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Gottfried Heller: Den Mutigen gehört die Welt
»Mögest du in interessanten Zeiten leben.« Dieser wohlmeinend klingende chinesische
Spruch ist keineswegs als freundlicher Wunsch gedacht. Er zielt auf bewegte Zeiten ab,
die Tumult und Aufruhr mit sich bringen. In diesem Sinne von einer »interessanten
Zeit« zu sprechen – das ist angesichts der derzeitigen Situation an den Finanzmärkten
durchaus legitim. Denn: Die Börsen fahren Achterbahn. Weil dem so ist, sollte sich
mancher an eine alte Börsenweisheit erinnern, die besagt: Mutige Anleger greifen bei
heftigen Börsenturbulenzen beherzt zu …
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New York ist nach wie vor der bedeutendste international ausgerichtete Finanzplatz. Nicht von ungefähr dokumentiert denn auch in »Big Apple« eines der wichtigsten Börsenbarometer das Auf und Ab der Finanzmärkte. Gemeint ist der ›Standard & Poor’s 500‹. Nach einem scharfen Einbruch Ende Februar konnte der Index bis Mitte Juli gegenüber dem Jahresanfang ein merkliches Plus verzeichnen. Anfang Oktober tendierte er dann gegen Null. Diese Entwicklung in besagtem Zeitraum unterstreicht so manch anderer beachtenswerter Index: Der ›DAX‹ hatte schon einen Gewinn von 22 Prozent angehäuft, mußte aber inzwischen wieder 9 Prozentpunkte abgeben. Dagegen wies der ›Euro Stoxx‹ lediglich ein mageres Plus von etwa 2 Prozent auf, während der japanische ›Nikkei‹ sogar – in Euro gerechnet – sogar mit 8 Prozent im Minus stand. Auch mit Renten war kein Blumentopf zu gewinnen: Der deutsche ›REX‹ brachte es auf gut 2 Prozent, und der internationale Rentenindex steht – ebenfalls in Euro gerechnet – nahe Null. Die Märkte sind stark verunsichert. So notiert der Volatilitätsindex ›VDAX‹, quasi ein Angstbarometer, bei 23. Das will etwas heißen: Die Börsianer rechnen beim ›DAX‹ mit einer Schwankungsbreite von 23 Prozent, ein Wert, der doppelt so hoch liegt wie am Jahresanfang. Das alles ist kennzeichnend für eine krisenhafte Entwicklung. Der Auslöser für die Turbulenzen an den Finanzmärkten sind die ›Subprime Loans‹, die Hypothekenkredite mit geringer Bonität. Um sich vor Ausfällen zu schützen, hatten vorwiegend US-Banken diese Kredite verbrieft, in Pakete gebündelt und weltweit an Banken, Pensionsfonds und Hedge Fonds verkauft. Diese neuen Finanzkreationen – in den USA »Financial Engineering« genannt – waren eigentlich »Black Boxes«: Anlagevehikel mit undurchschaubarem, dubiosem Inhalt, deren Kurs nicht an der Börse zustande gekommen war, sondern nach Computermodellen errechnet wurde. Als sie am Markt zum Verkauf angeboten wurden, fanden sie keine Abnehmer, und wenn, dann nur mit erheblichen Kursabschlägen. Das ist einer der (gewichtigen) Gründe, warum die Banken derzeit untereinander mißtrauen und sich gegenseitig kein Geld leihen, sondern Geld horten, weil sie nicht wissen, wer noch »Leichen im Keller« hat. Von Mitte Mai bis Anfang Oktober sind die Zinsen der zehnjährigen US-Staatsanleihen um fast einen Prozentpunkt auf 4,4 Prozent gefallen, während der Zins für Dreimonatsgeld in London (›LIBOR‹) auf 6,9 Prozent gestiegen ist. Die niedrigen langfristigen Zinsen deuten auf eine mögliche Rezession in den USA hin, während die höheren kurzfristigen Zinsen dagegen eine akute Geldklemme signalisieren. Der Grund für die scharf gestiegenen kurzfristigen Zinsen ist der ins Stocken geratene Geldkreislauf. Das beunruhigt auch Ben Shalom Bernanke, Chairman des ›Federal Reserve Board‹ (›Fed‹) und somit Notenbankchef der USA. Bernanke hob kürzlich in seiner Rede beim alljährlichen Treffen der internationalen Finanzelite in Jackson Hole hervor, wie essentiell wichtig gut funktionierende Finanzmärkte für eine prosperierende Wirtschaft sind. Die ›Fed‹ ist sowohl für die Stabilität des Geldes als auch für die des Finanzsystems verantwortlich. Sie hat gute Gründe für eine Zinssenkung: Die US-Konjunktur kühlt ab; der Arbeitsmarkt hat im August zum ersten Mal seit Jahren stagniert; der Immobilienmarkt ist schwach; ebenso sind es die Einzelhandelsumsätze. Besteht also die Gefahr einer US-Rezession? Obwohl die derzeitige Situation nicht gerade als »rosig« bezeichnet werden kann, ist das wenig wahrscheinlich. Die ›Fed‹ hat viel Spielraum: Sie hat die Leitzinsen bereits um 0,5 Prozentpunkte gesenkt und kann sie vom jetzigen Niveau (4,75 %) noch weiter um ein oder gar zwei Prozentpunkte senken. Das würde nicht nur der Wirtschaft, sondern auch dem angeschlagenen Immobilienbereich etwas auf die Beine helfen und den Markt der verbrieften Immobilienkredite wieder in Gang setzen. Die USA sind heute nicht mehr der einzige »Gorilla« in der Weltwirtschaft. Inzwischen sind mit China, Indien und der ›Europäischen Union‹ einschließlich Osteuropa weitere ernstzunehmende wirtschaftliche Schwergewichte entstanden. Daher führt es etwas in die Irre, wenn die Auguren bei ihren Konjunkturprognosen immer noch auf das Wohl und Wehe der US-Wirtschaft fixiert sind. Kurzfristig werden die Börsen weiter Achterbahn fahren, weil die dubiosen Kreditpakete weltweit bei Großinvestoren (Banken, Hedge Fonds) gestreut sind und somit die Unsicherheit bestehen bleibt. Doch eine Medaille hat bekanntlich immer zwei Seiten – so auch in diesem Fall: Im Rückblick auf frühere Finanzkrisen zeigt sich, daß in solchen Zeiten die Kaufgelegenheiten für Aktien stets gut waren. Fest steht auch, daß Aktien die einzige Anlageklasse sind, in der keine Blasenbildung stattgefunden hat. Mittelfristig werden die »interessanten Zeiten« an den Finanzmärkten wohl wieder vorbei sein, denn wer die zahlreichen finanz- und wirtschaftlichen Parameter eingehend untersucht, der wird zu der Annahme kommen: Das Jahr 2008 wird kein schlechtes Börsenjahr.


 
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