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Pater familias und Enfant terrible
»Wenn der Peter damals eine Frittenbude aufgemacht hätte, hätte ›McDonald’s‹ heute Angst vor ihm.« Davon ist eine Kundin des Kölner Tabakwareneinzelhändlers überzeugt. Peter Heinrichs hat eine gute Nase, und er hat stets interessante und überraschende Einfälle (die meist auch gewinnbringend sind). Was der in Deutschland wohl Erfolgreichste seiner Zunft auch anpackt, scheint zu gelingen. Neben seinen mitunter ungewöhnlichen Ideen trägt noch etwas anderes zu seinem Erfolg bei: Harte Arbeit …

Der Fuhrpark ist beeindruckend. Neben einem eher unscheinbaren ›VW Beatle‹ zieht der ›Fleur de Lys‹, ein in England nachgebauter Oldtimer auf der Basis des legendären ›Ford T‹, schon eher die Blicke auf sich, wohingegen der Monoposto, ein ›Lotus‹ und ebenfalls eine Replik, in Sachen Aufmerksamkeit durchaus mit dem zuvor genannten Gefährt mithalten kann. Star der automobilen Riege ist jedoch der ›Kenworth‹, ein US-Truck von 21 Metern Länge, angetrieben von einem 10-Liter-Dieselmotor, der volle 640 PS leistet. Dort, wo sonst hinter den Fahrer- und Beifahrersitzen für schlafbedürftige Kapitäne der Landstraße eine Kabine eingerichtet ist, befindet sich eine Cigar Lounge mit eingebauten Humidoren. Auch ein Radio und ein Fernseher fehlen hier nicht: Auf dem Bildschirm kann man beispielsweise das ›Formel 1‹-Rennen, das gerade auf dem Eifeler ›Nürburgring‹ stattgefunden hat, in Auszügen noch einmal Revue passieren lassen. So manch ein Prominenter hat schon in dieser einzigartigen Lounge gesessen und dem gehobenen blauen Dunst gefrönt. Aber der Reihe nach …
Start am Heumarkt
Das Jahr 1908 ist ein ereignisreiches für den Kölner Einzelhändler Jakob Peter Heinrichs. Und das in zweifacher Hinsicht. In diesem Jahr wird sein Sohn Peter geboren, und in diesem Jahr eröffnet er am Kölner ›Heumarkt‹ einen kleinen Tabakladen: ›Pfeifen Heinrichs‹. Die Betonung auf Pfeifen hat seinen guten Grund: Der Besitzer stellt selbst Pfeifen her. Schnell sind die bescheidenen Anfänge vergessen, denn Jakob Peter praktiziert schon damals etwas, das man heute in deutschen Landen mitunter immer noch vergebens sucht: Mit einem beispiellosen Service gelingt es ihm, alle möglichen und oft auch unmöglichen Kundenwünsche zu erfüllen. Seine Kundschaft dankt ihm das, und da zu jener Zeit die Mund-zu-Mund-Propaganda bedeutend wichtiger ist als heutzutage, kann der rührige Einzelhändler einen stetig steigenden Umsatz registrieren. Unterstützung erhält er bald von seinem Sohn Peter. Der Junge ist schon vor seiner Einschulung oft in Laden und Lager zu finden. Das hat mit Kinderarbeit nichts zu tun, sondern vielmehr mit Interesse an all dem, was der Vater so treibt.
Als Jakob Peter 1932 stirbt, verfügt sein Sohn über ausreichend Rüstzeug, um die kleine Firma seines Vaters fortzuführen. Er wird seine Sache gut gemacht haben, denn das Geschäft am ›Heumarkt‹, nur einen großen Steinwurf vom ›Gürzenich‹ entfernt, treibt er weiter voran. Der ›Gürzenich‹, das ist Kölns gute Stube, und die ist vor allem dann zum Bersten voll, wenn es etwas zu feiern gibt – und gefeiert wird in der Domstadt viel, insbesondere in der »fünften Jahreszeit«, wenn in den Straßen der einstmaligen Colonia Agrippina Narren und Jecken das Sagen haben.
Wer in der Nähe des ›Gürzenich‹ ein Geschäft betreibt und mit Waren handelt, die einfach dazugehören, wenn der rheinische Frohsinn ausgelebt wird – und der Tabak ist so eine Ware –, der hat, wenn er sich nicht gerade ausgesprochen dumm anstellt, in relativ kurzer Zeit Zugang zu den »besseren Kreisen« Kölns, ist irgendwann mit den
Honoratioren auf du und du. Wohnt jemand nicht in der Großstadt am Rhein, spricht er in diesem Zusammenhang gerne – und etwas despektierlich – vom »Kölschen Klüngel«. Der Kölner selbst sieht das naturgemäß anders: Wer mit seinen Geschäftspartnern, tatsächlichen wie potentiellen, keinen guten Umgang pflegt, der wird zwar vielleicht sein Auskommen haben, also genug zum Überleben, doch ein »gutes Leben« wird er schwerlich führen können. Und Peter Heinrichs lebt gerne gut, auszumachen unter anderem an seinem beträchtlichen Leibesumfang – zu seinen »besten Zeiten« wiegt er um die dreieinhalb Zentner. Wie dem auch sei: Der Genußmensch hat es irgendwann geschafft, zu den angesehensten Bürgern seiner Stadt zu gehören.
Gute Zeiten in der Nähe des Gürzenich
In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg steigt sein Ansehen weiter. Als erster deutscher Tabakwarenhändler erhält er von der Besatzungsmacht eine Konzession, die ihn dazu berechtigt, seinen Laden wiederzueröffnen und seinen Geschäften nachzugehen. War den Kommandeuren vielleicht zu Ohren gekommen, daß Peter Heinrichs zusammen mit Konrad Adenauer, dem ehemaligen Oberbürgermeister von Köln und dem späteren Bundeskanzler, zahlreichen Verfolgten des Nazi-Regimes zur Flucht nach England verholfen hat? Was auch immer die Beweggründe der Alliierten gewesen sein mögen: Peter Heinrichs darf wieder Kunden bedienen und Waren verkaufen, zudem mit Tabak Handel treiben. Dieser »Handel« nimmt bisweilen skurrile Formen an: Er fährt zum Beispiel mit dem Tabak privater »Zulieferer«, den diese »Züchter« auf ihren Balkons und in ihren Gärten gezogen haben, nach Hamburg zur Tabakfabrik ›Von Eicken‹, und die Hanseaten bereiten in jenen Teilen ihres Betriebs, die im Krieg nicht zerstört worden sind, den Tabak auf und fertigen Cigaretten daraus, die Peter Heinrichs dann wieder seinen Zulieferern aushändigt. Geld bekommt er nicht dafür. In den westlichen Besatzungszonen – nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs geschaffen und erst mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Mai 1949 aufgelöst – wird bis zur Währungseinführung der D-Mark im April 1948 mit Bezugsscheinen bezahlt, jedenfalls vordergründig. Für begehrte Produkte ist der Schwarzmarkt da, in diesen Jahren praktisch der einzige Umschlagplatz für gefragte Alltagsgüter. Wer schließlich das erhält, wofür er bestehendes Gesetz übertreten hat (Schwarzhandel steht unter Strafe), der schätzt sich glücklich, und so manch erworbene Ware macht das triste Leben der Nachkriegszeit für einige Stunden vergessen.
Auch wenn Peter Heinrichs von seinen Lieferanten und Abnehmern kein Geld erhält, so legt er mit seinem Tun einen wichtigen Grundstein für sein auch nach dem Krieg prosperierendes Geschäft: All jene Menschen, denen er zunächst den Tabak abnimmt, um sie dann mit Cigaretten zu versorgen, erweitern im Köln der fünfziger Jahre seinen ohnehin ansehnlichen Kundenstamm. In diesen fünfziger Jahren steigt er dann zu einem der wohlhabendsten Bürger der Stadt Köln auf. So kann er es sich beispielsweise leisten, von 1955 bis 1958 mit seiner Frau und seinen vier Kindern Jahr für Jahr in den Sommerferien für zwei Wochen nach Monte Carlo zu fahren, um im ›Hôtel de Paris‹ Urlaub zu machen. In den Jahren danach heißt das Ziel meistens ›Hotel Kastanienbaum‹, ein, nach damaligen Kategorien, Fünf-Sterne-Haus, gelegen nahe Luzern direkt am Vierwaldstätter See. Materielle Not kennt die Familie Heinrichs also nicht – und: Wo Geld ist, da kommt nicht selten noch mehr Geld hinzu. Innerhalb eines Jahres, 1957, gewinnt Peter Heinrichs gleich zweimal die damalige Höchstsumme im ›Lotto‹: 500.000 Mark. Das ist seinerzeit eine gehörige Menge Geld.
Schwere Zeiten am Heumarkt
Der Vater ist für seinen einzigen Sohn, ebenfalls auf den Namen Peter getauft, Vorbild und Ansporn zugleich. Nachdem Peter junior mit knapp vierzehn Jahren seinen Volksschulabschluß gemacht hat, beginnt er bei Peter senior eine Lehre als Großhandelskaufmann. Diese Ausbildung kann der Sohn jedoch nicht mehr unter der Ägide seines Vaters beenden – Peter Heinrichs senior stirbt 1962; da ist der Sohn noch nicht einmal sechzehn. Von dem beträchtlichen Erbe sieht der junge Heinrichs nichts; die nächsten Verwandten machen ihm da einen dicken Strich durch die Rechnung. Peter beendet seine Lehre bei seinem Onkel, der noch im nämlichen Jahr unter dem alten Namen ›Pfeifen Heinrichs‹ ein Tabakwarengeschäft vis-à-vis des ›Gürzenich‹ eröffnet.
Es brechen schwere Zeiten an für Peter Heinrichs und Gertrud Bayer, seine Freundin. Seit gut einem Jahr sind sie ein Paar. Die zwei Jahre jüngere Gertrud unterstützt ihren Peter, wo sie nur kann – und so ist das auch heute noch. Peter Heinrichs: »Ohne mein Traudchen ständen wir heute nicht so gut da. Alles, was wir erreicht haben, ist zu einem großen Teil ihr Verdienst. Am Anfang, als es uns schlecht ging, hat sie frühmorgens Brötchen und Zeitungen ausgetragen, und tagsüber hat sie geputzt und mich in der Firma unterstützt, und auch noch heute kann ich mich hundertprozentig auf sie verlassen.« Die Firma, das ist ein Tabakgroßhandel, den Peter Heinrichs gegründet hat. Zu diesem Zeitpunkt ist er gerade einmal siebzehn Jahre alt, der Jüngste dieser Branche in Deutschland. Das ist mehr als mutig. Peter Heinrichs: »Ich habe von dem Erbe meines Vaters zwar keine müde Mark gesehen, aber ich habe von ihm etwas viel Wichtigeres geerbt, etwas, das man mit keinem Geld der Welt bezahlen kann: Wenn man eine Sache angeht, dann muß man an sich und an diese Sache glauben, man muß mit Herz, Seele und vollem Einsatz an die Umsetzung gehen, und man muß immer bestrebt sein, besser zu sein als die anderen. Wenn man diese Einstellung hat, gepaart mit Gottvertrauen, dann kommt der dafür notwendige Optimismus von alleine, dann schafft man schließlich auch das, was man sich vorgenommen hat.«
Die Ausgangslage, in der sich das junge Paar seinerzeit befindet, ist nicht gerade rosig zu nennen. Peter verfügt über ein »Startkapital« von gerade einmal 3.000 Mark. Das ist natürlich viel zu wenig, um eine Firma zu gründen. Aber der Name Heinrichs hat nach wie vor einen guten Klang in der Domstadt. Bei dem Privatbankier Karl Götte fragt er nach einem Darlehen über 200.000 Mark an. Götte ist bereit, ihm diese Summe auszuzahlen, vorausgesetzt, er kann einen Bürgen stellen. Den findet der Jungunternehmer in einem jüdischen Kaffeehändler, der in dieser Zeit seine Ware von Haus zu Haus verkauft. Jetzt heißt es anpacken, denn jeden Sonntag muß der Darlehensnehmer zum Rapport und seinem Bürgen ausführlich Bericht erstatten, wie es um den Großhandel im allgemeinen und die Finanzen im besonderen steht.

Große Entbehrungen und harte Arbeit – das ist in den nächsten Jahren der Lebensinhalt von Peter und seiner Gertrud (die erst 1969 heiraten). Sechzehn, achtzehn Stunden am Tag brauchen sie, um Cigarettenautomaten zu bestücken, Einzelhändler und die Kantinen von Großunternehmen mit Tabakwaren zu beliefern – und auch Strafanstalten, so etwa den berühmt-berüchtigten »Klingelpütz« in Köln-Ossendorf. Sie alle zählen zu den Kunden des ›Tabakwarengroßhandels Peter Heinrichs‹. Ihr Einsatz zahlt sich aus: Das Darlehen ist relativ schnell abbezahlt, und allmählich kehrt Wohlstand ein. Dann, 1974, verkauft Peter Heinrichs seinen Großhandel für gutes Geld an die Brüder Grünewald in Mönchengladbach (die schon wenige Jahre später mit ihrem Unternehmen ›tobaccoland‹ zu einem der ganz Großen in der Branche aufsteigen werden).
Der Grund? Gertrud und Peter Heinrichs hält nichts mehr in Deutschland. Sie brechen alle Zelte ab und gehen mit ihren bis dahin geborenen Töchtern Tanja und Petra nach Spanien (die später noch eine Schwester bekommen werden, Sandra). Dort soll eine neue Existenz aufgebaut werden. Doch es kommt anders als geplant und erhofft. Nach einem schweren Autounfall in Südspanien liegt Tanja mehrere Monate im Krankenhaus. Das Thema Spanien ist damit erledigt. Die Familie Heinrichs kehrt nach Köln zurück.

Neubeginn am Neumarkt
Peter Heinrichs eröffnet 1975 direkt am ›Neumarkt‹, auf der Hahnenstraße, das ›Haus der 10.000 Pfeifen‹ – der ehemalige Großhändler will sich mit einem Einzelhandelsgeschäft eine neue Existenz aufbauen. Zu der Zeit ist die Konkurrenz groß: Rund fünfzehn Tabakwarengeschäfte gibt es in Köln, darunter zahlreiche etablierte, wie etwa die »Konkurrenz« am ›Gürzenich‹ – sein Cousin Ernst betreibt jetzt das Stammhaus ›Pfeifen Heinrichs‹. Schon mit der Eröffnung in der Hahnenstraße werden Wetten abgeschlossen, wie lange sich »dä Pitter« denn halten wird. »Dä Pitter« hält sich – bis heute. Peter Heinrichs hat Erfolg, wohl auch und gerade deshalb, weil er neue Wege geht. In seinem Focus hat er eindeutig den Genußraucher, und so setzt er von Beginn an auf drei Säulen: Tabak, Pfeifen und Cigarren nebst einem umfangreichen Angebot an dazugehörigen Accessoires. Was Cigaretten anbelangt, hat er dagegen nur wenige Marken im Angebot. Seine Philosophie: Lieber einige wenige, miteinander verwandte Bereiche richtig betreiben als viele Bereiche abdecken wollen. Zu groß ist die Gefahr, sich zu verzetteln und den Überblick zu verlieren. Ein erster, markanter Ausdruck seiner Philosophie: 1978, nur drei Jahre nach Geschäftseröffnung, verfügt das ›Haus der 10.000 Pfeifen‹ über einen begehbaren Humidor (den man bis dato in Deutschland vergeblich gesucht hat). Dann wiederum bietet er zum Beispiel vergleichbare Pfeifen stets günstiger an als die Konkurrenz – und er nimmt den Pfeifen bewußt das Elitäre, das ihnen seinerzeit anhaftet, denn für ihn ist auch der »kleine Mann« wichtiger Kunde.
Nachdem sich Peter Heinrichs etabliert und der Konkurrenz die Zähne gezeigt hat, unternimmt er 1984 erneut etwas, das Aufsehen in der Branche erregt: Als erster deutscher Pfeifenhändler reist er in die Vereinigten Staaten und bietet auf »Pipe Shows« Pfeifen an. Zwei Jahre später gibt es in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Mail-Order-Firma ›Heinrichs & Levin‹, die Pfeifen anbietet, und im selben Jahr einen Pfeifenladen in San Francisco unter dem Namen ›Peter Heinrichs‹, den sein dortiger Partner Martin Pulver als Franchise-Nehmer führt. Mittlerweile gibt es die damaligen Partner nicht mehr, aber über die Firma ›Kohlhase & Kopp‹ in Rellingen bei Hamburg beliefert Peter Heinrichs heute noch den Großhändler Alan Schwartz in Atlanta mit Tabaken, die seinen Namen tragen.

Im Jahre 1992 kommt eine vierte Säule hinzu: die Cigarette, der er bisher praktisch die kalte Schulter gezeigt hat. Peter Heinrichs: »Ich hatte einen Kunden, einen Postbeamten, der regelmäßig bei mir Pfeifentabak kaufte. Nichts anderes. Eines Tages sprach ich ihn an: ›Guter Mann – ich habe da einige interessante Pfeifen im Angebot. Schauen Sie sich die doch einmal an. Bestimmt werden Sie eine finden, die Ihnen zusagt.‹ Seine Antwort: ›Ich rauche keine Pfeife.‹ Ich war perplex: ›Und was machen Sie mit dem ganzen Tabak, den Sie bei mir kaufen?‹ Er verblüffte mich erneut: ›Den gebe ich in die Kaffeemühle und zerkleinere ihn, um mir dann daraus meine Cigaretten zu drehen. Die schmecken sehr würzig und riechen auch noch gut.‹ – Einige Monate später habe ich Michael Kohlhase zu einer Tabakfabrik in Belgien begleitet. Als wir mit dem Geschäftsführer von ›Flandria‹ an einem Tisch saßen, habe ich ihn dann irgendwann gefragt, ob er sich vorstellen könne, aus Pfeifentabak aromatische Cigaretten herzustellen. Er fand die Idee überlegenswert, und wir machten uns an die Arbeit. Es folgte ein sehr langer Prozeß des Probierens und Testens, bis wir mit den Ergebnissen zufrieden waren und die Produktion starteten.«·Heute schlägt der gebürtige Kölner deutschlandweit über hundertsiebzig Millionen Cigaretten im Jahr unter den Markennamen ›Peter Heinrichs‹ und ›Crûe Pierre Henri‹ um.
Expansion in Niederaußem
Mittlerweile wohnen Gertrud und Peter Heinrichs in Niederaußem, einem Ort, der zur Stadt Bergheim gehört. Der Umzug in das Industriegebiet, angesiedelt im Schatten des gigantischen ›Kraftwerks Niederaußem‹, das vom Energieriesen ›RWE‹ als Braunkohlengroßkraftwerk betrieben wird, hängt eng mit besagter vierter Säule zusammen …
Auf der Suche nach einem Lager für die enorme Stückzahl von Cigaretten wird man in Niederaußem fündig. Die Grundstückspreise dort sind relativ günstig, außerdem gibt es eine direkte Anbindung an die Autobahn ›Ludwigshafen–Venlo‹, und so entschließt man sich nach kurzer Überlegung, hier das Cigarettenlager bauen zu lassen. Die Überlegungen gehen weiter: Wenn man hier schon einmal einen Standort hat – warum denn nicht auch ein repräsentatives Tabakwarengeschäft betreiben? 1994 entsteht das ›Château Henri‹, ein weitläufiges Ladenlokal mit einem großen begehbaren Humidor sowie einem Tabakmuseum in der ersten Etage. Nicht wenige Kunden und Freunde des Hauses haben ihre Zweifel, ob die Entscheidung für solch einen »Provinzstandort« eine gute Entscheidung ist. Peter Heinrichs’ Erwiderung darauf ist eindeutig: »Wenn du ein erstklassiges Sortiment bereithältst und den entsprechenden Service lieferst, dann kommen die Leute wie selbstverständlich zu dir, selbst wenn du am Ende der Welt deinen Laden hast. Andererseits: Du kannst einen Laden in der besten Lage einer Großstadt haben – eine solche Lage nützt dir nichts, wenn dein Geschäft schlecht geführt ist.« Der Mann mit dem sicheren Instinkt für gewinnbringende Entscheidungen und Investitionen sollte wieder einmal recht behalten. Der Standort Bergheim-Niederaußem, den Gertrud Heinrichs führt, unterstützt von ihren drei Töchtern (mittelfristig vielleicht auch von einigen ihrer mittlerweile sieben Enkelkinder), ist längst von den Aficionados angenommen worden, nicht zuletzt auch dank des zweimal im Jahr stattfindenden ›Smokers-Treff‹, inzwischen legendär und stets von mehreren hundert Tabakfreunden aus allen Teilen der Republik besucht. Der Standort gewinnt noch zusätzlich an Bedeutung, als hier 2004 die zweite ›Casa del Habano‹ Deutschlands ihre Türen öffnet. Selbst nachdem sich die ›Casa‹ nach ihrem Umzug im Jahre 2006 in der Kölner Hahnenstraße wiederfindet, halten viele Niederaußem die Treue. Sie mögen die Atmosphäre, die weit von jeglicher Hektik entfernt ist, sind auch erfreut über die zahlreichen Parkplätze direkt vor dem ›Château Henri‹ – ein nicht zu unterschätzender Aspekt in einer Zeit des knappen Stellplatzangebots für Fahrzeuge.
Vor dem ›Château Henri‹ könnte noch mehr Raum sein, stünde da nicht der ›Kenworth‹, der eingangs erwähnte Truck mit seinen 21 Metern Länge. Den hat Peter Heinrichs 2001 in der Neuen Welt, während eines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten, für 250.000 Mark gekauft. Als er mit dieser Nachricht nach Deutschland zurückkehrt, zeigt seine Frau zum ersten Mal Unverständnis für eine seiner Entscheidungen. Mittlerweile hat sie sich an das Monstergefährt gewöhnt, denn mit dem Truck lassen sich nicht nur die Cigaretten aus Belgien problemlos und relativ kostengünstig transportieren, sondern der Trailer des Trucks bietet mit seinen riesigen Seitenwänden zudem ausreichend Fläche für den werblichen Auftritt der Privatfirma ›Peter Heinrichs‹. Seit neuestem wird auf dieser Fläche die ›Baron Ullmann‹ beworben, eine der jüngeren Premium-Cigarren auf dem Markt, die das deutsch-spanische Besitzerduo in der Dominikanischen Republik herstellen läßt und für deren Alleinvertreib ›Peter Heinrichs‹ verantwortlich zeichnet.
Die anderen Exemplare der automobilen Flotte stehen dagegen als fahrende, meist jedoch als parkende Werbeträger ausschließlich im Dienste der Firma ›Peter Heinrichs‹. Sie sind also kein Selbstzweck, befriedigen auch nicht irgendeinen Spleen des Hausherrn, denn für Peter Heinrichs gilt: »Die Familie ist die Firma.« Das ließe sich auch umgekehrt sehen: Die Firma ist die Familie. Alle erwachsenen Familienmitglieder repräsentieren sie und geben ihr ein ganz eigenes, menschliches Gesicht – die Ehefrau und die drei Töchter, wie schon erwähnt, in Niederaußem, der Pater familias mit seinen (männlichen) Angestellten in der Kölner Hahnenstraße. Für seine Kunden öffnet hier Peter Heinrichs jeden Morgen, sonntags ausgenommen, um sechs Uhr das Geschäft, das erst abends um zehn wieder geschlossen wird. Wirtschaftliche Notwendigkeit? »Das weniger«, meint der Rastlose, »aber das ist mein Verständnis vom Dienst am Kunden. Jeder meiner Kunden weiß um die langen Öffnungszeiten. Derjenige, der beispielsweise um sechs Uhr Büroschluß hat, muß sich nicht abhetzen, um noch seine Cigarre oder seinen Pfeifentabak für den Abend kaufen zu können. Er muß nicht, aber er kann sich seine Zeit einteilen und entspannt die Produkte in Augenschein nehmen, die er in seine engere Wahl gezogen hat. Und außerdem: Wenn andere um zehn Uhr ihren Laden aufmachen, habe ich mein Geld schon verdient.« Erfolg kommt eben nicht von ungefähr. Meist steckt harte Arbeit dahinter …
Text: Dieter H. Wirtz
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