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Wenn jemand ganz bestimmte Vorstellungen hat, die er mit einem Produkt verbindet, sich zudem von seinem Weg, diesen Vorstellungen in nicht allzu ferner Zeit zu entsprechen, nicht abbringen läßt, also konsequent und kompromißlos sein Ziel verfolgt, dann kann sich irgendwann eigentlich nur Erstklassiges einstellen. – Unser Autor Peter Steger erzählt über außergewöhnliche Begegnungen und Erfahrungen mit solch einem Kompromißlosen …
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Der Wecker klingelt. Es ist sechs Uhr dreißig, und die letzte Nacht war kurz. Ich liege in meinem Hotelzimmer in San Francisco und habe Mühe, die Augen offen zu halten. Heute geht es ins Napa Valley und nach Sonoma. Es erstaunt mich ein wenig, daß ich eigentlich keine Lust dazu habe. Ich habe mich schon lange auf diesen Tag gefreut. Im Napa Valley den Highway 29 entlang, durch St. Helena und dann noch ein ganzes Stück weiter. Immer wieder einmal rechts und links abbiegen, ein paar ›Cabernets‹ probieren und dem etwas oberflächlichen Small talk in den Tasting Rooms lauschen. Dann rüber nach Sonoma und die Fülle und Kraft der kalifornischsten aller Rebsorten, dem ›Zinfandel‹, genießen. Eigentlich ist dies eine Tour für drei Tage, und ich sträube mich irgendwie, daraus einen kurzen Tagesausflug zu machen.
Ich ziehe die Vorhänge auf, und meine Laune bessert sich sofort – es regnet. Nebel liegt über der Stadt und zeichnet die Wolkenkratzer weich, und ich freue mich auf die etwas gedämpften Geräusche der morgendlichen Rush-hour. Ein perfekter Tag zum Weinverkosten.
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Ich habe zwei feste Termine und entscheide mich dafür, es auch bei diesen beiden zu belassen und die Bummeltour durch die Verkostungsräume auf ein anderes Mal zu verschieben. Am Vormittag besuche ich die ›Robert Mondavi Winery‹ und lasse mir von Gustavo den neuen Weinkeller zeigen und erklären. Ich war schon oft hier, aber es ist das erste Mal, daß ich das fertige Projekt sehe – und ich bin schwer beeindruckt.
Ein schnelles Sandwich bei ›Dean & Deluca‹  – und dann, so rasch es geht, nach Sonoma. Auf das Treffen mit Joel Peterson in seiner ›Ravenswood Winery‹ freue ich mich ganz besonders. Ich liebe ›Zinfandel‹! Nicht diese einfach strukturierten und immer etwas zu süßlich schmeckenden Weinchen. Nein, wenn es jemand schafft, aus uralten Weingärten einen Wein zu erzeugen, der Kraft und Eleganz vereint, dann fällt es mir an einem kalten Winterabend vor dem Kamin nicht schwer, einen gut gereiften ›Bordeaux‹ unbeachtet im Keller liegen zu lassen. Und Joel ist einer der wenigen ›Zinfandel‹-Produzenten, die dieses Kunststück zustande bringen.
Seit er 1976 sein Weingut gründete und die ersten knapp viertausend Flaschen produzierte, hat er in den einunddreißig folgenden Jahrgängen geforscht und probiert und verbessert. Einunddreißig Vegetationsperioden in ›Sonoma County‹, einunddreißigmal Gärung und Faßlagerung haben Joel befähigt, einen eigenen Stil herauszuarbeiten.
Ich fahre auf den Parkplatz vor dem Barrique-Lager und steige gespannt aus. Es nieselt, und in der Luft hängt etwas Rauch. Es ist kühl. Ich stelle mir vor, wie es wäre, jetzt einfach nur eine Flasche ›Ravenswood Dickerson Vineyard‹ zu kaufen und mich in einen gemütlichen alten Ledersessel vor dem Kamin fallen zu lassen und die Johannisbeer- und Zederaromen zu riechen, mich an der köstlichen, an Eukalyptus erinnernden Frische zu erfreuen und für die nächsten zwei Stunden die Flammen dabei zu beobachten, wie sie das trockene Rebholz auffressen.
Doch schon kommt Joel mit großen Schritten über den Platz. Er nickt mir zu und begrüßt mich mit einem kräftigen Handschlag. Der Mann wirkt energiegeladen, fröhlich und bestimmt. Wir gehen in den kleinen privaten Verkostungsraum gleich neben dem Faßlager.
Eine ordentliche Probe wartet auf mich. Ich sehe die vielen bereitgestellten Flaschen und freue mich auf einen interessanten Nachmittag. Während wir die Regionalweine aus Lodi im Central Valley, Napa und Sonoma verkosten, beginnt Joel, mir seine Geschichte zu erzählen.
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Mit zehn Jahren nimmt seine Karriere ihren Anfang. Sein Vater gründet und betreibt den ›San Francisco Wine Sampling Club‹. Früh darf Joel seinem Vater zur Hand gehen und hilft ihm, Proben vorzubereiten. Schon als Teenager kennt er sich mit den Weinen der Welt aus, vor allem mit den Gewächsen aus Europa. Später schreibt er für Weinzeitschriften und lernt Mitte der siebziger Jahre das Weinmacherhandwerk von einer anderen »Zinfandel-Legende«, von Joseph Swan.
Nicht ganz ohne Stolz berichtet er, wie aus den anfangs wenigen tausend Flaschen heute ein beachtliches Weingut mit einer jährlichen Produktion von circa achthunderttausend Kisten geworden ist.
Dann endlich kommen wir zu den ›Single Vineyards‹ – Weine aus einer einzelnen Lage und immer mit einem besonderen, das Kleinklima und die Böden repräsentierenden Charakter. Ich habe früher schon einige dieser Weine verkostet, aber nie nebeneinander und noch dazu jeweils zwei Jahrgänge zum Vergleich. Bei allen Einzellagen handelt es sich um alte Pflanzungen. Die Weingärten sind achtzig bis hundert Jahre alt. In allen dominiert der ›Zinfandel‹, in vielen findet man aber auch andere Rebsorten wie ›Carignan‹, ›Petite Syrah‹, ›Tempranillo‹ oder ›Grenache‹. Joel versteht es, den Ausdruck jeder Lage bei der Weinbereitung zu bewahren. Es ist beeindruckend, wie klar die einzelnen Weinberge wiederzuerkennen sind, hat man erst einmal ihre Eigenheiten verinnerlicht. Zum Beispiel ›Big Rivers‹. Dieses Areal liegt in einer kühleren Region zwischen Russian und Alexander Valley. Der von dort stammende Wein riecht betörend nach Pflaume, ist unheimlich tief strukturiert und zeigt im Mund eine angenehme Süße. ›Teldeschi‹ ist kraftvoller, hat viel weiches Tannin und Schwarzkirsche. Im ›Cooke‹ wachsen die Reben auf Vulkanasche. Das bringt einen jämmerlich kleinen Ertrag, aber die Qualität dieser Trauben ist unübertrefflich. Der Wein riecht nach Sauerkirsche und Preiselbeeren, nach Kräutern und Kaffee, ist wunderbar komplex und leider in Deutschland nirgendwo zu kaufen. Zum Schluß probieren wir ›Old Hill Ranch‹, den ältesten ›Single Vineyard‹ Kaliforniens. Seit 1881 stehen hier die Rebstöcke, bohren ihre Wurzeln tief in das Gestein und ergeben einen an guten Portwein erinnernden, eleganten und konzentrierten Wein.
Als ich mich schon fast verabschieden will, platzt mit dem Ungestüm der Jugend Joels Sohn Morgan herein. Das Gesicht ist offen und freundlich, und er hat die leuchtenden Augen seines Vaters. Jetzt »müssen« wir noch in den Keller und die Weine aus dem Barrique verkosten. Es macht Spaß zu sehen, wie Joel seinem selbstbewußten Sohn zuhört, als der über die jungen Weine spricht. Er vertraut seinem Urteil, und man kann seinen Stolz fühlen, als er erzählt, daß Morgan vor kurzem sein eigenes Weingut gegründet hat. Irgendwie habe ich das Gefühl, daß auch der Junior von sich reden machen wird.
Am nächsten Tag scheint wieder die Sonne. Es ist angenehm warm. Mein Flug nach Deutschland geht erst am Abend, und ich bin mit einem Freund verabredet. Wir treffen uns am Strand unterhalb von Cliff House und setzen uns in den warmen Sand. Ich hole eine Flasche ›Ravenswood Dickerson Vineyard‹ und zwei Weingläser aus meiner Tasche. Wir schenken uns aus der in die obligatorische braune Papiertüte gewickelten Flasche ein, und ich reiche eine der beiden ›Partagás 898‹ hinüber. Weintrinken in der Öffentlichkeit und kubanische Cigarren … wir fühlen uns am Rande der Legalität, und unser Genuß wird durch die Gewißheit, etwas Unerlaubtes zu tun, köstlich erhöht.

 
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