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Das Glück greifen. Interview mit Erol Sander
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Herr Sander, als ich mit Ihrer Managerin den Termin für dieses Gespräch vereinbarte, bekam ich am Rande mit, daß Sie gerade in Südafrika waren. Ein neuer Film, der auf dem Schwarzen Kontinent spielt?

Nein, Werbeaufnahmen. Ich war in Kapstadt. Ein faszinierender Ort. Überhaupt zieht mich Afrika immer wieder an. Ich bin gerne dort. Afrika ist ja auch Ort zahlreicher großer Filme. Ich denke da an Schnee am Kilimandscharo mit Gregory Peck, Susan Hayward, Ava Gardner und Hildegard Knef oder an Jenseits von Afrika mit Meryl Streep, Robert Redford und Klaus Maria Brandauer.

Es ist schon etliche Jahre her, daß diese Filme erstmals in den Kinos zu sehen waren. Aber in der letzten Zeit scheint Afrika wieder im Kommen. Erst Anfang des Jahres waren zwei Mehrteiler auf dem Bildschirm zu sehen, für die Afrika Handlung und Kulisse bot. Wann spielen Sie denn mal dort?
Ich habe dort schon gespielt. Große Teile der Aufnahmen für den Monumentalfilm Alexander [2004] sind in Marokko gedreht worden. Und davor habe ich in Südafrika für den Fernsehfilm Für immer verloren [2002] vor der Kamera gestanden. Zusammen mit Veronica Ferres. Eine großartige Schauspielerin. Dazu noch eine tolle Kollegin. Eine außerordentliche Frau. – Außerdem bin ich des öfteren in Tansania …

Erzählen Sie …
Ich habe dort die Schirmherrschaft für ein Hilfsprojekt übernommen. Dort, das ist Mkomazi, ein großes Naturschutzgebiet an der Grenze zu Kenia, rund zweihundert Kilometer vom Kilimandscharo entfernt. Mkomazi gehört zu den ärmsten Regionen der Welt. Schwerpunkt dieses Projekts ist die Bildung. Konkret heißt das: Wir bauen Schulen und fördern Ausbildungsprogramme. Wenn man bedenkt, daß der Bau einer Schule, je nach Größe, zwischen drei- und fünftausend Euro kostet, dann zeigt das: Man kann dort eine Menge bewirken.

Wohin fließt denn das Geld?
Es fließen keine Gelder nach Tansa- nia … Schauen Sie nicht so erstaunt … Die Organisation ›Hilfe für Mkomazi Tansania‹, ein eingetragener Verein, stellt keine Gelder zur Verfügung, sondern liefert Material, das für bestimmte Projekte beziehungsweise Baumaßnahmen gebraucht wird.

Klingt vernünftig. Somit kann kein Geld »versickern«, wie das leider oft im Bereich Entwicklungshilfe der Fall ist … Sie sprachen eben vom Schwerpunkt Bildung. Demnach gibt es also noch andere Aufgaben?
Ja. Das gesamte Projekt will Hilfe zur Selbsthilfe leisten. So werden etwa Brunnen gebohrt, Wasserleitungen verlegt, Dämme gebaut, damit die Bewohner ausreichend Wasser zum Leben haben und Felder bewirtschaften können. Es werden auch Straßen gebaut. Insgesamt soll eine Infrastruktur entstehen, die es den dort lebenden Menschen in absehbarer Zeit gestattet, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Vielleicht werden sie sich schon in einigen Jahren die Möglichkeiten für einen »sanften« Tourismus erarbeitet haben.

Sie betonen das Wort »sanft« …
Weil alles im Einklang mit der Natur geschehen soll. Es ist eine herrliche Wildnis, der du dort begegnest. Elefanten, Löwen, Zebras. Einfach nur atemberaubend.

Sanfter Tourismus, im Einklang mit der Natur – Vorgaben der Organisation, die dieses Projekt ins Leben gerufen hat?
Nein. Der Verein ›Hilfe für Mkomazi Tansania‹ übt praktisch nur eine Mittlerfunktion aus. Die »Organisation« heißt eigentlich John Fitzgerald. Jedenfalls ist das alles auf seine Initiative entstanden. Er ist die treibende Kraft. John ist Engländer und lebt schon etliche Jahre als Ranger in Tansania.
Dieser John Fitzgerald schafft Außerordentliches. Ein Beispiel: Das Schwarzhornnashorn, das in dieser Region schon ausgestorben war, ist in dem von ihm betreuten Naturschutzgebiet wieder anzutreffen. In Südafrika leben diese Tiere noch, und dort hat er einige einfangen und nach Tansania transportieren lassen und da ausgewildert. Mittlerweile gibt es auch schon Nachwuchs bei den nunmehr wieder heimischen Schwarzhornnashörnern. Allem Anschein nach ist diese Aktion von Erfolg gekrönt.

Wann waren Sie denn das letzte Mal in Tansania, waren sozusagen vor Ort?
Im vorigen Jahr. Ich bin gerne dort. Es ist einfach nur toll, wenn du siehst, wie sich da etwas entwickelt. Dann die Menschen. Sie sind freundlich, ja herzlich, obwohl sie mit wenig auskommen müssen. Ich liebe diese Menschen. Dann die Landschaft. Diese Weite, diese Elemente. Wenn du beispielsweise in Kapstadt bist, vielmehr am ›Kap der Guten Hoffnung‹, wo zwei Ozeane aufeinandertreffen, praktisch zeigen wollen, wer der stärkere von beiden ist, dann spürst du eine unwahrscheinliche Energie, dann fühlst du dich als Mensch mit einemmal sehr klein. Das ist faszinierend und archaisch zugleich. Diese Urgewalt spürst du auch in Tansania. In vielen Teilen Afrikas legst du deinen Habitus ab … Ein weiteres Faszinosum für mich ist John. Manchmal meine ich, er ist Teil jener Urgewalt. Unglaublich, was er bisher dort bewirkt hat. Wenn ich ihn sehe, muß ich immer an ›Indiana Jones‹ denken. Das gute dabei: John ist ein realer, ein wahrer Held …

Anders als die Helden, die Sie mitunter auf der Leinwand beziehungsweise auf dem Fernsehschirm darstellen?
Das kann man nicht miteinander vergleichen. Film ist immer Fiktion. Auch wenn sich eine Handlung sehr eng an der Realität orientiert – es bleibt stets Fiktion. Aber das ist nichts Schlimmes. Das ist sogar gut so. Stellen Sie sich vor, ein Kriminalfilm würde den Alltag in einem Kommissariat wiedergeben. Das wäre über weite Strecken sehr langweilig. Im Film müssen die einzelnen Handlungsstränge für den Zuschauer gut nachvollziehbar sein – und es muß alles zügig vorangehen. Wenn das nicht der Fall ist, wird sich der Betrachter schnell von dem verabschieden, was er zu sehen bekommt.

Da lagen Sie ja mit der Serie Sinan Toprak ist der Unbestechliche genau richtig. In dieser Serie verkörperten Sie den ersten türkischstämmigen Kommissar, der im deutschen Fernsehen, gewandet in feinen Zwirn, auf Verbrecherjagd geht. Für Sie der Durchbruch …
Das ist nur halb richtig. Es war, abgesehen von kleinen Rollen in zwei französischen Produktionen, mein erstes richtiges Engagement, dazu noch eines im deutschsprachigen Raum. Ich war blutiger Amateur.

Ein Amateur? Jetzt untertreiben Sie aber. Wenn jemand zuvor eine Schauspielschule besucht hat, dann hat er doch zumindest ein gewisses Rüstzeug …
… wenn er denn eine Schauspielschule besucht hat. Aber ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Schauspielschule von innen gesehen.

Aber es ist doch praktisch überall nachzulesen, daß Sie mit dem, was Sie als Model für große Modelabels verdient haben, Ihren Schauspielunterricht finanziert haben.
Das, was bisher über mich geschrieben worden ist, kann ich nicht rückgängig machen. Irgendwann hat wohl ein Journalist oder eine Journalistin über mich genau das geschrieben, und danach haben (fast) alle diese »Fakten« zitiert – um es einmal etwas zurückhaltend auszudrücken. Nein, ich hatte keine Ausbildung, sondern war tatsächlich ein Greenhorn. Noch heute bin ich dem damaligen Geschäftsführer von ›RTL Television‹, Gerhard Zeiler, dankbar, daß er mir vertraut und mir die Rolle gegeben hat.

Da war der Herr Zeiler aber ganz schön mutig …
Mag sein. Vielleicht war er einfach nur davon beeindruckt, wie sehr ich mich ins Zeug gelegt habe, um diese Rolle zu bekommen. Bestimmt hat ihm auch mein unbedingter Wille imponiert. Er hat gemerkt: Dieser Typ will diese Rolle auf jeden Fall haben. Außerdem: Was hatte ich als Anfänger zu verlieren? Es mag zwar etwas abgedroschen klingen, aber einer meiner beiden Leitsätze lautet: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker. Mit diesem Leitsatz vor Augen bin ich immer gut gefahren. Das hat nichts mit Fatalismus zu tun, etwa nach dem Motto: Ich versuche jetzt etwas, und wenn es schiefgeht, kann ich nichts daran ändern. Nein, die Vorzeichen waren andere: Da ich in diesem Fall Neuland betreten habe, hatte ich kein Terrain zu verteidigen, das ich mir zuvor mühevoll erarbeitet hatte. Und nachdem ich die Rolle hatte, habe ich mich auch tatsächlich ins Zeug gelegt, habe ich viel Engagement gezeigt, denn die Chance, mich als Schauspieler zu beweisen, die wollte ich unbedingt wahrnehmen. Jetzt hatte ich immer meinen zweiten Leitsatz vor Augen … Und der wäre? Gib mir die Kraft, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. – Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. – Gib mir die Weisheit, das eine vom anderen unterscheiden zu können. Wer gibt? Glauben Sie? Ich bin ohne Bekenntnis. Ich fühle mich aber als Deist. Ich glaube an einen Gott, brauche dafür jedoch keine Religion, die mir genau vorschreibt, wie ich zu glauben habe.

Ich komme noch einmal auf Ihren zweiten Leitsatz zurück: Was haben Sie geändert?
Ich persönlich habe mich nicht verändert. Aber ich habe versucht, mich weiterzuentwickeln. In der Zeit während meiner Dreharbeiten, an den freien Tagen, habe ich bei einem Coach Schauspielunterricht genommen. Phonetik, Gesang, eben alles, was dazugehört.

Als feststand, daß die Rolle des Sinan Toprak Ihre Rolle war: Hatten Sie da schon Ihren Künstlernamen?
Nein. Den mußten wir erst noch finden. Wir – das waren der Produzent und seine Frau, meine Frau und ich.

Der Name war bestimmt schnell gefunden. »Erol« leitet sich von Errol Flynn ab, wohl eines Ihrer filmischen Vorbilder, und »Sander« soll bestimmt an Ihre Modelzeit erinnern – schließlich ist Jil Sander als Modedesignerin nicht gerade unbekannt. So ist es nahezu überall zu lesen.
Auch das entspricht – ähnlich wie die Kolportagen über meinen Schauspielunterricht – nicht den Tatsachen. Wir haben einfach einen »internationalen« Namen gesucht, einen, der bei der Aussprache wenig Mühe machen sollte. »Erol Sander« kommt einem Deutschen wie einem Engländer, einem Franzosen wie einem Türken leicht über die Lippen. Daß dieser Name nach zwei Tagen und zwei Nächten intensiver Überlegungen schließlich entstanden ist, ist reiner Zufall. Abgesehen davon: Ich mag die Filme von Errol Flynn sehr. Ob nun Der Herr der sieben Meere, ob Robin Hood, um nur zwei zu nennen – viele seiner Filme haben Zeichen gesetzt, sind, wenn man so will, Vorreiter für die Actionstreifen, die wesentlich später auf der Leinwand zu sehen waren. Ich kann Ihnen auch erklären, wie es dazu gekommen ist, daß die Namensfindung stets mit Errol Flynn und Jil Sander in Zusammenhang gebracht wird. Zu Beginn meiner Karriere habe ich einigen Journalisten eine Eselsbrücke gebaut: Denken Sie beim Vornamen an Errol Flynn und beim Nachnamen an Jil San - der – dann wissen Sie, mit wem Sie es zu tun haben …
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Hätten wir das also auch geklärt. Sinan Toprak [1999–2001] war praktisch Ihre erste »richtige« Rolle. Eine Chance und eine Gefahr zugleich. Eine Chance deshalb, weil Sie sich damit sozusagen ins »Licht der Öffentlichkeit« spielen konnten, und eine Gefahr deshalb, weil das mit den Serien immer so eine Sache ist: einmal Professor Brinkmann, immer Professor Brinkmann, einmal Don Juan, immer Don Juan, einmal Kommissar, immer Kommissar. Man ist schnell auf eine bestimmte Figur festgelegt …
Das mag sein. Bei mir ist es Gott sei Dank anders gelaufen. Schon während Sinan Toprak ausgestrahlt wurde, habe ich Rollen angeboten bekommen, die absolut nichts mit einem Kommissar zu tun hatten. Vollkommen andere Charaktere. Mittlerweile habe ich in rund fünfzig Filmen mitgespielt – vom Abenteuer- bis zum Liebesfilm war alles dabei. Ich habe Liebhaber ebenso wie Ganoven und Mörder gespielt, einen Kaiser beziehungsweise Schah ebenso wie einen Priester. Außerdem mußte ich damals diese Chance nutzen. Wenn nicht die Rolle des Sinan Toprak, welche denn dann? Wenn nicht zu diesem Zeitpunkt, wann denn dann? Wenn ich mich nicht intensiv darum bemüht hätte, hätte sich eine ähnliche Chance vielleicht nicht noch einmal ergeben. Schon immer war es mein Wunsch gewesen, Schauspieler zu werden. Ich mußte mein Glück greifen.

Sozusagen das Schicksal in die Hand nehmen …
Genau. Glück mußt du greifen können, wenn es kommt, aber du kannst es nur greifen, wenn du auch ein wenig darauf vorbereitet bist …

Sie sagten eben, es sei schon immer Ihr Wunsch gewesen, Schauspieler zu werden. Wünsche bilden sich heraus, mit ihnen kommt man nicht auf die Welt, auch werden sie einem nicht in die Wiege gelegt …
Natürlich war der Wunsch noch nicht da, als ich den ersten Schrei von mir gegeben habe. Aber mit zehn, zwölf Jahren kam dieser Wunsch erstmals in mir auf. Das war, als ich eine Internatsschule am Chiemsee besucht habe. Dort gab es eine Theatergruppe. Leider ließen zu dem Zeitpunkt meine Leistungen in einigen Sprachfächern noch zu wünschen übrig, und so mußte ich die meiste Zeit dafür aufbringen, meine schulischen Leistungen zu verbessern. Was das Theater anbetraf, blieb mir nur das Zuschauen. Aber dieser Wunsch, einmal als Schauspieler zu arbeiten, hat sich dann mit den Jahren mehr und mehr festgesetzt.

Soviel ich weiß, sind Sie mit vier Jahren nach Deutschland gekommen. Stimmt das denn wenigstens?
Da liegen Sie richtig.

Das macht mich ja richtig glücklich. Im Ernst: Kinder lernen normalerweise schnell eine neue Sprache. War das bei Ihnen anders?
Nein. Aber eine Sprache sprechen und mit einer Sprache arbeiten, also sie zu lesen und zu schreiben, richtig zu lesen und zu schreiben – das ist ein gewaltiger Unterschied. Da mußte schon die katholische Internatsschule in Ising am Chiemsee beziehungsweise ihre Lehrerschaft her, damit ich auch das irgendwann beherrschte.

Als junger Muslim – der Sie ja damals wohl noch waren? – auf einem katholischen Internat im erzkonservativen Bayern: Gab es da keine Schwierigkeiten, keine (versteckten) Anfeindungen?
Absolut keine. Es war eine gut geführte Schule. Hier wurden, neben den »normalen « Fächern, vor allem auch christliche Werte vermittelt – die übrigens nicht selten deckungsgleich mit denen des Islam sind …

Was so mancher angesichts der Lage im Nahen Osten und der blutigen Anschläge in der westlichen Welt gar nicht glauben mag. Aber das ist eine andere Geschichte. Kehren wir daher zurück zu Ihrer Geschichte. Zu Ihren Eltern beispielsweise. Solch ein Besuch auf einer Internatsschule ist ja nicht gerade zum Nulltarif zu haben. Mußten Ihre Eltern auf bestimmte Dinge verzichten, um Ihnen den Besuch ermöglichen zu können?
Meine Mutter hat auf nichts verzichten müssen. Sie hat einerseits hart gearbeitet, war andererseits sehr genügsam, brauchte nicht viel zum Leben.

Und Ihr Vater?
Den habe ich nicht oft in meinem Leben gesehen. Meine Mutter ist allein mit mir nach München übergesiedelt.

Erstaunlich … In vielen Dingen hat man ja klischeehafte Vorstellungen. So bediene ich mich jetzt auch eines Klischees: Ist es nicht so, daß in der Türkei allein der Mann bestimmt, was in der Familie zu tun und was zu lassen ist?
Ja und nein. In weiten Teilen der Türkei ist das so. Nicht jedoch in Istanbul, wo ich geboren bin und die ersten Jahre meines Lebens verbracht habe. Istanbul war schon immer die Stadt in der Türkei, die am westlichsten orientiert war (und es immer noch ist), auch mehr noch als beispielsweise die großen Städte auf dem Balkan. Frauen sind dort bedeutend selbstbewußter als ihre Schwestern in den übrigen Teilen des Landes. Meine Eltern haben sich damals getrennt. Obwohl meine Mutter in der Ehe ein, materiell gesehen, sorgenfreies Leben gehabt hätte, hat sie ihren eigenen Weg gewählt. Mein Vater war immerhin Nationalspieler im türkischen Basketballteam. Wenn man bedenkt, daß in der Türkei Basketball nach Fußball die beliebteste Sportart ist, dazu eine sehr erfolgreiche [Vizeweltmeister 2006], dann war er zu dieser Zeit ein Star. Trotz alledem hat meine Mutter die Türkei verlassen. Sie hat hart gearbeitet. Neben ihrem angestammten Beruf als Schneiderin hat sie viele Jahre im ›Hofbräuhaus‹ gekellnert. Zwölf Maßkrüge schleppen. Zigmal am Abend. Das ist Knochenarbeit. Sie war eine starke Frau. Und sie hat eine Idee vom Leben gehabt. Ich bin ihr unendlich dankbar für all das, was sie mir ermöglicht hat.

Auch Sie haben eine ganz bestimmte Vorstellung, eine Idee vom Leben – von Ihrem Leben. Deshalb weiter in Sachen Film: In einer der nächsten Cigar Clan-Ausgaben wird es einen interessanten Artikel über Alfred Hitchcock geben. Hätten Sie gerne einmal in einem seiner Filme mitgespielt?
Was für eine Frage! Natürlich! Ich hätte in jedem seiner Filme gerne mitgespielt. Alfred Hitchcock war einfach nur genial. Gänsehaut pur …

Die Frage, die ich jetzt stellen wollte, erübrigt sich somit. Kommen wir zu den Regisseuren der Gegenwart: Wer hat Sie bisher am meisten beeindruckt?
Oliver Stone. Ohne Frage. Er ist einer der ganz Großen. Es war für mich ein unwahrscheinliches Erlebnis, unter seiner Regie beim Historienepos Alexander vor der Kamera stehen zu dürfen. Er hat eine derartig natürliche Autorität, daß du ihn sofort respektierst. Darüber hinaus hast du ihm gegenüber ein solches Vertrauen, daß du dich einfach nur fallenlassen mußt. Wenn du mit Oliver Stone zusammenarbeitest, dann werden deine Sinne wie dein Geist erweitert, und auch dein Aufnahmevermögen nimmt zu. Er schafft es, sehr schnell aus vielen Individualisten, die zudem verschiedenen Kulturkreisen angehören, ein wirkliches Team zu formen. Das ist auch notwendig, denn ansonsten würden Dreharbeiten, die sich über ein halbes Jahr hinziehen, für alle Beteiligten zur Qual werden …

Eine lange Zeit. Dann sehen Sie Ihre Frau und Ihren kleinen Sohn mitunter ja höchst selten?
Gott sei Dank ist das nicht der Fall. Bei solch langen Dreharbeiten kommen sie nach. Dann, wenn sich alle Akteure zu einem Team zusammengefunden haben. Bei Alexander waren Caroline, meine Frau, und unser Marlon rund zwei Wochen nach Drehbeginn bei mir.

Die Familie ist für Sie wichtig …
Das Wichtigste überhaupt. Ohne sie könnte ich mir mein Leben gar nicht mehr vorstellen. Angenommen, ich würde unseren Sohn sechs Monate nicht sehen. Unvorstellbar! Irgendwann würde er meine Frau fragen: »Mama, wer ist denn der Onkel, der uns besucht?«

Marlon – eine Hommage an Marlon Brando?
Sie liegen schon wieder falsch. Marlon hat uns einfach sehr gut gefallen. Genauso wie Jack, sein zweiter Vorname.

Das mit dem Falschliegen scheint heute mein Schicksal zu sein. Deshalb sofort zur nächsten Frage: Während der Dreharbeiten zu Alexander standen Sie mit Schauspielern vor der Kamera, die schon lange im Geschäft sind und einen großen Namen tragen: Angelina Jolie, Colin Farrell, Anthony Hopkins, Christopher Plummer. War Ihnen da manchmal etwas mulmig zumute?
Nein, nie. Respekt war schon vorhanden. Respekt vor den Personen und ihren Leistungen als Schauspieler. Wie ich schon gesagt habe, war das für mich ein unglaubliches Erlebnis. Es war auch eine Erfahrung, die mich weitergebracht hat. Ich habe einiges dazugelernt. Wie ich überhaupt stets versuche, jeder Situation etwas abzugewinnen, das mich voranbringt. Ich stehe ja noch am Anfang meiner Karriere. Deswegen freue ich mich auch auf jede neue Herausforderung.

Wenn Sie Eindrücke und Erlebnisse noch einmal abrufen: Von welchem der zuvor Genannten waren Sie besonders angetan?
Da kann ich explizit wirklich keinen nennen beziehungsweise hervorheben. Aber Maximilian Schell muß ich erwähnen. Mit ihm habe ich 2005 gemeinsam vor der Kamera gestanden, als wir in Prag Die Liebe eines Priesters gedreht haben. Mit ihm habe ich mich auf Anhieb gut verstanden. Maximilian ist nicht nur ein großartiger Schauspieler, sondern auch ein außergewöhnlicher Mensch. Er hat mich an seinem reichen Erfahrungsschatz teilhaben lassen, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Mittlerweile sind wir freundschaftlich verbunden. Maximilian Schell ist für mich eine Art Mentor geworden.
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Die Erwähnung des Drehorts führt uns zum nächsten Punkt. Sie sind durch Ihre Berufe bestimmt schon viel herumgekommen in der Welt. Von welchem Ort waren Sie besonders fasziniert? Damit Sie nicht alle Städte und Regionen, die Sie in Ihrem Leben kennengelernt haben, Revue passieren lassen müssen, dürfen Sie sich auf das letzte Jahr beschränken …
Da fällt die Antwort leicht: Kuba. Anfang 2006 war ich dort. Eine Liebe in Kuba war im Februar in der ›ARD‹ zu sehen. Kuba ist faszinierend. Die freundlichen Menschen, die pulsierende Musik, die atemberaubende Landschaft, das Meer, das Klima – Karibik pur. Wir haben im äußersten Osten der Insel gedreht, nahe dem Städtchen Baracoa in der Provinz Guantánamo, unweit der Stelle, an der vor mehr als fünfhundert Jahren Christoph Kolumbus gelandet ist. Er soll damals gesagt haben, die Insel sei das Schönste, was er jemals gesehen habe. Dem kann ich nur zustimmen. Wenn ich abends vor dem Ferienhaus gesessen habe, auf Bucht und Klippen und auf die sich brechenden Wellen geschaut habe, dazu eine gute Cigarre geraucht habe – dann waren das Augenblicke tiefer innerer Ruhe und Zufriedenheit, Augenblicke, die einfach vollkommen waren. Kein Regisseur hätte solch eine Situation erzeugen können.

Sind Sie damals auf den Cigarrengeschmack gekommen?
Nein, schon viel früher. Vor sieben, acht Jahren etwa. Mein Schwiegervater – übrigens mein bester Kumpel – hat mich darauf gebracht. Er ist ein großer Genußmensch. Wir sind oft in Paris abends zum Essen gegangen, meist in einem der guten Restaurants, die das Marais- Viertel überreichlich zu bieten hat. Nach dem Essen mußte unbedingt eine gute Cigarre geraucht werden. Sonst wäre der Abend für ihn nicht perfekt gewesen. Schon bei einem der ersten Male blieb mir gar nichts anderes übrig, als ebenfalls eine Cigarre zu rauchen. Ich habe also so ein dickes Ding probiert – und bin schnell auf den Geschmack gekommen.

Was gefällt Ihnen am Cigarrenrauchen?
Zunächst einmal die Ruhe und die Gelassenheit. Beides ist unbedingt notwendig, wenn du eine Cigarre auch genießen willst. Es ist wie ein Ritual. Menschen, die Cigarren lieben, strahlen oft eine ganz bestimmte Gelassenheit aus. Außerdem haben sie meist etwas Beruhigendes an sich. Ich empfinde das so. Dann mag ich diesen ganz eigenen Geschmack, der sich beim Rauchen wie ein leichter Film auf den Gaumen legt.

Darf ich fragen, welche Marke Sie bevorzugen?
Ich gebe es nur sehr ungern zu. Nun gut: Am liebsten rauche ich eine ›Cohiba Robusto‹.

Wieso geben Sie das nicht gerne zu? Das ist doch nichts Ehrenrühriges, ist auch keine Todsünde.
Ich weiß, aber viele, die Cigarren nur vom Hörensagen kennen, wissen mit dem Namen ›Cohiba‹ etwas anzufangen. Gestandene Cigarrenraucher rümpfen darüber die Nase: Keine Ahnung von Cigarren, aber dann muß es gleich eine ›Cohiba‹ sein. Dabei gibt es zahlreiche Havannas, die ebenfalls einen Versuch wert sind! So oder ähnlich wird sich oft geäußert. Ich habe auch schon zahlreiche andere Formate probiert, und ich komme immer wieder auf die ›Cohiba Robusto‹ zurück. Sie sagt mir einfach am meisten zu. Das ist mein Format.

Ich weiß um diese Vorurteile. Aber ich denke, mit diesem Format haben Sie eine gute Wahl getroffen. Sie sind also ein Havannophiler?
Nein. Ich rauche auch Cigarren aus anderen Provenienzen. Genuß sollte keine Prinzipienreiterei kennen. Es gibt immer Neues zu entdecken.

Sie drehen ja nicht ständig auf Kuba. Was machen Sie denn, wenn Sie in einer Region sind, in der es nicht an jeder Straßenecke gute Cigarren zu kaufen gibt?
Ich habe immer meinen Reisehumidor dabei. In ihm haben gut zwanzig Cigarren Platz. Dieser Humidor von ›S.T. Dupont‹ sieht nicht nur gut aus, er funktioniert auch hervorragend. Für einen guten Smoke ist somit bestens gesorgt.

Zum Schluß noch eine Frage: Was steht bei Ihnen – filmmäßig – demnächst an?
Kein Film, aber dennoch etwas sehr Interessantes. Von Ende Juni bis Ende August spiele ich den ›Winnetou‹ bei den ›Karl-May-Spielen‹ in Bad Segeberg. Zweimal am Tag, sechsmal in der Woche.

Da haben Sie sich aber etwas vorgenommen. Damit meine ich nicht nur die physische Anstrengung. Immerhin waren Ihre Vorgänger Pierre Brice und Gojko Mitic …
Ich weiß. Kein leichtes Erbe. Aber eine große Herausforderung. Immer vor achttausend Besuchern live. Ich freue mich riesig darauf …

Nicht nur dafür wünsche ich Ihnen alles Gute. – Herr Sander, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Interview: Dieter H. Wirtz

 
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