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Sport und Luxus

Mit Champagner, Weinen und Spirituosen, mit Mode (›Kenzo‹, ›Givenchy‹), Lederwaren (›Louis Vuitton‹), Parfums und Kosmetika (›Dior‹, ›Guerlain‹) sowie mit Schmuck und Uhren machte die französische Gruppe ›LVMH‹ allein im ersten Quartal des Jahres 2007 einen Umsatz von 3,8 Milliarden Euro. Dabei habe sich, so die Konzernleitung, die steigende Nachfrage nach Luxusartikeln auf alle Segmente positiv ausgewirkt. Wachstumstreiber Nummer eins sei aber das Segment »Uhren & Schmuck« gewesen. Hier habe die hohe Nachfrage nach Uhren zu einem Wachstum von 27 Prozent geführt.
Damit ist nicht zum ersten Mal die unternehmerische Entscheidung von 1999 bestätigt worden, als der Konzern beschlossen hatte, hochwertige mechanische Uhren in sein Portfolio aufzunehmen. In jenem Jahr wurden die bis dahin eigenständigen Schweizer Traditionsmarken ›TAG Heuer‹ und ›Zenith‹ in den Luxuskonzern integriert, später auch noch ›Ebel‹ (die jedoch 2004 an die ›Movado‹-Gruppe weiterverkauft wurde). Damit rundeten die Franzosen das Segment »Uhren und Schmuck« ab, das bis dahin aus dem Diamantenspezialisten ›De Beers‹ sowie den Schmuckuhrenmarken ›Montres Dior‹ und ›Chaumet‹ bestanden hatte; allerdings sprachen (und sprechen) die letztgenannten Marken in erster Linie die weibliche Kundschaft an. Erst seit jüngerer Zeit bietet ›Dior‹ Herrenuhren mit mechanischen Uhrwerken an, und auch die Ledermarke ›Louis Vuitton‹ führt seit gut zwei Jahren mechanische Zeitmesser. Weil jedoch sowohl ›TAG Heuer‹ als auch ›Zenith‹ bei ›LVMH‹ die traditionsreiche Schweizer Uhrmacherei repräsentieren, wollen wir uns hier vor allem auf diese beiden Marken konzentrieren.

TAG Heuer: Es lebe der Sport
›TAG Heuer‹ ist von Anfang an mit dem Sport verbunden, insbesondere mit der Sportzeitmessung. Ob Reitsport oder Leichtathletik, ob Auto- oder Skirennen – sportliche Spitzenleistungen mit höchster Präzision meßbar zu machen gehört seit Gründung des Unternehmens im Jahre 1860 zu den Kernkompetenzen des Schweizer Herstellers von Chronographen, Sport- und Prestigeuhren. Charles-Auguste Heuer, Sohn des Firmengründers, entwickelte im Jahre 1916 das erste mechanische Zeitmeßinstrument, welches die Hundertstelsekunde meßbar machte, und so nimmt es nicht wunder, daß die Firma ›Heuer‹ in den Jahren 1920, 1924 und 1928 als offizieller Zeitnehmer bei Olympischen Spielen Sieger und Verlierer ermittelte. Die Handstoppuhr namens ›Mikrograph‹, deren Unruh mit einer Frequenz von 360.000 Halbschwingungen pro Stunde (A/h) oszillierte, war zu ihrer Zeit eine technische Sensation – und selbst aus heutiger Sicht haben wir es hier mit einer hervorragenden Leistung zu tun.
An diese Tradition knüpfte das Unternehmen an, als es auf der ›Baselworld 2005‹ den weltweit ersten mechanischen Armbandchronographen präsentierte, der die Zeit auf die Hundertstelsekunde genau stoppt. Der ›Calibre 360 Concept Chronograph‹ ist mit zwei Uhrwerken ausgestattet, die zwar miteinander verbunden sind, aber unabhängig voneinander arbeiten. Die Uhrzeit wird von einem chronometergenauen Automatikuhrwerk angezeigt, das mit einer Unruhfrequenz von 28.000 A/h tickt, während die Kurzzeitmessung ein Stoppuhrwerk besorgt, das wie sein Urahn ›Mikrotimer‹ mit 360.000 A/h schwingt, aber deutlich kleiner ist. Das Chronographenwerk kann hundert Minuten zur Zeitnahme genutzt werden, und erst dann muß der Zeitnehmer von Hand aufgezogen werden. Technische Feinheit: Beide Werke können über eine Krone aufgezogen werden.
Schon ein Jahr zuvor brillierte ›TAG Heuer‹ mit einer Innovation. Auf der Basler Messe des Jahres 2004 überraschten die Schweizer mit einem Uhrwerk, das mit allen bestehenden Gesetzen der Uhrmacherei bricht. So findet die Kraftübertragung im Aufzugsmechanismus nicht mehr wie üblich über Zahnräder, sondern über dreizehn Mikrozahnriemen statt. Der größte Teil der üblicherweise zur Reibungsminimierung im Werk verwendeten Rubine wurde durch Mikrokugellager ausgetauscht. Die Schwungmasse, die sonst um ihre eigene Achse rotiert, um das Federhaus zu drehen und die darin liegende Feder aufzuziehen, wurde durch eine linear hin und her prallende Schwungmasse ausgetauscht. Diese Schwungmasse, ein Platin-Barren, zieht nun vier Federn auf, die in einer V-Stellung zum Zifferblatt stehen und damit an die Zylinder in einem Automobilmotor erinnern. Besagte Federhauskonstruktion findet sich denn auch im Namen der Konzeptuhr wieder: ›Monaco V4‹. Auf diese Uhr müssen die Aficionados aber mindestens noch bis Mitte 2008 warten, wie Chief Executive Officer Jean-Christophe Babin unumwunden einräumt: »Wir mußten an vielen Stellen Grundlagenforschung betreiben, weshalb die Entwicklung hin zur Serienreife länger braucht, als wir zunächst gedacht hatten.« Mit der Qualität nimmt es ›TAG Heuer‹ eben sehr genau – nicht umsonst hat das Haus eine der geringsten Reklamationsquoten in der gesamten Branche.

Darüber hinaus unterbreitet ›TAG Heuer‹ seinen Anhängern ein beachtliches Portfolio an konventionellen Uhren und Chronographen, die von ›ETA‹-Großserienuhrwerken angetrieben werden. Das ›Calibre 36‹ steuert Konzernschwester ›Zenith‹ bei. So enthält das Sortiment auch attraktive Sportuhren, zu denen die Linien ›Aquaracer‹, ›Kirium‹, ›Formula 1‹ und ›Link‹ gehören. Besonders in Europa erfreuen sich die mechanischen ›Classics‹ wie ›Monza‹, ›Carrera‹, ›Monaco‹ und ›Autavia‹ einer großen Beliebtheit.
Bei diesem enormen Angebot an mechanischen Uhren gerät leicht in Vergessenheit, daß ›TAG Heuer‹ traditionell auch bei Quarzuhren über eine große technische Kompetenz verfügt. Jack W. Heuer, Ur-enkel des Firmengründers und von 1958 an zwanzig Jahre lang verantwortlich im Unternehmen tätig, baute 1966 das erste kompakte elektronische Zeitmeßgerät mit der Genauigkeit von einer Tausendstelsekunde: Der patentierte ›Mikrotimer‹ (später ›Microtimer‹) aus den Sechzigern diente als Vorbild und Namensgeber für einen avantgardistischen Armbandchronographen, der sich bei ›Formel 1‹-Fans nach wie vor großer Beliebtheit erfreut. Aktuelleren Datums ist dagegen die quarzgesteuerte Golferuhr, die ›TAG Heuer‹ seinem prominenten Botschafter Tiger Woods widmete. Da die Uhr nur 55 Gramm wiegt und nach Werksangaben Stöße bis 5000 G übersteht (dem Fünftausendfachen der Erdgravitation!), kann sie selbst beim Abschlag am Handgelenk bleiben.

Zenith: Von der Kenner- zur Luxusmarke
Etwas jünger als ›TAG Heuer‹ – und auch umsatzmäßig etwas kleiner als die Konzernschwester – ist ›Zenith‹. Dafür darf sich dieses Haus mit dem prestigeträchtigen Attribut »Manufaktur« schmücken; schließlich verwendet der 1865 von Georges Favre-Jacot gegründete Uhrenhersteller ausschließlich im eigenen Haus entwickelte und gebaute Uhrwerke. Da ist zum einen das klassische Automatikwerk ›Elite‹, das in den eleganten Herrenuhren Dienst tut. Von deutlich größerer Bedeutung für die aktuelle Kollektion ist jedoch das ›El Primero‹, ein Uhrwerk, das Geschichte schrieb.
Ende der sechziger Jahre startete ein »Rennen« mehrerer Uhrenhersteller um das weltweit erste Chronographenwerk mit automatischem Aufzug. Auf der einen Seite ein Konsortium aus den Marken ›Breitling‹, ›Hamilton/Büren‹ und ›Heuer‹, auf der anderen Seite ›Zenith‹. Es war, wie Sportler sagen würden, ein Herzschlagfinale. Beide Entwicklungsteams waren praktisch gleichzeitig fertig, doch ›Zenith‹ war mit seinem Werk schneller an der Öffentlichkeit, weshalb das 1969 vorgestellte Kaliber mit der Nummer ›400‹ den Beinamen »El Primero«, »der Erste«, erhielt. Aber nicht nur in der Präsentation war das Team aus dem schweizerischen Le Locle (Kanton Neuenburg) seinen Konkurrenten einen Tick voraus: Die Entwickler bauten einen sogenannten »Schnellschwinger« – die Unruh oszilliert mit 36.000 Halbschwingungen pro Stunde. Diese Unruh ermöglicht eine Meßgenauigkeit von einer Zehntelsekunde und ist bis heute weltweit einzigartig. Üblich sind 21.600 oder 28.000 Halbschwingungen.

Daß sich Uhrenfreunde heute noch an diesem speziellen Uhrwerk erfreuen dürfen, ist das Verdienst eines Uhrmachers mit Liebe zur Mechanik. Als in den siebziger Jahren Quarzuhren Europa überschwemmten, stellte ›Zenith‹ die Produktion des ›El Primero‹ vorübergehend ein; sie war schlicht unrentabel geworden. Doch weil die Werkzeuge für die Komponenten des Kalibers ›400‹ nicht auf dem Schrott landeten, sondern von besagtem Mitarbeiter vorsichtshalber eingelagert wurden, war man in den frühen Achtzigern, als mechanische Uhren wieder vermehrt nachgefragt wurden, in der Lage, dieses schöne Uhrwerk wiederaufleben zu lassen. Zu dieser Zeit war ›Zenith‹ ein Geheimtip unter Uhrenfreunden, denn das Haus bot feinste mechanische Modelle zu erträglichen Preisen an.
Das änderte sich 2001 schnell, als ›LVMH‹ zwei Jahre nach der Übernahme des Hauses den erfolgreichen Vizepräsidenten von ›Veuve Cliquot‹, Thierry Nataf, zum ›Zenith‹-Chef machte. Der einstige Champagnerkönig handelte bei ›Zenith‹ nach dem Motto: »Was nichts kostet, ist auch nichts wert« – und folgerichtig bestand eine seiner ersten Amtshandlungen darin, die Preise zu erhöhen, ohne die Produkte nennenswert zu verändern oder gar zu verbessern. Damit erntete er weder bei den Händlern noch bei der Kundschaft großen Applaus. Allerdings muß man Nataf zugute halten, daß er die höheren Einnahmen wieder in die Manufaktur investierte. Einige Millionen steckte er in den Neuausbau der gut hundertvierzig Jahre alten Manufaktur; Entwicklungsabteilung wie auch Produktion erfuhren eine umfangreiche Frischzellenkur. »Ich begriff von Anfang an, welches Potential in dieser Marke steckt«, sagt Nataf heute, und es habe ihm in der Seele weh getan, daß sich die Marke unter Wert verkauft habe.
Das Image der einst etwas hausbackenen Marke hat sich seither in der Tat in Richtung Luxusprodukt verändert. Die Qualität der Uhren ist tadellos, doch in der technischen Entwicklung hat sich mit Ausnahme der Vorstellung eines Tourbillons (2004) nichts Nennenswertes getan. Der eigenwillige und extrem auf Äußeres bedachte ›Zenith‹-Präsident setzt eher auf spektakuläres Design denn auf uhrentechnische Innovationen; davon zeugen so extrovertierte Kreationen wie die Kollektion ›Defy‹ (»Herausforderung«), die ›Zenith‹ in der Produktkommunikation bewußt mit Militärjets in Verbindung bringt. Eine durchaus clevere Idee war es jedoch, bei den ›Open‹-Modellen den Gangregler durch einen Zifferblattausschnitt sichtbar zu machen. Beim Blick auf die schnell schwingende Mechanik wird jedenfalls manch kritischer Uhrenfreund schwach.
Louis Vuitton: Nicht nur edle Koffer
»Louis Vuitton ist nicht nur ein Kofferhersteller«, stellt Albert Bensoussan fest, Uhrenbeauftragter der Luxusmarke. Vielmehr zeige die über hundertfünfzig Jahre alte Geschichte der Marke, daß man immer bestrebt gewesen sei, Reisende mit allem auszustatten, was sie unterwegs brauchen. Und zum unverzichtbaren Accessoire eines Reisenden zähle er auch einen adäquaten Zeitmesser. Zur Philosophie der Marke gehört, daß alle Produkte, die den Namen ›Louis Vuitton‹ tragen, in eigenen Produktionsstätten gefertigt werden. Deshalb produziert ›Louis Vuitton‹ seit zwei Jahren auch seine Uhren im knapp zehn Kilometer von Le Locle entfernten La Chaux-de-Fonds in Eigenregie – und das, obwohl zum ›LVMH‹-Konzern auch die beiden eingangs erwähnten Traditionsuhrenhersteller gehören.
»Es hätte dem Geist der Marke widersprochen, einfach Produkte anderer Hersteller zu nehmen und unser Label draufzukleben«, meint Bensoussan. Allerdings nutze man die freundschaftlichen Kontakte zu den genannten Unternehmen durchaus. So werde das Uhrwerk ›Zenith El Primero‹ im ›Louis Vuitton‹-Chronographen ›Tambour‹ eingesetzt. »Und TAG Heuer liefert uns wertvolles Know-how in bezug auf Forschung, Entwicklung und Produktion.« Durch diesen intensiven Wissenstransfer gelang es dem Luxuslabel wohl auch, in kurzer Zeit die ›Tambour Diving‹ (2.940 Euro) zu entwickeln, eine elegante Taucheruhr mit innen liegendem Tauchring, der über eine zweite Krone verstellt wird. Darauf ist Albert Bensoussan sichtlich stolz: »Das hat meines Wissens außer uns nur noch ›IWC‹.« Diese bis dreihundert Meter wasserdichte Uhr wird, wie die Mehrzahl der Modelle des Hauses, hauptsächlich in der Stahlausführung verkauft. »Aber wir werden auch noch eine Roségold-Variante liefern«, bekräftigt der Manager. Bensoussan ist selbst aktiver Taucher und hat einen Prototyp der neuen Taucheruhr bereits in der Praxis ausprobiert.

›Speedy GMT‹ heißt eine weitere Besonderheit des Hauses. Die Quarzuhr (ab 2.000 Euro) verfügt über zwei Zeitzonen mit zwei kompletten Anzeigen auf einem Zifferblatt. Die Besonderheit: Die zweite Zeitzone läßt sich mit einem Dreh an der Krone in Schritten von 15 Minuten verstellen, womit absolut jede Zeitzone exakt einstellbar ist. Uhren von ›Louis Vuitton‹ sind übrigens nicht beim Juwelier, sondern ausschließlich in ›Louis Vuitton‹-Shops erhältlich. In Deutschland sind sie in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln, München, Kampen (Sylt), Nürnberg und Stuttgart anzutreffen, in Österreich finden sie sich in Kitzbühel, Salzburg und Wien, während die Schweiz mit den Städten Bern, Crans-sur-Sierre, Genf, Gstaad.
Text: Martin Häußermann |
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