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Die reine, klare Frucht …

Für viele Spirituosen ist nach dem Destillieren noch lange nicht Schluß. Der Herstellungsprozeß verlangt entweder Faß- oder Reifelagerung oder aber Verschnitt. Kommt ein lange gereifter Brand nicht als jahrgangsreines Produkt auf den Markt, so findet er sich als kleinster oder größter Teil einer Assemblage in einer Flasche wieder, welche mit den verschiedensten Altersangaben oder Qualitätsbezeichnungen, aber auch mit Kürzeln aufwarten kann, die mitunter nur mühsam nachzuvollziehen sind. Jene Kunst, die bei der Herstellung von Bränden an den Tag gelegt wird, präsentiert sich mannigfach, ist das Ergebnis der jeweiligen Philosophie des verantwortlichen Brennmeisters, des »Maître de Chais«, des Masterblenders. Sie alle pflegen und wahren jahrhundertealte Traditionen – aus denen heraus sich die Charakteristik einer jeden Spirituose erklärt, handelt es sich nun um einen Whisky, einen Rum, einen Cognac.
Eine ganz andere Philosophie begleitet das Brennen bzw. die Mazeration (Einlegen von [vornehmlich] Obst in reinen Alkohol): Erklärtes Ziel dabei ist es, den Früchten die Aromen zu »entringen« und in den »Geist« zu bringen, also die Essenz der reinen Frucht zu gewinnen und sie im Alkohol zu speichern.
»Eau de Vie«, »Wasser des Lebens«, nennen die Franzosen jene Spirituosen – und in der Tat: Wer dieses Elixier der puren Freude je verkostet hat, der versteht, warum die edlen Tropfen nach der Herstellung direkt auf die Flasche gezogen und keinem weiteren Prozeß unterworfen werden. Dieser Vorgang geht Hand in Hand mit der Grundeinstellung ihrer Brennmeister: »Was die Natur geschaffen hat, kann ihr der Mensch abringen und konservieren, aber er kann es nicht mehr verbessern.«
Unter objektiver Mithilfe von Alain Langlois, Geschäftsführer der ›Ziegler Edelobstbrennerei‹, einem der besten Hersteller von Obstbränden in Deutschland, unterstützt von Ehefrau und Partnerin Barbara Wolf-Sykes, kam Cigar Clan einer Einladung Alexander Hänsels nach, Gastronomiedirektor des ›Lindner Grand Hotel Beau Rivage‹ im schweizerischen Interlaken, und verkostete mit Freunden und Gästen des Hauses am 10. Februar drei der besten klaren Obstspirituosen, die im europäischen Raum gebrannt werden.
Die Runde kam schon am Nachmittag zusammen und zog sich in den Eck-Erker zurück, um die Obstbrände zu verkosten – natürlich im geschmacklichen Zusammenspiel mit einigen ausgesuchten Cigarren. Obwohl aufgrund der Tageszeit ein ausgedehntes Mahl als Grundlage fehlte, kam Erstaunliches zu Tage. Jedenfalls arbeitete man hart für die Lebensqualität …
Die fünf Sterne, welche die »Grande Dame« führt, finden in jedem Bereich des ›Lindner Grand Hotel Beau Rivage‹ ihre Bestätigung. So auch in der hauseigenen Bar ›Le Vieux Rivage‹. Gehalten im klassischen Stil, mit zahlreichen kleinen Tischen, überzeugt sie durch ein Ambiente, das schon beim Eintreten ein gewisses Wohlgefühl vermittelt – und somit einlädt, die Mühen des Tages abzustreifen und den Abend in angenehmer Atmosphäre angehen zu lassen …


Aprikosenbrand
Ziegler Edelobstbrennerei, Deutschland (43 % Vol.
)

Ziegler‹ ist eine Verschlußbrennerei, die nach dem Doppelbrandverfahren arbeitet: Rohbrand und danach, im zweiten Durchgang, der Feinbrand. Zunächst wird die Maische in Dampfkesseln mit Rührwerk schonend erhitzt, um aus diesem Brenngut den Rohbrand zu gewinnen. Nach einem zweiten Brennvorgang erhält man den Feinbrand, von dem wiederum nur das Herzstück, der »Mittellauf«, verwendet wird. Die Trennung des Herzstücks erfolgt wie seit Jahrhunderten sensorisch: Die Nase entscheidet jedes Mal aufs neue.
Für diesen Brand verwendet Brennmeister Jürgen Marré nur beste Rosenmarillen vom ungarischen Plattensee sowie Marillen aus der Steiermark. Herkunft, Klima und Terroir: Erst wenn diese drei Parameter optimal miteinander harmonieren, ist eine exzellente Obstqualität garantiert – unabdingbare Voraussetzung für Brände von außergewöhnlicher Qualität.
Die tiefen Aromen der Marille sind bei diesem Obstbrand sehr präsent. Am Gaumen wirkt er mit seiner späten Süße mehr als angenehm. Alain Langlois: »Für Individualisten. Zart, rein und tief betörend.«

1996er Zuger Kirsch
Etter, Schweiz (42 % Vol.)


Vor nahezu hundertvierzig Jahren machte Paul Etter das Schnapsbrennen zu seinem Hauptgewerbe, und noch heute werden alle Brände aus Obst hergestellt, das ausschließlich in der Schweiz angebaut wird. Der ›Zuger Kirsch‹, ein Jahrgangsbrand, wird aus der Bergkirschen­sorte ›Lauerzer‹ gewonnen, eine von knapp dreihundertfünfzig Kirschsorten (!), die in der Schweiz beheimatet sind.
Die Destillerie ›Etter‹ gehört zu den wenigen europäischen Erzeugern von Jahrgangskirschbränden. In ihrem Fall stammt das Obst von den Hochstammbäumen der sonnigen Lagen am alpinen Zugerberg. Dieses »Eau de Vie« brennt man nur in absoluten Spitzenjahren. Nach Schweizer Tradition wird der ›Zuger Kirsch‹ nur einmal destilliert, um danach – so will es der Brauch speziell bei diesem Obstbrand – für mindestens ein halbes Jahr unter dem Dach der Destillerie in Korbflaschen gelagert zu werden.
Der Kirschbrand präsentiert sich aromatisch und voll. Deutlich reife Kirschen. Dazu der typische feine Marzipanduft des kleinen Steinobstes. Auch am Gaumen präsent. Schmeichelnd.

Ingwergeist
MettÉ, Frankreich (45 % Vol.)


›Metté‹ gilt anerkanntermaßen als die wohl beste Brennerei des Elsaß, wenn nicht ganz Frankreichs – und dies, obwohl gerade das Elsaß nicht arm
an guten Destillerien ist. Leider sind ihre Brände im deutschsprachigen Raum nur schwer zu bekommen.
Seit über hundert Jahren erzeugt man bei ›Metté‹ Brände allererster Güte. Nach überlieferten Traditionen werden die Früchte der eigenen Obstplantagen in alten Kupferkesseln gebrannt – und viele Schnäpse durch Mazeration gewonnen. So entstehen international anerkannte Spitzenprodukte mit wunderbaren Aromen.
Durch die Mirabelle berühmt geworden, spezialisierte sich Brennmeister Jean-Paul Metté bald auf die Herstellung ausgefallener Produkte wie Digestifs aus Kaffee, Stechpalme oder Trüffel – oder eben Ingwer. Durch die große Vielfalt, aber besonders durch die hohe Qualität seiner »Eaux de Vie« erarbeitete sich Jean-Paul Metté einen hervorragenden Ruf, und zwar weltweit.
Die Qualität – und das damit verbundene Renommee – der Brände aus dem Hause ›Metté‹ lebt auch nach dem Tod des Meisters fort, da Jean-Paul Metté schon seit 1985 sein großes Wissen wie seine kleinen (gut gehüteten) Geheimnisse an Philippe Traber, seinen Patensohn, weitergegeben hat.
Der zu degustierende Geist hatte einen – neben Anklängen von erfrischendem Zitronengras – eindeutig geprägten Duft nach kräftigem Ingwer. Am Gaumen verspürte man deutlich die klare Alkoholität. Im Abgang subtil, fast seifig. Ein gewöhnungsbedürftiger Digestif, an den man sich »herantrinken« muß. Dieser Brand läßt kein Unentschieden zu – man mag ihn, oder man mag ihn nicht.


Bossner Baron
Nicaragua


Format: Toro
Länge: 152 mm
Ringmaß: 60 (23,8 mm)
Deckblatt: Ecuador
Umblatt: Nicaragua
Einlage: Nicaragua
Stärke: 3
Rauchdauer: ca. 1¼ Std.
Einzelpreise:
D: € 18,–
CH: sfr 20,–

Immense Ausmaße kennzeichnen diese Cigarre, und auch das Deckblatt ist aufsehenerregend: dunkel und robust. Das mächtige Ringmaß und das gedrehte »Pig’s Tail« runden ihren imposanten Auftritt ab. Von der ›Baron‹ gehen deutliche Röstaromen aus. Das vermutete Animalische tritt jedoch nicht ein.
Der gesüßte ›Goma‹ – ein naturbelassener Pflanzenklebstoff – am perfekt verarbeiteten Cigarrenkopf polarisiert. Während die einen den »First Kiss« begrüßen, freuen sich die anderen, wenn dieser erste Eindruck vergeht. Die anfänglichen Züge sind voll, aber nicht überwältigend stark. Akzentuierte feinwürzige Aromen werden von einer beeindruckenden, aber nicht ausufernden Menge Rauch transportiert. Der Abbrand verläuft gut bis sehr gut, die Glut überhitzt die Cigarre nicht, und die weißgraue Asche bleibt sehr stabil, franst aber etwas aus.
Über den gesamten Rauchverlauf behält diese sehr durchdacht komponierte Cigarre ihre deutliche Würzigkeit, ohne zu exaltieren. Süße (nicht nur vom Goma) begleitet den Rauchverlauf und läßt später auch etwas Schärfe zu. Durchweg holzige Röstaromen. Torrefaktion wie ein frisch geröstetes Eichenfaß. Das letzte Drittel präsentiert sich am ausgewogensten, was aber nicht heißen soll, daß die ersten beiden Drittel mit harter Arbeit verbunden sind …

Aprikosenbrand
Spät, aber gut. Anfangs fast enttäuschend. Kaum Harmonie. Später gehen die beiden eine Beziehung ein, die mehr ist als eine Vernunft­ehe. Gerade im schönsten Drittel, dem letzten, kommen die tiefen Aromen der rustikalen Cigarre und der Obstbrand zum finalen Pas de deux zusammen.





Ingwergeist

Extraterrestrisch. Achtung! Dies ist keine Empfehlung für ein harmonisches Miteinander, sondern ein Aufruf zu einer nahezu halluzinogenen Geschmackserfahrung der Extraklasse. Exotische Süße mit frischer asiatischer Würze trifft auf rustikale Macht.





1996er Zuger Kirsch

Nicht des Pudels Kern. Die Cigarre dominiert das Geschehen deutlich, und so bewegen sich die beiden nicht auf Augenhöhe. Zwar passen die Kernaromen manchmal gut zum würzigen Rauch, aber durchweg ist die Kombination nicht zu empfehlen.







Davidoff Millenium Blend Robusto
Dominikanische Republik


Format: Robusto
Länge: 133 mm
Ringmaß: 50 (19,8 mm)
Deckblatt: Ecuador (Connecticut Cuba Seed)
Umblatt: Dominikanische Republik (San Vicente)
Einlage: Dominikanische Republik (Piloto Cubano, San Vicente, Dominican Olor)
Stärke: 4
Rauchdauer: ca. ¾ Std.
Einzelpreise:
D: € 15,20
CH: sfr 18,20

Die Cigarren der ›Millennium Blend‹, der
kräftigsten Linie aus dem Hause ›Davidoff‹, sind schon optisch durch das dunkle, ölige
Ecuador-Deckblatt geprägt. Eine feine Textur und die sehr gute Verarbeitung erhöhen noch die Vorfreude auf einen guten Smoke.
Der Duft der Cigarre ist angenehm warm und würzig, dazu etwas animalisch und öffnet schon vor dem Anzünden die Sinne für ein schönes Raucherlebnis. Danach gefällt vor allem der gute Zug, die verhaltene Temperaturentwicklung und der gerade Abbrand, der sich über den gesamten Rauchverlauf nicht verändert.
Die Asche ist durch dunkles Grau und den festen, klar definierten Zylinder gekennzeichnet. Sie hält sehr lange und schützt die Glut.
Geschmacklich fällt auf, daß neben den typischen feinbitteren Walnußaromen und dem schönen Schoko-Touch auch eine sehr ausgewogene Würze und eine feine Schärfe auftauchen – gerade im Finale nach einem perfekten, stabilen Rauchverlauf.



Aprikosenbrand

Fruchtig – und mitunter feinfühlig. Erstaunlich harmonisch. Der weiche Brand läßt der Cigarre Raum, den sie später zunehmend in Anspruch nimmt, bis im Finale der Brand leider kaum noch mithalten kann. Trotzdem über eine gute Strecke hinweg ein elegantes Zusammenspiel.





Ingwergeist

Saunaaufguß. Der Ingwer übertönt die Cigarre vollkommen. Das Aroma des asiatischen Zitronengrases paßt hier überhaupt nicht. Im Rauchverlauf wird die Kombination seifig und erinnert an zerbissene Tannennadeln. Ein
klares Stoppschild!





1996er Zuger Kirsch

Schwarzwald. Von Anfang an ein schönes Duett. Zu Beginn dominiert das Volumen des Brandes. Später eine schöne Einheit. Mit den Schokoladenaromen der Cigarre liegt der Vergleich zu einer vollfruchtigen Schwarzwälder Kirschtorte nahe …







Romeo y Julieta Short Churchill
Kuba (Juni 2006)


Format: Robusto
Länge: 124 mm
Ringmaß: 50 (19,8 mm)
Deckblatt: Kuba
Umblatt: Kuba
Einlage: Kuba
Stärke: 3,5
Rauchdauer: ca. ¾ Std.
Einzelpreise:
D: € 8,90
CH: sfr 12,40

Die Zeitfenster für hervorragenden Cigarrengenuß werden kleiner, und so kommen auch aus Kuba seit einiger Zeit die klassischen Formate in verkürzter Form, dabei durchaus, wie etwa die ›Romeo y Julieta Short Churchill‹, typisch kubanisch. Auffallend das sehr schöne Colorado-Deckblatt in guter Verarbeitung. Auch das Zugverhalten läßt wenig zu wünschen übrig.
Die ›Short Churchill‹ verströmt ein sauberes Tabakaroma mit feinholzigen Nuancen und liegt perfekt in der Hand. Der Zug ist nicht leicht, sondern angenehm dosiert, wohl deshalb, um die feine Kleine nicht zu schnell warm werden zu lassen (was ihr guttut). Dementsprechend folgt ein recht gleichmäßiger Abbrand mit kompakter, heller Asche und angenehmer Rauchentwicklung, und auch das ist gut so, denn die Cigarre gibt geschmacklich ordentlich Tempo vor.
Voll, kräftig und kubanisch von Beginn an, mit Röstaromen, aber auch mit blumig-fruchtigen Anklängen, bietet diese kompakte ›Romeo y Julieta‹ durchgehend reichen Geschmack mit zahlreichen Aromen.


Aprikosenbrand
Kontrapunkt. Die Kombination kann nicht vollständig überzeugen, weil die Cigarre zu stark hervortritt und dem Brand die Zartheit raubt. In Ruhe und sehr reflektiert genossen aber ein schöner Kontrapunkt, wenn man erst den Rauch ausatmet, kurz wartet und dann trinkt.





Ingwergeist

Individuell und gewöhnungsbedürftig. Zu Beginn ist alles klar. No way! Allerdings befreit sich die Cigarre von der heftigen Umklammerung durch den rauhen Geist und arbeitet dagegen an. Ein bißchen anstrengend, aber erträglich.






1996er Zuger Kirsch

Angenehm wuchtig. Sehr schöne Harmonie auf hohem, kräftigem Niveau. Beide Partner ergänzen sich und finden zu einem geradezu wuchtigen Zusammenspiel. Man sollte allerdings an Cigarren und Hochprozentiges gewöhnt sein …

 
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