
Die Herausforderung
Die Blindverkostung eines Produkts dürfte wohl zu den größten sensorischen Herausforderungen gehören, die es für einen Verkoster gibt. Bei den zu testenden Erzeugnissen liegt die Sache naturgemäß anders, aber auch sie, die Produkte, sind nicht zu »beneiden«. Bezogen auf Cigarren, heißt das: Da die stolzen Braunen ohne jede Vorkenntnis unter die Lupe genommen werden, treten jede kleine optische Auffälligkeit, jeder störende Geruch und jede Nuance in Geschmack und Aroma um so deutlicher zutage, da der Verkoster sich noch mehr als üblich auf die Cigarre konzentriert, weil er ja nicht weiß, um welches Format es sich handelt.
Andererseits: Da auch ein versierter Raucher das Risiko eingeht, sich zu blamieren, indem er aufs völlig falsche Pferd setzt (pardon: auf die falsche Cigarre, das falsche Herkunftsland etc.), sind Blindverkostungen in der Cigarrenbranche zwar zur Qualitätskontrolle durchaus üblich, als sensorische Herausforderung zur Erkennung der richtigen Cigarre allerdings eher selten. Private Raucherzirkel, Cigarrenclubs wie auch Internet-Foren stellen sich dagegen gerne schon einmal dieser Herausforderung, doch eine klar definierte Gruppe von Experten hat sich bisher dem drohenden Gesichtsverlust noch nicht ausgesetzt. Dreizehn deutsche Fachhändlerinnen und Fachhändler haben es trotzdem gewagt – und herausgekommen ist das überraschende Ergebnis einer Degustation, die es in dieser Form noch nie gegeben hat …
Die Durchführung
Um höchstmögliche Konzentration und sensorische Leistungsfähigkeit zu gewährleisten, wurden zwei Cigarren an zwei verschiedenen Tagen verkostet. Die Degustationen fanden tagsüber nach dem Mittagessen statt, wobei die Experten in kleine Gruppen aufgeteilt wurden. Fachlicher Austausch war zwar erlaubt, nicht jedoch Gespräche über Markennamen und Vitolas.
Außer der kubanischen Herkunft wurden nur wenige Parameter bekannt gegeben: Die jeweilige Cigarre gehöre zu einer renommierten Marke, die auf dem Weltmarkt erhältlich sei, sie stamme nicht aus noch unbekannter Produktion und sei auch keiner Edition zuzuordnen. Die Verkostungen fanden statt am Donnerstag, dem 25. Januar 2007, in der ›Casa del Habano‹ im Hotel ›Melia Cohiba‹ am Malecón in Havanna und am 27. Januar 2007 im Innenhof des Hotels ›Conde de Villanueva‹, das in der Altstadt von Havanna liegt. Verkostet wurden eine ›Robusto‹ vom November 2004, eine ›Partagás Serie D № 4‹, sowie, deutlich schwerer, eine fünf Jahre gereifte ›Piramide‹, eine ›Montecristo № 2‹ aus der Februar-Produktion des Jahres 2002. So fand, weil diese Einflußgrößen den Teilnehmern nicht mitgeteilt wurden, die Blindverkostung auf einem sehr hohen Niveau statt.
Bei der Verkostung der ›Partagás Serie D № 4‹ stellte sich schnell heraus, daß ein Spezialist nicht nur seine sensorische Konzentration parat haben sollte, sondern auch sein Wissen über die verschiedenen Marken und Vitolas, um ohne Hilfsmittel die Anzahl der in Frage kommenden Cigarren eingrenzen zu können. Die gereifte Cigarre polarisierte fühlbar. Während der Verkostung wurde deutlich, daß sich vor allem im subjektiven Geschmackserlebnis von kräftigen, aber gereiften Cigarren die Geister scheiden. Von den anwesenden Kubanern, die der Degustation beiwohnten (deren Urteile allerdings nicht in die Wertung eingingen), wurde die ›Montecristo № 2‹ durchweg als »sehr gut« bezeichnet. Die Ergebnisse der beiden Verkostungsrunden zeigen deutlich: Wenn jemand auf das theoretische Rüstzeug zurückgreifen kann sowie über ein ausreichendes sensorisches Verständnis und über genügend Erfahrung verfügt, kann er durchaus eine Cigarre in der Blindprobe erkennen.
|