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Vom Drachen, Tiger, Löwen und Kranich …
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Betrachtet man die wirtschaftliche Entwicklung Asiens im Lichte der Aussage von Laotse, dann haben viele asiatische Unternehmer und Politiker »Dinge wahrgenommen« und sich als intelligent erwiesen. Durch den asiatischen Unternehmergeist entstand innerhalb weniger Jahrzehnte eine neue, tragende Säule weltwirtschaftlichen Wachstums.

Mit einem Anteil von 22 Prozent erwirtschaftet Asien bereits heute den nach Europa und den USA dritthöchsten Beitrag zum global kumulierten Bruttoinlandsprodukt (BIP). Für die Zukunft entscheidend ist aber nicht so sehr der Status quo, sondern die Dynamik Asiens. Mit Ausnahme Japans verzeichneten alle aufstrebenden Länder in den letzten Jahren einen überdurchschnittlichen Zuwachs ihres BIP. Unter den Industrieländern erreichten selbst die USA nur ein rund halb so großes Wachstum. Vor dem Hintergrund der schieren Größe des asiatischen Marktes mit rund 60 Prozent der Weltbevölkerung sowie einem unerschöpflichen Reservoir an Arbeitskräften ist auch in den nächsten Jahren von einem anhaltend hohen Wachstum auszugehen. Die Weltbank rechnet in ihrer Prognose für 2006 bis 2015 denn auch mit einem durchschnittlichen Wachstum von über 5 Prozent für Asien insgesamt, während in den USA oder in Europa nur knapp die Hälfte erreicht werden dürfte. Hält diese Divergenz der Wachstumsraten weiter an, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der asiatische Kontinent die USA und Europa, gemessen am absoluten BIP, ein- und überholen wird. Geht man von konstanten Wachstumsraten aus, so werden Indien und China bereits im Jahre 2030 das BIP-Niveau Europas weit hinter sich gelassen haben.
Kaufkraftbereinigt ist das BIP Asiens bereits heute größer als jenes von Europa, auch als das der USA. Aufgeschlüsselt nach Ländern bedeutet das: China liegt zwar nach den USA, aber noch vor Japan an zweiter Stelle; es folgen Indien, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien. Die Kaufkraft Chinas und Indiens ist demnach höher als die der meisten etablierten Industrienationen. Innerhalb Asiens gehören neben den bereits erwähnten Staaten auch Korea und Indonesien zu den größeren Volkswirtschaften mit einem hohen kaufkraftbereinigten BIP.

Steigende ausländische Direktinvestitionen
Der Aufstieg Asiens zu einer wirtschaftlich potenten Region erhöht in den etablierten Industrieländern den Druck, weniger arbeitsintensive Tätigkeiten in kostengünstigere Länder auszulagern, was ein steigendes Volumen an ausländischen Direktinvestitionen zur Folge hat. Dabei dominiert China mit riesigem Abstand den Wettbewerb um ausländische Direktinvestitionen. Aufgrund günstiger und motivierter Arbeitskräfte und des steigenden Ausbildungsstands, insbesondere des ingenieurtechnischen Wissens, verlagern immer mehr europäische und amerikanische Unternehmen ihre Produktion nach Asien. Diese Unternehmen profitieren dabei nicht nur von den Produktionsvorteilen, sondern auch von der lokalen Präsenz in Märkten, die wegen ihrer Größe und der steigenden Einkommen der dort lebenden Menschen selbst attraktive Absatzchancen bieten. Zusammen mit der steigenden Eigenproduktion lokaler Firmen führten diese angesprochenen Verlagerungen westlicher Unternehmen zu einem Exportboom in Asien. Obwohl auch die asiatischen Importe wuchsen, nahmen die Exporte gleichzeitig überdurchschnittlich zu. Produkte aus Asien erweisen sich auf dem globalen Markt in steigendem Maße als wettbewerbsfähig. Aber auch in Zentraleuropa profitiert man von den verstärkten wirtschaftlichen Austauschbeziehungen mit Asien. So betrug beispielsweise das Exportvolumen des deutschen und schweizerischen Außenhandels nach China (inklusive Hongkong) im Jahre 2005 zusammen rund 30 Milliarden Euro. Das entspricht etwa hundertfünfzigtausend Arbeitsplätzen, die durch die Exportbeziehungen zu China entstanden sind. Die Exportwachstumsrate dieser beiden Länder liegt jährlich über 15 Prozent.
Aufgrund ihrer Größe und ihres Zukunftspotentials sollen nun die beiden Länder China und Indien näher betrachtet werden. Ergänzend einbezogen werden Singapur und Japan, die wegen ihres hohen Wohlstands ein wirtschaftliches Vorbild für viele asiatische Länder sind.

Der Industriestandort: Der DRACHE China
Kaum ein Tag vergeht, ohne daß in den Medien ein Bericht über China zu sehen, zu lesen oder zu hören ist. Das Land der Superlative sind nicht mehr die Vereinigten Staaten, sondern es ist ein kommunistisches Land, das sich der Marktwirtschaft verschrieben hat. Der »chinesische Drache« ist aus seinem Schlaf erwacht. Doch während der Drache in westlichen Ländern ein Ungeheuer symbolisiert, sind Drachen in China Glücksbringer und ein Zeichen der Friedfertigkeit – der Drache zählt dort neben Phönix, Schildkröte und dem Fabeltier Qilin zu den vier glückbringenden Wesen. Tatsächlich wirkte das Wachstum des Riesenreichs in den letzten Jahren als positive Triebfeder für die Weltwirtschaft. Bereits heute ist China die sechstgrößte Volkswirtschaft – bereinigt um die Kaufkraftparität gar die zweitgrößte. Diese rasante ökonomische Entwicklung hat westlichen Unternehmen große Chancen eröffnet. Einerseits bietet das Land mit seinen bald eineinhalb Milliarden Einwohnern immense Marktpotentiale, die mittels Exportstrategien zu erschließen sind. Andererseits werden in China dank expansiver Standortstrategien große Produktionskapazitäten geschaffen. So verfolgen viele ausländische Unternehmen in China klare strategische Ziele:
- Gewinnung hoher Marktanteile in China dank eigener Vertriebs- und Marketingorganisation.
- Ausnutzung des mehrjährigen technologischen Innovationsvorsprungs vor chinesischen Mitbewerbern.
- Ideenreiches Kosten-Engineering in der Produktentwicklung und optimierte Aufteilung der Produktion zwischen dem eigenen Land und China.-Kostengünstiger Einkauf aufgrund einer Kombination von globaler und lokaler Beschaffung in China.
- Übernahme von chinesischen Wettbewerbern.
Wie viele ausländische Firmen belegen, kann schon nach kurzer Zeit eine Niederlassung in China profitabel betrieben werden. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß die erwähnten strategischen Grundsätze beachtet werden. Besondere Chancen bietet der industrielle Sektor, der mit 48 Prozent des BIP das wichtigste Standbein der chinesischen Wirtschaft ist. Es ist ein sich hartnäckig haltendes Vorurteil, daß in China mit niedrigen Löhnen und geringer Produktivität sowie unter dem Einsatz veralteter Technologien vor allem im untersten Qualitätssegment produziert würde. Wer in China eine der vielen neuen Fabriken besichtigt, der stellt fest, daß sie bezüglich Technologie und Produktivität, Sauberkeit und Organisation den Vergleich mit Fabriken im Westen oft nicht zu scheuen brauchen.

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Für Dienstleister: Der TIGER Indien
Ist von der volkswirtschaftlichen Entwicklung Chinas die Rede, so fällt oft im selben Satz der Name »Indien« als zweites »Schwellenland der Superlative«. Zusammen mit Brasilien und Rußland hat diese als ›BRIC‹ bezeichnete Gruppe ein großes wirtschaftliches Gewicht, um ihre gemeinsamen Interessen bei der ›WTO‹ (›World Trade Organization‹; ›Welthandelsorganisation‹) und anderen multinationalen Organisationen zu vertreten. Neben der in der ›WTO‹ eingebundenen Landwirtschaft und einer expansiven Geld- und Fiskalpolitik prägt der Dienstleistungssektor die Struktur der indischen Wirtschaft. 2005 stammten rund 61 Prozent des BIP aus Dienstleistungen, 19 Prozent aus dem Industriesektor und 20 Prozent aus der Landwirtschaft. War zunächst das Wachstum den Off­shoring-Verträgen für Software-Entwicklung zuzuschreiben, erfolgt heute die Zunahme außerdem aufgrund von Business Process Outsourcing multinationaler Unternehmen, das die Auslagerung ganzer Geschäftsprozesse nach Indien impliziert. Ihr Exportbeitrag am BIP liegt heute bei rund 100 Milliarden US-Dollar – ein Betrag, der nach heutigen Prognosen weiter anwachsen wird. Um allerdings das umfassende Potential des Landes freizusetzen, sind weitere Investitionen in die Infrastruktur sowie eine verstärkte Liberalisierung nötig. So bilden derzeit die nach wie vor schwach ausgebauten Bereiche Transport, Kommunikation und Energieversorgung ein großes Hindernis für die zukünftige Entwicklung Indiens, ist doch eine funktionierende Infrastruktur die Basis einer gesunden und nachhaltig wachsenden Volkswirtschaft. Aber nicht nur das: Wird die Infrastruktur nicht ausgebaut, verschärft sich die Diskrepanz zwischen Arm und Reich weiter. Denn in den Outsourcing-Zentren entstehen vermehrt hochwertige, technologisch auf dem neuesten Stand befindliche Infrastrukturen, die der breiten Bevölkerung jedoch nicht zugänglich sind.

Für Finanzdienstleistungen: Der LÖWE Singapur
Während China und Indien hauptsächlich als Produktionsstandort respektive IT-Dienstleistungs-Outsourcer wachsen, bewährt sich die ehemals britische Kronkolonie Singapur als Finanzplatz und Handelszentrum. Ausgangspunkt bildete im Jahre 2002 der Plan des ›Economic Review Committee‹ der Regierung, in dem die folgenden vier Schlüsselziele formuliert wurden:
- Die Positionierung Singapurs als führender Finanzplatz. Vor allem das Wealth Management wurde als Wachstumstreiber identifiziert. Es soll deshalb weiter ausgebaut werden.
- Die Vermarktung Singapurs als attraktive Tourismus-Destination. Neue, ansprechende Angebote sollen die Besucherzahlen erhöhen.
- Die Stärkung Singapurs als Drehkreuz für Handel, Logistik und multinationale Unternehmen.
- Das Aufsetzen von Greenfield-Projekten in den Bereichen Ausbildung, Gesundheitswesen und juristische
Dienstleistungen.
Nach nur drei Jahren konnten bereits erste Erfolge gefeiert werden. Im Bereich der Finanzdienstleistung hat sich Singapur als Mittler für Südostasien etabliert. Bankdarlehen und Investitionen in die Region sind über die letzten drei Jahre um durchschnittlich 19 Prozent gewachsen, und das Fondsvolumen bei Vermögensverwaltungsinstituten ist um mehr als 70 Prozent auf 22 Milliarden US-Dollar gestiegen. Die Listings an der Börse in Singapur sind auf hundertzehn angewachsen und haben sich somit mehr als verdoppelt. Auch die Anzahl der gemanagten Hedge Fonds ist von dreißig auf über achtzig gestiegen.
Neben der positiven Entwicklung auf den Finanzmärkten ist es Singapur auch gelungen, namhafte Business Schools wie ›INSEAD‹, ›Wharton‹ oder die ›University of Chicago‹ zu überzeugen, im Stadtstaat eine Dependance zu eröffnen. Damit wurde ein Anziehungspunkt für die talentiertesten und besten Studenten der Welt geschaffen – allein von 2002 bis 2005 nahm die Anzahl ausländischer Studenten um sechzehntausend auf sechsundsechzigtausend zu.

G8-Staat im Sog des regionalen Wachstums: Der KRANICH Japan
Der Überflieger Japan, der sich innerhalb von vierzig Jahren als zweitgrößte Wirtschaftsmacht etabliert hatte, hat nach einer krisengeschüttelten Dekade die Wende geschafft. Die Nachfrage der privaten Haushalte steigt wieder, und die Überkapazitäten in der Produktion wurden abgebaut. Auch die Gewinne der Unternehmen wachsen wieder, ebenfalls die Exportmengen und die Anzahl der Beschäftigten. Das Wachstumspotential liegt laut Schätzungen bei jährlich 1,5 Prozent.
Die positive wirtschaftliche Entwicklung Japans wirkt sich besonders günstig auf Asien aus. Das ist darauf zurückzuführen, daß mehr als 20 Prozent der Exporte aus Indonesien und den Philippinen und gut 10 Prozent der gesamten Exporte aus China, Korea, Malaysia, Thailand und Vietnam nach Japan gelangen. Zweitens führt die wieder wachsende Wirtschaft in Japan zu einer Zunahme der Investitionen, insbesondere in den benachbarten Ländern. Bereits heute ist Japan mit 30 Prozent an den gesamten Direktinvestitionen in Thailand, mit 25 Prozent auf den Philippinen und mit 16 Prozent in Korea beteiligt. Eine solche unterstützende Funktion kann aber auch gefährlich sein. So haben die in diesen Ländern geschaffenen Infrastrukturen auch einheimischen Unternehmen erlaubt, zu ernstzunehmenden Konkurrenten für die japanische Industrie heranzuwachsen. Als Beispiele seien nur etwa ›Lenovo‹ in China und ›Samsung‹ in Südkorea genannt.

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Ausblick und Herausforderungen
Dem asiatischen Kontinent scheint die Zukunft zu gehören, insbesondere den beiden rasch wachsenden Volkswirtschaften China und Indien, dem aufstrebenden Singapur und dem etablierten Japan. Nichtsdestoweniger steht der Kontinent aber auch vor großen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Herausforderungen. So führt die Ausweitung der Produktionsmengen zu einem hohen Energie- und Rohstoffbedarf, weshalb in letzter Zeit erste globale Knappheiten mit steigenden Preisen auf dem Erdöl- und Stahlmarkt zu beobachten waren. Die stärkere Einbindung in den internationalen Handel und in multinationale Organisationen wie die ›WTO‹ bringt vor allem für China und Indien große Veränderungen mit sich, da beide Länder aufgrund der Liberalisierungsbestrebungen der anderen Mitgliedsstaaten Zollsenkungen umsetzen und internationalen Sicherheitsrichtlinien nachkommen müssen. Davon sind auch Wirtschaftsbranchen betroffen, die bis vor kurzer Zeit noch protektionistisch geschützt werden konnten, wie beispielsweise die Finanzdienstleistungen und die Agrarwirtschaft.
Demographische Verschiebungen als Risikofaktor
Neben den wirtschaftlichen Veränderungen schaffen auch demographische Verschiebungen wie die immer noch zunehmende Bevölkerungszahl, aber auch die rasante Verstädterung weitere Probleme. Die Steigerung der Industrieproduktion und die Zunahme des Verkehrsvolumens führen überdies zu einer hohen Umweltbelastung.
Zudem hat das rasante wirtschaftliche Wachstum in vielen Ländern eine kleine, aber reiche Oberschicht hervorgebracht; die Gegensätze zwischen Arm und Reich akzentuieren sich, was zu sozialen Spannungen führen kann. Hinzu kommt, daß in China die nach wie vor eingeschränkte Pressefreiheit und die fehlende Demokratisierung für Investoren mittelfristig zu einem größeren Risiko werden dürften.
Die Sicht auf den asiatischen Kontinent ist also nicht ungetrübt; neben Chancen bestehen auch zahlreiche Risiken. Trotzdem darf nicht vergessen werden, daß – in der Weltgeschichte einmalig – in nur zwei Jahrzehnten mehrere hundert Millionen Menschen den Aufstieg aus der bitteren Armut in eine prosperierende Mittelschicht geschafft haben.
Kenner sind erstaunt darüber, wie Herausforderungen erkannt und angegangen werden. In China beispielsweise paart sich ein ausgeprägter Unternehmergeist mit dem unbändigen Willen, Probleme zu lösen und die eigene Nation in zentralen Bereichen wie Wirtschaft und Technologie, Wissenschaft und Sport an die Weltspitze zu bringen. Was Napoleon vor über zweihundert Jahren für China voraussagte, kann also problemlos auf die gesamte Region übertragen werden: »Quand la Chine s’éveillera, le monde tremblera.«


Text: Dr. Reto Müller


 
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