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Mensch, ist der Mann pünktlich. Wir waren uns Ende September am Rande des ›Deutschen Fernsehpreises‹ in Köln begegnet, und auf meine damalige Frage, ob er denn bereit wäre zu einem Interview und vor allem Lust hätte auf ein längeres Gespräch, war eine spontane Zusage gekommen. Mit den Zusagen ist das so eine Sache. Die werden mitunter schnell gemacht – und danach vergessen. Das war bei Heikko Deutschmann anders. Nach mehreren E-Mails konnten wir uns schließlich auf einen Termin Anfang Dezember in Berlin einigen, also in jener Stadt, in welcher der gefragte Schauspieler lebt (und auch gelegentlich arbeitet). Wir trafen uns im ›Cigarrenmagazin‹ am Gendarmenmarkt. Im nach hinten gelegenen Raucherzimmer konnten wir ungestört miteinander reden …
Herr Deutschmann, zunächst einmal vielen Dank für Ihre Bereitschaft zu diesem Gespräch. Fangen wir doch direkt damit an: Für welchen Film stehen Sie gerade vor der Kamera?
Für dieses Jahr habe ich alles abgedreht. Momentan habe ich somit eine längere Drehpause.
Urlaub also. Auch mal schön.
Wenn es denn so wäre. An Urlaub ist nicht zu denken, denn ich habe Arbeit genug. Zum Beispiel Drehbücher …
… lesen. Das gehört zum Schauspielerberuf ja dazu.
Unzweifelhaft. Drehbücher lese ich praktisch das ganze Jahr über. Aber ich meine nicht das Lesen, sondern das Schreiben von Drehbüchern.
Schreiben Sie gleich mehrere?
Ja.



Ist das nicht etwas verwirrend, mehrere Drehbücher parallel zu verfassen? Kommen Sie da nicht aus dem Konzept?
Nein. Ein Drehbuch durchläuft ja verschiedene Phasen. Den Anfang macht der sogenannte »Pitch«. Das ist mehr oder weniger ein Entwurf von der Geschichte oder von dem Stoff, die oder der Ihnen vorschwebt. Diesen Entwurf zeigen Sie dann einem Produzenten. Kann der sich mit der Sache anfreunden, fertigen Sie ein Exposé an. Das kann drei Seiten lang sein, kann aber auch schon mal, je nach Thema und Handlung, ein rundes Dutzend Seiten umfassen.
Und erst dann beginnt das eigentliche Drehbuchschreiben?
Erneut nein. Wenn das Exposé den Vorstellungen des Produzenten entspricht, dann wird ein sogenanntes »Treatment« verfaßt. Hier handelt es sich um eine Kurzform des eigentlichen Drehbuchs. Über dreißig, vierzig Seiten stehen Handlung und die einzelnen Charaktere im Vordergrund. Auch werden sogenannte »Plot points« in dramaturgischer Form wiedergegeben. Zur Erklärung: Ein »Plot point« leitet im Film eine dramatische Änderung ein, gibt ihm eine unvorhergesehene Wendung, also etwas, mit dem der Zuschauer nicht unbedingt rechnet. Das einzige, was dann zum Drehbuch fehlt, sind die Dialoge. Die werden dann im eigentlichen Drehbuch eingearbeitet. Ehe es dazu kommt, muß aber zuerst einmal eine Sendeanstalt, eine Förderanstalt et cetera von dem Stoff überzeugt werden.
Ist das geschafft, können Sie praktisch »loslegen« …
Abermals nein. In den Fernsehsendern beziehungsweise Fördergremien sitzen nicht wenige Redakteure und Dramaturgen. Und die sind wichtig. Sie haben mitzureden und wollen auch mitreden. Da kommt dann der eine Einwand, der gewisse Stellen der Handlung betrifft, dann der andere, der sich auf bestimmte Charaktere bezieht. Diese Einwände gilt es zu berücksichtigen. Erst dann können Sie mit der »Kür« beginnen, das heißt mit dem eigentlichen Drehbuchschreiben.
Ein langwieriger Prozeß, das Ganze …
Allerdings. Das Abfassen eines Drehbuchs – vom Erstellen des »Pitch« bis zur Einarbeitung der Dialoge und einem letzten Feinschliff – kann sich durchaus bis zu einem, ja sogar mehreren Jahren hinziehen. Die letzte Phase, die »Kür«, erstreckt sich meist über drei, vier Wochen. Diese Phase ist nicht relevant. Nein, es ist die Arbeit davor, die sich mitunter so zieht. Sie lassen beispielsweise eine neue Fassung einer ganz bestimmten Passage einem Redakteur zukommen, und zwar demjenigen, auf dessen Wunsch beziehungsweise Einwand hin Sie die betreffende Passage geändert haben. Wenn Sie Pech haben und nach vier, gar sechs Wochen nachfragen, ob denn jetzt alles seinen Vorstellungen entspricht, dann kann es Ihnen passieren, daß Ihnen der Redakteur lediglich den Empfang bestätigt, nicht jedoch mit Ihnen über die betreffende Passage spricht oder diskutiert.
Solch etwas ist ja regelrecht frustrierend …
Man gewöhnt sich daran. Deshalb auch das Schreiben an mehreren Drehbüchern zugleich, zumal die Honorierung nicht gerade üppig zu nennen ist …
Wieviel bekommen Sie denn, sagen wir mal, für ein Fernsehfilmdrehbuch?
Darüber möchte ich lieber den Mantel des Schweigens decken. Es ist jedoch wenig genug …
Dennoch nehmen Sie das auf sich?! Warum?
Ganz einfach: Weil es mir Spaß macht. Ich empfinde es manchmal als recht spannend, sowohl die eine Tätigkeit – Drehbuchautor – als auch die andere – Schauspieler – praktisch gleichzeitig auszuüben. Außerdem wiegt mir das Bestimmen des Inhalts immer noch mehr als dessen bloße Ausformung.
Haben Sie gerne Spaß?
Freude ist vielleicht der passendere Ausdruck. Ich muß Freude an meiner Arbeit haben. Wie wohl jeder Mensch. Obschon das lange nicht für alle Realität ist. Ich fühle mich jedoch nicht der »Spaßgesellschaft« zugehörig, wenn Sie das meinen …
Nein, das habe ich nicht gemeint. Spaß im Sinne von Humor, von herzhaftem Lachen habe ich gemeint. Das möchte ich aber jetzt nicht vertiefen, sondern möchte lieber mit Ihnen über die zweite Freude reden, die Sie angesprochen haben, über die Schauspielerei. Am Anfang gab es für Sie ja zwei Alternativen, das heißt, sie mußten für sich zwischen Schauspiel und Musik entscheiden, schließlich spielen Sie ja vier Instrumente – Cello, Gitarre, Klavier und …
… Schlagzeug. Nein, die Alternative bestand nicht. Zwar war – und ist – oft zu lesen, daß ich in jungen Jahren Musiker gewesen sei, doch das stimmt so nicht. Wie es so oft bei Journalisten ist, so verhält es sich auch hier: Es wird etwas hinzugedichtet, um einem gewissen Umstand mehr Gewicht zu verleihen, weil der Umstand an sich zu wenig hergibt. Natürlich spiele ich einige Instrumente, aber das taugt eher für den Hausgebrauch oder für den Musikkeller, in dem man sich mit Freunden trifft. Für öffentliche Auftritte fehlte und fehlt da doch eine ganze Menge – ich würde es jedenfalls keinem zumuten, sich das anzuhören, was ich spiele.
Dann gab es also keine Alternative. Der Weg war klar …
So klar nun auch wieder nicht. Ich bin eigentlich schon früh mit der Schauspielerei in Berührung gekommen …
Durch Ihre Eltern?
Nein. Mein Vater war Chirurg, und meine Mutter ist Allgemeinmedizinerin. Beide arbeiteten als Klinikärzte, zunächst in Innsbruck, dann in Graz, wo ich auch aufgewachsen bin.
Bei Ihnen hört man aber kein bißchen heraus, daß Sie gebürtiger Österreicher und dort auch aufgewachsen sind …
Ich bin, wenn Sie so wollen, zweisprachig aufgewachsen. Mein Vater ist Österreicher, meine Mutter Deutsche. Zu Hause wurde nur hochdeutsch gesprochen, auf der Straße hingegen Dialekt. Ich fand das Hochdeutsche immer besser …
Was Ihnen als Schauspieler ja zugute kommt. – Jetzt haben wir aber ein wenig den Faden verloren: Sie wollten mir verraten, wie Sie zur Schauspielerei gekommen sind …
Das war auf der Schule. Dort hatten wir einen Theaterarbeitskreis. Schnell habe ich gemerkt, daß die Bühne ein Raum ist, der mir zusagt. Ich konnte spielen, konnte verschiedene Rollen spielen. Ich war mit einemmal ein anderer, ja, ich war wer. Sie müssen wissen, ich war damals sehr schüchtern …
Schwer vorstellbar. Sie sehen ja nicht gerade aus wie Quasimodo, der Glöckner von Notre-Dame, sind vielmehr sehr attraktiv …
Heute vielleicht, aber diese Einschätzung überlasse ich anderen. Außerdem kann auch ein gut aussehender Mensch schüchtern sein. Aber lassen wir das. Was ich sagen wollte: Ich habe auf der Bühne entdeckt, daß ich etwas spielen konnte, wofür man ansonsten etwas auf den Deckel kriegt. Das war für mich Faszination pur. Die Bühne ist sozusagen ein geschützter Raum, in dem man nur der Figur verantwortlich ist, die man verkörpert, der man ein Gesicht gibt. Als ich das festgestellt hatte, war mir schnell klar, wußte ich: Das ist es …
Haben Sie das auch noch so empfunden, als Sie unter Peter Stein in Berlin Theater gespielt haben?
Am Anfang schon …
Aber …
Mit der Zeit wurde mir das Ganze zu wissenschaftlich. Mit Peter Stein gerät das Theater nicht nur zu einem anspruchsvollen, sondern mitunter zu einem akademischen Prozeß. Aus dem Thespiskarren [nach Thespis, dem Begründer der altgriechischen Komödie] wird dann schnell die »Bibliothek auf Rädern«. Ich meine das nicht negativ – das stünde mir auch nicht zu. Jeder Regisseur hat seine Auffassung von Theater, hat seinen Stil, und Peter Stein ist ein Theatergigant. Kaum einer hat das deutsche Nachkriegstheater nachhaltiger verändert als er. Ich bin froh, daß ich unter ihm spielen durfte, aber ich bin nun mal ich, habe auch meine Auffassung, meine Vorstellung von dem Beruf als Schauspieler. Ich bin dann nach zwei Jahren ans Hamburger ›Thalia Theater‹ gegangen, zu Jürgen Flimm. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß Jürgen Flimm in Köln aufgewachsen ist. Rheinländer sind ja ein ganz besonderer Schlag Mensch. Fröhlich, lebenslustig. Unter Jürgen Flimm habe ich den Spaß am Theaterspielen wiederentdeckt …
Sie haben aber auch in Hamburg aufgehört …
Acht Jahre später. Ich denke – andere mögen das nicht so sehen –, daß man als junger Schauspieler die meisten Erfahrungen macht, wenn man auf vielen Bühnen steht. Das ist vergleichbar mit einem Koch, der den Anspruch hat, später einmal mehr als nur Schnitzel, Pommes frites und Salat auf den Teller zu bringen. Junge Köche, die nach oben wollen, gehen ins Ausland, beispielsweise in die Schweiz oder nach Hongkong, arbeiten in den Restaurants von großen Hotels, in den Küchen von Sterneköchen. Das ist bei einem Schauspieler ähnlich … Jeder Regisseur verkörpert einen ganz eigenen Stil, und das macht doch die Faszination des Theaters aus: Viele Eindrücke und Erfahrungen sammeln, um letztendlich auch viele Rollen nicht nur spielen, sondern auch interpretieren zu können.
Irgendwann haben Sie dem Theater ade gesagt …
Ja. Weil ich mehr und mehr das Drehbuchschreiben interessant fand, habe ich die ›Drehbuchakademie der Deutschen Hochschule für Film und Fernsehen‹ in Berlin besucht, habe dann nach meinem letzten Theaterengagement als Drehbuchautor gearbeitet. Das habe ich aber nach einem Jahr aufgegeben, denn mit dieser Tätigkeit war es mir, wie ich schon angedeutet habe, absolut nicht möglich, meine Familie auch nur einigermaßen zu ernähren.
Aber es gab ja noch das Fernsehen …
Gott sei Dank. Da ich schon während meiner Theaterzeit vor der Kamera gestanden hatte, hatte ich das Glück, dort Beschäftigung zu finden.
Ist die Arbeit vor der Kamera grundlegend anders als die auf der Bühne?
Grundlegend nicht. Anders schon. Die Abläufe sind andere. Wenn auf der Bühne der letzte Vorhang gefallen ist, dann ist das Gespielte unwiederbringlich vorbei. Es ist nicht wiederholbar, nicht abrufbar. Du spielst eine Szene, sagst ein Wort, und im nächsten Augenblick ist das Gesagte Geschichte, gehört es der Vergangenheit an. Du bist immer in der Gegenwart, in der Zeit. Auch wenn du das Stück, in dem du gerade mitgespielt hast, zum hundertsten Mal spielst, wird es nie deckungsgleich sein mit auch nur einer einzigen zuvor stattgefundenen Aufführung. Somit ist der Beruf des Schauspielers der vergänglichste Beruf, den es gibt. Eben weil sich die Zeit nicht anhalten läßt, auch nicht zurückdrehen läßt …
Zeit fasziniert Sie anscheinend …
O ja. Weil wir in der Zeit leben, sie aber nicht fassen können, auch nicht erklären können. Jeder empfindet Zeit anders. Du selbst auch: Manchmal empfindest du eine Stunde wie eine kleine Ewigkeit, dann wiederum fragst du dich, wo die drei, vier vorherigen Stunden geblieben sind, so kurz sind sie dir erschienen. Zeit definiert sich demnach auch immer anders. – Nehmen wir das Rauchen einer guten Cigarre. Das ist für mich nicht nur Genuß, sondern auch Inspiration. Und es ist ein Geschenk. Mit dem Rauchen einer Cigarre schenke ich mir Zeit. Dann liebe ich auch die Zurückgezogenheit. Sie ist notwendig, will ich mich auf die Cigarre einlassen, richtig einlassen, sie mit meinen Sinnen wahrnehmen. Cigarrerauchen hat somit, wenn man so will, etwas Kontemplatives …


Seit wann rauchen Sie denn Cigarre?
Seit rund zwei Jahren. Zuvor habe ich rund fünfundzwanzig Jahre lang fünfzig bis achtzig Cigaretten am Tag geraucht. Von einem Tag auf den anderen habe ich damit aufgehört. Ein Jahr darauf habe ich dann begonnen, Cigarre zu rauchen.
Und welche?
Nahezu ausschließlich Havannas. Bevorzugt ›Hoyo de Monterrey‹ und ›Montecristo‹ – und bevorzugt ›Robustos‹. Neuerdings auch gerne die ›Belicoso‹ von ›Bolívar‹.
Kommen wir zurück zur Arbeit vor der Kamera. Sie sagten, sie sei anders als die auf der Bühne. Ist sie, weil sie nicht so direkt ist, oberflächlicher?
Auf keinen Fall. Auch vor der Kamera muß ich die Figur, die ich spiele, mögen.
Kann man einen Serienkiller mögen? Solch eine Figur haben Sie ja auch schon gespielt …
Im realen Leben kann man einen Serienkiller natürlich nicht mögen. Aber als Schauspieler muß ich die Figur, die ich spiele, verteidigen. Es handelt sich immer noch um einen Menschen, den ich darstelle, und kein Außenstehender – irgendwie sind wir ja alle Außenstehende, schaffen es manchmal sogar nicht, uns selbst zu verstehen … kein Außenstehender kann beurteilen, warum ein Mensch so geworden ist, wie er ist. Demnach ist es auch äußerst heikel, über jemanden den Stab zu brechen, dem man persönlich nie be-gegnet ist.
Also ist der Filmschauspieler nicht geringer zu schätzen als der Bühnenschauspieler?
So ist es. Auch als Filmschauspieler bin ich immer wieder auf der Suche nach den verschiedensten Charakteren, vor allem nach jenen, die ich noch nicht gespielt habe. Das ist in gewisser Weise auch eine Suche, hinter der die Frage steht: Was ist alles in mir?
Was war denn in der letzten Zeit alles in Ihnen?
In diesem Jahr habe ich einen korrupten Politiker gespielt …
Gibt es die?
Ja, die soll es geben, wenn auch nur sehr selten [lacht]. Dann den Chef eines Sondereinsatzkommandos. Auch einen Arzt, der mit der Hierarchie nicht klarkommt, die in einer Klinik herrscht, und sich über viele Gesetze, geschriebene und ungeschriebene, hinwegsetzt, letztendlich ein Kind rettet, das eigentlich nicht mehr zu retten ist – und dennoch ist dieser Arzt sehr arrogant, fast schon selbstherrlich, muß es vielleicht auch sein, um seine Ideen letztendlich durchsetzen zu können.
Das ist in der Tat eine interessante Bandbreite von Figuren. Haben Sie auch etwas »Seichtes« im Repertoire?
Habe ich. Ein Remake: Hausboot.
Meinen Sie die Hollywood-Komödie aus den späten fünfziger Jahren mit Sophia Loren und Cary Grant?
Genau die.
Ich werde natürlich versuchen, mir alles anzusehen, aber auf das ›Hausboot‹ freue ich mich jetzt schon. – Herr Deutschmann, ich danke Ihnen für das sehr interessante Gespräch … und für die Ihnen so wichtige Zeit, die Sie sich dafür genommen haben …
Gern geschehen …
Gespräch und Text: Dieter H. Wirtz
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