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Die Magie des alten England
Seit Jahren rauche und sammle ich Tabakpfeifen. Irgendwann einmal fiel mir auf, daß nahezu alle meine Lieblingspfeifen aus dem England der zwanziger bis sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts stammen. Die Frage nach dem Warum führt direkt zu den berühmten englischen Pfeifenherstellern früherer Zeiten …

Die hier beschriebene Geschichte des Tabakrauchens setzt in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein, als das Bruyère aufkam – ein aus der Wurzelknolle der Baumheide gewonnener Rohstoff. Als damalig vorherrschende Seemacht und Vorreiterin des technischen Fortschritts gab England auch in der Tabak- und Pfeifenwelt den Ton an. Das Inselreich war wichtigster Produzent und auch Konsument von Tabakpfeifen, bis etwa ab 1930 die Vereinigten Staaten zu deren Hauptabnehmern aufstiegen. Trotz eigener Industrie in der Neuen Welt erfreuten sich Pfeifen »Made in England« enormer Nachfrage und verhalfen der britischen Pfeifenindustrie zu einem rasanten Aufstieg.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Siegeszug der Cigarette, und spätestens mit Beginn der sechziger Jahre brachen für alle Pfeifenhersteller schwere Zeiten an. Um sich über die Krise zu retten, griffen nicht wenige Betriebe zu einem probaten Mittel: Die Produktqualität wurde der Wirtschaftlichkeit geopfert – vergeblich, wie sich herausstellen sollte. Mit der Zeit verschwanden schließlich sämtliche alten englischen Hersteller vom Markt. Übrig blieben nur einige Handelsmarken, die sich heute im Besitz der Investment-Gesellschaft ›Cadogan‹ befinden.
So bleibt nur die Erinnerung an das »Goldene halbe Jahrhundert« der englischen Tabakpfeife – und an die klangvollen Namen, die mit dieser Zeit verbunden sind: ›Barling‹, ›BBB‹, ›Charatan‹, ›Dunhill‹, ›Loewe‹ und ›Sasieni‹. Dazu gehören auch die ursprünglich französischen Firmen ›Comoy‹ und ›GBD‹, die seinerzeit ihre Produktion auf die neblige Insel Albion verlegten und fortan rechtlich als englische Firmen galten.
Bevor einzelne Hersteller und ihre Produkte vorgestellt werden, drängt sich die Frage auf: Was macht gerade die englischen Tabakpfeifen der erwähnten Epoche so interessant?
Stichpunkt Pfeifenklassiker. Die Hersteller legten Standardformen fest (von denen sie einige sogar patentieren ließen), und sie schufen Klassifikationen für Pfeifen, von denen die »Dunhill-Tabelle« die bekannteste ist.
Stichpunkt exzellente Materialbeschaffenheit. Hervorstechendstes Merkmal der Pfeifen jener Jahre war die vortreffliche Güte des Materials. Die Hersteller verarbeiteten hochwertiges Bruyère, arbeiteten zudem mit größter Sorgfalt. Sie warben buchstäblich um jeden (damals recht kundigen) Verbraucher und bemühten sich, mit ihren Pfeifen für einen maximalen Rauchgenuß zu sorgen. Um diesen Genuß zu ermöglichen, fing die Qualitätssicherung schon vor der eigentlichen Bearbeitung des Holzes an – ›Dunhill‹ etwa kochte das Bruyère in Öl, ›Barling‹ wiederum trocknete es jahrelang an der Luft – und setzte sich bei der ersten Qualitätsprüfung fort: ›Sasieni‹ beispielsweise kam nach der Bearbeitung der Rohlinge auf eine Ausschußquote, die bei etwa 50 Prozent lag.
Stichpunkt hohe Qualitätsstandards. Zu jener Zeit war es absolut undenkbar, daß man in einem guten Fachgeschäft mangelhaft gearbeitete oder »pfeifende« Mundstücke offe-riert bekam.

Barling
Die Firmengeschichte des Unternehmens führt zurück ins 18. Jahrhundert, als die Barlings in England als Silberjuweliere reüssierten. Anfang des 19. Jahrhunderts verzierte dann Benjamin Barling zunächst Meerschaumpfeifen mit Silberintarsien, ehe er in seinen Werkstätten im Londoner Stadtteil Soho damit begann, Pfeifen in Eigenproduktion herzustellen. Recht bald stellten sich beachtliche Erfolge ein, und auf der ersten ›Weltausstellung‹, die 1851 im Londoner ›Crystal Palace‹ stattfand, räumten seine Modelle mit der Produktbezeichnung ›Barling African‹ in der Kategorie »Meerschaumpfeifen« sämtliche Preise ab. Später führten die Söhne William und Edgar das väterliche Unternehmen fort und ließen die Initialen ›WB‹ und ›EB‹ auf silberne Ringe stanzen. Diese Initialen finden sich als ›WB EB‹ noch heute, sozusagen als »Gemeinschaftslogo«, auf den Pfeifen dieser Marke.

Um 1854 stellte ›Barling‹ dann als einer der ersten Hersteller (vermutlich gar als der erste überhaupt) Pfeifenköpfe aus Bruyère her. Die anderen Betriebe arbeiteten zu dieser Zeit vorwiegend noch mit (französischen) Importen, bei denen nur das Mundstück an- und das eigene Logo draufgesetzt wurden.
›Barling‹ erkannte früh die enormen Vorzüge des neuen Rohstoffs. Aufbauend auf der jahrelangen Produktionserfahrung mit Meerschaumpfeifen, trieb das Unternehmen die Fertigung hochwertiger Tabakpfeifen zügig voran. Nicht zufällig haben heute jene Pfeifen, die ›Barling‹ von der Jahrhundertwende bis in die sechziger Jahre gefertigt hat, einen außerordentlich hohen Sammlerwert. Für neuwertige im Sinne von unbenutzten bzw. kaum benutzten Pfeifen werden heute nicht selten Preise von 1.000 bis 1.500 Euro geboten, während gebrauchte Pfeifen etwa ab 150 Euro kosten.
Algerisches Bruyère und mehrjährige Lufttrocknungen erwiesen sich seinerzeit als Unterpfand des Barlingschen Erfolgs. Das Unternehmen machte Pfeifen von auserlesener Qualität, welche die ›Dunhills‹ jener Zeit noch übertrafen. Verarbeitet wurde ausschließlich hochwertiges, bis zu zweihundert Jahre altes Bruyère, und Defekte wie auch Kittstellen kamen so gut wie nicht vor. Kenner schätzten auch die außerordentlich komfortablen Barlingschen Mundstücke.
In der Geschichte von ›Barling‹ lassen sich die unterschiedlichen Epochen exakt nachweisen: Bis zu den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts datiert die Liebhaber-Sammelzeit »Pre Trans«, die Sechziger gelten als Übergangszeit (»Trans«), während um 1970 mit »Post Trans« eine Periode beginnt, die Tabakpfeifen ohne nennenswerten Sammlerwert hervorbrachte. Dagegen erweist sich die Pfeifenmarkierung der verschiedenen Perioden als kompliziert, mitunter gar als verwirrend. Als wichtigste Merkmale gelten die Aufschrift ›Barling’s Make‹ (in Druckschrift) und die Markierung der jeweiligen Pfeifengröße (M, L, EL, EXEL, EXEXEL). Ferner sind vier Arten der abschließenden Oberflächenbearbeitung zu erkennen: ›Ye Olde Wood‹ (glatt pflaumenfarben), ›Guinea Grain‹ (glatt ungebeizt), ›Fossil‹ (dunkel sandgestrahlt) und ›Specimen Straight‹ (Straight Grain). Meist handelt es sich um gerade Pfeifen, von denen am häufigsten die Formen ›Pot‹ und (später) ›Billiard‹ vorkommen. Dank des Produktionskatalogs lassen sich ›Barling’s Makes‹ gesichert sammeln – und das wichtigste: Der Wert einer Sammlung steigt von Jahr zu Jahr.
Tabakpfeifen waren damals übrigens ein begehrtes Firmengeschenk, und zahlreiche Betriebe bestellten beim renommierten Hersteller ›Barling‹. Während die meisten Unternehmen gewöhnlich auf den Herstellernachweis verzichteten, legten viele Kunden aus Prestigegründen gerade auf das Logo ›Barling‹ allergrößten Wert.
Nach einigem Auf und Ab trat die ›Barling Company‹, wie schon gesagt, ab Anfang der sechziger Jahre in die Übergangszeit ein (»Trans«), und in dieser Zeit gab es Änderungen in der Produktmarkierung. So führte man nach dem Firmenverkauf die verbraucherfreundlichen und informativen Zahlencodes ein, aber auch Buchstabencodes waren gebräuchlich. Ein vierstelliger Code beispielsweise enthielt nun die wichtigsten Eckdaten der Pfeife. Die erste Zahl stand für die Größe und die drei folgenden für die Form.

›BBB‹-Pfeife der Serie ›Own Make‹
In besagter Phase konnte man noch etliche Jahre Bruyère verarbeiten, das aus Vorkriegsbeständen stammte, weshalb die Qualität dieser Pfeifen als vorzüglich zu bezeichnen ist. Auch das Logo behielt man bei: ein durchgestrichenes ›Barling‹ am Mundstück. Die ausgezeichnete Qualität hielt sich noch bis in die frühen siebziger Jahre, und die Pfeifen aus dieser Zeit erzielen heutzutage beachtliche Sammlerpreise.
Mittlerweile führt das Unternehmen den Namen ›Barling London England‹, auch ›B. Barling and Sons‹. Gelegentlich trifft man auf Pfeifen der Nummer 6409 mit dem ehemaligen Logo ›Barling’s Make‹. Seit ab Anfang der siebziger Jahre die Qualität nicht mehr gehalten werden konnte, mangelt es nicht an Versuchen, mit limitierten hochpreisigen Auflagen dem Label zu neuem Glanz zu verhelfen. An der Beliebigkeit des übrigen Sortiments ändern sie jedoch nichts.
BBB
Rechtlich ist ›BBB‹ der älteste britische Hersteller von Bruyère-Pfeifen. Seit 1876 offiziell im Handelsregister eingetragen, wurde natürlich schon bedeutend früher – seit Mitte der vierziger Jahre jenes Jahrhunderts – produziert. Die meisten lasen ›BBB‹ als Abkürzung für »Best British Bruyère«, wogegen die Eigentümer sicherlich nichts einzuwenden hatten. Tatsächlich war aber ›Blumfeld’s Best Briars‹ gemeint, benannt nach dem langjährigen Firmenchef Louis Blumfeld.
›BBB‹- unterschieden sich damals von ›Barling‹-Pfeifen durch eine größere Formenvielfalt und ein unkonventionelleres Erscheinungsbild. Das Unternehmen experimentierte gerne mit dem Mundstückmaterial und stellte Pfeifen aus Hanffaser, Kirschholz, Kürbis und Ton her, ja sogar aus Mais. Den Gipfel seines Ruhms erlangte es Anfang des 20. Jahrhunderts: Zwischen 1908 und 1910 wurden seine Produkte auf internationalen Messen mit zahlreichen Preisen geehrt. Eine weitere Spezialität von ›BBB‹ waren sogenannte »Spigot-Mundstücke« (mit kegelförmiger Verbindung zum Holm) sowie Taschenpfeifen mit ovalem Kopf, während die hochwertigen Pfeifen nach wie vor mit Hornmundstücken versehen waren. Die ›BBB‹-Pfeifen vom Anfang des 20. Jahrhunderts werden heute übrigens mit etwa 100 bis 200 Euro gehandelt.
Die Pfeifen der darauffolgenden Jahrzehnte bestechen vor allem durch einen großartigen Formenreichtum. Sie erreichen nur deshalb nicht die Preise, die für ›Barlings‹ erzielt werden, weil sie – obwohl ebenfalls aus hochwertigem algerischem Bruyère – weniger aufwendig verarbeitet sind. Dennoch sind es durchweg echte englische Klassiker. Anfang der fünfziger Jahre erzielten sie – Stücke der hochpreisigen Serien ausgenommen – auf dem Sammlermarkt Preise von circa 100 US-Dollar. Aufgrund der großen Formenvielfalt nicht ganz einfach zu sammeln, passen sie gut in jede beliebige Sammlung und werden dem Pfeifenkenner viel Freude bereiten.
Die Firmenära von ›BBB‹ endete nach 1980. Heute wird die gleichnamige Handelsmarke von dem Unternehmen ›Cadogan‹ geführt.
Charatan
Die Geschichte von ›Charatan‹ beginnt im London des Jahres 1863 und geht zurück auf Fredrique Charatan, einen Emigranten aus Rußland. Nachdem sich der Unternehmensgründer im Jahre 1910 von den Geschäften zurückgezogen hatte, führte fortan sein Sohn Ruben die Firma. Dessen Witwe veräußerte schließlich 1960 das seinerzeit fast hundertjährige Familienunternehmen.
Es war der Hersteller ›Charatan‹, der als erster zur Komplettfertigung von Pfeifen überging; zuvor waren sie aus Einzelteilen zusammengesetzt worden. ›Charatan’s Make‹ wurde seinerzeit zur weltweit besten Marke erklärt, und viele Raucher und Sammler konnten dem nur zustimmen. Als ›Dunhill‹, ›Comoy‹ und ›Barling‹, ja eigentlich alle Hersteller, ihr Hauptaugenmerk auf die Pfeifenform richteten, ohne sich um die Holzmaserung zu kümmern, modellierte man bei ›Charatan‹ schon jede Pfeife nach ihrem naturgegebenen Muster.

Eine typische ›Charatan‹ für den US-Markt
Eine ›Charatan‹ findet man mühelos unter Tausenden von Pfeifen heraus. Während andere Hersteller längst zur maschinellen Fertigung übergegangen waren und Standardformen in Serie produzierten, wurde die ›Charatan’s Make‹ weiterhin per Hand gefertigt – jedenfalls so lange, wie es die Fabrik in der Prescott Street gab. Bis zum Ankauf der Marke ›Ben Wade‹ im Jahre 1965 und dem damit verbundenen Einsatz maschinell gefertigter Holme gab es praktisch bis 1973 überhaupt keine Maschinen in der Produktion – einzig Feilen und Sandpapier kamen zum Einsatz.
Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht verwunderlich, daß die seinerzeitige Shape-Tabelle (»Shape« = »Form«) nur ungefähre und keineswegs verbindliche Angaben enthielt. Der Meister folgte zwar bestimmten Vorgaben, kopierte sie jedoch nie. Im Grunde war er frei in der Formwahl und fertigte eigentlich »Freehands« an. Dennoch läßt sich eine gewisse Einheitlichkeit nachweisen, welche die Unverwechselbarkeit der ›Charatans‹ ausmacht.
Bei der Holzverarbeitung bedienten sich die Pfeifenmacher einer neuen Technologie: Das Bruyère wurde unter hohem Druck mit Wasserdampf bearbeitet und danach lange in Spezialöfen getrocknet. Dieses Verfahren minimierte die Materialverluste, erweiterte die Poren des Holzes und wirkte neutralisierend auf den Geschmack. Das Lufttrocknungsverfahren hingegen, das die meisten Hersteller (nach dem Sieden) verwandten, führte zu einem mehr oder weniger intensiven Beigeschmack nach Teer und Harz, während ›Dunhill‹, wie schon erwähnt, das Holz mit Öl bearbeitete (Oil curing), weshalb diese Pfeifen auch einen darauf zurückzuführenden spezifischen Beigeschmack hatten (und haben).
Als nach dem Zweiten Weltkrieg für ›Charatan‹ die Expansion auf den US-amerikanischen Markt einsetzte, blieb das nicht ohne Auswirkungen auf die Produkte des Pfeifenherstellers, denn die Amerikaner bevorzugten große Pfeifen. So avancierte der ›Pot‹ zum gängigen Modell dieser Jahre.
Im Jahre 1960 wurde ›Charatan‹ dann an ›Lane Limited‹ verkauft, eine Handelsfirma, welche die Produkte – die weiterhin von der alten Belegschaft gefertigt wurden – vornehmlich in den Vereinigten Staaten vermarktete. Bald kam die neue Handelsmarke ›Double Comfort Bit‹ auf den Markt – eine Pfeife mit doppeltem, sattelförmigem Mundstück, dessen Brauchbarkeit von vielen Rauchern (zu Recht) angezweifelt wurde. Ansonsten blieb bei ›Lane‹ alles beim alten. Einziger sichtbarer Ausdruck des Besitzerwechsels: Die Pfeifen zierte nun ein »L«.
Die ›Charatan‹-Pfeifen der sechziger wie auch der vorangegangenen Jahre des letzten Saeculums besitzen übrigens höchsten Sammlerwert. So werden beispielsweise bei den oberen Serien einige tausend Euro pro Exemplar erreicht.
Dann, 1978, erwarb ›Dunhill‹ die ›Lane Limited‹ – und läutete damit das Ende von ›Charatan’s Make‹ sowie des immer noch selbständig arbeitenden Fertigungsunternehmens ein. Vier Jahre später schlossen sich denn auch endgültig die Tore der Fabrik an der Prescott Street. Die neue Marke ›Dunhill-Charatan‹ war jetzt einfach nur eine passable Pfeife, die von Sammlern sogar weniger geschätzt wird als die ›Dunhill‹ selbst. Der Sieg des Business über die Kunst war ein endgültiger, und nachdem 1988 die Firma ›J.B. Russel‹ den Namen ›Charatan‹ erworben hatte, kann bei den Pfeifen dieser altehrwürdigen Handelsmarke nur noch von mäßiger Qualität gesprochen werden.
Die ›Charatans‹ lassen sich nur schwer zeitlich zuordnen. Im Unterschied zu ›Dunhill‹, das seine Pfeifen aus Gründen der Garantiegewährung durchdatiert, scherte man sich bei ›Charatan‹ wenig darum, wann das jeweilige Exemplar hergestellt wurde. Eine reklamierte ›Charatan‹ wurde, unabhängig von der Nutzungsdauer, anstandslos ersetzt. Ihr Herstellungsdatum läßt sich nur anhand kleiner Merkmale bestimmen und dann auch nur mit Attributen wie »ungefähr«, »um das Jahr« oder etwa »Mitte der sechziger Jahre«. Zwar gibt es darüber hinaus noch einige Anzeichen bezüglich der Schrift oder des Mundstücks, aber in diesem Fall betritt man ein Terrain, auf dem sich sonst nur ausgewiesene Fachleute bewegen. Allerdings läßt sich etwas zu den »Grades« sagen, jenen Seriennamen, wie sie von ›Charatan‹ verwendet worden sind …
• Rough. Rustiziertes Pfeifenrohr (Schnitzerei) und sandgestrahlter Kopf. Verwendet nach 1930 bei qualitativ minder guten Zulieferteilen. Mit der eingesetzten Rustiziertechnik wollte man wohl das im Besitz von ›Dunhill‹ befindliche Patent der Sandstrahltechnik umgehen.
• Rarity. Eine schöne Holzmaserung mit kleinen Mängeln, die unter Schnitzereien verborgen bleiben.
• Perfection. Mit sich überschneidenden Linien in der Maserung (Cross Grain). Manchmal auf Nußbaum gebeizt.
• Belvedere. Der nicht ideale Straight Grain (Längsschnitt des Holzes). Die niedrigste Klasse der glatten ›Charatan‹. Hierbei wird die Maserung durch Beizen verstärkt.
• Special. Nicht oder sehr schwach eingefärbt. Bessere, wenn auch nicht ideale Maserung.
• Distinction. Eine noch bessere Maserung. Durch geringfügiges Beizen betont.
• Executive. Steigerungen scheinen möglich zu sein. Ein noch schöneres Holz. Nach 1965 wird der obere Pfeifenkopfteil nach dem Muster der Plateauoberfläche rustiziert.
• After Hours. Ungebeizte Pfeifen erster Güte. Dank des Einsatzes am Mundstück von zusätzlichen Teilen aus Horn (später Acryl) gestattet es das Design von ›After Hours‹, preisgünstige Rohlinge als Verbindung zum Mundstück zu verwenden.
• Selected. Hier kommt man sehr nahe an die besten heran. Ohne Beize poliert.
• Supreme. Der beste Straight Grain aller Zeiten. Unvergleichlich. Ohne jegliche Beize.
Die Pfeifen der beiden höchsten Serien sind auf dem Markt äußerst selten – es sei denn, sie tauchen nach dem Ableben eines Sammlers auf Auktionen auf.
Es bleibt noch zu erwähnen, daß 1965 einige neue Serien herausgekommen sind, unter anderem ›Coronation‹, ›Achievement‹, ›Crown Achievement‹, ›Royal Achievement‹ und ›Summa Cum Laude‹. Auch heute noch werden ›Charatans‹ hergestellt, doch die nicht unbeträchtliche Anzahl von Kittstellen sowie die dunklen Lacke machen diese Pfeifen nicht mehr unterscheidbar von anderen Produkten des unteren Preissegments. Eine echte ›Charatan‹ der relevanten Sammelperiode (die vor 1965 endet) besticht dagegen durch ihre exzellente Qualität. Hält man eine solche Pfeife in den Händen, wird man sie niemals mit anderen verwechseln.
Comoy
Erstmalig tauchte der Name ›Comoy‹ im französischen St. Claude Anfang der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts auf. Dort stellte ein gewisser François Comojou bzw. Comoy Tonpfeifen her.
Im Jahre 1848 fertigten François und sein Sohn Luis die ersten Pfeifen aus einheimischem Bruyère. Henry Comoy, Enkel von François, gründete dann 1879 die ›Comoy’s of London‹. Das war der Anfang einer Erfolgsgeschichte. Schon bald schmückte das Logo ›HC‹, Synonym für hervorragende Qualität, die silbernen Pfeifenringe.
Die Handelsmarke erwies sich unter allen englischen Herstellern als die langlebigste. Wie viele andere, so ging auch sie letztendlich in den Besitz von ›Cadogan‹ über – und wurde als die populärste Marke dieses Unternehmens geschätzt. Nicht zufällig schmückt noch heute die meisten ›Cadogan‹-Pfeifen der berühmte Schriftzug.
›Comoy’s of London‹ rangierte bei den Pfeifenstückzahlen unangefochten auf Platz eins. Eine zweite Produktionsstätte befand sich in Frankreich und stellte unter anderem die Marken ›Chacom‹ und ›Chapuis-Comoy‹ her. Außerdem gab das Unternehmen enorme Stückzahlen unter anderen Markennamen in Auftrag. Hierzu zählen solche wie ›Tinder Box Royal Coachman‹, ›Tinder Box Royal Camelot‹ und ›Sunrise‹, die hauptsächlich in den Vereinigten Staaten Verbreitung fanden. Auch jede Pfeife von ›Davidoff‹ ist eine ›Comoy‹, ebenso wie die ›The Academy Award London Pipe‹, die anläßlich der ›Oscar‹-Verleihung überreicht wird. Sie sind am charakteristischen kreisförmigen Label »Made in London, England« sowie am typischen Schriftzug des Zahlencodes zu erkennen.
Was die Qualität der Pfeifen anbelangt, unternahm ›Comoy‹ eine ganze Menge, um das Sammeln der Pfeifen zu fördern. Es gab eine Vielzahl von Grades, also von Qualitätskategorien, wobei Pfeifen der oberen Serien ›Specime Straight Grain‹, ›Selected Straight Grain‹ und ›Blue Riband‹ in den Katalogen nicht auftauchten und auch nicht öffentlich ausgepreist wurden. Man deklarierte sie zu Einzelstücken, und der Zeitpunkt ihres Markteintritts war nie ganz gesichert. Kommen die ersten beiden Grades äußerst selten vor, gilt die ›Blue Riband‹ allgemein als des Sammlers Lieblingsstück.
Die Pfeifenpreise fangen bei knapp unter 100 Euro an und reichen bis etwa 150 Euro. Etwas niedriger werden die Grades ›London Pride‹ und ›Grand Slam‹ gehandelt, die ebenfalls aus vorzüglichem Bruyère hergestellt sind.
Bei den Formen gilt die einfache, gerade ›Billiard‹ als absolute Favoritin. Die Serie ›Extraordinaire‹ nimmt dagegen eine Sonderstellung ein, weil diese Pfeifen durch Maß und Holmlänge von den Standardformaten abweichen. Sie sind seltener, und die Preise liegen, je nach Zustand, meistens über 200 Euro. Pfeifen niedrigerer Grades wie ›Tradition‹, ›Guildhall‹ und ›Everyman‹ sind da wesentlich günstiger. Wenn auch nicht von idealer Bruyère-Qualität, bestechen sie durch eine gefällige Form, eine gute Qualität und hohen Rauchgenuß.
Text: Aleksandr Ivanov
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