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Unser Mann bei ›Habanos‹Unser Mann bei ›Habanos‹

Es ist selten, wenn Leserzuschriften zu einem bestimmten Thema bzw. einer bestimmten Rubrik ausnahmslos positiv sind. Bei unserer Cigarrenkunde, verfaßt von Willy Alvero, ist das so. Wer ist dieser Mann? Willy Alvero, Chef der Moskauer Unternehmensrepräsentanz von ›Habanos S.A.‹, Sohn einer Deutschen und eines Spaniers, ist weitaus mehr als ein ausgewiesener Cigarrenexperte. Ein faszinierender Mensch gewährt interessante Einblicke in ein außergewöhnliches Leben


Interview: Andrej Wandenko

Herr Alvero, kennen Sie die Werke von Graham Greene?

Ehrlich gesagt, gehört Graham Greene nicht gerade zu meinen Lieblingsschriftstellern.

Aber Sie haben sicherlich schon von seinem Roman Unser Mann in Havanna gehört?

Ja, aber ich beschäftige mich nicht mit Spionage. Ich habe, wenn Sie so wollen, einen anderen Auftrag: Ich vertrete ein kubanisch-spanisches Cigarrenunternehmen in Rußland.

Davon rede ich ja. Sind Sie unser Mann? Bei ›Habanos‹?

Nein, ich bin eher deren Mann in Moskau.

Warum ausgerechnet Rußland?

Alles fing 1991 ein, als ich dienstlich hierhergeschickt wurde. Damals – da sprach ich noch kein Wort Russisch – habe ich nicht mit Cigarren gehandelt, sondern war auf der Suche nach neuen Erdölfeldern.

Interessant. Dann sollten wir, denke ich, das Thema »Cigarren« später aufgreifen. Nun denn: Wo haben Sie studiert?

In Frankreich, in Nancy. Ich bin in Katalonien geboren, unweit der französischen Grenze. Nach dem Studium bin ich zu einer Ölfirma gegangen – mein Wandern um die Welt nahm seinen Anfang. Es ist einfacher, die Orte aufzuzählen, an denen ich nicht war, als die, an denen ich gearbeitet habe. So waren beispielsweise in Asien und Fernost die Mongolei und Nordkorea die einzigen Länder, in denen ich nicht gearbeitet habe. In Indonesien etwa habe ich sechs Jahre verbracht, habe in Birma, Vietnam und auf den Philippinen gewohnt. Die arabische Welt kenne ich gut. Ich habe Öl in Oman und Saudi- Arabien gesucht, in Katar, Kuwait, Libyen, in Ägypten, Algerien, Äthiopien. Wieso haben Sie es nirgendwo länger ausgehalten? Eine Eigenart des Berufs. Unsere Aufgabe bestand darin, ein Ölfeld zu finden, die Bohrstelle vorzubereiten, die Vor-Ort-Arbeiten für die Bohrer und die Förderer durchzuführen. So bin ich eben kreuz und quer durch die Welt gereist. In Süd- und Mittelamerika war ich allerdings seltener; lediglich in Brasilien und Mexico. Aber hier war mehr die Sprache der Grund, da die Konkurrenz unter den Spezialisten mit Spanisch-Kenntnissen sehr hoch ist.

Und wie viele Sprachen beherrschen Sie?

Sechs, wahrscheinlich. Spanisch, Französisch, Deutsch, Englisch, Russisch und Portugiesisch. All diese Sprachen spreche, schreibe und lese ich. Malaiisch und Indonesisch, in denen ich mich unterhalten kann, zähle ich nicht dazu. Das Erlernen der russischen Sprache hat natürlich meine Tarife erheblich erhöht. Während meines ersten Aufenthalts habe ich sechs Jahre in Rußland gearbeitet. 1997 wurde ich dann in den Irak geschickt. Die ›Operation Wüstensturm‹ war gerade beendet worden; der zweite Krieg der Amerikaner mit Saddam Hussein hatte noch nicht begonnen, aber die Situation im Land war, wie Sie sich denken können, alarmierend. Über Bagdad waren internationale Sanktionen verhängt worden. Ausländern begegnete man dort voller Argwohn und Mißtrauen; wir lebten dort eigentlich zugleich unter Bewachung und Aufsicht. Probleme wurden nur langsam gelöst; die Arbeitsperspektiven waren nebulös. Ich bin ein Jahr im Irak geblieben und habe dann um ein anderes Land gebeten, aber man konnte keinen Ersatz für mich finden. Niemand wollte sich zu diesem »Brennpunkt« begeben. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Kündigung auf eigenen Wunsch zu schreiben. Ich hatte beschlossen, in Rente zu gehen.

Mit knapp fünfzig? Ist das nicht etwas früh?

Na und? Ich hatte schließlich drei Jahrzehnte im Ölgeschäft zugebracht, immer gut verdient, hatte weder Familie noch Kinder, und da meine Lebensführung nie ausufernd war, brauchte ich mir keine materiellen Sorgen zu machen. Mein Erspartes hätte bis zum Ende des Jahrhunderts gereicht.

Womit wollten Sie sich als Rentner denn beschäftigen?

Vielleicht meine Memoiren schreiben. Schließlich habe ich lange Tagebuch geführt.

Memoiren sind ja für den Leser nur interessant, wenn der Verfasser auch einiges erlebt hat …

Das habe ich. Beispielsweise erinnere ich mich – das war während des Vietnam- Kriegs – an die Menschenleichen in Dhaka, der Hauptstadt des gerade unabhängig gewordenen Bangladesh. Die Leichen lagen auf den Straßen, und die Lebenden schritten über sie hinweg, als ob sie die Toten nicht sehen würden. Im Land herrschte entsetzlicher Hunger, die Hilfen des ›Roten Kreuzes‹ reichten nicht aus, und so starben die Schwächsten wie die Fliegen. Ich habe gesehen, wie sich Krähen auf einen gestürzten Mann setzten und auf ihn einhackten, um zu untersuchen, ob er sich regt. Bewegte er sich nicht, kam sofort ein ganzer Schwarm angeflogen und zerriß den Körper des Opfers in Stücke … Ich bin einige Male in heikle Lagen geraten. Darüber hinaus waren sie mitunter auch kurios. Ein Beispiel: Ich spiele sehr gerne Golf und versuche, überall zu spielen, wo es möglich ist. Nehmen wir Saigon. Dort befand sich der Golfclub auf dem Territorium des Flughafens, der gleichzeitig als Hauptmilitärbasis der USStreitkräfte in dieser Region diente. Und nun stellen Sie sich vor: Mein Freund und ich gehen über das Gelände, schätzen die Löcher ab – und da geht auf einmal ein wahnsinniges Granatwerfer- und Maschinengewehrfeuer los: Der Vietcong griff amerikanische Stellungen an. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns hinzulegen und die Attacke abzuwarten. Der Kampf dauerte ungefähr zwei Stunden.

Besaßen Sie jemals eine eigene Waffe?

In den Händen eines Laien ist ein Revolver gefährlich. Ich habe mich stets auf diejenigen verlassen, die uns aus dienstlicher Verpflichtung beschützen mußten. Wie Sie sehen, bin ich bis heute am Leben geblieben, obwohl ich in einige unangenehme Situationen geraten bin. Einmal hatte ich mich im angolanischen Dschungel verfahren und fuhr mit meinem Jeep geradewegs bei den Rebellen vor. Der Bürgerkrieg tobte bereits seit einigen Jahren in dem Land, und die Aufständischen hatten wahrscheinlich selbst nicht so ein »Geschenk« erwartet. Hätten sie gewußt, daß ich für das US-Unternehmen ›Chevron‹ arbeitete, hätten sie mich wahrscheinlich gleich um einen Kopf kürzer gemacht. Mein Portugiesisch half mir, ihnen klarzumachen, daß ich keinerlei Verbindungen zu den Vereinigten Staaten hatte.

Hat man Ihnen das Risiko zusätzlich bezahlt?

Ja. Aber es geht nicht nur ums Geld. Ich fand die Arbeit interessant. Als es mir reichte, habe ich gekündigt und bin nach Spanien zurückgegangen. Ich habe ein Haus an der Costa Brava. Das bescheidene Fischerdorf ist gewachsen und hat sich in den letzten Jahren zu einem gut besuchten Urlaubsort entwickelt. Ehrlich gesagt, waren lärmende Touristenhorden nicht gerade das, wovon ich geträumt hatte, aber wo sollte ich hin? In meinem Heimatort Figueres war es wegen der Verehrer von Salvador Dalí noch unruhiger …

Dalí ist also Ihr Landsmann?!

Wir waren Nachbarn! Mehr noch: Mein Vater war jahrelang mit ihm befreundet, hat ihn photographiert. Heute treffe ich gelegentlich in einigen Alben und Büchern über Dalí auf so manches Photo meines Vaters. In unserem Haus hingen Zeichnungen des Genies. Gemälde von ihm hatten wir nicht – Dalí hat es nie geschafft, selbst engen Freunden eines seiner Werke zu schenken … Kannten auch Sie den Künstler? Ihn und Gala, seine Frau. Sie war allerdings nicht sehr nett zu mir, eher aggressiv und gereizt.

Eine ältere Frau, müde vom Leben, möchte gern Ruhe und Stille, und da rennt irgendein fremder Junge über den Hof und macht Krach. Aber das sehe ich heute so. Damals haßte ich Gala geradezu, habe ihr demnach so einiges mit gleicher Münze heimgezahlt. Dalí selbst war bedeutend weicher und geduldiger mit seinen Gästen.

Und seine extravaganten Eskapaden?

Das war nur ein Spiel fürs Publikum. War niemand da, dem er eine Komödie vorspielen konnte, war er ein normaler, vernünftiger, ja sogar konservativer Mensch.

Spürten Sie denn, daß der Mensch nebenan ein Genie ist?

Man sollte solchen Menschen niemals zu nahe kommen. Sonst kann ihr Nimbus verlorengehen, verschwindet ihr Rätsel.

Wußten Sie zum Beispiel, daß Salvador Dalí ein Legastheniker war, der keinen Satz schreiben konnte ohne haarsträubende Rechtschreibfehler?

Um auf seinen Charakter zu sprechen zu kommen: Der war nicht der beste. Ich erinnere mich, wie ich ihn einst mit einem Schulfreund besucht habe. Damals mochten wir in der zweiten oder dritten Klasse gewesen sein. Wir kamen zu einer sehr unpassenden Zeit dort an. Dalí erwartete einen Notar; es ging um die Aufteilung des Besitzes. Er hatte damals einen entsetzlichen Streit mit seiner Schwester, die gegen ihn vor Gericht gezogen war und einen nicht unerheblichen Teil vom Kuchen haben wollte. Dann kam der Jurist … Raten Sie mal, wer das war! Der Vater des Jungen, den ich mitgebracht hatte. Wir gingen ins Arbeitszimmer und wurden unfreiwillig zu Zeugen einer ekligen Szene: Nachdem Dalí die Papiere gelesen hatte, wurde er wütend, zerfetzte sie und warf sie auf den Boden. Der Notar war für einen Moment ratlos, bückte sich dann aber, um die Fetzen vom Boden aufzulesen. Salvador konnte sich nicht beruhigen, ging von hinten auf den völlig unschuldigen Notar los und versetzte ihm einen Tritt. Der Ärmste verlor vor Verblüffung das Gleichgewicht und fiel hin. Können Sie sich vorstellen, wie sich der Sohn fühlte, dessen Vater man vor seinen Augen so erniedrigt hatte? Schließlich hatte ich ihn zu Dalí geführt … Solche Vorkommnisse mußten ihre Spuren in der Beziehung zu dem berühmten Nachbarn hinterlassen. Ja, sein Werk verdient Achtung und ruft zu Recht aufrichtige Bewunderung hervor. Er war zwar ein eigenartiger Meister, aber äußerst kreativ, dazu sehr schaffensstark. Dagegen machten es seine menschlichen Eigenschaften vielen schwer, ihn zu mögen. Aber eigentlich geht mich das nichts an. Ich habe das nur erzählt, weil Sie nach Dalí gefragt haben. Stimmt, wir haben von etwas anderem gesprochen. Wir sprachen von Ihrem Aufenthalt im Irak.

Wie ist es nach Ihrer Kündigung dann weitergegangen? Lange dauerten meine Ferien nicht. Wissen Sie, was Headhunter sind?

Diese Kopfjäger ließen mich nicht die katalonische Sonne genießen. Ein spanisches Tabakunternehmen hatte beschlossen, eine Niederlassung in Rußland zu eröffnen. Dafür brauchten die Verantwortlichen einen Menschen mit Russisch- Kenntnissen und mit einer technischen Ausbildung. Vermutlich hatten diese Headhunter zahlreiche Kandidaten unter die Lupe genommen, und ich war wohl der einzige, der dem vorgegebenen Anforderungsprofil entsprach.

Wozu sollte man mich sonst in irgendeinem Dorf aufsuchen?

Die Passion fürs Rauchen im Lebenslauf des Bewerbers spielte dabei keine Rolle? Das war kein Problem. Noch als Student hatte ich angefangen zu rauchen, und zwar ausschließlich Cigarren. Wie mein Vater.

Was war der von Beruf?

Er hat als Angestellter einer Bank gearbeitet. Aber darum geht’s nicht. Viele Spanier mögen Cigarren, unabhängig von der sozialen Stellung oder der materiellen Lage. Mir kommt es vor, als ob mein Vater immer geraucht hätte. Er verstand viel von Cigarren.

Wahrscheinlich hatte er kubanische am liebsten?

Wir hatten keine anderen. Für die Spanier gehören »Cigarren« und »Kuba« zusammen. Da geht es mir wie vielen meiner Landsleute: Für mich muß Whisky schottisch sein, Cognac französisch, Uhren haben schweizerisch zu sein … und Cigarren kubanisch.

Waren Sie eigentlich davon ausgegangen, so lange in Moskau zu bleiben?

Ich dachte, ich kehre nach zwei Jahren wieder nach Spanien zurück. Genau für diese Zeitspanne hatte ich den Vertrag mit ›Habanos‹ unterschrieben, aber dann habe ich ihn einmal verlängert, dann noch mal …

Hatten Sie gewichtige Gründe dafür?

Mehr als gewichtig. Ich habe ein russisches Mädchen geheiratet.

Wem ist es denn gelungen, den überzeugten Junggesellen zu heiraten?

Alter schützt vor Torheit nicht … und nirgendwo gibt es schönere Mädchen als in Rußland! Und was ist mit den Schönheiten auf den Philippinen, in Thailand und den anderen südöstlichen Ländern, deren Bekanntschaft Sie in früherer Zeit machen konnten? Ja, dort gibt es wunderschöne Frauen. Aber ich habe diese Frauen zu einer Zeit getroffen, als ich noch nicht das Bedürfnis verspürte, eine Familie zu gründen und Kinder zu haben. Außerdem ging es mir sehr gut. Überdies hatte ich nie die Zeit, eine ernsthafte Beziehung einzugehen, da ich nie länger als ein halbes Jahr an ein und demselben Ort gewesen bin. In Rußland habe ich die Liebe gefunden, als ich moralisch dafür reif war.

Und wem ist die reife Frucht vor die Füße gerollt?

Olga, einer gebürtigen Moskauerin. Sie studierte, als wir uns kennenlernten (wir haben uns auf einer Silvesterfeier getroffen), gab das Studieren dann aber auf, obwohl ich dagegen war. Olga war achtzehn Jahre alt und ich dreiundfünfzig. Ein ernsthafter Altersunterschied, wie Sie sehen.

Die Verwandtschaft hatte nichts dagegen?

Ich habe nur noch meine Mutter

Ihre Mutter ist doch Deutsche, nicht?

Ja, aber sie hat fast ihr gesamtes Leben in Spanien verbracht, wohin meine Großeltern vor dem Zweiten Weltkrieg vor dem Hitler-Regime geflüchtet waren. Natürlich wollte meine Mutter immer, daß ich eine Spanierin heirate und nach Hause zurückkomme. Olgas Eltern aber akzeptierten unsere Entscheidung. Sie hatten keinerlei Befürchtungen.

Sie sind wahrscheinlich genauso alt wie sie?

Ich bin sogar noch etwas älter als Olgas Mutter, aber das hält uns nicht davon ab, ein gutes und warmes Verhältnis zueinander zu haben. Die Hochzeit haben wir in Spanien gefeiert. Wir hatten uns dafür in einem alten Schloß eingemietet und ungefähr einhundert Leute eingeladen. Olga und ich sind jetzt acht Jahre zusammen, und unsere Tochter wächst und gedeiht. Sie ist mittlerweile sieben.

Wie heißt sie?

Lara

Die Kurzform von Larissa?

Nein, Lara. Als unsere Tochter auf die Welt kam, habe ich das erste Mal Doktor Schiwago von Pasternak im Original gelesen, und die Hauptheldin hat mir so gut gefallen …

Ist sie daran schuld, daß Sie Ihre Familie nicht in Ihre Heimat bringen?

Bücher im Original kann man auch am spanischen Strand lesen. Dafür könnte Ihr Kind Orangen essen, die frisch vom Baum gepflückt und nicht im Supermarkt gekauft worden sind, im Meer schwimmen, wann immer es will, also nicht nur ein paar Tage im Jahr, dann, wenn die Eltern Urlaub machen.
Ja, das ist ein wunder Punkt. Olga möchte, daß wir nach Spanien ziehen, und ich … ich versuche, weiter in Rußland zu bleiben. Vor meinen Augen entsteht eine Rauchkultur, und ich sehe reale Verbesserungen. Nach Spanien kamen die Cigarren vor einigen Jahrhunderten. Bei uns gibt es diese Tradition schon lange; da passiert nichts Neues, nichts Interessantes mehr. Die Spanier haben ein entspanntes Verhältnis zum Rauchen. Rauchen gehört zum Leben dazu, hat nichts Mythisches. In Rußland umgibt die Cigarre eine mythische Aura, ist sie praktisch mit dem Schleier der Legende umhüllt.

Ihr gutes Recht. Lassen wir das also. Dann erzählen Sie uns doch etwas von Ihrer Freundschaft zu Sinowij Dawydow, besser bekannt als Zino Davidoff.

Wir lernten uns kennen, nachdem ich die Universität abgeschlossen hatte und ich auf meiner ersten Dienstreise nach Äthiopien war. Es gab noch keine Düsenflugzeuge, und man mußte mehrmals umsteigen, um nach Afrika zu gelangen: Paris – Genf – Athen – Kairo … In Genf hatte ich einige Stunden Aufenthalt bis zum nächsten Flug, so daß ich mir ein wenig die Stadt anschauen konnte. Ich entdeckte den Laden ›Davidoff‹ und ging näher heran. Damals rauchte ich bereits Cigarren, hatte aber nicht vor, etwas zu kaufen, da ich nicht einen Centime zuviel hatte. Da stand ich also und schaute mir das Schaufenster an. Zino guckte raus und lud mich ein, reinzukommen. Wir haben ungefähr drei Sunden geredet, obwohl Davidoff wußte, daß ich kein Kunde bin und kein Geld habe. Er bot mir eine Cigarre an und zeigte mir Quittungen, die Lenin seinem Vater unterschrieben hatte. Lenin hatte beim Cigarrenkauf immer anschreiben lassen und versprochen, irgendwann zu bezahlen. Dann kam die Weltrevolution dazwischen … Außerdem führte mich Zino Davidoff in den Keller, den er zu einem gigantischen Humidor umgebaut hatte, und erzählte mir, Cigarren seien lebendig, würden daher schwitzen, wenn auf Kuba ein heißer Tag sei. Das alles klang kindlich rührend und naiv, aber ich war sofort von Zino begeistert. Er war ein Apostel, verstehen Sie?

Nicht ganz.

Das ist meine persönliche Klassifizierung. Leute, die Cigarren rauchen, unterteile ich in Dilettanten, Laien, Kenner und Apostel. Zino Davidoff war einer der Großen. Jedes Mal, wenn ich in Genf war, bin ich zu ihm gegangen. Mit der Zeit wurde Zino berühmt, zudem sehr reich. Wir setzten unsere Gespräche fort, wann immer wir uns trafen, ob in Tokio, in London, wo auch immer. Ich habe viel von ihm gelernt.

In diesem Zusammenhang meine nächste Frage: Sommeliers erkennen an Farbe, Geruch und Geschmack Weine aus unterschiedlichen Regionen. Ein Schluck reicht ihnen oftmals dafür aus. Für manche grenzt das an Zauberei. Ist das bei Cigarren ähnlich?

Um zu bestimmen, ob eine Cigarre auf Kuba oder in einem anderen Land gedreht worden ist, muß man oftmals nur an ihr riechen. Den Anbauort der Blätter zu bestimmen ist dagegen schwierig, obwohl ich durchaus die westlichen, die besten Gebiete von den zentralen oder östlichen unterscheiden kann. Die konkrete Plantage kann ich nicht angeben; da werde ich nicht lügen, aber ich denke, niemand kann das. Im Prinzip hat jede Cigarre ihre Geheimnisse. ›Partagás‹ und ›Bolívar‹ unterscheiden sich durch ihre dunkleren Deckblätter und den kräftigen Geschmack. Die ›Cohiba‹ wird dreimal fermentiert und ist etwas schwächer. Das ist keine Zauberei, sondern Wissen, das auf Erfahrung beruht.

Was, meinen Sie, ist der Grund, warum sich die Russen so enthusiastisch in die Cigarrenkunde gestürzt haben? Ist er vielleicht völlig banal?

Bedenken Sie: Eine Cigarre setzt ein gewisses intellektuelles Niveau voraus. Die Russen haben einen Hang zum Philosophieren, zum ständigen Nachdenken über den Sinn des Lebens. Ja, sicherlich, früher ging man dem in den Küchen winziger Wohnungen nach, in denen eine Cigarre äußerst seltsam gewirkt hätte. Heute haben sich viele wohlhabende Menschen Häuser außerhalb der Stadt zugelegt, mit Salons und Kaminen. Die Winter hier sind lang, schrecklich kalt, und da braucht man etwas für die Seele. Der Samen ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Natürlich gibt es auch den Moment des Prestiges, der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kreis, aber das ist bereits nicht mehr die Hauptsache. Die Menschen rauchen gerne Cigarren. Das ist das wichtigste. Wenn ich beispielsweise einen Tag nicht geraucht habe, bekomme ich Sehnsucht nach Cigarren.

Vergleichen Sie nicht sich mit uns.

Warum nicht? Ich lebe schon etliche Jahre hier. Ich bin russifiziert. Ich habe sogar meinen ›Volvo‹ gegen einen ›Lada‹ getauscht. Wenn mich mein Auto mit einem Defekt überrascht, bekomme ich, wie Sie wissen, einen ausländischen Wagen nicht überall repariert, besonders dann nicht, wenn es Winter ist und ich mich außerhalb Moskaus befinde. Die russischen Autos sind nicht sonderlich komfortabel, dafür anspruchslos und widerstandsfähig. Kurz gesagt, eine Kompromißvariante. Überhaupt hat mich das Leben in Rußland gelehrt, viele Dinge anders zu betrachten. So kamen mir die russischen Menschen anfangs grob und schroff vor. Dann verstand ich, daß sie aufrichtiger sind als viele bei uns im Westen. Dort hat man schon vor langer Zeit gelernt, seine wahren Gefühle hinter einer Maske zu verbergen. Überall wird man mit einem Lächeln begrüßt, das nichts besagt. Hier kann es einem passieren, daß man mit den letzten Worten beschimpft oder in einer Umarmung erdrückt wird. Und sowohl das eine als auch das andere geschieht mit ganzem Herzen. Noch wird weniger »gespielt« in Rußland, herrscht weniger Höflichkeit. In diesem Sinne ist, was erfreulich ist, Rußland keine völlig verdorbene Zivilisation. Heuchelei ist entsetzlich anstrengend. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: In einigen Jahren muß ich wegen meines Alters in jedem Fall in Rente gehen, und ich träume davon, hierzubleiben. Bis zum Ende meines Lebens. Wenn Olga, meine Frau, das liest, bringt sie mich um. Aber ich habe die Wahrheit gesagt…
 
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