![]() |
 |
![]() |
|
Von Märchen und Mönchen, einem Spleen und einem Schloß

Die Karpaten beispielsweise gehören zu jenen legendendurchwaberten Regionen. Dort soll Graf Dracula ständig auf der Suche nach menschlichem Blut gewesen sein. Ebenso verhält es sich mit dem Südwesten Englands, Heimat des sagenhaften Königs Artur und des Zauberers Merlin. Dort spielt auch die Geschichte von Tristan und Isolde, lange Zeit das berühmteste Liebespaar der Weltliteratur, bis Shakespeares Protagonisten Romeo und Julia die Bühne betraten. Spuren von Tristan und Isolde wie auch von Artur und Merlin finden sich nicht nur in England, sondern auch im Westen Frankreichs, in der Bretagne und der Normandie. Namentlich die Bretagne mit ihrer zerklüfteten Küste und den von der Brandung blankgescheuerten Felsen und Klippen kann mit zahlreichen Geschichten aufwarten, in denen Wahrheit und Fiktion eine wundersame Liaison eingehen, während in der Normandie neben den legendenbehafteten Gestalten, die beispielsweise mit dem ›Mont-St-Michel‹ in Verbindung gebracht werden, auch Menschen gewirkt haben, deren Einfluß auf die damalige Zeit erheblich gewesen ist. Da ist zunächst der Wikingerführer Rollo zu nennen, der sich Anfang des 9. Jahrhunderts der Region um die Seine-Mündung bemächtigt, dann Wilhelm der Eroberer, der sich von der Normandie nach Britannien begibt und sich nach der siegreichen Schlacht von Hastings im Jahre 1066 die englische Krone aufsetzt, ferner der königliche Kreuzfahrer Richard Löwenherz, dessen Leben sich heroisch und bühnengerecht zugleich abspielt, nicht zu vergessen Jeanne d’Arc, auch sie Lichtgestalt und tragische Heldin.
Die wechselhaften Fügungen in der Geschichte der Normandie haben ihre Bewohner nie davon abgehalten, sich den geschmacklichen Sinnesfreuden hinzugeben. Hier ist die Heimat des Cidre und des Calvados, des weniger und des stark gehaltvollen Getränks, deren Grundlage der Apfel ist, und hier ist auch der Camembert erfunden worden. Er geht zurück auf die Bäuerin Marie Fontaine Harel aus dem Dorf Camembert im Département Orne. Während der Wirren der Französischen Revolution suchte ein Abbé namens Charles-Jean Bonvoust aus der nahe Paris gelegenen Region Brie bei ihr Unterschlupf und weihte sie als Dank für die Gewährung des Obdachs in die Geheimnisse der Käseherstellung ein. Nicht alles mag an dieser Geschichte wahr sein, aber Madame Harel hat es wirklich gegeben, und sie hat tatsächlich köstlichen Weichkäse hergestellt. Verbürgt ist außerdem die Existenz eines Gottesmannes, der ebenfalls in der Normandie gelebt und der ein ganz besonderes Elixier kreiert hat …
Es gibt Spirituosen, die sind zeitlos. Ihre Geschichte liest sich oft wie ein Abenteuer. Wie die vom Liqueur ›Bénédictine‹. Im Jahre 1510 von dem Mönch Dom Bernardo Vincelli in der Abtei von Fécamp, einer Küstenstadt zwischen Le Havre und Dieppe, aus siebenundzwanzig kostbaren Ingredienzen komponiert (darunter Eisenkraut und Melisse, Engelwurz, Muskat und Vanille), erhält dieser Liqueur des Benediktiners wenig später vom französischen König Franz I. als »Élixir favorisé« seines Hofes die adeligen Weihen. In den Wirren der Französischen Revolution wird die Abtei zerstört, und Dom Bernardos Rezept verschwindet. Erst 1863 findet Alexandre Le Grand, Weinhändler in Fécamp, das Rezept zufällig in einem Archiv der Stadt und beschließt, dem ›Bénédictine‹ neues Leben einzuhauchen. Der Exzentriker Le Grand erfüllt sich seinen Kindheitstraum und baut um die Produktionsstätte sein Märchenschloß, ein pompöses Palais, das bald nach der Errichtung bis auf die Grundfesten niederbrennt. Le Grand ist nicht gewillt, seinen steingewordenen Traum zu begraben, und baut das Palais mit Hilfe des berühmten Architekten Camille Albert wieder auf. Die ganze Geschichte würde Bände füllen …
Le Grand hinterläßt eine Frau, fast ebenso viele Kinder, wie Ingredienzen im ›Bénédictine‹ zu finden sind, nämlich vierundzwanzig, eine umfangreiche Sammlung an Kunstschätzen und einen Liqueur, der über achthundertmal erfolglos kopiert worden ist, der immer noch im prunkhaften Palais an der normannischen Küste hergestellt wird und den der Liebhaber eines guten Liqueurs mittlerweile in jeder besseren Bar auf der Welt bestellen kann. Pur, auf Eis oder halb und halb mit einem feinen Cognac, etwa einem ›Otard‹, auf Eis – ein über Jahrhunderte bewährter, zeitloser Genuß, den sich ein Connaisseur zwischen all den Trends, die auf dem Spiri-
tuosenmarkt einander ablösen, einmal gönnen sollte.
Text: Hans Dietrichsen
|
|