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Kubas farbigste Seite. Von Vistas, Cubiertas und Bofetóns. Teil II Die farbenprächtigen Lithographien auf und in den kubanischen Cigarrenkisten vereinen das scheinbar Unvereinbare: Naivität und Eitelkeit, Gefälligkeit und Heimatstolz, sozialistische Propaganda und romantische Sujets der Weltliteratur. Viele Motive waren im 19. Jahrhundert jedem bekannt – und sollten dem (unentschlossenen) Käufer vor allem eines suggerieren: Die Fabrik, deren Cigarren er gerade in Augenschein nimmt, blüht und gedeiht – und deshalb wird er keine besseren Cigarren als diejenigen finden, die vor ihm liegen. Auch in unserer Zeit kauft das Auge mit. Gleichwohl rufen heutzutage so manche Havanna-Lithographien Mißverständnisse hervor und lassen sich nur mit Mühe interpretieren. Kurz gesagt, beim Öffnen der nächsten Kiste aromatischer Havannas sollte sich der Connaisseur auf einige spannende Entdeckungen freuen: Er muß dafür lediglich für einige Sekunden sein Augenmerk auf die bunten Blickfänger richten. Vegas Robaina ![]() ›Vegas Robaina‹ ist eine sehr junge Havanna- Marke, doch ihr Auftreten ist in bester vorrevolutionärer Tradition gehalten. Auf der Cubierta sind hinter dem lächelnden Don Alejandro (Robaina) eine Tabakplantage und der Gebirgskamm Sierra de los Organos zu sehen, der eine wichtige Rolle bei der Bewahrung des in der Region Vuelta Abajo herrschenden Mikroklimas spielt und den besten kubanischen Tabak vor kalten Nordwinden schützt. Die kubanische lebende Legende hält in der einen Hand ihre Lieblingscigarre, eine ›Panetela‹, und in der anderen ein altes Grammophon. Wie ist dieses Grammophon auf die Lithographie gekommen? Die Anekdote ist es wert, erzählt zu werden: Alejandro Robaina wollte auf der Lithographie einen Kapokbaum abgebildet haben. Dieser Baum ist vielen Kubanern heilig, und außerdem wuchs (und wächst immer noch) ein rund zweihundertjähriges Exemplar neben seinem Haus. Die Beamten hatten aber kein Interesse daran, derartigen Aberglauben noch zu fördern, und untersagten die Darstellung des Baumes. Daraufhin schlug Don Alejandro vor, man möge ihn doch zusammen mit seinem alten Grammophon abbilden. Dagegen hatten die Verantwortlichen nichts einzuwenden, und so geschah es denn auch. Das Grammophon funktioniert übrigens noch. Der untere Teil der Lithographie ist mit einem Kranz aus Tabakblüten verziert, den man so jedoch auf keiner Plantage finden wird, da die Tabacaleros die Fruchtknoten der Blütenknospen stets abpflücken, damit der Tabak nicht blüht. Der goldene Buchstabe »R« auf schwarzem Grund in der Mitte der Cubierta ist die Kopie eines alten Siegelrings, der in der Familie Robaina von Generation zu Generation weitergegeben wird. Das Datum darauf verweist auf den Zeitpunkt, zu dem die Familie Robaina anfing, sich mit der Tabakherstellung zu beschäftigen. Vegueros ![]() Das schlichte Logo der 1998 ins Leben gerufenen Marke ›Vegueros‹: die stilisierte Darstellung einer Tabakpflanze. Gispert ![]() Auf dem Logo dieser Marke finden sich Elemente, die mit der Cigarrenproduktion zu tun haben: Plantage und Trockenhaus (Casa del tabaco) sowie fertige Cigarren, ferner Deckblattballen, eingewickelt in Königspalmenrinde, die Palmen selbst, schließlich ein Teil des Bergrückens, der auf die Lage der Plantagen in der Vuelta Abajo hinweist. Die zwei spanisch anmutenden Frauen auf der Lithographie weisen auf die Schöpfer der Marke hin, die von der Iberischen Halbinsel ausgewandert waren. Guantanamera ![]() Das Lied wurde weltbekannt, als es Pete Seeger 1963 in New York während einer Veranstaltung sang. Bis zu dem Zeitpunkt hatte es Kuba praktisch nicht verlassen. Über den Komponisten, Joseíto Fernandéz, ist so gut wie nichts bekannt, wohl aber über den Verfasser des Textes, über José Martí, den Kämpfer für ein freies Kuba, der 1895 während des Unabhängigkeitskriegs gegen Spanien in der damaligen Provinz Oriente zu Tode kam – und der heute als kubanischer Nationalheld verehrt wird. ›Guantanamera‹ ist eine Referenz an das wohl bekannteste Lied Lateinamerikas, und die stilisierte Gitarre, die sich auf jeder Schachtel und jeder Kiste wiederfindet, erinnert ebenso wie der Markenname an dieses Lied und ihren Urheber. H.Upmann ![]() H.Upmann Seit der Zeit ihres Bestehens (1844) veränderte sich der Markenauftritt der ›H. Upmanns‹ nicht nur einmal, obwohl Grundelemente wie die Sonnenstrahlen, die durch schneebedeckte Berge hindurchdringen, stets erhalten blieben. Je populärer die Marke wurde, desto zahlreicher wurden die gewonnenen Medaillen, parallel dazu aber auch die Zahl der gefälschten ›H. Upmanns‹. Die Besitzer der Marke mußten einen beispiellosen Schritt unternehmen, der nicht zuletzt in einem kleinen, aber nicht unwesentlichen Detail auf den Vistas, Cubiertas und Bofetóns – dem Umschlagblatt im Inneren – seine Entsprechung findet: Herman Upmann unterschrieb jede Kiste seiner Produktion und teilte das dem Konsumenten auch handschriftlich mit: »This is my signature.« Noch immer ist dieser Authentizitätsnachweis auf allen Lithographien der Marke vermerkt, allerdings – wie denn auch anders? – in gedruckter Form. Verschwunden ist dagegen der ›Orden vom Goldenen Vlies‹, der einst neben dem spanischen Königswappen auf den Lithographien abgebildet war. Der berühmte Orden, der auf die Argonautensage zurückgeht, gestiftet 1430 von Philippe dem Guten, Herzog von Burgund, hatte als ursprüngliches Ziel die Erhaltung des katholischen Glaubens, den Schutz der Kirche und die Wahrung der unbefleckten Ehre des Rittertums. Nach dem Aussterben der Herzöge von Burgund ging der Orden auf die spanische Linie der Habsburger über, und seit der Zeit, als der letzte Habsburger auf dem spanischen Thron verstarb (1700), teilt sich der Orden in zwei Linien auf, und sowohl der spanische Zweig der Habsburger, die Bourbonen, als auch ihr österreichischer Zweig besitzen heute das (ausschließliche) Recht, diesen Orden zu verleihen. Warum neben dem Orden auch das spanische Königswappen auf den Lithographien zu sehen war? Als Beweis, daß am spanischen Hof ›Upmanns‹ geraucht wurden. Obwohl besagtes Wappen immer noch Bestandteil der Vistas und Cubiertas ist, läßt das nicht den zwingenden Schluß zu, daß im königlichen Palast von Madrid immer noch bzw. schon wieder nach ›Upmanns‹ verlangt wird. Fonseca ![]() Auf der Vista der Marke prangt ihr eigener Schöpfer: Francisco Fonseca, großer Dandy und einflußreicher Patron der kubanischen Bohème. Von dem Kubaner beeindruckt, widmete der spanische Literat Federico García Lorca ihm folgende Zeilen: Ich geh nach Santiago Mit dem blonden Kopf des Herrn Fonseca Ich geh nach Santiago Und mit dem Rosa von Romeo und Julia Geh ich nach Santiago Neben den traditionellen Medaillen rechts und links des Portraits sind zwei Bauten abgebildet: die New Yorker Freiheitsstatue und die Türme der Festung ›El Morro‹, eine von drei Festungen im Hafen Havannas. Auf diese Weise wollte Fonseca den Weg seiner Cigarren demonstrieren, die auf Kuba hergestellt und in den Vereinigten Staaten verkauft wurden. Text: Xenia Jakowlewa |
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