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Alejandro Robaina Der alte Mann und die Cigarre
Eigentlich müßte es »Der alte Mann und der Tabak« heißen. Aber hierzulande verbindet jeder Habanophile Alejandro Robaina eher mit einer guten Havanna denn mit dem »Rohmaterial« Tabak – schließlich ist eine der besten kubanischen Marken nach ihm bzw. seiner Finca benannt.
Wer kennt ihn nicht, den Don Alejandro? Zumindest auf Kuba kennt jeder Alejandro Robaina. Der Veguero gehört zu den ganz großen Berühmtheiten der Cigarren- und Zuckerinsel – und er ist der einzige noch lebende Kubaner, nach dem eine Cigarrenmarke benannt ist: ›Vegas Robaina‹. Durch sie ist er auch außerhalb der Karibik bekannt und sozusagen ein stiller Star geworden – mehr noch: Er ist für viele Cigarrenliebhaber eine lebende Legende. Das ist in gewisser Weise erstaunlich, kannten ihn doch noch vor zehn Jahren nur eingeweihte »Tabaker«. Erst als im Juni 1997 die ›Vegas Robaina‹ vorgestellt wurde, änderte sich das: Als Botschafter »seiner« Marke trat der stets freundliche Tabakbauer mehr und mehr in das Licht der rauchenden Öffentlichkeit.
Alejandro Robaina, der kleine Mann mit den zahlreichen Falten im Gesicht, die bestimmt viel zu erzählen hätten, könnten sie sich verbal artikulieren … Alejandro Robaina baut einen der besten Deckblatt-Tabake der Insel an. Am 20. März 2007 ist er achtundachtzig Jahre alt geworden. Der Don hält sich am liebsten auf seinen Feldern in der Vuelta Abajo auf und verläßt nur noch ungern seine heimatliche Umgebung, erst recht nicht, wenn dabei weder der Tabak noch die Cigarre eine Rolle spielen. Weil wir um ein Gespräch gebeten hatten, in dem es vor allem um seine Profession gehen sollte, war er sofort einverstanden, Cigar Clan auf seiner Tabakplantage zu empfangen. An seiner Seite Irochi, sein Enkel, der dazu bestimmt ist, in nicht allzu ferner Zukunft die Arbeit des Großvaters fortzusetzen.



Don Alejandro, wie lebt es sich mit dem Berühmtsein?
Das kann ich Ihnen nicht genau sagen.
Wie bitte?
Nein, ich weiß es wirklich nicht. Ich möchte der bleiben, der ich immer war. Jedenfalls versuche ich es.
Aber Sie sind doch ein Star …
Was ist das, ein Star? Ein Star wird von außen gemacht. Die Öffentlichkeit macht jemanden zum Star.
Und was ist mit den Heerscharen von Bewunderern, die täglich bei Ihnen vorbeischauen?
Das sind alles Aficionados. Wenn sie mich bewundern – gut. Ich habe nichts dagegen, ja, es schmeichelt mir sogar ein wenig. Nahezu alle Menschen, die mich besuchen, sind außerordentlich angenehm. Sie hinterlassen nur gute Erinnerungen bei mir. Ganz im Vertrauen: Diese Menschen sind eine Energiequelle für mich. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar …
Leben Sie deshalb so lange?
Ohne diese Bewunderer, wie Sie sie nennen, bin ich immerhin achtzig Jahre alt geworden. Dennoch freue ich mich über so manche schöne Begegnung. Jede dieser Begegnungen gibt mir Kraft.
Wofür möchten Sie denn diese gewonnene Kraft einsetzen?
Dafür, daß einer aus meiner Familie meine Arbeit weiterführt. Es wäre doch schade, wenn das Lebenswerk von Generationen keine Fortsetzung finden würde …
Ihr Nachfolger sitzt neben Ihnen. – Irochi, wie fühlst du dich, wenn du an deine Zukunft denkst?
Ich fühle mich einfach gut.
Bist du dir sicher, daß die Fußstapfen, die dein Großvater eines Tages hinterlassen wird, nicht zu groß sein werden? Meinst du, du wirst zurechtkommen?
Da bin ich mir absolut sicher. Ich bin glücklich, das Werk meines Großvaters fortsetzen zu dürfen. Außerdem macht es mich stolz, daß er gerade mich dazu bestimmt hat, die Familientradition aufrechtzuerhalten.
Warum gerade dich? Eure Familie ist doch recht groß …
Mein Vater ist Chemiker, und von seinen und den Geschwistern meiner Mutter war Onkel Alejandro der einzige, der sich mit Tabak beschäftigt hat. Leider ist er vor sieben Jahren gestorben. Von den Enkelkindern wiederum bin ich der einzige, der sich für Tabak interessiert. Immerhin habe ich schon vor einigen Jahren als Cigarrenroller in Havanna gearbeitet, in der ›H. Upmann‹-Fabrik. – Irgendwann werde ich also die gesamte Verantwortung für die Tabakplantage tragen. Davor ist mir jedoch nicht bange, denn schließlich habe ich einen guten Lehrmeister – und außerdem drei Töchter, die bald alt genug sein werden, um mich bei meiner Arbeit zu unterstützen.
Das heißt, die nächste Generation der Tabakdynastie wird weiblich sein?
[Er lacht.] Vielleicht herrscht auf der Vega Robaina wirklich eines Tages das Matriarchat. Aber bis es soweit ist, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Außerdem werden wir, meine Frau und ich, uns Mühe geben, noch einen Jungen mit einzubringen.
Welche Länder hast du eigentlich schon besucht?
Viele … Argentinien und Mexiko, Ägypten und den Libanon, Malaysia und Singapur. Dann war ich noch in der Schweiz, in Spanien, Italien und Frankreich. Nicht zu vergessen Rußland und Deutschland.
In welchem dieser Länder würdest du denn gerne leben?
Ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, in einem anderen Land zu leben. Ich werde auf Kuba bleiben.
Ich habe keinen Zweifel daran gehabt, eine Antwort in dieser Richtung zu erhalten. Deshalb eine andere Frage: In welchem Kuba würdest du gerne leben?
Das ist eine politische Frage, und in Politik kenne ich mich nicht aus.
Aber Sie, Don Alejandro, kennen sich doch auf diesem Gebiet aus. Schließlich haben Sie besondere Beziehungen zum Staat. Sie sind von Fidel Castro eingeladen worden …
Auch ich interessiere mich nicht für Politik.
Dann versuche ich es mit einer anderen Frage. Was meinen Sie, wer hat mehr für wen getan: Sie für den Staat oder der Staat für Sie?
Ich denke, daß ich bedeutend mehr für den Staat getan habe als der Staat für mich.
Erhält denn der berühmteste Tabakpflanzer Kubas ausreichend Unterstützung von der Regierung? Eigentlich müßten Sie doch auf Händen getragen werden …
Das alles ist doch relativ. Sehen Sie: ›Habanos S.A.‹, immerhin eine staatliche Gesellschaft, hat eine Cigarrenmarke nach mir benannt. Das ist eine große Ehre für mich. Natürlich bin ich daran nicht ganz »unschuldig«, denn gerade meine Tabakblätter haben eine erstklassige Qualität – und Tabak hat auf Kuba eben einen hohen Stellenwert. Wenn nun der Staat mit den Produkten, die aus meinen Erzeugnissen hergestellt werden und die meinen Namen tragen, Gewinne erzielt und damit das Gemeinwesen fördert, dann ist das in Ordnung. Selbstverständlich hätte ich gerne mehr finanzielle Mittel zur Verfügung. Wer hat diesen Wunsch nicht? Auf der anderen Seite gehöre ich aufgrund meiner Bekanntheit zu den Privilegierten auf Kuba. Das ist schon sehr viel. Geld ist nicht alles …
Gibt es denn Situationen, in denen Sie wünschten, nicht so bekannt zu sein?
Durchaus. Im großen und ganzen wünsche ich mir mehr Ruhe. Der Rummel um meine Person ist oftmals belastend. Nehmen Sie zum Beispiel den heutigen Tag: Bald soll eine Gruppe aus Schweden ankommen, und am Abend muß ich zu einem Empfang nach Havanna.
Das ist wohl der Preis für Ihre Beliebtheit. Viele Aficionados schätzen sich glücklich, wenn sie neben Ihnen abgelichtet werden. Ihre Finca ist ja zu einer regelrechten Pilgerstätte geworden …
Das nehme ich schon lange ganz gelassen hin. Wie überhaupt den Ruhm und alles, was damit zusammenhängt.
Irochi, wie fühlst du dich denn neben deinem Großvater? Strahlt sein Ruhm auch auf dich ab?
Mein Großvater hat seinen Ruhm verdient. Das ist eindeutig … Mir schmeichelt es natürlich, wenn ich erkannt werde, aber manchmal ist mir so viel Aufmerksamkeit auch unangenehm.
Wieder zu Ihnen, Don Alejandro. Sie sollen es abgelehnt haben, sich mit Sting photographieren zu lassen. Stimmt das?
In gewisser Weise ja. Grundsätzlich spielt es für mich keine Rolle, wer mich besucht, ob der Betreffende nun berühmt ist oder nicht. Ich hätte mich auch mit Sting photographieren lassen. Das ist für mich keine Frage. Aber mir ging es an diesem Tag einfach nicht gut. Das ist alles.
Anders herum: Mit wem würden Sie sich denn gerne einmal photographieren lassen?
Mit dem römischen Papst.
Glauben Sie an Schicksal?
Ja. Als ich jung war, wollten alle, daß ich Medizin studiere, aber ich habe mich nur für den Tabak interessiert. Das war der Moment, an dem sich mein Schicksal entschieden hat. Hätte ich damals nicht auf meinem Wunsch beharrt, wer weiß, wie mein Leben verlaufen wäre … Damals konnte ich mir nicht vorstellen, einmal so bekannt zu werden. Jetzt sehe ich, daß mein Entschluß schicksalhaft war …
Glauben Sie an Gott?
An Jesus Christus. Es ist sehr wichtig im Leben, an etwas zu glauben. Ohne Glauben fühlt man sich leer.
Hilft er Ihnen?
Ich denke ja.
Ein anderes Thema: Gibt es etwas, worauf Sie stolz sind in diesem Jahr?
Wir haben eine sehr gute Tabakernte eingebracht. Die Erde hat uns nicht im Stich gelassen.
Wie viele Cigarren werden in Deckblätter eingerollt, die von Tabakpflanzen stammen, welche auf Ihren Plantagen angebaut worden sind?
Acht Millionen, glaube ich. Aber genau weiß ich das nicht.
Zur Produktion sind Sie nicht zugelassen?
Meine Aufgabe besteht darin, Tabak anzubauen, und nicht, Cigarren zu rollen.
Aber auf den Cigarrenkisten und den Bauchbinden ist Ihr Name zu lesen. Ist es nicht ärgerlich, wenn durch Unachtsamkeit einige dieser Cigarren nicht die optimale Qualität haben?
Ja, natürlich ist das etwas ärgerlich, aber Fehler sind menschlich. Mir reicht es, wenn die Qualität des Tabaks, den ich anbaue, meinen Vorstellungen von einem guten Tabak entspricht …
Text und Interview: Sergej Drosdow
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