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Von Hedge Fonds und Heuschrecken
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Verfolgt man die täglichen Nachrichten über das Tun und Lassen der Großen Koalition in Berlin, läßt sich eines immer wieder konstatieren: Die von vielen geäußerte Annahme, mit der überwältigenden Mehrheit im Bundestag wie im Bundesrat sei alles möglich, hat sich nicht erfüllt. Die zahlenmäßige Überlegenheit der Unionsparteien und der Sozialdemokraten – die Abgeordneten der Koalition stellen mehr als 70 Prozent der Sitze im Bundestag – kommt nicht voll zum Tragen, weil die Parteienvertreter in einem delikaten Verhältnis von Kooperation und Konkurrenz zueinander stehen. Jedes der beiden Koalitionslager möchte vor der nächsten Bundestagswahl von sich behaupten können, Gutes geleistet und die Bösartigkeiten der anderen verhindert zu haben.

Über den Berliner Murks müßte man nur dann beunruhigt sein, wenn man nicht wüßte, daß die Politik im Zeitalter der Globalisierung viel von ihrer Macht und sichtlich an Bedeutung verloren hat. Die globale Wirtschaft ist heute die Großmacht, während jede nationale Politik weitgehend dazu degradiert ist, vollendete Tatsachen zu legitimieren. Auf die Wirtschaft kommt es an.
Die deutsche Industrie ist – selbst wenn man das Prädikat »Exportweltmeister« relativieren muß – in glänzender Verfassung. In der vormals verschachtelten und verbandelten »Deutschland AG«, für die der Konsens oberstes Handlungsgebot war, hat im Laufe der letzten Jahre eine dramatische Entflechtung stattgefunden. In die Wege geleitet hat diesen Prozeß ein Sozialdemokrat, der damalige Finanzminister Hans Eichel, als er im Jahre 2000 die Erlöse aus Beteiligungsverkäufen steuerfrei stellte.

Risikobereitschaft und Wagemut
Man ist immer wieder verwundert, wie hervorragend sich deutsche Firmen im internationalen Wettbewerb behaupten. Die Bundesrepublik scheint eine der größten Gewinnerinnen der Globalisierung zu sein. Deutschland brilliert immer noch mit seinen Ingenieurleistungen bei Investitionsgütern, besonders im Bereich Maschinenbau. Genau das sind die Produkte, die viele Entwicklungs- und Schwellenländer brauchen. Darüber hinaus ist es der deutschen Wirtschaft gelungen – auch dank der gewerkschaftlichen Zurückhaltung –, seit dem Jahre 2000 die Lohnstückkosten konstant zu halten, während sie in der übrigen Euro-Zone um durchschnittlich über 10 Prozent gestiegen sind. Dieser Umstand hat die Wettbewerbsposition der hierzulande tätigen Unternehmen spürbar verbessert.
Deutsche Firmen und Unternehmen sind nicht nur stark im Exportbereich, sondern sie sind auch im Ausland massiv vertreten. Das belegen die Umsätze ihrer ausländischen Niederlassungen: Sie übertreffen heute schon die der Exporte. Viele kleine und mittelgroße, dazu hochspezialisierte Unternehmen haben als Nischenanbieter eine dominante Weltmachtstellung. Deutschland ist stärker in die internationale Arbeitsteilung integriert als irgendein anderes Industrieland. Dieser Umstand macht deutsche Firmen enorm attraktiv (und anfällig) für »Private Equity Fonds« – die »Heuschrecken«, wie Vizekanzler Franz Müntefering sie nannte. Zu Recht, wie sich immer wieder zeigt.
Ein Unterschied wie Tag und Nacht besteht zwischen der Risikobereitschaft und dem Wagemut der deutschen Unternehmer einerseits und der Risikoscheu und dem Kleinmut der deutschen Anleger andererseits. Letztere haben die schmerzhafte dreijährige Baisse von 2000 bis 2003 noch immer nicht ver- und überwunden. Seit 2003 haben sie netto für etwa für 2 Milliarden Euro Aktienfonds verkauft – um im Gegenzug in großem Stil Garantiefonds und -zertifikate zu erwerben, bei denen für teures Geld völlig unnütze Absicherungstechniken eingesetzt werden (und bei denen unter dem Strich nicht viel herauskommt). In Zahlen ausgedrückt: In den vergangenen vier Jahren erzielten vierzig Garantiefonds im Schnitt nur 3,7 Prozent Gewinn pro Jahr, während im selben Zeitraum der ›DAX‹ 18 Prozent per anno zulegte.

Das Spiel der »Heuschrecken«
Auch institutionelle Anleger haben dem Aktienmarkt nach dem genannten Baisse-Debakel die kalte Schulter gezeigt. Zwar stehen Versicherungen und Pensionskassen unter Druck, ihre rentenlastigen und renditeschwachen Portfolios zugunsten ertragreicherer Anlageinstrumente – das heißt Aktien – umzuschichten, aber sie haben dabei den Aktienmarkt weitgehend gemieden und statt dessen ihr Heil in alternativen Produkten gesucht – womit wir bei den »Private Equity Fonds« und den »Hedge Fonds« angekommen wären.
Private Equity Fonds sind Beteiligungsgesellschaften, die Firmen aufkaufen, um sie dann zu restrukturieren und zu filetieren, und zwar einzig und allein in der Absicht, sie in wenigen Jahren mit hohem Profit weiterzuverkaufen oder an die Börse zu bringen. Laut Spiegel verfolgen diese Beteiligungsgesellschaften vor allem drei Ziele: Rendite, Rendite, Rendite.
Das Credo der Private-Equity-Branche: »Buy it, strip it, flip it!« (»Kauf es, nimm es auseinander, wirf es weg!«) Die üblichen Ablaufschemata weichen kaum voneinander ab: Mit wenig Eigenkapital (20 bis 30 Prozent) kaufen Private Equity Fonds die betroffenen Unternehmen auf, und um ihren Einsatz wieder herauszuholen, veranlassen sie nicht selten die übernommenen Firmen, Kredite aufzunehmen, die sich die angeblichen Wohltäter (auch »Heuschrecken« genannt) als Sonderdividenden oder Beratungsgebühren auszahlen lassen. Das meist immer gleiche Ergebnis: Die aufgekauften Betriebe sind irgendwann hochverschuldet und im Falle steigender Zinsen und schwacher Konjunktur in Gefahr, ihre Kredite nicht mehr bedienen zu können. Letztendlich müssen sie dann Insolvenz anmelden.
Das Private-Equity-Geschäft hat immense Dimensionen angenommen, und so kann man durchaus von einer »Blase« sprechen. Allein im Jahre 2006 wurden 700 Milliarden US-Dollar in Übernahmen investiert, davon in Deutschland über 30 Milliarden. Gleichzeitig wurden 400 Milliarden US-Dollar für neue Fonds eingeworben.
In diesem Spiel sind nicht nur Banken, sondern auch Hedge Fonds mit von der Partie. Sie übernehmen von den Geldinstituten auch Pakete notleidender Kredite aus dem Private-Equity-Bereich. Wenn etwas schiefgeht, sind also vier Parteien betroffen: die Käufer der Private Equity Fonds, die wegen Überschuldung notleidenden Firmen, die kreditgebenden Banken und die Hedge Fonds. Genaugenommen entstehen bei dem Private-Equity-Geschäftsmodell oft hochverschuldete Konglomerate – wie seinerzeit in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als solche Unternehmensgebilde fast durchweg pleite gingen.
Das beschriebene Spiel wird wohl nicht mehr lange gespielt werden können, jedenfalls nicht in dem bisherigen Umfang. Hierfür gibt es ein sicheres Indiz: Wenn ein renommiertes Nachrichtenmagazin ein bestimmtes Thema – besonders aus dem Finanzbereich – auf die Titelseite setzt, ist ein bestehender Trend meist bald zu Ende. So geschah es auch mit dem Thema »Private Equity«. Ausgeleuchtet hat es, wie angedeutet, der Spiegel. Gleiches gilt für die Hedge Fonds, von denen es weltweit inzwischen circa neuntausend mit einem geschätzten Volumen von rund 1,5 Billionen US-Dollar gibt.
Neben dem »Titelseiten-Kontra-Indikator« gibt es noch ein weiteres Signal für das bevorstehende Ende eines Finanztrends, dann nämlich, wenn sich Hollywood diesem Trend widmet. So war beispielsweise im April 1987 der Film Wall Street in den Kinos zu sehen; im darauffolgenden Oktober kam es zum Börsenkrach. Und im Frühjahr 2000 startete die Produktion von zwei Fernsehserien, die seinerzeit von der großen »Börsenorgie« inspiriert worden waren; die TV-Macher trafen punktgenau den Höhepunkt der Hausse, der eine fast drei Jahre anhaltende Baisse folgte.
Der US-Kabelfernsehsender ›HBO‹ plant zur Zeit eine TV-Serie über einen Hedge-Fonds-Manager und seine Freunde. Wenn die Sache wie üblich abläuft, dann fördert auch diese Seite das Ende der überschäumenden Hedge-Fonds-Party. Denjenigen Anlegern, die sich von einer Anlage in Hedge Fonds immer noch mehr versprechen als zum Beispiel von einem Investment in
Aktien … denen rate ich zum Kauf des Selbsthilfebuchs Hedge Funds for Dummies (Hedge Fonds für Dummköpfe), erschienen im New Yorker Verlag ›John Wiley & Sons‹.
Ich jedenfalls halte in absehbarer Zeit eine Pleite in dem Bereich der Banken, der Private Equity Fonds und der Hedge Fonds für das größte Risiko, das den internationalen Finanzmärkten droht.

 
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