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Abgeflogen
Franzosen sind ihrer Muttersprache stark verbunden: Noch nicht einmal das Wort »Computer« hat Eingang in den offiziellen Wortschatz gefunden. An der Seine, der Loire und anderswo bezeichnet man dieses Produkt der technologischen Revolution mit »Ordinateur«, was zu deutsch schlicht und einfach »Rechner« bedeutet. Vor diesem Hintergrund mag sich so mancher ein wenig wundern, daß ein französischer Uhrenhersteller unter einem englischen Markennamen firmiert. Doch die Argumente des Firmengründers Carlos A. Rosillo sind durchaus nachvollziehbar. So wollte er einerseits seinen Familiennamen in die Firmierung integrieren, andererseits einen Namen schaffen, der in möglichst vielen Ländern eingängig und leicht auszusprechen ist. Das Resultat war die Wortschöpfung mit dem klassischen kaufmännischen Et-Zeichen im Kreis in der Mitte, das gleichzeitig auch als Firmenlogo dient.

Kluge Partnerschaften
›Bell & Ross‹, 1992 gegründet, hat seit Beginn seinen Hauptsitz mitten in Paris. Erste Entwicklungshilfe, sowohl finanzieller als auch technischer Art, leistete seinerzeit ›Sinn Spezialuhren‹ aus Frankfurt am Main. So waren die ersten ›Bell & Ross‹-Modelle zunächst nichts anderes als Varianten von Zeitmessern aus der ›Sinn‹-Kollektion. Als Beispiel sei hier die ›Bell & Ross Space 1‹ genannt, eine Adaption des ›Weltraumchronographen Typ 142‹ von ›Sinn‹. Auch die bei ›Sinn‹ entwickelte Hydrotechnik hielt Einzug bei ›Bell & Ross‹. Dabei werden Taucheruhren komplett mit Silikon gefüllt, was die Ablesbarkeit unter Wasser stark verbessert und die Uhren extrem druckresistent macht. Die solcherart ausgerüstete ›Hydro Challenger‹ von ›Bell & Ross‹ schaffte es 1997 mit einer (im Labor simulierten) Tauchtiefe von 11.100 Metern sogar ins Guinnessbuch der Rekorde.
Seit der Jahrtausendwende ist die Kooperation aufgelöst, gehen die ehemaligen Partner eigene Wege. Zu diesem Zeitpunkt war das Parfum- und Modehaus ›Chanel‹ schon einige Jahre Anteilseigner von ›Bell & Ross‹. Dieser finanzkräftige Partner – sein Engagement begann 1996 – versetzte den Pariser Uhrenhersteller in die Lage, eine eigene moderne Fertigungsstätte im Herzen der Schweizer Uhrenindustrie aufzubauen, in La Chaux-de-Fonds (Kanton Neuenburg). Damit ist ›Bell & Ross‹ nicht mehr nur eine Handelsmarke, sondern ein Uhrenhersteller. Assemblage, also der Zusammenbau der zugekauften Komponenten, und die Qualitätskontrolle der fertigen Produkte finden nun komplett unter eigener Regie statt.

Einzug in die Internationalität
›Bell & Ross‹ hat sich auch in bezug auf die Entwicklung neuer Modelle weitgehend emanzipiert. Das zeigt besonders die Baureihe ›Vintage‹, deren Uhren das Design der vierziger Jahre interpretieren; mit dem Attribut »sportlich-elegant« sind sie wohl am treffendsten beschrieben. Bei allen Bemühungen um gelungenes Design vernachlässigen die Konstrukteure aber keineswegs ihre Grundprinzipien, zu denen Wasserdichtheit, gute Ablesbarkeit und Genauigkeit gehören. Selbst die ›Vintage 126 XL Habana‹ wartet mit einer Druckfestigkeit von 20 bar (wasserdicht bis 200 m) auf. Für die gewünschte Genauigkeit sorgen sauber verarbeitete Automatikwerke aus dem Hause ›ETA‹ – und die selbst bei eleganten Uhren schnörkellos gezeichneten Zifferblätter garantieren gute Ablesbarkeit.
Nicht zuletzt zeigt sich bei den Uhren von ›Bell & Ross‹ immer wieder ein gewisses Maß an Experimentierfreudigkeit. Wie etwa bei der ›Vintage 123 Springende Stunde‹, die gestalterisch etwas aus dem Rahmen fällt. Doch gerade dieser Umstand hat ihr im vergangenen Jahr zu einem vielbeachteten Auftritt auf dem ›Mondial de l’Automobile‹ in Paris verholfen: Eine vergrößerte Variante dieses Modells wurde ins Cockpit der extravaganten Luxuswagenstudie von ›Peugeot‹ eingebaut.
Das Engagement der Uhrenbauer auf diesem renommiertesten Autosalon der Grande Nation kommt nicht von ungefähr: Auf dem heimischen Markt ist ›Bell & Ross‹ trotz des englischen Firmennamens nicht nur akzeptiert, sondern überaus beliebt. So ist das Haus seit vergangenem Jahr offizieller Lieferant der französischen Marineflieger, und schon 2005 bestellte die Eliteeinheit der Polizei, ›RAID‹, zu ihrem zwanzigjährigen Bestehen ein Sondermodell der Instrumentenuhr ›BR 01‹. Just mit dieser martialisch anmutenden Uhr, die 46 Millimeter im Quadrat mißt, hielt ›Bell & Ross‹ nicht nur Einzug in die exklusiven Läden der französischen Kapitale, sondern fand auch Beachtung in vielen bedeutenden Modejournalen, gelangte an die Handgelenke von Szenegängern – und schaffte somit den internationalen Durchbruch.
Mit der Instrumentenuhr erinnert ›Bell & Ross‹ ein wenig an den gemeinsamen Start mit ›Sinn‹. Denn die ›BR 01‹, von Anbeginn als Chronograph und als Dreizeigeruhr lieferbar, hat eine große Ähnlichkeit mit der ›Navigationsborduhr‹ aus Frankfurt. Doch während sich ›Sinn‹ auf den Einbau solcher Uhren in Cockpits von Sportflugzeugen beschränkt, konstruierte ›Bell & Ross‹ eine vollwertige Armbanduhr mit weiteren Einsatzmöglichkeiten: So ist im Lieferumfang der Uhr unter anderem Werkzeug enthalten, mit dem die Bandanstöße entfernt werden können. Dadurch läßt sich die Uhr auch auf dem Schreibtisch aufstellen oder ins Cockpit eines Autos schrauben.
Text: Martin Häußermann
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