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Johannes-Passion
Erklingt die Musik von Bach, scheint es, als hätte Gott selbst ihm beim Komponieren die Hand geführt. Seine Messen, Choräle und Kantaten werden heute weltweit in Kirchen und Konzertsälen aufgeführt. Vor zweieinhalb Jahrhunderten jedoch sah das ganz anders aus. Zu Lebzeiten hatte sich der Komponist Bach, im Gegensatz zum Organisten Bach, keinen besonderen Ruhm erworben. Argwöhnisch betrachtete die Kirchenobrigkeit die verwegenen Experimente des Kirchenmusikers. Doch davon ließ sich Johann Sebastian Bach nicht beirren: Beim Komponieren seiner religiösen Musik vertraute er ohnehin lieber auf jemanden, der unermeßlich höher stand als die kirchlichen Würdenträger..

Musiker von Gottes Gnaden
Von der Geburt des Genies existiert ein dokumentarisches Zeugnis, ein Eintrag im Kirchenbuch der Stadt Eisenach in Thüringen: »Am 21. März 1685 wurde dem Stadtmusiker Ambrosius Bach und seiner Frau Elisabeth, geborene Lämmerhirt, ein Sohn geboren, genannt Johann Sebastian.« Ob das Haus, in dem das Leben des Komponisten seinen Anfang nahm, das ist, welches als museales ›Bachhaus‹ am Eisenacher ›Frauenplan‹ für Besucher offen steht, ist nicht verbürgt, aber Stadtväter und ›Neue Bachgesellschaft‹ sehen es als das mutmaßliche Geburtshaus des großen Barockkomponisten an.
Dem achten Kind von Ambrosius Bach war es in die Wiege gelegt, den Weg seiner Vorfahren zu beschreiten, der stets von Musik geprägt gewesen war. Den Anfang hatte der Familiengründer gemacht, Johann Sebastians Ururgroßvater, der zwar ein einfacher Bäcker gewesen war, aber hervorragend Zither spielte. Seine Kinder, Enkel und Urenkel spielten ebenso allesamt ein Instrument. Unter den Bachs finden sich Trompeter und Flötisten, Violinisten und Organisten, auch einige Komponisten. Dieser oder jener machte sich sogar deutschlandweit einen Namen. Und in Thüringen, der Heimat der talentierten Familie, war der Familienname schon seit fast einem Jahrhundert zu einem Synonym geworden: Bach gleich Musiker.
So war es nicht verwunderlich, daß Johann Sebastians erster Lehrer sein Vater war, ein Geiger, der das Amt des Leiters der Stadtmusik bekleidete. Der Junge hatte nicht nur ein absolutes Gehör, sondern auch eine ausgezeichnete Stimme, so daß er schon früh anfing, im Schulchor zu singen.
Bach besuchte das Lyzeum im Nachbarort Ohrdruf, das einst von dem berühmten tschechischen Pädagogen Jan Amos Komensky geleitet worden war, einem Vertreter der progressiven Methodik. Als Johann Sebastian an diese Schule kam, war Komensky schon vierzehn Jahre tot, aber die Ideen des großen Lehrers wurden am Lyzeum fortgeführt. Entgegen der allgemeinen pädagogischen Richtung hatte er die Auffassung vertreten, daß es die Aufgabe von Lehrern sei, nicht auf die Gefühle der Schüler einzuwirken, sondern ihren Verstand auszubilden, und zwar vom ersten Schultag an. Komensky war der Meinung, daß es das wichtigste sei, das Denken zu entwickeln, die Wurzeln des Bewußtseins des Kindes zu aktivieren, denn nur wenn beides genährt würde, könnten später auch die Gefühle geweckt werden. Intellekt und Emotion dienten laut Komensky gemeinsam der Stärkung des Wissens und des Gedächtnisses.
Muß man sich da noch über die organische Synthese von Gefühl und nahezu mathematisch genauem musikalischen Denken wundern, die alle Werke Johann Sebastian Bachs durchdringt, jenes Absolventen des Ohrdrufer Lyzeums? Wie so häufig bei Genies, übersahen seine Zeitgenossen diese vollkommene Einheit der Gegensätzlichkeiten; dafür würdigten die Nachfahren die Bachsche Verbindung von »heißem Herz und kühlem Gedanken« um so mehr.
Noch ahnte Bach selbst nichts von seiner Gabe. Es war auch nicht die Zeit dafür. Im Alter von neun Jahren verlor der Junge seine Mutter und kurz darauf seinen Vater. Um seine Erziehung kümmerte sich von diesem Zeitpunkt an sein Bruder Johann Christoph, der als Kirchenorganist in Ohrdruf arbeitete. Johann Christoph hatte zwar nicht das Pulver erfunden, war aber ein gestandener Fachmann. Er wußte bestens in der Musik Bescheid, spielte hervorragend Orgel, kurz – er war durchaus in der Lage, einen Organisten auszubilden. Seinem Wesen nach war Johann Christoph ein typischer Kleinbürger: diszipliniert, gesetzeshörig – und leider nicht sehr gescheit. Sein jüngerer Bruder hingegen fühlte sich schon bald zu etwas anderem berufen: nicht zum Interpretieren, sondern zum Schöpfen … was sich nur selten mit Anpassung an geltende Gesetze und Kanones in Einklang bringen läßt.
Nachdem er herausgefunden hatte, daß sich im verschlossenen väterlichen Schrank ein Heft mit Werken berühmter Musiker befand, holte der Junge es nachts heimlich heraus und schrieb im Mondlicht die Noten ab. Dies war ein offener Verstoß gegen die häusliche Ordnung, da man der Meinung war, daß »Erwachsenenmusik« einen negativen Einfluß auf das zarte kindliche Gemüt haben könnte. Aber Johann Sebastian begann schon früh damit, gegen alle geltenden Normen zu verstoßen. Fast ein halbes Jahr lang machte er sich auf diese Weise mit den Werken der internationalen Musik vertraut – alle Kinder von Ambrosius hatten von Kindesbeinen an gelernt, Noten zu lesen und sie im Kopf in Musik umzusetzen. Johann Sebastians »Fernstudium« nahm jedoch ein trauriges Ende. Eines Nachts erwischte ihn sein älterer Bruder beim heimlichen Abschreiben und verprügelte ihn für seine Eigenmächtigkeit, die einem künftigen Kirchenorganisten, der er nach Johann Christophs Meinung werden sollte, nicht zustand, und »konfiszierte« alle abgeschriebenen Noten.

Der Ruf der Orgelpfeifen
Erst mit fünfzehn Jahren gelang es Johann Sebastian Bach, sich aus der strengen Vormundschaft seines älteren Bruders zu befreien und ein eigenständiges Leben anzufangen. Nachdem er das Lyzeum abgeschlossen hatte, zog er nach Lüneburg, wo es eine gute Musikschule gab. Da er inzwischen im Stimmbruch war, kam es für ihn nicht in Frage, im dortigen Chor zu singen. Aber Bach spielte damals bereits gut Violine und Cembalo, von der Orgel ganz zu schweigen. Gleich nach Beendigung der Musikschule bot man dem jungen Absolventen im thüringischen Arnstadt eine Stelle als Organist in der Kirche an. Auf diese Entscheidung des Stadtmagistrats und des Kirchenkonsistoriums hatte nicht nur der gute Name der Familie Bach Einfluß, sondern auch die Geschicklichkeit, mit welcher der Neuling die gerade erbaute Orgel beherrschte.
Im etwa zwanzig Kilometer südlich von Erfurt gelegenen Arnstadt eignete sich der Kirchenorganist das an, was später zur Perfektion werden sollte, zu einer Wissenschaft, in der Musiker der folgenden Jahrhunderte unterrichtet wurden und werden: die Polyphonie. Vollkommen zu Recht galt die Orgel mit ihren Dutzenden, ja sogar Hunderten Registern vom 15. bis zum 17. Jahrhundert als die Königin der Instrumente, und durch sein Orgelspiel erwarb sich Johann Sebastian Bach die Anerkennung seiner Zeitgenossen. Er wurde nicht nur als virtuoser Interpret berühmt, sondern auch aufgrund seiner Improvisationskünste. Letztere, die weit über das hinausgingen, was einem bescheidenen Organisten gebührte, riefen allerdings bei der Konsistoriumsleitung vor allem Unverständnis hervor. Zunächst wurden seine Ausschweifungen mit altersbedingter Selbstüberschätzung erklärt – man glaubte, er müsse sich eine Weile die Hörner abstoßen, bevor er zur Vernunft komme … Aber Bach hatte gar nicht vor, zur Vernunft zu kommen. Daraufhin stellte ihm das Konsistorium ein Ultimatum: Entweder er unterlasse zukünftig diese improvisatorischen Experimente oder er müsse gehen.
Der bereits geachtete Organist und angehende Komponist beschloß, sich aus Arnstadt zurückzuziehen. Er entschied sich für die Freie Reichsstadt Mühlhausen, wo gerade eine Organistenstelle in einer der dortigen Kirchen vakant war. Bach erhoffte sich von der größeren Stadt, daß sie frei von provinzieller Beschränktheit sein und mehr Freiraum für seine Künste bieten möge. Nach einiger Zeit jedoch wurde Bach klar, daß er es überall schwer haben würde.
Der junge Musiker war damals zweiundzwanzig Jahre alt, ein Alter, in dem der Mensch nach damaliger Auffassung nicht nur an seine Karriere, sondern auch an Haus und Familie denken sollte. In Mühlhausen heiratete Bach seine Cousine Maria Barbara. Sie sang in seinem Chor und war ebenfalls eine Bach.
Dem neuen Mühlhausener Organisten bot man ein Gehalt von 85 Gulden im Jahr plus drei Maß Weizen, drei Pfund Fisch, zwei Schober Brennholz, sechs Säcke Kohle und – statt Ackerland – sechzig Bündel Reisig. Außerdem wurde ihm ein Haus zur Verfügung gestellt. Natürlich war dies nicht viel, aber gemessen an den damaligen Maßstäben für einen jungen Musiker durchaus akzeptabel.
Bach malte sich seine Zukunft in rosigen Farben aus. Doch schon bald mischte sich die Obrigkeit in seine Arbeit ein. In dieser Zeit waren Politik und religiöse Streitigkeiten unweigerlich miteinander verknüpft. Und der zwischen die Fronten geratene Musiker, dessen Berühmtheit immer größer wurde, suchte sich schnell einen neuen Ort: Er wurde Hoforganist und Kammermusiker in Weimar. Die bedeutendste Stadt Thüringens war zwar noch nicht die Stadt Goethes und Schillers, aber trotzdem ein wichtiges regionales Zentrum. Auch das Gehalt des Herzogs von Sachsen-Weimar war attraktiv, weil nahezu doppelt so hoch wie in Mühlhausen: 150 Gulden im Jahr.
Der Kampf des Geistes mit der Materie
In der Folge zog Bach mit seiner stetig wachsenden Familie des öfteren von einer Stadt in die andere – und das nicht aus romantischen Erwägungen oder einer besonderen Vorliebe für Reisen. Häufig trieben ihn die prosaischsten Gründe dazu: schlechte Bezahlung und belastende, erniedrigende Abhängigkeiten von weltlichen und kirchlichen Höherstehenden. Zur damaligen Zeit unterschied sich die Situation eines Musikers nur geringfügig von der eines Dieners.
Im alltäglichen Leben war Johann Sebastian Bach weder ein Rebell noch ein Romantiker oder gar ein fanatisch den Musen ergebener Asket. Einer der besten Kenner seines Schaffens, der bekannte Theologe, Organist, Musikwissenschaftler und Arzt Albert Schweitzer ging auf dieses Phänomen ein: »Bach selbst ist uns ein Rätsel, denn der äußere und der innere Mensch sind bei ihm so gespalten und unabhängig voneinander, daß der eine keine Beziehung zum anderen hat … Er ist ein Mensch von zwei Welten: Seine künstlerische Wahrnehmung und sein Schaffen fließen förmlich an seiner fast banalen bürgerlichen Existenz vorbei, ohne sie zu berühren, unabhängig von ihr.«
Wie jeder anständige Bürger aß Jo-hann Sebastian Bach gerne gut, schätzte ein Bier, lange Gespräche, zählte brav sein Geld und sparte jeden Groschen. Unterdessen wuchs seine Familie, denn auch die ehelichen Pflichten vernachlässigte er nicht: Neun Töchter und elf Söhne aus zwei Ehen sind keine Kleinigkeit. Auch wenn elf Kinder bereits im Säuglingsalter starben, mußten dennoch die verbliebenen neun ernährt und auf die Beine gebracht werden.
Außerdem liebte er es sehr, seine Abende beim Rauchen einer Tonpfeife zu verbringen. Über diese Liebe des großen Komponisten braucht man keine Vermutungen anzustellen, denn im berühmten Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, seiner zweiten Frau, findet sich ein von ihm verfaßtes Loblied auf seine Tabakpfeife:
Sooft ich meine Tobackspfeife,
Mit gutem Knaster angefüllt,
Zur Lust und Zeitvertreib ergreife,
So gibt sie mir ein Trauerbild –
Und füget diese Lehre bei,
Daß ich derselben ähnlich sei.
Die Pfeife stammt von Ton und Erde,
Auch ich bin gleichfalls draus gemacht.
Auch ich muß einst zur Erde werden –
Sie fällt und bricht, eh ihr’s gedacht,
Mir oftmals in der Hand entzwei,
Mein Schicksal ist auch einerlei.
Die Pfeife pflegt man nicht zu färben,
Sie bleibet weiß. Also der Schluß,
Daß ich auch dermaleinst im Sterben
Dem Leibe nach erblassen muß.
Im Grabe wird der Körper auch
So schwarz wie sie nach langem Brauch.
Wenn nun die Pfeife angezündet,
So sieht man, wie im Augenblick
Der Rauch in freier Luft verschwindet,
Nichts als die Asche bleibt zurück.
So wird des Menschen Ruhm verzehrt
Und dessen Leib in Staub verkehrt.
Wie oft geschieht’s nicht bei dem Rauchen,
Daß, wenn der Stopfer nicht zur Hand,
Man pflegt den Finger zu gebrauchen.
Dann denk ich, wenn ich mich verbrannt:
O, macht die Kohle solche Pein,
Wie heiß mag erst die Hölle sein?
Ich kann bei so gestalten Sachen
Mir bei dem Toback jederzeit
Erbauliche Gedanken machen.
Drum schmauch ich voll Zufriedenheit
Zu Land, zu Wasser und zu Haus
Mein Pfeifchen stets in Andacht aus.
Aber es gab auch den anderen Bach, der in höheren, himmlischen Sphären reiner Harmonie schwebte, fern irdischer Widrigkeiten und kleiner häuslicher Freuden. In Weimar schrieb dieser Bach seine besten Orgelwerke, darunter die berühmte Toccata, die Fuge in d-Moll und die Passacaglia in c-Moll, die beim Klang der ersten Takte selbst Leute wiedererkennen, die sich nicht allzuviel mit klassischer Musik beschäftigen.
Bachs führende Position als Organist in Deutschland war bereits zu seinen Lebzeiten unangefochten. Jetzt, drei Jahrhunderte später, kann man zudem behaupten, daß damals in Weimar seine Entwicklung zum größten Orgelkomponisten der Musikgeschichte ihren Anfang nahm.

Dom-Musik
Nach einer Weile fing Bach an, sich über seinen Dienst beim Herzog zu beklagen, und nahm eine Einladung des Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen an, einem Musikliebhaber und talentierten Geiger. Dabei vergaß er jedoch, daß der Rangfolge gemäß ein Hofmusikant einem Diener gleichgestellt war, welcher wiederum nicht das Recht hatte, seinen Dienstherrn ohne dessen Einverständnis zu verlassen. Der Konflikt verschärfte sich noch nach einem triumphalen Konzert Bachs in Dresden, das damals nicht nur die Hauptstadt Sachsens, sondern auch Polens war. Bei dem Improvisationswettbewerb für Organisten obsiegte Bach über Louis Marchand, zu dieser Zeit der berühmteste Orgelvirtuose der Alten Welt. Spätestens jetzt war Bach in ganz Europa bekannt und hochgeachtet, und der Gebieter des kleinen Weimarer Herzogtums war selbstverständlich nicht willens, eine solche Berühmtheit einfach gehen zu lassen.
Der Diener, der sich so viel auf sich selbst einbildete, wurde für seine Widerspenstigkeit vorbildhaft bestraft. Zunächst entzog man dem Hofkonzertmeister den Auftrag zur Komposition der Feierkantate zu Ehren des zweihundertsten Jahrestags des Luthertums, der damals groß in Deutschland gefeiert wurde, und dann kam es noch schlimmer: Am 6. November 1717 wurde Bach verhaftet und in der Landrichterstube arretiert. Dort verbrachte er fast einen Monat. Diese Geschichte ist exemplarisch für das schwierige Verhältnis zwischen dem Künstler und der Obrigkeitsmacht.
Nachdem Bach »in Ungnade aus Haft und Dienstverhältnis entlassen« worden war, begab er sich zusammen mit seiner Familie nach Köthen. Dort hatte er keine großen Verpflichtungen. Er sollte das kleine Orchester leiten, seinen Arbeitgeber musikalisch begleiten und ihn mit seinem Cembalospiel unterhalten. Da Köthen keine eigene Orgel hatte, komponierte Bach in seiner Freizeit vorwiegend Klavier- und Orchestermusik.
Den Höhepunkt in dieser Schaffensperiode bilden Bachs Brandenburgische Konzerte sowie vierundzwanzig Präludien und Fugen; sie machen den ersten Teil seines Œuvres Das Wohltemperierte Klavier aus – ein musikalisches Werk, das bis heute eine der Grundlagen für Studenten an Musikhochschulen und Konservatorien darstellt. Bach schrieb nicht einfach nur Musik – er entwickelte seine eigene Theorie, wie ein Naturwissenschaftler Gesetze und Strukturen formuliert, und glaubte im direkten Sinne des Wortes an die Algebra der Harmonie. Nicht ohne Grund vergleichen viele Bach-Forscher seine Werke mit einem gotischen Dom und bezeichnen seine Schaffensmethode als »Tonbaukunst«. Bei der Betrachtung der in die Höhe strebenden gotischen Turmspitzen würden wir schließlich auch nicht daran denken, was für komplizierte mathematische Berechnungen und technische Weisheiten dieser scheinbar schwerelosen Schönheit zugrunde liegen …
Aber auch in Köthen war Bachs Leben trotz aller Freundlichkeit und Protektion von seiten des Herzogs nicht ganz ungetrübt. Er verlor seine Ehefrau, die plötzlich, während einer der kurzen Gastspielreisen ihres Mannes, an einem Schlaganfall verstorben war. Allerdings dauerte seine Witwerschaft kaum ein halbes Jahr. Immer öfter sang und spielte am herzoglichen Hof eine junge Sängerin mit wundervollem Sopran namens Anna Magdalena Wilcke. Das Fräulein gewann die Zuneigung der mutterlos gewordenen vier Kinder Bachs, und am 3. Dezember 1721 heirateten Johann Sebastian und die fünfzehn Jahre jüngere Anna Magdalena.
Zwei Jahre später folgte der nächste Umzug. Diesmal nach Leipzig, wo Bach die Stelle des Thomaskantors antrat. Hier hatte er ernsthaftere Verpflichtungen zu erfüllen als bei seiner vorherigen Stelle: Er war für die Musik in den vier Hauptkirchen der Stadt verantwortlich. Dazu zählte die Vorbereitung einer Kantatenaufführung an jedem Sonntag und an den Feiertagen. Außerdem unterlag ihm der Musikunterricht in der ›Thomasschule‹.
Lehrer und Pharisäer
Dieses Mal war dem Umzug nach Leipzig kein Skandal vorausgegangen. Dem Hofmusiker war lediglich eine neue Komposition des großen Georg Friedrich Händel in die Hände gefallen, der sich inzwischen endgültig in London niedergelassen hatte – ein Monumentalwerk für Chor, Solisten, Orgel und Orchester. Bach verspürte daraufhin den Wunsch, ebenfalls eine so tiefe, großangelegte, unmittelbar mit evangelischen Texten verbundene Musik zu komponieren. Am Hof des calvinistischen Fürsten gab es wenig Hoffnung auf die Verwirklichung eines derartigen Projekts, und Bach, der von seiten der kirchlichen Orthodoxen schon viel hatte erdulden müssen, entschied sich trotz allem dafür, an einem Probespiel zur Neubesetzung der Kantorenstelle für die Leipziger Thomaskirche teilzunehmen. Ihm war klar, daß er alles auf eine Karte setzte. Es bestand durchaus die Gefahr, daß die Vorstellungen des Künstlers von religiöser Musik zu sehr von denen der harten Kirchenführung abwichen.
Seine Befürchtungen waren nicht unbegründet. Dennoch verbrachte Bach den Rest seines Lebens – immerhin noch siebenundzwanzig Jahre – in Leipzig, trotz der beengenden Umstände und der ewig krittelnden Kirchenführung. In dieser Zeit verfaßte er den Großteil seiner fast dreihundert Kantaten, den zweiten Teil des Wohltemperierten Klaviers, die geniale Matthäus-Passion, die Johannes-Passion (die Markus-Passion ist leider verlorengegangen, und bei der Lukas-Passion streiten sich die Experten, ob sie wirklich von Bach stammt) sowie Magnificat, die h-Moll-Messe und das Weihnachtsoratorium. Und am Ende seines Lebens, als seine Erblindung bereits fortgeschritten und er physisch geschwächt war, entstand noch ein weiteres, ein epochales Werk: Die Kunst der Fuge.
Johann Sebastian Bach mußte unter wenig förderlichen Bedingungen komponieren. Als Thomaskantor war er nicht nur für den Unterricht der heranwachsenden Generation zuständig, sondern mußte beispielsweise auch zusammen mit der Klasse an allen Beerdigungen teilnehmen – sogar die Stadt durfte er nicht ohne Zustimmung des Bürgermeisters verlassen. Bachs Dasein in Leipzig wurde außerdem dadurch getrübt, daß der erste gemeinsame Sohn mit Anna Magdalena schwachsinnig war und einige seiner Kinder starben. Hinzu kam der sich über Jahre hinziehende Rechtsstreit mit der Kirchen- und Magistratsleitung um nichtbezahlte Gehälter an den Kantor …
Kleinliche Auflagen des Konsistoriums gängelten den Künstler in seinem Tun. So wurde ihm angeraten, »zur Beybehaltung guter Ordnung in den Kirchen die Music dergestalt ein[zu]richten, daß sie nicht zulang währen, auch also beschaffen seyn möge, damit sie nicht opernhafftig herauskommen, sondern die Zuhörer vielmehr zur Andacht aufmuntere«. Genau in diesem Sinne wurde Bach anempfohlen, mit den Mitteln der Musik die letzten Tage des Erlösers auf Golgatha nachzuerzählen!
Zunächst hatte man dem Komponisten gegenüber vornehmlich höfliche Anmerkungen in bezug auf seine Eigenmächtigkeit gemacht, dann aber kam es zu einem offenen Konflikt zwischen dem Kantor und der Führung. Albert Schweitzer bemerkte durchaus zu Recht und voll böser Ironie: »… man konnte der Führung unmöglich abverlangen, daß sie die Meinung künftiger Generationen ahnte.«
Es waren nicht nur die Kirchenleute, die Bachs Musik nicht verstanden, sondern auch die meisten seiner Kollegen konnten nur wenig mit ihr anfangen. Zu Lebzeiten wurde die Johannes-Passion nur ein paarmal aufgeführt, die Matthäus-Passion gar nur ein einziges Mal (in der Thomaskirche). Da es keine schriftlichen Dokumente von Zeitgenossen darüber gibt, wie diese Werke aufgenommen wurden, ist davon auszugehen, daß sie keine oder nur wenig Beachtung fanden.
Dennoch komponierte Bach weiter und lebte sein Leben in vollen Zügen. Nachdem er sich mit der Kirchenführung zerstritten hatte, verbrachte er viel Zeit mit seiner Familie und im städtischen Musikerklub ›Collegium musicum‹, einer Studentenvereinigung, die erst dank seiner Bemühungen zu einem »Collegium« geworden war. Ort der winterlichen Treffen der Leipziger Musikfreunde, zu denen Studenten, Professoren, Beamte, Kaufleute mit ihren Gattinnen, aber auch professionelle Musiker zählten, war das ›Zimmermannische Caffee-Hauß‹ in der Cather Straße. Im Sommer versammelte sich das ›Collegium musicum‹ außerhalb der Stadt: im berühmten Garten »vor dem Grimmaischen Thore«.
Im ›Zimmermannischen Caffee-Hauß‹ frönte man der Musik mit Bier und dem neumodischen Kaffee. Zu dieser Zeit begann das bittere, aufmunternde Getränk erst seinen Siegeszug durch die deutschen Lande. Es wurde in den Etablissements, in denen bis dato vornehmlich Bierdunst die Luft schwängerte, zu einer hervorragenden Ergänzung zum Tabakrauch. Nicht ohne Grund hat Bach, der sich nie von seiner Pfeife trennte, genau im ›Zimmermannischen‹ zum ersten Mal die von ihm komponierte satirische Kaffeekantate dirigiert.

Finale – Präludium
Doch leider wurde der Löwenanteil an Zeit und Kraft für Alltagsprobleme verschwendet: Johann Sebastian Bach zankte sich mit dem Rat, versuchte stets, mehr Geld für sich und seine Thomas-Schüler herauszuschlagen, mußte seine Kinder in Lohn und Brot bringen. Drei Söhne, Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel und Johann Christian, wurden noch zu Lebzeiten ihres Vaters zu berühmten Komponisten, und die Tochter Catharina zeigte vielversprechende Anfänge als Opernsängerin. Johann Gottfried Bernhard (aus erster Ehe) war es hingegen nicht vergönnt, die väterlichen Hoffnungen zu erfüllen: Er hatte sich voller Eifer in die Arbeit als Organist in Mühlhausen gestürzt, die ihm sein Vater verschafft hatte, starb jedoch im Alter von vierundzwanzig Jahren einen tragischen Tod.
In den letzten Lebensjahren wurde seltsamerweise ein Fremdling aus dem fernen Rußland zu Bachs Protektor – der zum Botschafter am Hof des sächsischen Kurfürsten ernannte Baron Hermann-Karl von Keyserlingk. Der gebürtige Ostsee-Deutsche und Freund Ernst Johann von Birons, des allmächtigen Favoriten der russischen Zarin, wurde zu einem der treuesten Verehrer Bachs und setzte sich persönlich beim Kurfürsten für die Ernennung des Leipziger Thomaskantors zum Hofkomponisten ein.
Aber die Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen. Zum Ende hin war Bach fast vollständig erblindet, so daß er seine letzten Werke nicht mehr selbst schrieb, sondern sie seiner Frau oder einem seiner Kinder diktierte. Er verließ kaum noch das Haus, schränkte seinen Besucherkreis auf die ihm Nächsten ein. Aber er konnte seine Kunst der Fuge noch vollenden, bevor er sich einer Operation zur Behandlung seines Grauen Stars unterzog, eine, wie die Ärzte warnten, gefährliche Operation mit ungewissem Ausgang. Letztendlich mußten sogar zwei Operationen durchgeführt werden, von denen keine erfolgreich war. Am 28. Juli 1750 »verschied Johann Sebastian Bach im sechs und sechzigsten Jahre seines Alters, auf das Verdienst seines Erlösers sanft und seelig«, wie sein Sohn Carl Philipp Emanuel und sein Schüler Johann Friedrich Agricola im Nekrolog schrieben.
Bachs Tod blieb nicht unbeachtet, dennoch ließ er das Interesse an seinem Schaffen nicht nennenswert steigen. Fast ein dreiviertel Jahrhundert geriet er ins Vergessen. Währenddessen glänzten drei seiner Söhne am musikalischen Olymp und überstrahlten eine Zeitlang sogar den Ruhm ihres Vaters. Bachs Witwe Anna Magdalena überlebte ihren Mann um zehn Jahre und starb in einem Altersheim für Arme.
Erst 1829 wurde die Matthäus-Passion unter der Leitung des gerade debütierenden zwanzigjährigen Dirigenten Felix Mendelssohn (später vor allem bekannt durch seinen Hochzeitsmarsch) erstmals von professionellen Musikern – und nicht wie sonst von Schülern – öffentlich aufgeführt. Die musikalische Welt begann, sich Bachs Musik zu erschließen; ihr folgten Tausende und Millionen »einfacher« Zuhörer. Ein eindeutiger Beleg hierfür sind die unzähligen Schallplatten- und CD-Auflagen seiner Werke.
Albert Schweitzer hat den verspäteten Ruhm des Komponisten Johann Sebastian Bach so beschrieben: »Genies fangen dann an zu lehren, wenn ihre Augen bereits lange geschlossen sind und statt ihrer ihre Werke sprechen. Unermüdlich predigte Bach seinen Schülern, daß man von den Werken der großen Meister lernen muß. Er hatte nicht vermutet, daß er selbst zum Lehrer künftiger Generationen werden würde.«
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