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Das Rätsel um »Rosebud«
»Rosebud« ist das erste Wort, das zu hören ist in dem legendären Filmklassiker Citizen Kane von Orson Welles aus dem Jahre 1941. Es ist zugleich das letzte Wort des Bürgers Charles Foster Kane vor seinem Tod. Auf der Leinwand ist ein großer Mund zu sehen. Kein schöner Mund. Es ist der Mund eines alten Mannes mit unsympathischem Bartansatz. Es ist der Mund des soeben verstorbenen Kane. Und es ist der Mund des dreiundzwanzigjährigen Wunderknaben Orson Welles, der in diesem Film neben dem jungen auch den alten Kane verkörpert. Große Maskenbildnerkunst.b
1939. Der blutjunge Orson Welles folgt dem Ruf der ›Radio Keith Orpheum Pictures‹- Filmstudios (›RKO‹) und geht nach Hollywood. In New York hat er sich mit spektakulären Radiosendungen bereits einen großen Namen gemacht. Unvergessen bleibt für immer sein Hörspiel Krieg der Welten (The War of the Worlds) nach dem 1898 erschienenen Roman von H(erbert) G(eorge) Wells. Am Abend vor Halloween, am 30. Oktober 1938, geht es zum ersten Mal über den Äther – und ruft in Teilen der amerikanischen Ostküste eine Massenpanik hervor. Viele sind der irrwitzigen Annahme, die Marsmenschen seien in New Jersey gelandet. So etwas kann nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten geschehen …

Damit ist Orson Welles’ Ruf als Wunderkind der Unterhaltung begründet. Als er 1939 nach Hollywood geht, bekommt er von den Verantwortlichen bei ›RKO‹ die einzigartige Möglichkeit, einen Film zu drehen, bei dem weder die Produzenten noch die Direktoren der Filmgesellschaft irgendein inhaltliches Mitspracherecht haben: Solange Welles innerhalb des enormen Budgets bleibe, bekomme er vonden Studiomächtigen die Carte blanche. Er kann tun und lassen, was er will, hat freie Wahl bei der Sujetfindung, bei der Besetzung der Rollen, beim Drehbuch, der Kamera, der Musik und dem Ton. Alles kann er völlig im Alleingang bestimmen. Solche Freiheiten hat Hollywood niemals zuvor gewährt. Dabei ist Orson Welles noch sehr jung und hat noch nie in seinem Leben einen Film gedreht. Selbst für amerikanische Verhältnisse ist das mehr als überraschend, ja, es ist geradezu verwegen. Orson Welles ist somit Produzent, Regisseur, Drehbuchautor (zusammen mit Hermann J. Mankiewicz) und Hauptdarsteller in einer Person. Und der Überflieger macht etwas aus seiner einzigartigen Position: Das von ihm inszenierte Zusammenspiel von Filmmusik, Kameraführung und Einsatz von Überblendungen als filmischem Ausdrucksmittel ist geradezu revolutionär (und bis heute unübertroffen). Ein Meilenstein in der Filmgeschichte. Orson Welles stellt sich der gigantischen Aufgabe mit der ihm eigenen Genialität, der eines Tausendsassas eben. Die ungeheuren Turbulenzen, die den Film begleiten, sind ebenso legendär wie das cineastische Werk und dessen Regisseur und Hauptdarsteller selbst.

Anstrengungen eines Mächtigen
Orson Welles sucht sich als Vorlage für seinen Film ausgerechnet das Leben des mächtigen und reichen Medienmoguls William Randolph Hearst aus. Als der millionenschwere Verleger – er geht damals langsam auf die Achtzig zu – trotz der streng geheimgehaltenen Dreharbeiten von Welles’ Plan erfährt, seine Geschichte für den Film zu adaptieren, befiehlt Hearst seinen Gefolgsleuten voller Wut, umgehend herauszufinden, was von Welles nun wirklich gedreht bzw. verfilmt wird.

Zunächst erscheint eine unangemeldete Pressemeute auf dem Filmset, bekommt jedoch lediglich eine baseballspielende Filmcrew zu sehen – die Loyalität der Belegschaft für ihren Regisseur und Schauspieler Orson Welles ist groß und entbehrt nicht eines gewissen Humors …

Auch nach Ende der Dreharbeiten gibt es von Hearsts Seite enorme Anstrengungen, den Film doch noch zu verhindern. Ob legal oder illegal, fair oder unfair – dieser Film soll niemals die Leinwand eines Lichtspielhauses erhellen. Hearst versucht, sämtliche Kopien des Films aufzukaufen, und bietet ›RKO‹ dafür eine Menge Geld: 800.000 US-Dollar. Der Mogul will auch das Masterband des Films haben (um es anschließend vernichten zu können). Läßt sich dieses Kaufangebot noch unter dem Begriff »normales Geschäftsgebaren« einordnen, so sind andere Schritte, die Hearst unternimmt bzw. initiiert, ein großes Stück weit davon entfernt: Er schüchtert beispielsweise Kinobetreiber ein und droht damit, alle zukünftigen ›RKO‹-Filme in seinen Zeitungen zu verreißen oder, schlimmer noch, gar nicht erst über neue Filme der Gesellschaft berichten zu lassen. William Randolph Hearst besitzt damals durch die gewaltige Anzahl und die vielen, über das ganze Land verstreuten Redaktionsstandorte seiner Zeitungen, Radiostationen und Magazine – unter anderem Harper’s Bazaar und Cosmopolitan – eine ungeheure Macht und hat somit einen großen Einfluß auf die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten. Das ist für ›RKO‹ eine reale Bedrohung. Hollywood und die Presse sind seit jeher eng miteinander verbunden. Filme brauchen die Öffentlichkeit in den Medien, die Geschichten über die Stars, die Starlets und Sternchen Hollywoods. Für die Studios kommt erschwerend die kritische, die Weltpolitik erschütternde Lage in Europa hinzu: Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hat den amerikanischen Filmmarkt in Europa völlig zusammenbrechen lassen. Im Deutschland Hitlers und im Italien Mussolinis kommt Hollywood nicht mehr zum Zuge, und auch in Frankreich, in Belgien und den Niederlanden sowie in den skandinavischen Ländern gehen die Umsätze der amerikanischen Filmindustrie gegen Null. Ausgerechnet jetzt, in dieser sowieso schon schwierigen Situation, bricht der pausbackige »Wirbelwind« Welles über Beverly Hills herein und stößt einen der mächtigsten Männer Amerikas vor den Kopf.

Hearst ist nicht nur mächtig, sondern auch in gewisser Weise beliebt, jedenfalls anerkannt. Legendär sind die rauschenden Feste auf seinem kalifornischen Landsitz ›Hearst Castle‹, zu denen regelmäßig Hollywood-Größen wie Carole Lombard und Clark Gable, Charlie Chaplin und Errol Flynn erscheinen. Auch heute noch ist es möglich, Hearsts Anwesen zu besuchen, jenes stattliche »Neuschwanstein Kaliforniens« mit seinen über achttausenddreihundert Quadratmetern Märchenwelt, die bestaunt und bewundert werden wollen. Besagtes ›Hearst Castle‹ mutiert in Citizen Kane übrigens zu dem sagenumwobenen, wenn auch heruntergekommenen Schloß ›Xanadu‹.

Starke Frauen
Der Medienzar, in Hollywood durchaus angesehen, ist mit einer damals sehr beliebten und bekannten Schauspielerin liiert, mit Marion Davies. Sie ist eine in ganz Kalifornien geschätzte und generöse Gastgeberin prunkvoller Feste, zudem kluge Geschäftsfrau und treue Geliebte von Hearst. Begonnen hat sie ihre Karriere als Tänzerin in der berühmten Broadway- Show Ziegfeld Follies (in der neben Akrobaten, Jongleuren und Komikern auch viele schöne Girls zu sehen waren). Doch Marion Davies – das wird bald klar – kann mehr, als das Tanzbein schwingen und Chorusgirl sein. Sie verfügt über ein beachtliches schauspielerisches Talent, und mit dem begeistert sie die Kinobesucher in dem Film Runaway, Romany (zu dem sie auch das Drehbuch verfaßt hat), der 1917 in die Lichtspielhäuser kommt und der zu ihrem ersten großen Erfolg wird. In den folgenden Jahren (bis 1937) spielt sie in mehr als vierzig Filmen mit, wobei sie vor allem in komödiantischen Rollen glänzt. William Randolph Hearst hat sie dagegen schon 1918 kennengelernt, um kurz darauf eine Liaison mit ihm einzugehen (die dreißig Jahre andauern wird). 1939, als die Arbeiten zu Citizen Kane anlaufen, ist die Davies jedenfalls ein anerkannter Star, besitzt zudem eine eigene Produktionsfirma (›Cosmopolitan Pictures‹), ist also ein absoluter Profi.

Orson Welles hingegen ist der totale Newcomer. Von den alteingesessenen Hollywood-Größen wird er beneidet, sogar angefeindet. Zusätzlich ergeben sich Schwierigkeiten mit Mankiewicz, nachdem sich Welles ohne vorherige Absprache mit ihm als Co-Autor des Skripts nennen läßt. Der Drehbuchautor polnischer Abstammung ist in seiner Ehre gekränkt. Welles hat einen Formfehler gemacht, einen, den nur ein Greenhorn begehen kann. Der Newcomer bekommt endlich kluge Unterstützung in Gestalt der Schauspielerin Dolores del Rio – für Marlene Dietrich (und nicht nur für sie) damals die schönste Frau Hollywoods. Die Mexikanerin ist es, die ihn in die diplomatischen Geheimnisse der Filmbranche einführt. Nur ein Star wie Dolores del Rio kennt die Regeln und Tabus Hollywoods, die man brechen darf (oder eben nicht). Dolores und Orson werden ein Paar – und zusammen mit ihr steht der junge Filmemacher die Turbulenzen seines Erstlings durch und arrangiert sich mit jenen Regeln, die in der Hollywood-Familie herrschen.

Die Herren der Tafelrunde
»Rosebud«, jenes nahezu mystische Wort bei Citizen Kane, heißt in der Übersetzung »Rosenknospe«. Lange Zeit rätselte man – nicht nur im Film – über seine Bedeutung. Doch wer die Geschichte aufmerksam verfolgt, der weiß bald, was »Rosebud« wirklich bedeuten soll: Mit diesem Wort beginnt die Suche nach den Geheimnissen um den Citizen, den Bürger Charles Foster Kane.

Zu sehen ist eine Leinwand, auf der in einer Art realistischer Nachrichtensendung, einem Newsreel, der Tod von Charles Foster Kane verkündet wird. Nicht sehr schmeichelhaft für den ja noch lebenden William Randolph Hearst … Der filmische Nachruf gibt einen Überblick über das Leben des soeben Verstorbenen, über sein Wirken und Werden, seine politischen Affären, seine dubiosen Verstrickungen in kriegerische Auseinandersetzungen, seine unglaubliche Exzentrizität, seinen »unmoralischen« Lebenswandel. Orson Welles will dem realen Hearst nicht schmeicheln. Hearst hat sich in den Vereinigten Staaten unter anderem durch seine guten persönlichen Beziehungen zu Nazi-Deutschland unbeliebt gemacht. Noch 1934 besucht er Berlin und pflegt persönlichen Umgang mit Adolf Hitler und Hermann Göring. Letzterer ist eine Zeitlang sogar regelmäßiger Verfasser von Artikeln in der Hearst-Presse, doch als in der amerikanischen Öffentlichkeit die Empörung hierüber immer lauter wird, läßt Hearst die Beiträge des späteren »Reichsmarschalls des Großdeutschen Reiches« nicht mehr drucken. Im Vorführraum geht das Licht an. Wir sehen eine Gruppe von Männern, die sich als Heerschar von jungen Reportern entpuppt. Wie die edlen Ritter der Tafelrunde am Hofe von König Artus sind sie versammelt. Diese modernen »Edelmänner« sitzen allerdings nicht gesittet an einem runden Tisch, nein: Das sind amerikanische, kaugummikauende Mitglieder der Presse, die sich auf die Suche nach dem »Heiligen Gral« begeben sollen. Es geht um die Lösung des Rätsels, um »Rosebud «: Was bedeutet dieses Wort?

Ein Blick zurück
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts strebt die spanische Kolonie Kuba verstärkt die Unabhängigkeit vom Mutterland an. Ebenfalls seit dieser Zeit ist auch ein wirtschaftliches Interesse der Vereinigten Staaten an Kuba zu beobachten, das sich in den Folgejahren noch intensiviert. Vor allem die Tabak- und Zuckerrohrplantagen wecken die Aufmerksamkeit vieler US-Amerikaner, insbesondere der Großgrundbesitzer, die in den Südstaaten leben.

Nachdem 1868 auf der Insel die erste Unabhängigkeitserklärung veröffentlicht worden ist, beginnt der Kampf der Kubaner gegen die Kolonialmacht. Der Krieg dauert zehn Jahre, bis ein Friedensvertrag die blutigen Auseinandersetzungen zunächst einmal beendet. Es gärt aber weiter auf der Tabak- und Zuckerrohrinsel, und immer wieder kommt es zu lokalen Aufständen. Schließlich, 1895, flammt der Widerstand erneut auf, initiiert und angeführt von José Martí. Obwohl der Schriftsteller und Revolutionär kurz darauf im Kampf fällt (und zum heute noch verehrten Nationalhelden wird), geht der Aufstand weiter, und der nun geführte Guerillakrieg hat verheerende Auswirkungen auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der spanischen Kolonialmacht. Zu dem Zeitpunkt kontrollieren die US-Amerikaner bereits große Teile der kubanischen Wirtschaft. Die politische Herrschaft über die Insel, die sie schon lange Zeit anstreben, ist ihnen bislang jedoch verwehrt geblieben – so hat Spanien in den fünfziger Jahren das Angebot der Vereinigten Staaten abgelehnt, Kuba für eine respektable Summe an die USA zu verkaufen. Jetzt, rund vierzig Jahre später, am Ende des Jahrhunderts, scheint die politische Stunde gekommen, das heißt die Annexion Kubas …

Im Januar 1898 entsenden die Vereinigten Staaten ein Schlachtschiff nach Kuba – zu einem »Freundschaftsbesuch«. Die ›Maine‹ ankert im Hafen von Havanna. Dann kommt es am 15. Februar zu einer gewaltigen Explosion auf dem Kriegsschiff, bei der über zweihundertsechzig US-Seeleute den Tod finden – Auslöser für die Einmischung der Vereinigten Staaten in den kubanischspanischen Konflikt und somit Anlaß für die US-Regierung, Spanien offiziell den Krieg zu erklären. Ein willkommener Anlaß auch für William Randolph Hearst, die Stimmung gegen Spanien zu schüren. Obwohl die Explosion an Bord der ›Maine‹, wie später festgestellt wird, ein tragischer Unfall gewesen ist, zu dem Zeitpunkt jedenfalls keine genauen Kenntnisse darüber vorliegen, wie es zu der Explosion gekommen sein konnte, vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in der Hearst-Presse die hämmernde Schlagzeile »Remember the Maine, to hell with Spain« (»Denkt an die Maine – zur Hölle mit Spanien!«) zu lesen ist. Hearst weist sogar einen seiner Korrespondenten an, in Havanna zu bleiben und Bilder zu schicken, damit er, Hearst, »Krieg machen« könne (»You furnish the pictures. I’ll furnish the war«). Der Rest ist schnell erzählt: Am 25. April treten die Vereinigten Staaten offiziell in den Krieg ein. Ihre Streitkräfte haben relativ leichtes Spiel mit den Spaniern, und schon am 13. August, also rund dreieinhalb Monate später, ist der Spanisch-Amerikanische Krieg nach der Kapitulation der (einstigen) iberischen Kolonialmacht Geschichte. Es folgt der ›Frieden von Paris‹, unterzeichnet am 10. Dezember desselben Jahres: Spanien tritt Guam, Puerto Rico und die Philippinen an die Vereinigten Staaten ab (und erhält dafür 20 Millionen US-Dollar).

Kubaner sind bei den Friedensverhandlungen nicht zugegen. Zwar wird die Insel 1902 offiziell zur Republik erklärt, bleibt aber faktisch ein Klientelstaat der USA. So behalten sich die Vereinigten Staaten das Recht vor, jederzeit auf Kuba zu intervenieren, etwa »zur Erhaltung der kubanischen Unabhängigkeit« (was auch immer darunter zu verstehen ist). Wirkliche Unabhängigkeit erringt Kuba erst Jahrzehnte später, und zwar am 1. Januar 1959 mit der Revolution des Fidel Castro und dessen Kampfgefährten – exakt sechzig Jahre nach einem weiteren denkwürdigen Datum: Am 1. Januar 1899 hatte Spanien an die Vereinigten Staaten die Hoheit über Kuba offiziell abgetreten. Zu dieser Zeit, um die vorletzte Jahrhundertwende, wird auch der Begriff »Yellow Journalism« geprägt. Hearst ist hier in einer Linie mit seinem ehemaligen Vorgesetzten und sicherlich auch seinem Vorbild Joseph Pulitzer zu sehen. Große Schlagzeilen und die Verwendung der Farbe Rot in den Überschriften, heutzutage eine Selbstverständlichkeit, sind für die damaligen Leser etwas völlig Neues.

Ein inhaltsreiches Gemenge
Der Klassiker Citizen Kane ist zweifelsohne ein vielschichtiger, komplexer Film voller unterschiedlichster Blickwinkel. Einer der Aspekte ist jedoch besonders auffällig: das Zusammenspiel dreier Biographien. Zum einen, wie schon erwähnt, das faktische und das fiktive Leben von Hearst, zum anderen – erstaunlicher- weise – auch Welles’ eigene Geschichte.

Es kommt zu einer eigenartigen Mischung. Alle drei Leben fügen sich schließlich zu einem sehr persönlichen Portrait eines Menschen zusammen, dessen erzählte Geschichte vom Zuschauer weder verdammt noch hochgejubelt wird, die sehr wohl aber bestaunt und verstanden werden kann. Welles zeigt beispielsweise die unglaubliche Ansammlung unermeßlicher Schätze, die Kane auf sein Märchenschloß ›Xanadu‹ schaffen läßt. Ob das Kunstschätze, erlesene Artefakte oder exotische Tiere sind – die Pracht, die sich vor den Augen der Cineasten entfaltet, ist nicht weniger erstaunlich als so mancher Schatz, den der wirkliche William Randolph Hearst auf seinen ausgedehnten Reisen durch Europa erworben hat. So unterhält er den größten Privatzoo der Welt, mit Giraffen, Löwen, Zebras und vielen anderen Tieren – eine eigene Arche Noah. Dann seine »Ranch«, wie er ›Hearst Castle‹ lapidar nennt – ein geradezu labyrinthisches Anwesen: Neben ausgedehnten Parkanlagen, in denen das Verlaufen nicht schwerfällt, zählt der Besucher – wenn es ihm denn möglich sein sollte, alles genau in Augenschein zu nehmen – einundsechzig Badezimmer, sechsundfünfzig Schlafzimmer, einundvierzig offene Kamine, neunzehn Wohnzimmer, zwei riesige Schwimmbecken, ein römisches Hallenbad und ein von großen weißen Säulen umrandetes sogenanntes ›Neptunbad‹. Jedes Zimmer, jeder Raum ist überreich an Kostbarkeiten.

Zurück zum Film. Die Art und Weise, wie Welles die Kindheit Kanes zeigt, läßt beim Regisseur selbst eine tiefe Verletzung seiner jungen Seele vermuten. In Citizen Kane muß der Knabe Kane zum Zweck einer besseren Erziehung auf Geheiß der eigenen Mutter sein Zuhause verlassen, um sein beachtliches Erbe zu gegebener Zeit standesgemäß antreten zu können. Eine nicht liebevoll-mütterliche, schwer verständliche Handlungsweise, die der Figur der Mutter keine Sympathien einbringt. Der kleine Kane versteht die Welt nicht mehr, weiß nicht, warum er die vertraute Familie verlassen soll, und der Zuschauer versteht diese Mutter nicht. Das Ganze macht keinen Sinn. Von diesem Zeitpunkt an wird Charles Foster Kane alles daransetzen, um die Welt der Erwachsenen – zunächst in Form des Vormunds – mit Verachtung zu strafen, Regeln nicht einzuhalten, immer das Gegenteil von dem zu tun, was von ihm erwartet wird.

So auch der junge Orson Welles. Er trägt ebenfalls seinen Teil dazu bei, es seiner Umwelt nicht immer leicht zu machen. Orson verliert 1924 – da ist er neun Jahre alt – seine geliebte Mutter Beatrice, Konzertpianistin und engagierte Suffragette. Nach ihrem Tod wird er in ein Internat für Jungen gesteckt. Seine einzige Bezugsperson ist ein enger Freund der Mutter, der Arzt Dr. Maurice Abraham Bernstein, zugleich sein Vormund. Ihm steht Orson sehr nahe, wohl vor allem deshalb, weil sein Vater (der 1930 stirbt) kein Vertrauen zu seinem Sohn aufbauen kann (und wohl auch nicht will). Bernstein wird für Orson Mutter- und Vaterersatz zugleich – und so ist die liebevoll gezeichnete Figur des loyalen Zeitungsmitarbeiters Bernstein in Citizen Kane wohl nicht aus der Luft gegriffen).

Im Internat kommt Orson ganz gut zurecht, vor allem auch deshalb, weil der Schulleiter seiner Passion, dem Theater, bereitwillig nachgibt, ja sie sogar fördert. Dennoch fühlt sich Orson – er ist anders als die meisten seiner Mitschüler – im Internat bei weitem nicht so wohl wie zu Hause, findet nur auf der Bühne eine gewisse Erfüllung. Das Theater vermag seinen Ehrgeiz zu wecken: Er brilliert in Shakespeare-Inszenierungen der Schule, und schon damals spielt er bevorzugt reifere Rollen. Der groß gewachsene Welles macht sich auch im wirklichen Leben gerne älter, als er ist, gibt sich ganz erwachsen, raucht schon als Teenager weltmännisch Pfeife. Seine Passion für guten Tabak wird ihn sein Leben lang begleiten und später in seiner Liebe zu Cigarren und der ›Davidoff № 1‹ münden. Trotz dieser vergleichsweise harmonischen Regelung seines Lebens nach dem Tod der Mutter bleibt die Frage, warum Kane durch Welles von seiner Mutter so lieblos weggeschickt wird. Vor seinem Elternhaus verliert Kane im Schnee »Rosebud« – und wird fortan ein Leben lang nach »Rosebud« suchen sowie nach all dem, wofür »Rosebud« steht. Man hat das Gefühl, auch Orson Welles ist auf der Suche nach seinem »Rosebud«. Vor Ende des Films sehen wir die »Ritter der Tafelrunde« ratlos durch die unvorstellbare Ansammlung von Schätzen in den riesigen Lagerhallen auf Schloß ›Xanadu‹ streifen, doch bleibt das Geheimnis ungelüftet, das Rätsel ungelöst. Was nur der Zuschauer erfährt: Mit dem Rätselwort ist des Jungen einfacher Holzschlitten gemeint, der stolz den Namen »Rosebud« trägt. Achtlos gehen alle an dem unscheinbaren Kinderschlitten vorbei – und achtlos wird er am Ende des Films von einem Arbeiter ins Feuer geworfen. Dazu ertönt, wie es sich für das Geheimnis eines Charles Foster Kane gehört, höchst dramatische Musik – das Arkanum wird symbolisch ein Opfer der Flammen.

Und was ist mit William Randolph Hearst? War sein »Rosebud« die unvergleichliche Marion Davies? Die einzige, die an seiner Seite zu finden war, als das Geschäft schlecht und die Zukunft unsicher war? Jene starke Frau, die ihren gesamten Schmuck opferte, um das ins Schlingern geratene Schiff des großen William Randolph Hearst vor dem finanziellen Untergang zu retten? Jene Marion Davies, die stets nur die Geliebte, niemals die Ehefrau sein sollte, deren Erinnerung nach Hearsts Tod von den Familienmitgliedern aus den Häusern und Palästen vollständig getilgt wurde? Jene Marion Davies, die ihn, den Todkranken, bis zuletzt liebevoll gepflegt hatte? Gegenüber der auch ein Orson Welles ein schlechtes Gewissen gehabt haben muß, weil er sie im Film als alkoholsüchtige, unbegabte Operndiseuse karikiert hatte, die sie wahrhaftig nicht war? Fast möchte man es glauben …

Citizen Kane ist und bleibt ein Meisterwerk der Filmkunst. Tragisch für das Genie Welles, daß er es zu einem so frühen Zeitpunkt geschaffen hat. Wenn man mit dreiundzwanzig Jahren bereits einen derartigen Höhepunkt erreicht hat: In welche Sphären soll man danach noch aufsteigen? Ganz unbestritten bleibt, daß Orson Welles ein Meister seines Fachs war, der seine Geniestreiche jedoch – aus purer Vielzahl an brillanten Gedanken – in seinen zahlreichen folgenden Projekten oft nicht wirklich zu Ende geführt hat, mitunter auch nicht zu Ende führen konnte. Oft waren es Studiogewaltige, die seine Arbeit behinderten, und oft war er einfach nur vom Pech verfolgt – so etwa, als der Hauptdarsteller seines Films The Deep (1970) noch vor Ende der Dreharbeiten überraschend starb, so etwa auch, als nach Beendigung seines Films Der Kaufmann von Venedig mehrere Filmrollen auf mysteriöse Weise verschwanden und nicht mehr aufzufinden waren. Seine Exzellenz als Schauspieler bleibt jedoch dank Rollen wie der des Harry Lime in Der dritte Mann (The Third Man) von 1949 unter der Regie von Carol Reed (Drehbuch: Graham Greene) auf ewig in den Köpfen der Filmenthusiasten. Orson Welles spielt in dem damals noch sehr zerstörten Wien der Nachkriegsjahre den mysteriösen US-amerikanischen Schwarzmarkthändler Harry Lime, der in dunkle Machenschaften verwickelt ist; es geht um die Verschiebung von lebenswichtigen Antibiotika. Ein überaus realistischer Akt von Kriminalität übrigens, wie man bei der Korrespondentin der Vogue jener Zeit, der Photojournalistin Lee Miller, in dem Buch Der Krieg ist aus eindringlich nachlesen kann. Wie Citizen Kane ist jedenfalls auch Der Dritte Mann – große Teile des Films spielen in den unterirdischen Gängen des gigantischen Kanalsystems der österreichischen Hauptstadt – ein außergewöhnliches Zeugnis hoher Filmkunst.
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Unvergessen auch Welles’ Auftritt als cigarrenrauchender korrupter Sheriff Hank Quinlan in Im Zeichen des Bösen (A Touch of Evil) von 1958, einem Klassiker des Film noir. Hier führte er Regie, schrieb das Drehbuch und spielte eine der Hauptrollen. Im Film gibt es auch einige denkwürdige Cameo-Auftritte von Stars wie Marlene Dietrich (als Nachtclubbesitzerin Tanya) und Zsa Zsa Gabor, die ebenfalls eine Nachtclubbesitzerin mimt. Nach den eigenen Worten des Meisters ist Im Zeichen des Bösen wohl derjenige Film, bei dem Orson Welles am meisten Spaß gehabt hat. Trotz des humorlosen Charlton Heston als mexikanischem Gutmenschen. Ob das wohl an der Filmpartnerin Janet Leigh gelegen hat, die später durch Hitchcocks Psycho (1960) zu Weltruhm gelangen sollte?




Text: Sidney Beat

 
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