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Asiens Finanzplätze


Der Begriff »Boomtown« paßt nicht so richtig. Auch »Aufschwung-Region« wäre viel zu kurz gedacht – allein China ist praktisch ein Subkontinent. Auf große Teile Südostasiens richtet sich schon seit geraumer Zeit der Focus der internationalen Wirtschafts- und Finanzwelt. Einzel- und Besonderheiten von einem aufstrebenden Markt …1
China
Noch dominiert ein schwacher Bankensektor mit ungelösten Problemen Chinas Finanzsystem: Firmen können ihre Kapitalstruktur nicht frei wählen, Investoren haben ein geringes Vertrauen in den Aktienmarkt, Unternehmen geben der Flexibilität von Bankkrediten den Vorzug gegenüber Anleihen, das Asset-Angebot vor allem für Unternehmensanleihen und forderungsbesicherte Wertpapiere ist unzureichend. Dazu kommen faule Kredite im Bankenbereich und eine geringe Einlagenquote.

Hongkong
Hongkong ist Chinas Geldquelle. Nirgendwo in Asien wird mehr Kapital beschafft als an der Hongkonger Börse. Weltweit liegt sie auf Platz vier – noch vor Tokio und London. Gemessen an der Marktkapitalisierung ist sie mit über 900 Milliarden US-Dollar die neuntgrößte Börse der Welt. Dieser Wert übersteigt das heimische Bruttoinlandsprodukt um mehr als das Fünffache – ein Verhältnis, das weit über dem von New York und Tokio liegt. Der Grund ist Hongkongs Rolle als Kapitalbeschaffungszentrum für Firmen aus der Volksrepublik. Derzeit werden mehr als dreihundert Unternehmen vom chinesischen Festland an der Hongkonger Börse gehandelt. Zusammen machen sie etwa ein Drittel des gesamten Börsenwerts aus.
Während Schanghais Rolle darin besteht, chinesischen Firmen Zugang zu heimischem Geld zu verschaffen, ist Hongkong das Zentrum zur Beschaffung von internationalem Kapital für Festlandsunternehmen. Für Banken ist Hongkong der beste Platz, um China und die Asien-Pazifik-Region abzudecken. Rund zweihundertsiebzig Finanzinstitute aus knapp vierzig Ländern sind in der Stadt aktiv, und von den hundert weltweit größten Geldinstituten haben siebzig einen Sitz in Hongkong, darunter ›Goldman Sachs‹, ›Morgan Stanley‹ und ›Merrill Lynch‹. Das Bankensystem ist eng verzahnt mit den mehr als tausend multinationalen Firmen, die ihr regionales Hauptquartier in Hongkong aufgeschlagen haben. Ein zusätzlicher Magnet ist die Nähe zur südchinesischen Boomregion um Shenzen und Kanton.
Seit Anfang 2004 ist der Vertrag über engere Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen dem chinesischen Festland und Hongkong (›CEPA‹) in Kraft und gewährt Hongkonger Finanzdienstleistern privilegierten Zugang zum Festlandsmarkt. Teil des Abkommens ist die schrittweise Öffnung Hongkongs für Bankgeschäfte mit der chinesischen Währung Renminbi (RMB), denn die zunehmende Integration von Hongkong und Südchina macht eine größere Mobilität von Kapital zwischen den beiden Wirtschaften unvermeidlich. Auf längere Sicht geht es dabei auch um den Handel mit in RMB gezeichneten Wertpapieren an der Hongkonger Börse.
Gewinner dieser Annäherung ist auch der Hongkonger Immobilienmarkt. Seit der Revision der Regeln für Immobilienfonds können jetzt auch Trusts mit Anlagen außerhalb der Stadt am heimischen Wertpapiermarkt geführt werden. Die Neuregelung soll Fonds mit Immobilien auf dem Festland anziehen und der Börse in Singapur den Rang streitig machen. Im Dezember 2005 erfolgte mit der Emission von Aktien des ›Link-Trusts‹ in Hongkong der weltweit größte Börsengang eines Immobilienfonds. Hongkong hat gute Chancen, schnell zum nach Japan zweitgrößten Markt für diese Form von Kapitalanlagen in Asien aufzusteigen.
Es ist davon auszugehen, daß in den nächsten fünf Jahren der Trend für Investitionen weiter nach oben geht. Die alte Sichtweise, daß Hongkong von China ausgehöhlt würde, hat sich umgekehrt: Die Stadt ist ein Nettogewinner beim Abbau administrativer Hürden mit dem Festland.

Schanghai
Schanghai hat angesichts des China-Booms das Potential, zu einem wichtigen Finanzplatz in der Region aufzusteigen. Handicaps auf dem Weg dahin sind der nicht konvertierbare Renminbi, Reisebeschränkungen für Ausländer und (derzeit noch) das fehlende geschulte Personal. Auch sprechen für Hongkong und Singapur – und somit gegen Schanghai – noch der Eigentumsschutz, Transfermöglichkeiten für Kapital und Gewinne, Englisch als Geschäftssprache sowie das Rechts- und Steuersystem.

Singapur

Vermögende zieht es nicht nur mit Direkt- oder Portfolio-Investitionen in den asiatisch-pazifischen Raum, sondern immer häufiger wählen sie Singapur als Bankplatz für ihre Vermögenswerte. Der politisch wie wirtschaftlich stabile Stadtstaat hat sich seit Beginn seiner Selbständigkeit zu einem wirtschaftlichen Giganten zwischen den Landmassen Asiens und Australiens entwickelt. Er zählt heute zu den attraktivsten Finanzplätzen weltweit.
Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung spielten die günstigen Steuerregelungen für eine breite Palette von Offshore-Finanzservice-Angeboten. Singapur konnte dadurch innerhalb weniger Jahre einen Großteil des Asiendollar-Markts erobern. Die Regelung gilt für Gold- und Finanztransaktionen, Off­shore-Versicherungen und -Rückversicherungen sowie für Fonds. Konsortialanleihen sind gänzlich steuerbefreit. Darüber hinaus lockt Singapur ausländische Investoren mit zahlreichen internationalen Steuerabkommen, einem freien Devisenmarkt und dem garantierten Schutz des Bankgeheimnisses. Alle Aktivitäten im Finanzbereich werden von der ›Monetary Authority of Singapore‹ (›MAS‹) streng überwacht. 2005 verwalteten die Banken ein Offshore-Vermögen von über 120 Milliarden US-Dollar. Mehr als 50 Prozent davon stammen von Anlegern aus den südostasiatischen Nachbarstaaten, während die zweitgrößte Investorengruppe Vermögende aus den USA sind.
Die rund sechshundert Banken und Finanz­institutionen erwirtschaften 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wichtigster Player im Offshore-Finanzgeschäft ist die ›HSBC‹, die vor allem in der Produktentwicklung ihre Erfahrungen mit dem asiatischen Markt hervorragend einbringen kann. Aber auch ›UBS‹, ›Credit Suisse‹, ›DBS‹ und ›BNP Paribas‹ mischen im Offshore-Finanzbereich kräftig mit. Experten gehen davon aus, daß Singapur im Offshore-Banking dem Finanzplatz Hongkong in den kommenden Jahren weitere Marktanteile abnehmen wird. Insgesamt werden im Stadtstaat Vermögenswerte von über 200 Milliarden US-Dollar verwaltet.
Dank seines strengen, gesetzlich verankerten Bankgeheimnisses nach Schweizer und Liechtensteiner Vorbild ist Singapur heute – auch im Hinblick auf die EU-Zinsbesteuerung – eine echte Alternative zu europäischen Finanzplätzen. Das um so mehr, als die führenden Banken aus der Schweiz und Liechtenstein dort mit eigenen Niederlassungen vertreten sind. Für Vermögende heißt das: Der Berater sitzt nach wie vor in Zürich oder Vaduz, Konten und Depots aber werden in Singapur geführt – aus EU-Sicht also in einem Drittstaat.



Text: H.-Lothar Merten


 
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