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Psychose


Alfred Hitchcock wird gern als der »König des Horrors« bezeichnet. Aber dem »Master of Suspense« gelang es nur deshalb, die Zuschauer zu erschrecken, weil er die Psychologie der Angst am eigenen Leib erfahren hatte. Hitchcocks größte Angst war die vor der Kommunikation mit Menschen. Er hatte keine Freunde, keine Freundinnen, keine Geliebten, und nur selten verließ ihn das Gefühl der Unruhe und der lauernden Gefahr.
Obwohl er den Großteil seines Lebens in den Vereinigten Staaten verbrachte, wo der Gang zum Psychoanalytiker als alltägliche Angelegenheit gilt, hat er nie die Dienste derartiger Spezialisten in Anspruch genommen. Wie die meisten Menschen, die unter psychischen Auffälligkeiten leiden, sah er nichts Befremdliches in seinem eigenen Verhalten, und außerdem waren die Sujets seiner Filme ein guter Ersatz für Sitzungen beim Psychoanalytiker. Sein eigenes Grauen vor der Realität wälzte Hitchcock voller Vergnügen auf die Zuschauer ab.

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Das Unschuldslamm
Alfred Hitchcock wurde kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts in einem kleinen Ort namens Leytonstone geboren, der damals zur englischen Grafschaft Essex gehörte und heute Teil Londons ist. Er war der jüngste Sohn des Gemüsehändlers William Hitchcock, der über einen recht zweifelhaften Humor verfügte. Er nannte Alfred gern »Unschuldslamm«. Dieser häusliche Spitzname aus dem Munde seines Vaters war jedoch nicht wörtlich gemeint. Der kleine Junge mußte selbst die Erfahrung machen, was es heißt, sich schuldlos schuldig zu fühlen.
Es geschah, als Alfred fünf oder sechs Jahre alt war. Sein Vater hatte ihn beauftragt, eine Mitteilung zu einem Freund zu bringen, der auf dem Polizeirevier arbeitete. Aufmerksam las der Polizist die Botschaft von Mr. Hitchcock und schickte dann das Kind in eine Zelle, wo es die schrecklichsten zehn Minuten seines Lebens verbrachte. Nach der Freilassung sagte er zu dem Kleinen: »So gehen wir mit Jungs um, die nicht hören können.« Alfred Hitchcock hat nie erfahren, wofür er den kurzzeitigen Arrest bekommen hat. Seinen Worten zufolge hat der Vater das Geschehene mit keinem Wort erwähnt, und selbst nachfragen wollte der Junge nicht. Strafen in der Familie des Gemüsehändlers wurden üblicherweise stets spontan verhängt und bedurften keiner Erklärung. Die Minuten, die Hitchcock in schrecklicher Angst vor der Ungewißheit über die Länge des Arrests verbrachte, zu der sich noch sein vollkommenes Unverständnis gesellte, warum man so mit ihm verfuhr, wirkten sich negativ auf seine Psyche aus – und positiv auf die Entwicklung des Kinos. Er selbst wurde jedenfalls sein Leben lang von einem posttraumatischen Syndrom gequält. So hatte er beispielsweise panische Angst vor Polizisten. Allein ihr Anblick machte ihn hysterisch. Um sich davor zu schützen, wurde er unter anderem einer der korrektesten Autofahrer und Steuerzahler Hollywoods (denn es ist nicht bekannt, daß auch nur einer seiner Kollegen wie er bis zum letzten Cent mit dem Fiskus abrechnete).
Mit der Zeit wurde aus seiner Phobie eine echte Paranoia: Hitchcock hatte das Gefühl, von mächtigen Geheimdiensten bespitzelt zu werden. Als er die Dreharbeiten zum Spionagethriller Berüch­tigt (1946) begann, in dem Uran zum Atombombenbau eine Rolle spielt, erzählte er seinen Bekannten voll ernsthafter Überzeugung, das ›FBI‹ bedränge ihn. War es Zufall, daß die Verfolgung eines Unschuldigen zu einem seiner cineastischen Lieblingsthemen wurde? Wohl kaum: In seiner gesamten Laufbahn als Regisseur drehte er immer wieder Filme, in denen ein unwissendes »Unschuldslamm« für Sünden anderer bezahlen muß.
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Was ist schlimmer als Angst?
Der Vorfall im Polizeirevier erzeugte bei Hitchcock nicht nur ein Gefühl dauerhaften Entsetzens vor der Polizei, sondern verhalf ihm später auch dazu, eines der Grundprinzipien seines Werks zu formulieren, das er selbst als »Suspense« bezeichnete. Er illustrierte diesen Begriff gern mit dem folgenden Beispiel: Man stelle sich vor, an einem Tisch sitzen zwei Menschen und unterhalten sich friedlich, und unter dem Tisch befindet sich eine Bombe. Die Bombe explodiert, der Zuschauer ist überrascht, allerdings nur für fünfzehn Sekunden. Hitchcock nannte diese Methode »Shock«. Man kann die Szene aber auch anders ablaufen lassen: Die Bombe zeigen, den Timer, der beispielsweise auf 13.00 Uhr eingestellt ist, dann die Uhr, die gerade 12.45 Uhr zeigt, die friedlich redenden Menschen. Dann wieder die Uhr, die schon 12.50 Uhr zeigt, und wieder die nichtsahnenden Gesprächspartner. Auf diese Weise wird ihr Gespräch lebenswichtig, und der Zuschauer ruft: »Hört endlich auf, über Nichtigkeiten zu reden! Gleich knallt’s!« Statt fünfzehn Sekunden Überraschung entstehen so fünfzehn Minuten »Suspense«.
Mit anderen Worten: »Suspense« ist die Situation, in der die Erwartung der Angst schlimmer als die Angst selbst ist. Das erste Mal empfand Hitchcock diesen Zustand in der unglückseligen Gefängniszelle, um ihn dann endgültig auf dem Jesuiten-College zu verinnerlichen. Seine Lehrer, die Jesuitenpater, vollendeten Hitchcocks Weltwahrnehmung, deren Fundament sein Vater mit seinen seltsamen Scherzen gelegt hatte.
In des Meisterregisseurs Erinnerung bestraften die Pater jedwedes Vergehen mit Gummiknüppelschlägen. Die Jesuiten folgten dabei einem Plan, der wie eines der späteren Drehbücher Hitchcocks anmutet: War ihnen der Ablauf der Strafaktion bestens bekannt, verblieben ihre Schützlinge hingegen in absoluter Unwissenheit. Der Beschuldigte wurde nach der Unterrichtsstunde zum Vorsteher geschickt; der Geistliche trug mit bedrohlichem Blick den Namen des Schülers in ein Heft ein; die Notiz hielt die Art der Strafe und die »Stunde der Abrechnung« fest. Kein »Delinquent« wußte zu diesem Zeitpunkt, wie viele Schläge er bekommen und wann die Züchtigung vor sich gehen würde. Zuweilen mußte der Unglückliche einen ganzen Tag auf die Vollstreckung warten.
Und auch nach der Jesuitenschule machte Hitchcock des öfteren Erfahrungen mit »Suspense«. So waren die Dreharbeiten zu seinem ersten eigenen Film, einem Stummfilm, dem Melodram­ Irrgarten der Leidenschaft (1925), mit ständig wachsenden Unannehmlichkeiten verbunden. Der französische Regisseur François Truffaut hat in seinem Buch Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?, dessen Basis mehrstündige Interviews bildeten, Hitchcock selbst ausführlich über die Vorfälle zu Wort kommen lassen. Das Erzählte nimmt durchweg groteske Züge an, und mitunter sind die Szenen seltsam bizarr: Da ist der Schauspieler, der in München, zwei Minuten vor Abfahrt des Zuges, mit dem die
Filmcrew zu Außenaufnahmen nach
Italien fahren will, aus dem Abteil hastet, um seinen verlorenen Schminkkoffer zu suchen, da stirbt Hitchcock wegen einer nicht deklarierten Kamera und nicht angegebenen dreitausend Metern unbelichteten Materials tausend Tode, je näher sie der österreichisch-italienischen Grenze kommen, da herrscht ständig eine fürchterliche Konfusion in seiner Buchhaltung, weil er mit der Umrechnung von Pfund, Mark und Lire nicht zurechtkommt, da sind auf einmal zehntausend Lire verschwunden, da droht schließlich, in Zürich, ein Anschlußzug wegzufahren, den sie aber noch erreichen – wobei in der Hast eine Scheibe klirrend zu Bruch geht, was ihn fünfunddreißig Schweizer Franken kostet. Als die Crew endlich wieder in München zurück ist, hat Hitchcock noch einen einzigen Pfennig in der Tasche …
Diese Geschichte bietet das fertige Szenario für einen inhaltsreichen Film, der seine Zuschauer durch permanente Wendungen nicht eine Minute losläßt. Hitchcocks Fähigkeit, in gewöhnlichen Situationen das Material für einen Kinofilm zu entdecken, ist einer der Gründe für seine Genialität als Regisseur.
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Kompensation und Ventile
Seit seiner Kindheit hat er Aggression und Mißgunst von seiner Umgebung erfahren, und so ließen diese Empfindungen Hitchcock ein ganzes Leben lang nicht los. Seine Vorfahren waren irische Katholiken, die für englische Protestanten als Menschen zweiter Klasse galten. Die national-religiösen Komplexe des jungen Alfred Hitchcock wurden zudem durch physische Unzulänglichkeiten und übermäßige Ängstlichkeit verstärkt: Hitchcock glaubte, die anderen Kinder wollten nichts mit ihm zu tun haben, weil er dick war, und hielt sich deshalb häufig fern vom Treiben seiner Altersgenossen.
Seinem einzigen Versuch, wie ein »normaler« Mensch zu leben, war kein Erfolg beschieden. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war Hitchcock noch nicht einmal fünfzehn Jahre alt. Wie viele Heranwachsende träumte er davon, als Freiwilliger an die Front zu gehen. Aber wegen seiner übermäßigen Fülle – Hitchcock aß vor allem deshalb übermäßig, um Streß, Angst und die Erwartung der Angst zu bewältigen –
kam er nur zur Reserve, wo er in Spreng­arbeiten unterwiesen wurde und sein Körperbau stetige Zielscheibe für Spötteleien war.
In seiner Realitätswahrnehmung blieb er immer das furchtsame Kind, das jeden Zusammenstoß mit der Wirklichkeit zu vermeiden suchte. Um diesem Lebensgefühl zu entkommen, stürzte sich Hitchcock in die Welt der Träume und Illusionen, in die des Kinos. Als die US-amerikanische Filmproduktionsgesellschaft ›Paramount Pictures‹ im Frühjahr 1920 in London ein Studio gründete und in einer Anzeige technisches Personal suchte, meldete sich Hitchcock als einer der ersten. Weder seine Schüchternheit noch seine Menschenscheu bremsten ihn in seinem Wunsch, beim Film zu arbeiten.
Dreharbeiten gestalteten sich für Hitchcock zu einer Art Psychoanalysesitzungen. Arbeitete er an einem Streifen, versuchte er immer wieder, bestimmte Schocksituationen zu durchleben, um sich letzten Endes von den unangenehmen Erinnerungen zu befreien – was ihm jedoch nie besonders gut gelang: Wie in einem Sumpf steckte er in der Erinnerung an seine eigenen Erlebnisse fest und wob die Fäden der durchgehenden Motive in den Stoff seiner Filme ein. Die absurde, aggressive und gefährliche Welt war dabei ein Hauptmotiv. Der Held konnte zu seiner eigenen Überraschung auf einmal ein Spion sein, den die Geheimdienste und ein Hotelbesitzer verfolgen, oder ein seltsamer Psychopath, der unter Persönlichkeitsspaltung leidet, oder ein freundlicher Galan, der zum psychopathischen Frauenwürger wird. Der in diesem Sinne wohl charakteristischste Film ist Die Vögel (1963). Hier entwickelt sich die Liebe eines jungen, reichen Mädchens zu einem angehenden Rechtsanwalt vor dem Hintergrund von scheinbar grundlosen Angriffen eines Vogelschwarms auf harmlose Menschen. Die gespannt-bedrohliche Atmosphäre des Films wird noch dadurch verstärkt, daß Hitchcock für den Soundtrack ein überbetontes Flügelrauschen verwendet hat. Das Ganze war so überzeugend und realistisch in Szene gesetzt, daß viele Zuschauer nach diesem Film beim Klang von ähnlichen Tönen einen großen Respekt vor den Vögeln in ihrer Umgebung empfanden.
Mit Sicherheit kann man eine Szene aus dem Film Der unsichtbare Dritte (1959)
als bekannteste Illustration des Motivs jener unmotivierten Aggression bezeichnen: In ihr wird der Protagonist auf einem Maisfeld urplötzlich von einem Flugzeug angegriffen.
Um sich vor den Unwägbarkeiten der unberechenbaren und feindlichen Welt zu schützen, beschäftigte sich Hitchcock bis ins kleinste Detail mit ihr. Bei den Dreharbeiten zu einem Film marterte er die Schauspieler mit Fragen zu ihren Rollen: Was hatte der Protagonist in seiner Kindheit zum Geburtstag bekommen? Welche Haarfarbe hat seine Ehefrau (die übrigens nie im Film auftaucht)? Wie trinkt seine alte Tante gern ihren Tee? Hitchcock, der sein ganzes Leben Angst vor Reisen und vor Veränderungen jeglicher Art hatte, sammelte Bus-, Schiffs- und Eisenbahnpläne, kannte Lage und Namen von Städten, deren Stadtpläne auswendig, sammelte Speisekarten, und selbst etliche Namen von Schneidern fanden sich in seinen Notizen wieder. Als er 1939 auf Einladung des Produzenten David O. Selznick (der unter anderem im selben Jahr Vom Winde verweht produzierte) in die Vereinigten Staaten reiste, verblüffte er die Journalisten bereits bei seinem ersten Interview mit seinen profunden Kenntnissen über New York. Die Journalisten fragten, wann er denn dort gewesen sei. Zufrieden überraschte Hitchcock die Journalisten mit der Antwort: »Ich bin noch nie dort gewesen.«
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Eine prosaische Schutzmauer
Bei der ›Paramount‹ fand Hitchcock nicht nur seine Lebensaufgabe, sondern auch seine Frau fürs Leben, die Cutterin Alma Reville. Während er ins Kino hinabtauchte, um Konflikten mit der Umwelt zu entgehen und seine Ängste zu beherrschen, löste Alma alle Probleme, die unmittelbar bei der Filmherstellung entstanden.
»Frau des Regisseurs gleich seine Muse«: In dieses Schema, das in Hollywood üblich war, paßte das Ehepaar nicht. Alfred war von seinen Komplexen und Ängsten inspiriert, und Alma kam die prosaische Rolle zu. Da er aufgrund seiner bitteren Erfahrungen stets, wenn auch unbewußt, erwartete, daß ihm jemand in den Rücken fiel, konnte er, wohl ebenfalls unbewußt, damit rechnen, daß sie ihm Rückendeckung gab. Sie war für ihn wie eine Mauer, und war sie nicht in seiner Nähe, fühlte er sich wie ein hilfloses Kind.
In dieses Bild paßt eine weitere Episode, die sich während der Dreharbeiten zu Irrgarten der Leidenschaft abspielte. Einmal konnte Alma (sie arbeiteten seit 1921 zusammen) ihren zukünftigen Ehemann nicht begleiten – und tatsächlich: Solange sie nicht anwesend war, gerieten die Dreharbeiten für den Regisseur zu einem Alptraum. Seine Infantilität ging so weit, daß er es auch später nicht ertragen konnte, sich für längere Zeit von seiner Frau zu trennen, denn ohne sie als »Mittlerin« zwischen sich und der realen Welt fühlte er sich unwohl. Als Alma einmal bei einem Besuch ihrer Freundin, der Schauspielerin Anne Baxter, aufgehalten wurde, war Hitchcock so voller Haß gegen die Baxter, daß er nie wieder mit ihr drehte.
Alles änderte sich, als Alma krank wurde. 1958 hatte sie eine Krebsoperation, 1971 und 1975 jeweils einen Schlaganfall. Trotz hervorragender Ärzte und der rührenden Fürsorge ihres Mannes blieb Alma gelähmt. Die Mauer war zusammengebrochen, und Alfred Hitchcock sah sich der aggressiven und absurden Welt wieder direkt ausgesetzt. Er errichtete sich eine neue Mauer, indem er anfing, übermäßig zu trinken. Statt Alma gab ihm nun der Alkohol Rückendeckung. Von Monat zu Monat trank er mehr, wurde er verzweifelter. Selbst seine Herzerkrankung konnte ihn nicht vom Trinken abhalten. Er trug inzwischen einen Herzschrittmacher – und an diesem Umstand ließ er mitunter seine nächste Umgebung teilhaben: Wenn er betrunken war, riß er sich häufig sein Hemd auf und präsentierte allen das viereckige Objekt, das man in seinen Brustkorb implantiert hatte: »Der soll zehn Jahre halten.«
Hitchcocks Probleme mit dem Alkohol gerieten nicht selten auch zu einem Problem für diejenigen Menschen, die unmittelbar mit ihm zu tun hatten. An eine Galaveranstaltung, welche die ›Academy of Motion Picture Arts and Sciences‹ in Hollywood (die auch den ›Oscar‹ verleiht) ihm zu Ehren veranstaltete, erinnerten sich die Organisatoren noch lange danach nur ungern zurück. Sie durften an diesem Abend einen »Suspense« realiter erleben, allerdings einen mit vorhersehbarem Ende. Da sie um seine Trinksucht wußten und nicht gerade davon begeistert waren, einen alkoholisierten Hitchcock live im Fernsehen präsentieren zu müssen, fingen sie schon morgens damit an, alle alkoholischen Getränke zu verstecken, die sie in der Umgebung des Veranstaltungssaals finden konnten. Doch sie fanden nicht alle – und so geschah es, daß Hitchcock zu Beginn der Feier gnadenlos betrunken war. Einzig dank der Künste des Kameramanns konnte dieser »Thriller« im Fernsehen ohne große Peinlichkeiten gezeigt werden.

Der heimliche Beobachter
In Das Fenster zum Hof (1954) ist der
Protagonist aufgrund eines gebrochenen Beins gezwungen, zu Hause zu sitzen. Zur Untätigkeit verurteilt, beobachtet er seine Nachbarn durch ein Fenster, das den Blick auf den Hof und die Rückfronten der angrenzenden Häuser freigibt. Während James Stewart (als Hauptdarsteller) in diesem Film gezwungenermaßen zu Einsiedlertum und heimlichem Beobachten verdammt war, hatte Hitchcock diese Position freiwillig gewählt. Menschen schienen ihm gefährlich, aber interessant. Seit seiner Kindheit beobachtete er gern. Sonntags, wenn die ganze Familie gemeinsam in die Kirche ging, war er nur glücklich, wenn es ihm gelang, zu entwischen und sich hinter der Orgel zu verstecken. Aus seinem sicheren Versteck verfolgte er aufmerksam die Kirchengemeinde: wer andächtig dasaß, wer flüsterte, wer sich langweilte, wer flirtete. Die Rolle des unbeteiligten Zuschauers blieb sein ganzes Leben lang seine Lieblingsrolle, sowohl auf dem Jesuiten-College als auch am Drehort, zu Hause und überall dort, wo er zu Gast war.
Schon in der Schule zeigte sich Alfred an vielem desinteressiert. Kinderspiele waren nicht seine Sache. Aus irgendeinem Grund hatte er von vorneherein beschlossen, daß niemand mit diesem dicken Jungen spielen mochte, und sich daher vorsichtshalber hochmütig abgeschottet. In den sechziger Jahren erinnerte sich der Jesuitenpater Hugh Gray an seinen ehemaligen Mitschüler: arrogant, streberhaft, besserwisserisch und allgemein unbeliebt. Eine typische Szene: Der kleine Alfred lehnt an einem Baumstamm und betrachtet verächtlich seine Altersgenossen, die selbstvergessen einem Ball hinterherrennen.
Mit der Zeit nahm seine Freude am Beobachten sadistische Züge an. Nachdem er ein berühmter Regisseur geworden war, verfolgte er den Fluß des Lebens nicht nur vom Ufer aus, sondern gestaltete häufig auch »kritische« Situationen, aus denen die Menschen in seiner Umgebung einen Ausweg finden mußten. Er genoß es aus tiefstem Herzen, die Reaktionen seiner »Versuchstiere« zu beobachten. Grobe Gags, welche so manchen in eine dumme »Spielsituation« versetzten, waren seine Lieblingsunterhaltung. Keineswegs veranstaltete Hitchcock all diese Experimente nur nach dem Kommando »Film ab!«. Er war so begeistert von seinen »Erfahrungen«, daß er nicht mehr zwischen der Realität und der erfundenen Welt des Films unterschied, nicht zwischen einfachem Spaß und offener Verhöhnung.
Ein Filmpaar, das laut Drehbuch nahezu einen Tag lang in Handschellen gefesselt verbringen sollte, ließ Hitchcock während der Dreharbeiten das gleiche durchmachen wie die Protagonisten, die sie darzustellen hatten. Er fesselte sie, scheinbar für die Filmaufnahmen, mit Handschellen und verkündete bald darauf, den Schlüssel verloren zu haben. Wie er später zugab, fand er es interessant zu sehen, wie zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts eine längere Zeit aneinandergefesselt miteinander verbringen können. Schließlich müssen sie ja irgendwann mal einen ganz bestimmten Ort aufsuchen, und dann stellt sich die Frage: Wie werden sie wohl dieses Problem lösen?
Einer Bekannten, die eine elegante Wohnung mit Zentralheizung bewohnte, schenkte er zwei Tonnen Steinkohle. Vierhundert geräucherte Heringe schickte er einer anderen, obwohl der Unglücklichen – was er durchaus wußte – allein bei der Erwähnung von Fisch übel wurde. Mitarbeiter, die in einer winzigen Wohnung lebten, beglückte der »fürsorgliche« Chef mit einem kolossalen Schrank und einem Bett riesigen Ausmaßes. Den Schauspieler Gerald du Maurier lud er zu einem Maskenball ein – und als der Vater der Schrift­stellerin Daphne du Maurier (nach deren Büchern Hitchcock die Filme Rebecca [1940] und Die Vögel drehte) an besagtem Abend im Kostüm eines türkischen Sultans eintraf, begegneten ihm alle anderen männlichen Gäste formvollendet im
Smoking. Seinen Besuchern legte er (besonders dann, wenn es sich um wohl­erzogene Aristokraten handelte) Furzkissen auf ihren Sitzplatz. Später gab er seine Eindrücke so wieder: »Stellen Sie sich vor, zu Ihnen kommen arrogante Aristokraten. Sie machen einen Kratzfuß vor ihnen, führen sie zum Sofa, setzen sie hin – und in dem Moment geben die Sofakissen einen unanständigen Ton von sich. Diesen Spaß habe ich mir des öfteren gemacht, nur um ihre Gesichter zu sehen.«

Hitchcock-Filme, die man gesehen haben muß
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• Rebecca (1940). Düstere Romantik in Cornwall. Auf der Leinwand wird die Hauptdarstellerin fast in den Wahnsinn getrieben, vor der Leinwand bekommt der Zuschauer eine Gänsehaut nach der anderen.
• Im Schatten des Zweifels (1943). Sie haben kein Vertrauen zu Unbekannten? Dann schauen Sie sich erst mal Ihre Verwandten näher an …
• Der unsichtbare Dritte (1959). Die Matrix für alle darauffolgenden James-Bond-Filme.
• Psycho (1960). Der berühmteste Thriller, der unheimlichste Mord, die je auf einer Kinoleinwand gezeigt wurden.
• Die Vögel (1963). Nach diesem Film verhält man sich selbst Spatzen gegenüber vorsichtig.

Interessante Fakten aus Hitchcocks Filmleben
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• Hitchcock taucht in jedem seiner Filme in einer kleinen Nebenrolle auf (auch Cameo-Auftritt genannt): Mal liest er eine Zeitung in der Redaktion, mal geht er mit seinen geliebten Möpsen im Arm einen Hotelflur entlang, mal wirft er Müll weg, mal telephoniert er in einer Telephonzelle …
• Hitchcock wird sechsmal für einen ›Oscar‹ nominiert. ›Beste Regie‹: Rebecca (1941), Das
Rettungsboot (1944), Ich kämpfe um dich (1945), Das Fenster zum Hof (1954), Psycho (1960). ›Bester Film‹: Verdacht (1942). Die begehrte Auszeichnung bekommt er jedoch nie.
• Alfred Hitchcocks ›Dream Team‹ würde in etwa so aussehen: Koproduzentin und Regieassistentin: Alma Reville; Schauspieler: Grace Kelly, Ingrid Bergman, Tippi Hedren, Cary Grant, James Stewart; Kameramann: Robert Burks; Komponist: Bernard Herrmann.
• Zeitlebens ist Alfred Hitchcock bekannt gewesen für sein geringschätziges Verhalten Schauspielern gegenüber. Einige seiner Statements: »Schauspieler sind Hausvieh«; »Kann man etwa einen Menschen achten, der davon lebt, sich zu schminken?«; »Wenn ein Schauspieler mit mir über die Psychologie seiner Figur diskutieren möchte, antworte ich ihm: ›Das steht im Drehbuch‹, fragt er dann: ›Was ist meine Motivation?‹, sage ich ihm: ›Ihre Gage‹.«
• Hitchcock hat den Film Psycho absichtlich in Schwarzweiß gedreht. »Ich dachte«, kommentiert er später, »in Farbe würde das Blut unnatürlich wirken. Außerdem assoziieren die meisten auf diese Weise gezeigtes Blut mit den Schwarzweiß-Photos aus den Kriminalchroniken in der Zeitung.« Nach Erscheinen des Films erhält Hitchcock Anrufe von Eltern, die sich wütend beschweren, ihre Töchter hätten jetzt Angst, sich zu duschen. »Dann geben Sie sie doch in die Reinigung«, antwortet Hitchcock zufrieden.


Text: Julia Sorina

 
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