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Kreative Dreiecke und schwäbische Luft
Werkstatt-Luft
Auf gleich zwei Dreiecken gründet die wohl aufsehenerregendste Markeneinführung der neueren Cigarren-Geschichte. Das eine Dreieck ist interkontinental und reicht vom schwäbischen Hochdorf, dem Sitz von ›Laura Chavin Cigars‹, bis in die Dominikanische Republik. Dort verbindet es die Stadt Santiago de los Caballeros im Norden, wo der Tabakpatriarch Siegfried Maruschke seine besten Blätter für ›Laura Chavin‹ reserviert, mit der Freihandelszone von La Romana im Südwesten der Insel, wo Masterblender José Seijas die Cigarren-Visionen von Helmut Bührle, Gründer und Chef von ›Laura Chavin‹, verwirklicht.

Das andere Dreieck ist innerschwäbisch und betrifft die Accessoires. Seine Grundlinie wird von Hochdorf und Uhingen gebildet und ist 40 Kilometer lang, seine Schenkel treffen sich nach je 70 Kilometern in Pfalzgrafenweiler. Die Kleinstadt Uhingen beherbergt die Lederwarenmanufaktur ›L&U‹, und in ihr sitzt, steht und wirkt der Feintäschner Dieter Sobl und fertigt das ›Maison des Cigares‹, Bührles Nonplusultra der Cigarrenetuis. In der Schwarzwald-Gemeinde Pfalzgrafenweiler ist die High-Tech-Schreinerei von Jürgen Ayasse beheimatet und geht seit einigen Jahren mit dem Bau von Bührles ›Humid’Or‹, jener kühnen Schöpfung in Sachen Cigarren- Feuchtgehäuse, an ihre Grenzen.
Anderen hatte das im Jahre 2000 begonnene Projekt zuvor Schranken aufgezeigt. Renommierte europäische Humidorbauer scheiterten an den Perfektionsansprüchen des komplexen Möbels aus Stahl, Holz und Acrylglas ebenso wie traditionsreiche Werkstätten, die mit dem luxuriösen Innenausbau von Dampfern, Yachten und Hochgeschwindigkeitszügen exzellierten. Doch sollten sie nicht in allzu arge Selbstzweifel verfallen; sie atmeten einfach die falsche Luft, nicht die eines magischen, schwäbisch-schwarzwäldischen Dreiecks.
Denn nur hier, in seiner Heimat, dem Land der Tüftler und Häuslebauer, des Handwerks und Mittelstands, der Kuckucksuhren und Präzisionsarmaturen, hatte Helmut Bührle sie letztlich finden können, die rare Perle, die seinen ›Humid’Or‹-Traum verwirklichte. Es muß schließlich seinen Grund haben, warum Baden-Württemberg, nach einer Studie des ›Deutschen Instituts für Wirtschaft‹ (DWI), bei der Umsetzung von Innovationen auf Platz 1 in der Welt liegt, vor der Schweiz, vor den Vereinigten Staaten, vor Finnland und Japan. Und daß es Pfalzgrafenweiler war, ist für Menschen, die an Fingerzeige glauben, kein Zufall: Nahe des alten Schreinerdorfs stand, als die ersten ›Laura Chavin‹-Cigarren in den Handel kamen, die mit 55 Metern höchste Tanne Deutschlands.
High-Tech-Luft
Schon beim Betreten der Schreinerei, die Jürgen Ayasse in dritter Generation führt, atmet man High-Tech-Luft. Die Werkstatt ist gegen elektrostatische Ladung geschützt und darf nicht mit Straßenschuhen betreten werden. Das trifft insbesondere auf einen ganz bestimmten Sektor zu: Die Endmontage des ›Humid’Or‹, ausgeführt von zwei Fachkräften in Spezialkleidung, findet im separaten, schallgeschützten Reinraumbereich statt.

Beim Truhenteil des ›Humid’Or‹, dessen Lack einen Konzertflügel stumpf aussehen läßt, kommt die aus langer Handwerkstradition gewonnene Erfahrung mit dem Werkstoff Holz zum Tragen. Für Korpus, Deckel, Schubladen und Roste wird das massive Holz der Spanischen Zeder, Cedrela odorata, verwendet: ein immergrüner Tropenbaum mit paarig gefiederten Blättern und traubig angeordneten, glockenförmigen weißen Blüten. Es zu finden war kein großes Problem. Jürgen Ayasse ordert es direkt beim Importeur, dessen Kontor im Hamburger Hafen steht. Aber ein gewachsenes Stück Natur in immergleiche, auf das Zehntel eines Millimeters genaue Truhenteile zu verwandeln – diese Aufgabe bescherte dem vierzigjährigen Spitzenschreiner durchgearbeitete Nächte und Monate der Versuche, begleitet von Versuchungen, die Brocken hinzuwerfen. Doch Präzisionsschreiner Jürgen Ayasse war bereits unrettbar angesteckt von Helmut Bührles Leidenschaft für das Vollkommene und Niedagewesene, die sich unauflösbar mit seiner eigenen, urschwäbischen Leidenschaft zur Lösung von Problemen verband.

Und schreinerische Innovationen der bemerkenswerten Art hervorbrachte: Zum einen werden die Lochungen und Nuten für die Schlösser und Scharniere nicht, wie üblich, vor dem Lackieren gebohrt und gefräst, sondern danach. Die Lackiervorgänge, wußte Jürgen Ayasse, hätten sonst unweigerlich zum Verziehen des Holzes und zu mangelnder Paßgenauigkeit geführt; was sich besonders fatal bei den zwölf schrägen Lochungen ausgewirkt hätte, die für das Einhängen der Truhe in die vier tragenden Edelstahlpfeiler des ›Humid’Or‹ gar nicht exakt genug sitzen können. Zum zweiten verwendet er branchenfremde Fräßbohrer aus der Metallverarbeitung, die für absolut saubere Kanten in der 1,2 Millimeter dicken Lackschicht sorgen. Drittens schließlich werden die lackierten Holzteile für sämtliche Arbeitsgänge in Folie eingeschweißt, um noch den geringsten Kratzer zu vermeiden.
Äußerste Vorsicht und Konzentration sind auch bei der Montage angesagt. Ein einziges Abrutschen mit dem Schraubenzieher – und die Arbeit von Wochen ist zunichte. Ist alles gutgegangen, schließt alles satt und sauber wie bei einer Luxuslimousine und hat das Befeuchtungs- und Belüftungssystem, das im acrylverglasten »Showroom« des ›Humid’Or‹ untergebracht ist, seine Funktionstüchtigkeit bewiesen, kann das Resultat schwäbischer Perfektions-Passion, sicher verpackt, Pfalzgrafenweiler nach etwa drei Monaten verlassen. Oft geschieht dies in Richtung Hochdorf, wo manche Kunden ihren ›Humid’Or‹ persönlich abholen, in des Helmut Bührles erbaulicher Residenz, einem Rokoko-Schlößchen aus dem Jahre 1710. Hier können sie sich dann mit einigen Kistchen ›Laura Chavin‹ aus dem Schloß-Cigarrenkeller versorgen und sich in schwarzen Luxuslimousinen ins reizvolle Umland, das Strohgäu, fahren lassen – oder nach Pfalzgrafenweiler zum Werkstattbesuch.
Die Wahl der Automarke allerdings stellt eine Ausnahme von Helmut Bührles kreativer Geometrie dar. Kein Schwabendreieck zieht hier seine Linien, sondern eine Strecke, die Achse Hochdorf–Wolfsburg. Der ›Phaeton‹, das Vermächtnis Ferdinand Piёchs, des vorerst letzten Visionärs der deutschen Automobilindustrie, steht in Hochdorf vorm Schloßtor. Womit die Oberklasse von VW Bührles Herz gewann, hat die Frankfurter Allgemeine in Worte gefaßt, die ebensogut dem ›Humid’Or‹ gelten könnten: »Verarbeitet wie eine Preziose und kombiniert mit hoher Technik. « Von der »fast naiven Freude der Konstrukteure am Detail« weiß die renommierteste deutsche Zeitung zu berichten – und vom »unbedingten Willen«, ein Meisterstück vorzulegen. Eine »Skulptur der Bedienbarkeit« sei die Mittelkonsole, eine »Grafik der Klarheit« seien die Rundinstrumente, von »erlesener Qualität« die Materialien, vom Kunststoff über Holz bis zum Leder.
Leder-Luft
Das Stichwort führt zum dritten Eckpunkt des Laura-Chavinschen Accessoire-Dreiecks, nach Uhingen. Die kleine Stadt im Filstal wurde am Ende der Völkerwanderung unter einem suebischen Sippenältesten angelegt, Uhingen selbst im Jahre 1275 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Die Wasserkraft des Flüßchens Fils ließ hier früh zahlreiche Manufakturen entstehen; damit einher gingen Entwicklung und Pflege der mannigfaltigsten Handwerksberufe, vornehmlich in den Branchen Textil und Leder.

Die Ledermanufaktur ›L&U‹, hervorgegangen aus einer frühen Schuhfabrik, macht sich bis heute um die Pflege und Erhaltung der Feintäschnerei verdient. Dieter Sobl, einer der letzten seiner Zunft in Deutschland, widmet sich hier ganz allein der Fertigung von Bührles Lederetui ›Maison des Cigares‹. Der Zweiundsechzigjährige mit dem eisgrauen Menjou-Bärtchen kommt bis heute ohne Brille aus. Kein Fehlerchen an den Luxuslederhäuten entgeht seinem in mehr als vierzig Feintäschnerjahren geschulten Auge, seien es Insektenstiche, Dornenrisse, Narben oder Haarwirbel. Nur tadelloses, festes Leder aus dem Croupon, dem Mittelstück der Tierhaut, wird für das ›Maison‹ zugeschnitten und alsdann gespalten, geschärft, eingeschlagen und gestrichen – fünf von fünfzehn nur für die Etuihülle nötigen Arbeitsgängen, deren letzter das bestechendste Detail der Lederoptik hervorbringt: die Naht, exakt und fest wie die an den ledernen Sitzen des ›Phaeton‹.
Sind die Lederarbeiten abgeschlossen, wartet auf Dieter Sobl die eigentliche Herausforderung. Eine, für die er über seine Grenzen gehen muß. Es sind die nichtledernen »Innereien « des Etuis, die eigentliche Innovation des Helmut Bührle: das individuell regulierbare Befeuchtungselement, das die Cigarren in bester Verfassung hält, und der Metallschlitten, ein sinnreicher Mechanismus, der die Cigarren beim Öffnen des Etuideckels bis über die Bauchbinden herausschiebt und so stilvolles Anbieten und connaisseurgerechte Entnahme ermöglicht.
Wie lange Sobl zu alldem braucht, will das wortkarge schwäbische Feintäschner-Original nicht verraten; ein ganzer Arbeitstag dürfte es wohl sein. Immerhin rückt er mit dem Bekenntnis heraus, daß er die Etuis mit Vergnügen fertigt. Vor sechs Jahren, als er sich von Helmut Bührles innovativer Idee anstecken ließ – ein anderer Helmut, der frühere Bundeskanzler Schmidt, hat einmal nicht ganz zu Unrecht gesagt: »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!« –, hatte ihn die Tüftelei zunächst »Nerven gekostet«. Und als ob er den ›Laura Chavin‹-Chef an Perfektionismus noch übertreffen wolle, fügt er an, daß er selbst mit dem ›Maison des Cigares‹ noch nicht ganz zufrieden, daß es noch um einige Nuancen zu verbessern sei. Um welche es sich handelt, hält er einstweilen geheim.
An Herausforderungen mangelt es also nicht im innerschwäbischen Dreieck. Für Helmut Bührle beginnt sich die nächste, nicht gerade kleine, schon am Horizont abzuzeichnen. Denn in vier Jahren tritt mit Dieter Sobl einer der letzten deutschen Feintäschner in den Ruhestand. Dann ist guter Rat auch in Schwaben teuer. Aber vielleicht wird ›Laura Chavin‹ ja anderswo fündig, vielleicht sogar in Wolfsburg. Denn die meisten von Dieter Sobls Kollegen sind nicht verrentet, sondern abgewandert. Wohin, verrät er gern: in die Polstereien der Automobilfabriken.
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