibt nur eine seriöse Auskunft, die ich über die Bedeutung des Alters für die Qualität eines Whiskys geben kann: The older the Whisky – the older the Whisky.« Es gibt genauso viele lausige uralte Whiskys, wie es hervorragende blumige, frische, junge, komplexe, rassige gibt – und umgekehrt. »»

Ob sechs, sechzehn oder sechzig Jahre: Jedes Alter einer feinen braunen Spirituose ist das Ergebnis von generationenlanger Erfahrung, gepaart mit Tradition, unzähliger »Trials and Errors« und einem Höchstmaß sensorischer Fähigkeiten eines schottischen Master Distillers, eines charentaisischen Maître de Chai oder eines andalusischen Catador – und hat somit seine ganz individuelle Berechtigung. So ist jedwedes Resultat auch ein kleines (oder großes) Kunstwerk. Ob es ein gutes oder schlechtes ist, entscheidet am Ende nur der Geschmack derjenigen, die mit den jeweiligen Bränden Bekanntschaft machen. Bei unserer Cross-over-Degustation am 10. Juli in der cigarrenerprobten ›Vox Bar‹ im ›Grand Hyatt Berlin‹ am Potsdamer Platz haben wir uns mit drei Cigarren aus drei Provenienzen und drei ganz unterschiedlichen faßgelagerten Bränden verschiedener Altersstufen – elf, einundzwanzig und einunddreißig Jahre – sensorisch auseinandergesetzt.

Der Ort konnte besser nicht gewählt sein: Die ›Vox Bar‹ unter Barchef Edgar Katzer führt neben mehr als zweihundertdreißig Whisk(e)ys aus aller Welt feine Cognacs und Armagnacs sowie eine beachtliche Auswahl an Rum, und auch der Humidor ist vorzüglich bestückt. Der ausgezeichnete Service schreckt weder vor einer Empfehlung – was sowohl die ausgesuchten Cigarren als auch die geistigen Getränke betrifft – noch vor dem gewissenhaften Anzünden einer Cigarre zurück.

Wie sich nun die Objekte, welche die durchaus vergleichbaren Phasen der Faßlagerung und der Fermentation hinter sich gebracht haben, miteinander verbinden (oder auch nicht), wird auf den folgenden Seiten dargelegt …

Die Brände

Conde de Osborne, Brandy de Jerez Solera Gran Reserva (11 Jahre)


Die geheimnisvollste andalusische Region zwischen Jerez de la Frontera, Sanlúcar de Barrameda und El Puerto de Santa María, das Xérés- oder Sherry-Gebiet, schenkt uns diesen großartigen Brandy. Das Destillat wurde in Fässern gelagert, die mindestens vier Jahre lang mit dem süßesten aller Sherrys, dem ›Pedro Ximenes‹ gefüllt waren. Daher rühren die dunkel leuchtende Mahagoni-Tönung und der schwere süße Duft, der Dörrobst und Schokolade, aber auch frische Citrusnoten in sich trägt. Die jugendliche Frische des elf Jahre alten Brandes überrascht: Er erfrischt und schmeichelt am Gaumen.

Aberfeldy Single Highland Malt Whisky (21 Jahre)

Im Herzen der Perthshire Highlands liegt Aberfeldy mit der über hundert Jahre alten Distillery vor den Toren der Stadt. In Eichenfässern gelagert und nach einundzwanzig Jahren auf die Flasche gezogen, präsentiert sich der Whisky ausgewogen faßgelagert und in hell- bis gelbgoldener Farbe. Eine schlanke, elegante Malzigkeit und eine leichte Honignote begleiten Aromen exotischer Früchte. Insgesamt ein vollmundiger Körper, der im Finish eher feinbitter als süß bleibt.

Otard 1975er Vintage Grande Champagne Cognac (31 Jahre)

Die langen Jahre in den Fässern aus französischer Steineiche verleihen dem Brand, der allein aus ›Ugni Blanc‹-Trauben destilliert worden ist, einen goldenen Ton mit leicht orangefarbenen Reflexen und einem unvergleichlichen Duft. Rosinen und helle kandierte Früchte treffen auf feine hefige Süßweinnoten und zarte ätherische Citrusanklänge. Der Geschmack verweilt lange und sehr balanciert am Gaumen und hinterläßt einen subtil-betörenden Nachhall.

Interessantes ABC. Das Abenteuer Brand & Cigarre

Hoyo de Monterrey Petit Robusto

Kuba (Dezember 2005)

Format: Short Robusto
Länge: 102 mm
Ringmaß: 50 (19,8 mm)
Deckblatt: Kuba
Umblatt: Kuba
Einlage: Kuba
Stärke: 4
Rauchdauer: ca. ½ Std.
Einzelpreise: D: € 7,20 CH: sfr 10,20

Die relativ junge Cigarre im modernen Format ist solide gerollt. Das sehr schöne, coloradofarbene ebene Deckblatt erscheint leicht ölig. Die ›Hoyo‹ riecht verhalten würzig und wartet mit einer milden Nougatnote auf. Geschmacklich ist diese ›Petit Robusto‹ schnell präsent: Der Rauch nimmt rasch Temperatur auf, die er über die Rauchdauer sehr gut hält. Die fruchtigen Aromen legen eine anfängliche Staubigkeit schnell ab, während der Rauch sehr aromatisch und angenehm ist. Das kurze Format kämpft mit leichtem, aber unerheblichem Schrägbrand. Zum Ende hin kommt eine erdige Würze auf, die leichte Süße steigert sich, und die ›Hoyo Petit Robusto‹ läßt sich bis über den Cigarrenring hinaus genießen.

Conde de Osborne
Weicher Schleicher. Die ausgeprägte Süße des Brandys unterstützt vor allem die zweite Hälfte der Cigarre, während die wohlige Schokoladennote schon zu den ersten Zügen sehr gut paßt. Die Cigarre gibt viel Rauch, doch der breitschultrige Brandy ordnet sich trotzdem gut ins Aromenspektrum ein. – Diese Kombination macht Spaß, wenn man mal alleine ist, vielleicht mit den ersten Seiten von Cervantes’ Don Quijote.




Aberfeldy

Sunrise in den Highlands. Die Cigarre unterstreicht den Whisky und entlockt ihm ein kleines bißchen mehr Süße, als er normalhin aufweist. Die fruchtige Malzigkeit und sogar die sonnigen Reflexe passen zum gesamten Rauchverlauf. Später kommen Vanille und exotische Früchte zum Vorschein. Zum Ende hin spielen diese Aromen mit der Würzigkeit der Cigarre. – Am frühen Abend genießen, wenn man sich’s verdient hat.




Otard 1975

Round and round it goes … Es stellt sich zwar grundsätzlich die Frage, ob man so einen guten alten Cognac überhaupt mit anderen Genußmitteln begleiten sollte, aber wenn das geschieht, dann mit einem so ausgewogenen wie der ›Hoyo‹. Trinkt man erst den Cognac und zieht dann an der Cigarre, legt sich der Rauch über den Geschmack wie ein durchscheinendes Seidentuch über eine schöne Schlafende. Raucht man jedoch zuerst, entfacht der Schluck Cognac danach ein wahres Kaleidoskop an Geschmackswirbeln, die sich langsam wieder einpendeln. Ein faszinierendes Couplet, das sich langsam aneinander gewöhnt. – Wann man diese Kombination ausprobiert, ist eigentlich egal, aber einmal im Leben sollte man es mindestens tun.

José Martí Petit Lanceros
Nicaragua

Format: Small Panatela
Länge: 115 mm
Ringmaß: 29 (11,5 mm)
Deckblatt: Ecuador
Umblatt: Dominikanische Republik
Einlage: Nicaragua, Honduras, Dominikanische Republik
Stärke: 3
Rauchdauer: ca. ½ Std.
Einzelpreise: D: € 2,50CH: sfr 5,50

Nicht nur der Name und der Schriftzug ›Cuba libre‹ auf der Kiste weisen auf einen Exil-Kubaner als Produzenten dieser Cigarrenmarke hin, sondern auch die gute Verarbeitung und das schöne Deckblatt, ja selbst das selten anzutreffende Format. Ebenso verweist die Ausgewogenheit von Leichtigkeit und Würze auf jemanden hin, der Ahnung vom Handwerk des Cigarrenmachens hat. Die kurze, schlanke Cigarre brennt gut ab und pendelt sich mit schönen Zedernholz- und Kaffeenoten mittelstark ein. Allerdings blitzt des öfteren unkontrolliert metallische Schärfe auf. Kurz vor dem Finale kommt noch ein deutlicher Schub an Komplexität und Kraft mit Aromen von Moos, Wald und Lakritz. – Bei dem sehr guten Preis-Genuß-Verhältnis kann man in großer Runde getrost mal eine Kiste auf den Tisch stellen.

Conde de Osborne
Carajillo … so nennt man in Spanien einen kleinen schwarzen Kaffee mit einem ordentlichen Schluck Brandy. Man trinkt ihn nachmittags oder am frühen Abend und genießt seine belebende Wirkung. Die Süße zusammen mit dem Alkoholgehalt des ›Conde de Osborne‹ und die knackige Würzigkeit der Cigarre mit ihrer satten Geschmacksstruktur erinnern an diese Kaffeespezialität. – Unbedingt auch mal mit einem solchen Carajillo versuchen.



Aberfeldy

Löcher und Spitzen. Hier vertragen sich die beiden Kameraden überhaupt nicht, ja sie werden zu gegnerischen Kombattanten. Mal hebt der Rauch die Aromen des Whiskys auf und hinterläßt ein Geschmacksvakuum, mal doppeln sich Alkoholgehalt und Schärfe zu unangenehmen Nadelspitzen auf der Zunge. – Spitzendeckchen sind zwar nett, aber nicht beim Digestif …




Otard 1975

Pardon, Monsieur. Zwei solch verschiedene Produkte vertragen sich einfach nur im Märchen. Der »große« Cognac, ein sozusagen vollkommenes Produkt, wendet sich von der bodenständigen »kleinen« Cigarre ab. Das ist keine Hochnäsigkeit. Die beiden sprechen einfach nicht dieselbe Sprache. – Manchmal kann ein geteilter Genuß ein doppelter Genuß sein.



La Libertad Robusto

Honduras

Format: Robusto
Länge: 124 mm
Ringmaß: 50 (19,8 mm)
Deckblatt: Nicaragua
Umblatt: Honduras
Einlage: Honduras
Stärke: 4
Rauchdauer: ca. ¾ Std.
Einzelpreise: D: € 5,–CH: sfr 8,40

Die sehr gut verarbeitete und recht elastisch gerollte Cigarre verströmt durch das matt glänzende, fein schattierte Deckblatt einen verhalten süßlichen und leicht würzigen Duft nach Tabak und Kakao. Bei den ersten Zügen findet sich eine frische, fast spitze Schärfe, die erst mit dem Auftauchen einer angenehmen Milchkaffeenote vergeht. Dafür stört später eine leichte Staubigkeit, bis die Cigarre nach der knappen Hälfte der Rauchdauer Komplexität entfaltet. Ab dem Punkt, an dem sich Süße, Schärfe und die späte Bitternote ergänzen, macht die Cigarre endlich Spaß. – Kommt spät, bleibt dafür ein bißchen länger.

Conde de Osborne
Nachhilfe auf Spanisch. Die Sherry-Süße des Brandys hilft der anfangs etwas farblosen Cigarre. Seine Feurigkeit erschlägt die Cigarre nicht, sondern spült über sie hinweg, um die leichten Aromen später wieder zuzulassen. Erneut holt die ›La Libertad‹ auf, entledigt sich der Dominanz des Getränks und kann auf seinem Niveau mithalten. Schokolade, Rosine, Nuß und dazu würziger Tabak: ein Vergnügen. – An der Bar, vielleicht auf die Nachhilfelehrerin bzw. den Tutor wartend.



Aberfeldy

Holprige Verjüngungskur. Zu Beginn erscheint der Whisky im Zusammenspiel mit der Cigarre deutlich jünger, ja schlanker, und die Citrusnote wirkt präsent und knackig. Im Verlauf werden Orangentöne daraus, die sich später mit Honigsüße und dem Malz des Whiskys vereinen. Allerdings verläuft die Geschmackskurve mitunter voneinander abweichend, und nicht jeder Moment paßt perfekt. Insgesamt jedoch eine durchaus zufriedenstellende Kombination. – Ein »Dienstagabend-After-Work-Smoke«.



Otard 1975
Schatten vor der Sonne. Hier passiert, was zu befürchten war: Die kräftigen Strahlen der Fruchtigkeit und die Eleganz des gereiften Cognacs werden leider von der Staubigkeit der ersten Cigarrenzüge überschattet. Später reichen weder Würze noch Süße der ›La Libertad‹ an die Komplexität des Cognacs heran. – Erst die Cigarre zu Ende rauchen und sich danach auf den Cognac freuen … Eine halbe Stunde im Glas läßt ihn sogar noch besser werden.
 
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