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Kubas farbigste Seite. Teil IV
Die farbenprächtigen Lithographien auf und in den kubanischen Cigarrenkisten vereinen das scheinbar Unvereinbare: Naivität und Eitelkeit, Gefälligkeit und Heimatstolz, sozialistische Propaganda und romantische Sujets der Weltliteratur. Viele Motive waren im 19. Jahrhundert jedem bekannt – und sollten dem (unentschlossenen) Käufer vor allem eines suggerieren: Die Fabrik, deren Cigarren er gerade in Augenschein nimmt, blüht und gedeiht – und deshalb wird er keine besseren Cigarren als diejenigen finden, die vor ihm liegen.
Auch in unserer Zeit kauft das Auge mit. Gleichwohl rufen heutzutage so manche Havanna-Lithographien Mißverständnisse hervor und lassen sich nur mit Mühe interpretieren. Kurz gesagt, beim Öffnen der nächsten Kiste aromatischer Havannas sollte sich der Connaisseur auf einige spannende Entdeckungen freuen: Er muß dafür lediglich für einige Sekunden sein Augenmerk auf die bunten Blickfänger richten.

Saint Luis Rey
Es gibt zwei Versionen über die Herkunft des Namens dieser Cigarren, die erstmals im Jahre 1940 zu kaufen gewesen sind. Die eine hat etwas mit dem bekannten Roman von Thornton Wilder, Die Brücke von San Luis Rey, zu tun, die andere, weniger romantische, mit dem Namen des kleinen Städtchens Saint Luis inmitten der Region Vuelta Abajo. Die typische Tabakplantage auf der Cubierta (zugleich auch Vista) der Marke ›Saint Luis Rey‹ scheint der letzteren Version recht zu geben.
Wie auf vielen Cigarrenlithographien findet sich auch hier das Wappen Havannas, allerdings gleich in vierfacher Ausführung. Darauf die drei berühmten Festungen von Havanna: ›La Fuerza‹, ›El Morro‹ und ›La Punta‹, errichtet von spanischen Übersiedlern zum Schutz der Stadt. Zu sehen ist auch ein Schlüssel. Er gelangte deshalb auf das Wappen Havannas, weil die Spanier Kuba als den »Schlüssel zur Neuen Welt« bezeichneten: Alle Handelsbeziehungen zwischen Europa und der Neuen Welt wurden über Kuba abgewickelt. Viele Piratenschiffe durchkämmten den Atlantischen Ozean, überfielen ständig spanische Schiffsflotten, die Waren in die Kolonien brachten und auf dem Rückweg Gold und Silber aus Mexiko und Peru geladen hatten. Zum Schutz vor den Piraten wurden die Handelsschiffe von Karavellen und Galeonen begleitet, bestückt mit Soldaten und Kanonen, die von den spanischen Häfen bis nach Havanna und von Havanna bis hin zu den Ufern Spaniens entsandt wurden.

San Cristóbal de La Habana'
Die Marke erschien 1999 zur 480‑Jahr-Feier der kubanischen Hauptstadt (die zu Ehren des Entdeckers Kubas, Christoph Kolumbus, zunächst [im 16. Jh.] San Cristóbal hieß). Daher schmückt das Panorama Havannas die Lithographie: der Blick auf den Hafen mit Anlegestellen und Lagerhäusern, der zentrale Platz Havannas mit der Kathedrale und der Platz vor dem Haus des Kommandeurs der spanischen Kriegsgarnison, auf dem Schießübungen und Militärinspektionen durchgeführt wurden.
Auf dem roten Band, das auf den Tabakballen liegt, verweist die Zahl 1519 auf das Gründungsjahr Havannas.

Sancho Panza
Das Portrait Sancho Panzas, des berühmten »Escudros« von Don Quijote – jenem »Ritter von der traurigen Gestalt«, der sich selbst nicht scheute, gegen
Windmühlen zu kämpfen –,
wurde von einem Stich des großen französischen Graphikers Gustave Doré abgezeichnet, der die weltbekannten Illustrationen zu Cervantes’ Werk geschaffen hat. Das Portrait wird rechts und links von Szenen aus dem epochalen Schelmenroman eingerahmt, die ebenfalls den Stichen von Doré entnommen sind.


Rafael GonzÁlez
Der vollständige Name des Besitzers lautete Marquez Rafael González, doch plazierte man den Namensteil »Marquez« in die Mitte des Firmenlogos. Damit war die Hoffnung verbunden, man werde ihn als »Marques« lesen, was den Cigarren etwas Pathetisches verleihen sollte, zumal es in Havanna eine Straße gab, die nach einem Marquis González benannt worden war.
Bemerkenswert ist die Aufschrift auf dem äußeren Kistendeckel, als Cubierta angebracht.
Sie lautet: »Diese Cigarren, eine Geheimmischung, wurden hergestellt aus reinen Tabaken der Vuelta Abajo, ausgewählt von Marquez Rafael Gonzáles, Grande von Spanien. Seit mehr als 20 Jahren besteht diese Marke. Um den vollen Genuß ihres perfekten Aromas würdigen zu können, sollte der Connaisseur sie entweder innerhalb eines Monats nach dem Tag der Verschiffung aus Havanna rauchen oder sie ungefähr ein Jahr lang sorgfältig lagern.« Obwohl das Faksimile eine Reminiszenz an die Havanna-Historie ist, ist der heutige Havanna-Raucher gewiß nicht schlecht beraten, wenn er dieser Aussage folgt.



Ramón Allones
Die zwei Wappen auf der Vista (unten rechts) sind dem Königreich Spanien und der Stadt Havanna zuzuordnen. Zur Zeit der Befreiung Spaniens von den Mauren taten sich zwei Königreiche besonders hervor: León und Kastilien, deren Wappen später in das des Königreichs von Spanien eingebunden wurden. Befindet sich solch ein Wappen auf einer Lithographie, bedeutet das für gewöhnlich, daß der Cigarrenhersteller Lieferant des königlichen Hofes war, da man weder damals noch heute staatliche Symbole zu kommerziellen Zwecken benutzen durfte und darf, ohne dafür die Erlaubnis erhalten zu haben.
Ein anderes, dazu bedeutend interessanteres Element auf der Lithographie hat ebenfalls etwas mit spanischer königlicher Symbolik zu tun. Gemeint sind die Säulen rechts und links der Wappen; sie sollen die berühmten Säulen des Herakles darstellen. Der griechischen Legende nach errichtete der Halbgott am Ende der ›Straße von Gibraltar‹ zwei Felsen (Stützen). Die alten Griechen hielten diesen Ort für das Ende der Welt und glaubten, daß dahinter die Erde aufhört und das Meer zu einem Wasserfall wird. Das bestätigt die Aufschrift, die auf den Säulen zu sehen ist: »Non plus ultra« (»Nicht mehr weiter«). Nach der Entdeckung Amerikas – von da an war klar, daß die Erde hinter Gibraltar nicht zu Ende war – setzte Spanien voller Stolz die Darstellung der Säulen des Herakles auf sein Wappen, nun mit der Aufschrift »Plus ultra«. Auf der Lithographie sind darüber hinaus königliche Kriegsrüstungen und verschiedene Attribute dargestellt, die der spanischen Herrschaft über Erde und See zuzuordnen sind.
Die Aufschrift »Flor extra fina« ist ein alter Ausdruck für höchste Qualität. Wortwörtlich übersetzt bedeutet er »Tabakblüte«, doch ist hier nicht die Blüte gemeint, sondern der beste Tabak, der auf Kubas Plantagen geerntet werden kann. Bei der Lithographie mit grünem Hintergrund handelt es sich um eine ältere Version der Vista.
Auf der Lithographie, die ganz unten abgebildet ist, ist das Logo der Marke zu sehen. Es ist angefertigt worden, nachdem die Cigarren des Ramón Allones an den Hof des ägyptischen Khediven geliefert wurden. Davon zeugt das darunter befindliche Wappen Ägyptens, das neben dem von Spanien zu erkennen ist.

Romeo y Julieta
Wie die meisten vorrevolutionären Marken ist auch die Cubierta (gleichzeitig auch Vista) von ›Romeo y Julieta‹ sehr üppig gestaltet: Um die Darstellung der berühmten Liebesszene ranken sich zahlreiche goldene Medaillen, welche diese Marke auf großen Ausstellungen und Messen gewonnen hat. Allerdings übersteigt die Blumen- und Farbenpracht eindeutig die Möglichkeiten, die der italienischen Natur gegeben sind.
Eine Kopie des auf der Lithographie dargestellten Balkons der Julia ließ sich der Besitzer der Marke, José Rodríguez Fernández, allgemein bekannt als »Don Pepin«, in seiner Fabrik in Havanna bauen. Zuvor hatte er bei den Oberen Veronas versucht, eine Erlaubnis zu erwirken, den ›Palazzo di Capuleto‹ zu kaufen, in dem die Tragödie Shakespeares spielt, um dort einen ständigen Cigarrenmarkt nebst Cigarrenzimmer für die Liebhaber der ›Romeo y Julieta‹ zu errichten. Diese exzentrische Idee war nicht von Erfolg gekrönt, und Don Pepin mußte sich mit Balkon-Double und Balkonbild des ›Palazzo di Capuleto‹ in seiner Fabrik und auf den Lithographien seiner Cigarrenkisten begnügen.
Text: Xenia Jakowlewa
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