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Wer hat Geld im Kanal? Die Inseln Jersey und Guernsey
Viele Menschen aus aller Welt schwören auf die Kanalinseln – nicht so sehr aus landschaftlicher, sondern primär aus finanztechnischer Sicht. Wenn dem so ist, dann handelt es sich bei den Protagonisten um vermögende Zeitgenossen. Die vor der französischen Küste liegende Inselgruppe mit ihrer Haupt­insel Jersey ist das letzte Relikt englischer Oberhoheit über französisches Territorium. Ihre Bewohner haben sich gut durch die Jahrhunderte laviert, und heute geht es ihnen, dank ihrer Rolle als gefragter Finanzplatz, wirtschaftlich ausgezeichnet.
Die Kanalinseln sind aus britischer Regierungssicht Ausland. Nominell unterstehen Jersey und Guernsey zwar direkt der britischen Krone, haben aber ihre eigenen Parlamente und sind, ausgenommen in Sachen Außen- und Verteidigungspolitik, nicht von London abhängig. Dagegen ist die Währung wiederum britisch: Zahlungsmittel ist das ›Pfund Sterling‹. Die selbstbewußten »Insulaner« drucken und prägen jedoch eigene Embleme auf Banknoten und Münzen (die allerdings nur auf den Kanalinseln gültig sind).
Über Jahrhunderte wurde der Lebensunterhalt auf den Inseln durch Fischfang, ein wenig Landwirtschaft und Freibeuterei verdient. Als Ende des 19. Jahrhunderts der Tourismus als Einnahmequelle hinzukam, ging es wirtschaftlich rasch bergauf. Vor allem vermögende Briten brachten kofferweise Bargeld mit, das auf Konten der lokalen Banken eingezahlt wurde. Diese Gelder waren schlicht am Fiskus vorbeigeschleust worden. Bis zum Kriegsausbruch 1939 waren bereits hohe Millionenbeträge auf den Kanalinseln deponiert. Als dann deutsche Truppen die Inselgruppe besetzten, sah es die Besatzungsmacht als eine ihrer ersten – und wichtigsten – Aufgaben an, alles Geld zu konfiszieren. Dieser Umstand hielt die Briten jedoch nicht davon ab, nach 1945 wieder jede Menge Pfundnoten auf die Kanal­inseln zu schaffen. Hinzu kamen neue Kunden, etwa Engländer, die Geld aus den aufgegebenen britischen Kolonien mitgebracht hatten, ferner Araber und wohlhabende Skandinavier.
Bis Mitte der neunziger Jahre standen die Inseln und deren Bankenwelt im Verdacht, eine Schwarzgeldadresse par excellence zu sein. 1997 kam es mit der Labour-Regierung in London zu Spannungen, die auf den Kanalinseln umfangreiche Finanzkontrollen einführen wollte. Aufgrund des Einspruchs der Krone fiel dieses Thema jedoch unter den Tisch. Die Regierungen von Jersey und Guernsey unterzeichneten dennoch mit der ›Europäischen Union‹ eine Einkommensdirektive, und 2004 konnten sich die Lokalparlamente dazu durchringen, die Einkommensteuer für Privatpersonen und Unternehmen entsprechend dem ›EU‹-Standard zu harmonisieren. Der aktuelle Einkommensteuersatz von 20 Prozent gilt jedoch allenfalls als Zielgröße. Es bestehen unzählige Möglichkeiten, diesen Steuersatz legal zu unterschreiten. Trotzdem gab es 2004 vom ›Internationalen Währungsfonds‹ (›IMF‹) gewissermaßen einen »Persilschein«: Den Inselregierungen wurde bestätigt, weder ein Hort der Geldwäsche noch anderer krimineller Finanzakrobatiken zu sein.
Irgendwie haben die Kanalinseln aber nach wie vor den Ruf von »Schwarzen Löchern«. Ende 2005 kursierte die vage Zahl von mehr als 200 Milliarden Pfund Sterling, die von den Banken beider Inseln verwaltet werden. Insider gehen sogar davon aus, daß die Gesamtsummen um ein Vielfaches höher sind. Wie Luxemburg ist vor allem Jersey ein bevorzugter Platz für Investmentfonds-Gründungen. Mittlerweile gibt es kaum einen global tätigen Finanzdienstleister, der hier nicht präsent ist und eine Reihe der nach Tausenden zählenden Fonds verwaltet. Das Ganze geschieht sehr unauffällig, denn hinter vielen Firmenschildern verbergen sich Briefkastengesellschaften, die andernorts aktiv sind.
Der Finanzsektor hat erheblichen Wohlstand auf die Inseln gebracht. Ein Viertel der Bevölkerung arbeitet in diesem Gewerbe, das 60 Prozent zum Steueraufkommen beiträgt; der Rest entfällt größtenteils auf den Tourismus. Die Einkommen liegen um 40 Prozent höher als in Großbritannien. Aber selbst gut verdienende Bankmanager aus Großbritannien und vermögende ausländische Anleger können nicht dauerhaft von dem günstigen Steuerklima und der Diskretion der Banken profitieren. Die Bevölkerungspolitik wird sehr streng gehandhabt, wie das Beispiel Jersey zeigt: Seit Jahren leben auf der größten Insel rund neunzigtausend Menschen; mehr sollen es aus Gründen der Lebensqualität nicht werden. Bankmanager aus London oder Edinburgh dürfen privat bis zu fünf Jahren auf gemieteten Anwesen leben; danach haben sie die Insel zu verlassen. Für sehr wohlhabende Zeitgenossen hat die ›Housing Commission‹ allerdings eine Ausnahmeregelung erlassen: Wenn jemand aus dieser Gruppe der vom Schicksal Privilegierten ein Haus oder eine Luxuswohnung im Wert von mindestens eineinhalb Millionen Britischen Pfund erwirbt und parallel dazu mindestens sechs Millionen auf Jersey anlegt, ist er willkommen. Wie zu erfahren ist, gibt es trotz dieser hohen finanziellen Hürde lange Wartelisten für Neubürger der Kanalinseln, denn gegen eine zehnprozentige Einkommen- bzw. Körperschaftsteuer kann nichts gesagt werden. Auch nicht gegen die jährlich pauschal zu entrichtenden 300 Britischen Pfund pro ›Corporate Tax Company‹, die von außerhalb der Inseln kontrolliert und verwaltet wird.
Übrigens: Wer die Kanalinseln geschäftlich »antesten« will, kann sich von der ›Beresford Group‹ in St. Hellier auf Jersey (Telephon: +44 – 15-34 – 879-502) vorsichtshalber schon mal eine Firma gründen lassen.

Nicht nur für den Motorradsport ein Paradies: Isle of Man
Die in der Irischen See gelegene Insel profiliert sich einmal im Jahr öffentlich. Das ist dann der Fall, wenn anläßlich der ›Tourist Trophy‹ Rennmotorräder auf einem gefährlichen Straßenkurs für eine ordentliche Lautstärke sorgen. Ansonsten scheint es auf dem rund hundert Kilometer vor der englischen Westküste gelegenen Eiland recht beschaulich zuzugehen. Die Insel gehört der Krone, und die jeweilige Regierung in London bleibt mit ihren Befugnissen weitestgehend außen vor.
Die Isle of Man ist Mitglied der ›EU‹-Freihandelszone, ist aber mit Ausnahme der Außenpolitik von allen Aspekten der ›Römischen Verträge‹ ausgenommen. Sie hat somit das selbstverständliche Recht, Steuern selbst festzulegen.
Über viele Jahrzehnte galt die Insel als Hort für die Offshore-Aktivitäten britischer Unternehmen. Mittlerweile liefern mehr als fünfundvierzigtausend registrierte Unternehmen aus aller Welt einen Anteil von über
50 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Beliebt ist auch das Schiffahrtsregister in der Hauptstadt Douglas. Steuerfreiheit, niedrige Kosten und eine nur einmalige Anmeldegebühr entzücken so manches Herz britischer und anderer europäischer Reeder.
Im Gegensatz zu den Kanalinseln ist die Isle of Man nicht so stark finanzfokussiert. Aber die Inselregierung ist mittlerweile auf den Geschmack gekommen, wieviel Geld mit Geld verdient werden kann, und setzt verstärkt auf den Aufbau eines Finanzplatzes. Speziell in Sachen effizienter und innovativer Geldanlagen ist die Isle of Man bisher weit unbekannter und noch lange nicht mit der gleichen hohen fachlichen Expertise ausgestattet, die etwa die Institute auf den Kanalinseln vorweisen können. Wer jedoch ein IT-Unternehmen oder eine Online-Wett­organisation aufbauen will, liegt hier mit seiner Unternehmensgründung richtig. Wieviel Vertrauen geschäftlichen Beziehungen mit dort registrierten Gesellschaften wie etwa ›Dragon-Ukrainian‹, ›Club Energy Brazil‹ oder ›Ishann Real Estate‹ entgegengebracht werden sollte, ist eine andere Frage.
Auf der Isle of Man einen Wohnsitz zu nehmen gestaltet sich bedeutend problemloser als auf den Kanalinseln. Jeder Bürger der ›Europäischen Union‹, der ein jährliches Einkommen von wenigstens 50.000 Britischen Pfund vorweist, kann nach einer Immobilie Ausschau halten, muß allerdings beim Erwerb zusätzlich 50 Prozent des Kaufpreises auf zehn Jahre in Regierungsanleihen anlegen, die jedoch – man beachte! – nicht beleihbar sind. Gleichwohl nimmt die Zuwanderung von ›EU‹-Bürgern seit Jahren stetig zu. Etwas schmerzlich ist der Mehrwertsteuersatz: Er liegt bei nicht zu knappen 17,5 Prozent; dafür entstehen jedoch für Ansässige keine Vermögen-, Erbschaft-, Schenkung- und Veräußerungsgewinnsteuern, und die Einkommensteuer für private wie für juristische Personen liegt zwischen mäßigen 15 und 20 Prozent.
Wer es auf der einen oder anderen Schiene beruflich nicht lassen kann, für den empfiehlt sich die (Vorrats-)Gründung einer pauschal besteuerten ›Non Resident Limited Company‹, ausgestattet mit dem üblichen Kapital von 2.000 Britischen Pfund plus Gründungs- und Nebenkosten. Die Isle of Man ist somit durchaus ein geeignetes Fleckchen Erde, um bei Bedarf den teuren Kanalinseln aus dem Wege zu gehen. w

 
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