home Home > Cigar Clan 2/2008 > Helvetia in Tabakwolken
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Gar wunderlich nahmen sich mitunter die Wege und Pfade aus, die der Tabak im Land der Eidgenossen beschritten hat. In mehreren Folgen gewährt unser Schweizer Mitarbeiter Thomas Brunnschweiler interessante Einblicke in eine bisweilen packende, stets jedoch kurzweilige Geschichte.
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Der Tabak von den Westindischen Inseln kam früh auch in die Schweiz. Wohl der erste, der hier Tabak im Selbstversuch konsumierte, war der Zürcher Universalgelehrte Conrad Gesner (1516–1565). Gesner zog den sogenannten Bauerntabak (Nicotiana rustica) erstmals im Sommer 1554 in seinem eigenen Garten. Bemerkungen auf einer selbstgefertigten Zeichnung der Pflanze zeigen, daß für Gesner die Pflanze noch völlig unbekannt war. Er nannte sie zunächst fälschlich »Gelbes Bilsenkraut«. Erst 1558 erkannte er, daß das merkwürdige Nachtschattengewächs dem Petum (Nicotiana tabacum) verwandt war. In einem Brief vom 5. November 1565, fünf Wochen vor seinem Tod, schildert Gesner dem Augsburger Arzt Adolph Occo seine Erfahrungen mit der Pflanze. Zuerst habe er das Blatt gekaut, was ihn »wunderlich ankam«. Er habe sich völlig betrunken und schwindlig gefühlt. Weiter heißt es: »Und als ich in dem Buch des französischen Mönches Thevetus … gelesen hatte, daß das bei den Amerikanern Petum genannte Kraut … ebensolche Wirkung tätige, daß es bei jenen Völkern aber zum Rauchen täglich in Gebrauch sei, habe ich etwas von dem mäßig zerriebenen Blatt in die Kohlen geworfen und durch einen Trichter mit Nase und Mund den Rauch eingeatmet. Außer der Schärfe habe ich nichts Nachteiliges bemerkt. Am folgenden Tag habe ich eine größere Menge genommen und einen Schwindel gespürt. Er war aber geringer als nach dem Kauen des Blattes. Die Kraft des Blattes ist wunderbar.«
Das erste in der Schweiz gedruckte Werk über das »Wunderkraut« erschien 1616 in Zürich: Tabac, Von dem gar heilsamen Wundtkraut Nicotiana. Der Titel weist auf das anfängliche Verhältnis zum Tabak hin; er galt als medizinisches Allheilmittel. Es gibt in der Schweiz keine Belege dafür, daß Tabak in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bereits als Genußmittel konsumiert worden wäre. In dieser Zeit wuchs Tabak vor allem in den Zier- und Heilkräutergärten von Adeligen und Gelehrten.

Verteufelungen und …
Als Genußmittel gelang dem Tabak der Sprung ins öffentliche Bewußtsein erst zwischen 1600 und 1650. Der Konsum erfolgte mit einer Tonpfeife. Die Mehrheit der Pfeifen stammte aus dem Gebiet um Mannheim, aus Frankenthal und aus dem Westerwald. Um 1650 war das »Fümiren und Tabakräuken« in Stadt und Land – von den Alpen bis zum Rhein – verbreitet, und zwar bei beiden Geschlechtern. Da in der frühen Neuzeit von der Obrigkeit fast alles, was Spaß machte, verboten wurde, schritten die Regierungen der Eidgenössischen Orte nach 1650 auch gegen den Tabakkonsum ein, »das sehr nachteilige und wohlentbehrliche Dings«. Interessant sind die Motive für das Verbot des Rauchens. 1670 argumentierte der Zürcher Rat, das Rauchen sei zur Erhaltung des menschlichen Lebens nicht notwendig, sondern eher verderblich. Es wurden auch ökonomische Gründe angeführt: Da der Tabak importiert wurde, floß tatsächlich viel Geld aus dem Land. Der dritte Grund war die Angst vor Feuersbrünsten. So wurde also in Zürich Einheimischen wie Fremden das »Tabaktrinken«, aber auch das Kauen und Essen von Tabak verboten. Ebenfalls 1670 beschloß in Baden die ›Eidgenössische Tagsatzung‹ ein Verbot des Tabaks für alle Orte. Als besonders streng erwiesen sich die beiden reformierten Städte Bern und Zürich. Da es mit reinen Verboten nicht gelang, den Tabakkonsum einzuschränken, griff die Berner Obrigkeit zu rabiaten Mitteln. 50 Pfund mußten ertappte Tabaksünder dem Staatssäckel entrichten, was etwa dem heutigen Wert von 30 Euro entspricht. Wer diese Buße nicht zahlen konnte, wurde entweder zum »Schellenwerk«, einer Form der Zwangsarbeit, oder zum Aufenthalt in der »Trülle« verknurrt. Die »Trülle« war ein drehbarer Käfig, in dem der Delinquent so lange gedreht wurde, bis er sich übergab. 1719 wurden die Tabakverbote in Bern nicht mehr erneuert, und 1723 mußte die Berner Regierung in einem Erlaß zugeben, daß der Tabakkonsum weit verbreitet sei – er habe praktisch die ganze Bevölkerung erfaßt.
Auch in Zürich beklagte man sich über die mangelhafte Einhaltung des Verbots. Im Sittenmandat von 1691 hieß es: »Und da unser seither immer wieder publiziertes Mandat gegen den Verkauf und Gebrauch des Tabaks – leider! – schlecht eingehalten wurde, so belassen wir es erneut bei dem in Stadt und Land verkündeten Inhalt, aber mit dem ernsthaften Zusatz, daß diejenigen, die mit Trinken, Schnupfen und Kauen des Tabaks sich gegen unser Verbot vergehen, mit fünf Pfund Buße, die nicht zu erlassen ist, bestraft werden. Jene aber, die diese Buße nicht bezahlen, sollen zur Abschreckung anderer mit einer Haftstrafe gebüßt werden.« Um 1700 wurden die Bestimmungen gegen den Tabak etwas »gelockert«: Das Rauchen wurde an feuergefährlichen Orten, auf Straßen und Plätzen, in Wirts- und Zunfthäusern oder zum offenen Fenster hinaus verboten – also praktisch immer noch überall. Noch 1718 wurden pfeiferauchende Kirchgänger mit einer Buße von zwei Pfund belegt. Letztmals ist im Sittenmandat aus dem Jahre 1756 vom Tabak die Rede. Schließlich, im Zuge der Aufklärung, setzte sich die Toleranz gegenüber den Freuden des blauen Dunstes durch.

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… Gegenbewegungen

Schon früh dem Tabak freundlicher gesinnt war Basel. Bei den Verhandlungen, die im ›Westfälischen Frieden‹ endeten (1646–1648) hatte sich der Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein sogar als Raucher zu erkennen gegeben. Und auf der ›Tagsatzung‹ von 1671 erwiesen sich die Basler Gesandten als eifrige Verfechter des Tabakhandels. Bereits 1677 wurden in der Stadt Basel die allgemeinen Rauchverbote aufgehoben, und schon bald war die Stadt am Rhein das schweizerische Zentrum des Tabakhandels.
Ein besonders aufschlußreiches und witziges Dokument aus jener Zeit ist die Lobschrift des Tabackes des Zürcher Theologen und Satirikers Gotthard Heidegger. Die zwischen 1691 und 1695 entstandene Schrift, erst 1732 gedruckt, zeigt, daß selbst die Geistlichkeit schon früh nicht mehr hinter den obrigkeitlichen Verboten stand. Heidegger, ein Feind der literarischen Gattung des Romans, ergreift seltsamerweise ganz dezidiert Partei für den Tabakgenuß. »Der lustige Gotthard«, wie er manchmal genannt wird, gibt sich am Anfang der Schrift als bekehrter Nichtraucher zu erkennen, der den Tabak »vor einem halbdutzend Jahren herzlich gehaßt« habe. Der lebenskluge Pfarrer schreibt weiter, er habe damals gemeint, »niemand hätte wahrhaftiger geredet als jener, der den Tabak als pestilenzisch-schädlich-höllisches Gift bezeichnet hat … Aber wie oftmals die gescholtenen Kräutchen selbst genossen werden müssen, so erging es auch mir endlich nicht anders.« Heidegger zählt alle Krankheiten auf, die er seit seiner Jugend gehabt habe: Katarrhe, Zahnschmerzen, Gesichtsgeschwulste. Jedes dieser Leiden hätte ihn in Arbeit und Freizeit eingeschränkt und dazu getrieben, alle möglichen Heilkuren und -mittel zu versuchen, bis er schließlich das Allheilmittel gefunden habe: den Tabak! »Endlich ließ ich mich bereden oder, um es recht zu sagen: erbitten, von einem nächstwohnenden vortrefflichen Gönner diesen letzten Probeschuß zu tun und ordentlich Tabak zu rauchen. So schwer es mir anfangs fiel, so nützlich, ja wundertätig hat es sich danach und – Gott sei Dank! – bis jetzt in diesen sechs Jahren ausgewirkt.« Zahnschmerzen und schlechte Verdauung seien ebenso verschwunden wie die Erkältungskrankheiten. Heidegger tritt dem Wahn der Nichtraucher entgegen, »die ein pestilenzisch-schädlich-höllisches Gift daraus machen oder aus dessen Gebrauch per se ein Laster machen wollen. Es hindert mich auch wenig, daß dieser Ansicht auch vornehme und hochberühmte Medici und andere sonst verständige Leute beipflichten, denn auch sie merken nicht alles und sind zuweilen durch ihre Affekte und eingewurzelten Vorurteile häßlich bezaubert.«

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Wenn Sinne hurtiger werden …
Bei diesen Worten denkt man unwillkürlich an heutige Diskussionen um den Tabakgenuß. Heidegger zeigt sich als Verfechter eines »geregelten«, also mäßigen Gebrauchs, bei dessen Einhaltung man keinen Nachteil fürchten müsse. Dem Tabak schreibt er seine gute Verdauung zu, aber auch den Appetit, den er früher vermißte.
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Stellung nimmt er überdies zur negativen Einschätzung durch die Geistlichkeit: »Aber laßt uns Mißbrauch von Gebrauch unterscheiden und bekennen, daß Tabakrauchen keine moralische Handlung ist, die an sich selbst gut oder böse wäre.« Damit nimmt er dem Rauchen den Ruch des Lasters und zählt es zu den sogenannten »Adiaphora«, den Mitteldingen, die moralisch indifferent sind. »Mancher würde deswegen nicht das Unrechtere tun, wenn er anstatt des Tabaks das übrige Weintrinken, Fressen scharfer Gewürze, das Romanelesen, Tanzen und anderes lassen würde!« Heidegger preist das Tabakrauchen auch an als Mittel gegen das schlechte Gedächtnis und die Schlafsucht. Es fördere darüber hinaus die Verschwiegenheit, das konzentrierte Nachdenken und den Scharfsinn. Damit spricht er späteren Genußrauchern wie Thomas Mann, Georges Simenon oder Winston Churchill aus dem Herzen. Und dann folgt ein Text, der wohl zu den schönsten gehört, die je über das Rauchen geschrieben worden sind: »Ich hatte früher zuweilen scherzweise philosophiert, daß sich die vorhandenen Ideen in dem blauen Tabak-Wölklein, das in das Gehirn steigt, spiegeln, sichtbar und gegenwärtig werden, ja sich wiederholen und vervielfältigen wie der Regenbogen in den unterschiedlichen Bildungen der Wolken. Es ist nicht zu leugnen, daß die darniederliegenden Sinne dadurch hurtiger werden – wie ein träges Pferd, unter dem man ein Feuer anzündet.«
Auch die Pfeife ist ein Thema Heideggers. Sie wird geradezu zum Vorläufer der Psychotherapie, wenn er schreibt: »So kommt also unter den irdischen Mitteln die Pfeife im Maul manchem wohl zustatten, so daß er nicht von Griesgrämigkeit und Schwermut ganz verschlungen wird.« Natürlich gibt er auch einige konkrete Anleitungen zum Rauchen. Sieben Pfeifenfüllungen am Tag sind ihm schon zuviel. Er rät, kurz vor und nach dem Essen nicht zu rauchen. Man solle paffen, wenn man arbeite, sich bewege oder spreche. Saubere Pfeifen und guter Tabak werden empfohlen, ja sogar die persische Wasserpfeife. So ist Gotthard Heideggers Lobschrift des Tabackes für uns ein kulturgeschichtlich wertvolles Dokument zur Rauchkultur der Zeit um 1700.
Die Obrigkeit in Zürich hatte ihren Kampf gegen den Tabak schon aufgegeben, als ein Vorfall für all jene, die das Rauchen als Gefahr für die Öffentlichkeit ansahen, Wasser auf ihre Mühlen gab. In einem anonymen Bericht aus dem 18. Jahrhundert heißt es: »Am Hohen Donnerstag 1760, morgens vor der Predigt, brach in Zürich eine Feuersbrunst aus. Es begann im Haus ›Zum Waldreis‹ zu brennen, und zwar durch folgenden Vorfall: Herr Pfleger Hafner, der im oberen Stock zu Hause war, ein alter Herr und schon einige Jahre bettlägerig, rauchte nach seiner Gewohnheit die Pfeife. Da er glaubte, sie sei ausgeraucht, legte er sie neben sich, den Kopf auf den Rand eines blechernen Spucknapfs, in dem gerade dieses Mal kein Sand, sondern Sägespäne waren. Nach und nach durchglühten sie das Blech, bis das Holz des Stuhles, auf dem der Napf lag, sich entzündete. Durch diesen Vorfall wurde der obere Teil des Hauses beträchtlich beschädigt.
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