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Seit hundert Jahren baut ›Rolex‹ mechanische Uhren in bester Qualität. 2008 feiert die Marke mit dem Krönchen im Logo Geburtstag und erfreut sich trotz ihres hohen Alters bester Gesundheit.
Dank einer umfassenden Umstrukturierung des Unternehmens geht die Luxusmarke
gestärkt ins nächste Jahrhundert.

Auch Revolutionäre wissen, was gut ist. Das Bild von Ernesto »Che« Guevara ging um die Welt: die Cigarre in der rechten Hand, die ›Rolex Oyster‹ an der linken. Es machte den kubanischen Guerillakämpfer und Politiker postum zum inoffiziellen Botschafter der Marke mit dem Krönchen. Ob das dem Endfünfziger Patrick Heiniger so recht ist, ist nicht bekannt; schließlich meidet der ›Rolex‹-Chef weitgehend die Öffentlichkeit. Doch aus der jüngeren Entwicklung des Hauses ›Rolex‹ läßt sich schließen, daß Revolution seine Sache nicht zu sein scheint, wohl aber kalkulierte Unternehmenspolitik und -evolution. Angestrebt ist dabei eine möglichst hohe Fertigungstiefe, um von Lieferanten weitgehend unabhängig zu sein und um Kosten und Qualität von Anfang an zu kontrollieren.
Nach außen erscheint ›Rolex‹ als eine Welt von Widersprüchen. Einerseits gibt man sich in Marketingbotschaften und Unternehmensauftritt weltmännisch, andererseits zeigt man sich der Öffentlichkeit gegenüber äußerst mißtrauisch. Einlaß in diverse Fertigungsanlagen wurde bis vor kurzem nur Mitarbeitern, zuverlässigen Lieferanten und einigen wenigen treuen – und großen – Kunden gewährt; für alle anderen war ›Rolex‹ verschlossen wie die sprichwörtliche Auster. Dieses Schalentier gab dem legendären, wasserdichten ›Rolex‹-Uhrengehäuse auch seinen Namen gab: ›Oyster‹. Erstaunlich ist auch: ›Rolex‹ zählt zu den hundert wertvollsten Marken der Welt und ist rund um den Globus als Luxusprodukt anerkannt, obwohl es sich bei den Uhren um ein Massenprodukt handelt; rund sechshundertdreizehntausend wurden im Jahre 2006 produziert. Diese Zahl hat nicht etwa das Unternehmen veröffentlicht; sie wurde von der Schweizer Chronometerprüfstelle ›Contrôle Officiel Suisse des Chronomètres‹ (›COSC‹) publiziert. Dort werden Uhrwerke auf ihre Ganggenauigkeit hin geprüft. Während bei vielen Uhrenherstellern diese Prüfung als Ausnahme gilt, ist sie bei ›Rolex‹ die Regel.
Angesichts von rund sechstausend Mitarbeitern in der Schweiz haben selbst Branchenkenner lange gemutmaßt, daß es sich bei ›Rolex‹-Chronometern um weitgehend automatisch hergestellte Uhren handelt. Zum Vergleich: Das sächsische Traditionsunternehmen ›A. Lange & Söhne‹ baut mit vierhundertfünfzig Mitarbeitern rund fünfeinhalbtausend Uhren im Jahr. Zugegeben, ein wenig hinkt der Vergleich, zeigt eine ›Rolex‹ – mit Ausnahme der Chronographen ›Daytona‹ und ›Yacht-Master II‹ – doch im wesentlichen lediglich Zeit und Datum an, während ›Lange‹-Uhren meist mit komplizierten Zusatzfunktionen ausgestattet sind. Und doch ist die Richtung bei ›Rolex‹ klar: Massenproduktion in höchster Qualität.
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Von Franken in die weite Welt
Gegründet wurde die Marke ›Rolex‹ im Jahre 1908 von dem im fränkischen Kulmbach geborenen Hans Wilsdorf. Der hatte sich nach einer Lehre bei einem Schweizer Uhrenhändler bereits 1905 selbständig gemacht und in London einen florierenden Uhrenhandel betrieben. Der Jungunternehmer hatte bereits Armbanduhren im Programm, als solche Uhren nach gängiger Meinung eher ein Modegag waren, der sich mit der Zeit verliert. Wilsdorf sah das ganz anders und ließ in Eigenregie hochwertige Armbanduhren bauen, die von den robusten Werken des Bieler Fabrikanten Jean Aegler angetrieben wurden. Dazu brauchte es einen passenden Markennamen. Wie der zustande kam, darüber scheiden sich die Geister. Wilsdorf behauptete stets, er habe ihn selbst erdacht. Es hält sich aber auch die Anekdote, ein spanischer Mitarbeiter habe ihm ›Relex‹ als Abkürzung für »Relojes excellentes« (»Hervorragende Uhren«) vorgeschlagen. Wie auch immer: ›Rolex‹ war – und ist bis heute – die richtige Wahl. Der Name ist kurz, läßt sich elegant aufs Zifferblatt drucken und ist nahezu in jeder Sprache gut auszusprechen.
Hohe Zölle auf Schweizer Uhren vertrieben Wilsdorf nach dem Ersten Weltkrieg aus seiner Wahlheimat London. Er verlegte sein Geschäft nach Genf und gründete dort 1920 die ›Montres Rolex SA‹. Seinen Werkelieferanten Jean Aegler, dessen Unternehmen unter ›Manufacture des Montres Rolex SA‹ firmierte, band Wilsdorf durch einen langfristigen Vertrag exklusiv an sein Haus. So existierten, für Außenstehende mitunter verwirrend, über Jahre zwei Häuser, die zwar wirtschaftlich und rechtlich vollkommen eigenständig waren, aber beide den Namen ›Rolex‹ trugen. So war bisher in Branchenkreisen von ›Rolex Biel‹ die Rede, wenn der Werkehersteller gemeint war, und von ›Rolex Genf‹, wenn über den Uhrenhersteller gesprochen wurde. Dieser Zustand änderte sich erst 2004. In besagtem Jahr kaufte Patrick Heiniger die ›Rolex Biel‹ und integrierte sie in die ›Rolex Genf‹. Damit schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe: Er übernahm die Kontrolle über einen existentiell wichtigen Lieferanten und sicherte sich gleichzeitig den wohl wichtigsten Exportmarkt des Hauses: Bei ›Rolex Biel‹ wird nämlich das Automatikwerk ›Kaliber 3135‹ samt seiner Derivate hergestellt, das in den verschiedenen ›Oyster‹-Modellen tickt, die  das Unternehmen groß gemacht haben. Außerdem verfügten die Bieler über die Markenrechte für die Vereinigten Staaten.

Kein Zeitmesser, sondern ein Statussymbol

Das Bieler Unternehmen gehörte bis dato der Familie Borer, den Nachfahren von Jean Aegler. Nach Berichten Schweizer Wirtschaftsmagazine wäre der Liefervertrag 2013 ausgelaufen, was den Genfer Branchenriesen mit geschätzten 3,5 Milliarden Schweizer Franken Jahresumsatz gewaltig ins Wanken hätte bringen können. Durch die Integration von ›Rolex Biel‹ – Kaufpreis wohl um die 2,5 Milliarden Schweizer Franken – läuft das Flaggschiff unter den rund dreihundert Schweizer Uhrenmarken in ruhigen Gewässern. Genaue Zahlen sind auch auf Nachfrage nicht zu erfahren. Das Haus hält sich hier grundsätzlich bedeckt und muß auch nichts publizieren; schließlich gehört das Unternehmen der nach dem Gründer benannten ›Wilsdorf-Stiftung‹. Den Transfer kommentierte eine ›Rolex‹-Sprecherin damals so: »Das kommt einem epochalen Schritt gleich, der die Marke nachhaltig stärken wird.«
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Dabei war ›Rolex‹ nie wirklich schwach. Selbst während der sogenannten »Quarzkrise« in den siebziger Jahren, als Europa von billigen und sehr genau gehenden Quarzuhren aus Fernost regelrecht überschwemmt wurde und viele Schweizer Uhrenhersteller aufgeben mußten, setzte ›Rolex‹ konsequent weiter auf die mechanische Uhr. Die Geschäftsführung des Hauses sah offensichtlich voraus, daß das hochpräzise, batteriebetriebene Quarzwerk bald als banal und seelenlos angesehen würde. Patrick Heiniger wird denn auch mit dem Satz zitiert: »Ich verkaufe keine Uhren, ich verkaufe ›Rolex‹.« Keine Zeitmesser, sondern Statussymbole. Das hat auch mit der konservativen Modellpolitik des Hauses zu tun, die nicht unmaßgeblich für den hohen Wiedererkennungswert der Uhren verantwortlich ist. Eine ›Rolex‹ wird überall auf dem Globus als solche erkannt und dient mancherorts gar als eine Art Ersatzwährung.
Dieser Umstand gehört zum »Mythos Rolex« ebenso wie das Krönchen und die Spekulationen um die in der Öffentlichkeit bisher weitgehend unbekannte Produktionsweise. Denen begegnet die Geschäftsführung in jüngerer Zeit durch eine allmähliche Öffnung einzelner Produktionszweige für Fachjournalisten. Die erleben dort einen bis ins letzte auf Effizienz und Qualität getrimmten Industriebetrieb. Glas und Stahl dominieren den hochmodernen Industriebau im Genfer Geschäftsbezirk Acacias, in dem nicht nur die zentralen Unternehmensentscheidungen fallen, sondern auch die Uhrwerke für die Modelle ›Yacht-Master II‹ und ›Prince‹ montiert werden. Menschenleere Maschinenhallen sucht man hier – entgegen mancher Vorstellung – jedoch vergebens. Ebensowenig trifft man auf den graumelierten Uhrmacher, den so manche Luxusmarke gerne in der Öffentlichkeit bemüht. Wer eine ›Rolex‹ kauft, muß sich mit dem Gedanken anfreunden, daß sie eben nicht in einem romantischen Bauernhaus von seinem persönlichen Uhrmacher montiert worden ist. Statt dessen arbeiten in kühlen, vielstöckigen Zweckbauten Hunderte von Menschen – einige Uhrmacher und viele Angelernte – daran, daß eine jede ›Rolex‹ später zuverlässig am Handgelenk ihres Besitzers tickt.
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Effiziente Produktion und hohe Fertigungstiefe
Der Fertigungsprozeß läuft extrem arbeitsteilig ab. Sechzig verschiedene Stationen durchläuft etwa das Uhrwerk ›Kaliber 4160‹ für die Regattauhr ›Yacht-Master II‹. An jedem Arbeitsplatz werden bis zu acht verschiedene Montagevorgänge ausgeführt. Obwohl hier hundert Menschen an langen Werktischen sitzen, herrscht konzentrierte Stille. Es ist nicht viel zu hören außer dem Surren der kleinen Elektroschrauber und dem leisen Klacken des speziell für ›Rolex‹ entworfenen Transportsystems. Dabei handelt es sich um staubdichte Kunststoffbehälter, welche die Uhrwerke von der ersten Produktionsstufe bis zur finalen Kontrolle aufnehmen. Selbstverständlich sind sie mit Barcodes versehen, so daß jedes Werk im Laufe des Produktionsfortschritts verfolgt werden kann. Auch wenn alles viel kleiner ist und hier unter Reinraumbedingungen gearbeitet wird, so legt diese Fließfertigung durchaus den Vergleich zu einer Montagelinie in der Automobilindustrie nahe. Zumal auch die übrige Logistik vergleichbar ist und eindrucksvoll effizient arbeitet. Vollautomatische Hochregallager versorgen die Fertigung »just in time« mit dem passenden Material. Schließlich sorgen zwei redundante Systeme dafür, daß selbst bei einer Störung in einem Lagersilo die Produktion nicht stoppt.
Doch im Gegensatz zu einem Automobilbauer verfügt ›Rolex‹ über eine enorm hohe Fertigungstiefe. Die Grundlage dafür legen zweihundertachtzig Ingenieure, Techniker und Uhrmacher in der Abteilung »Forschung und Entwicklung«, die nach Aussage von ›Rolex‹-Pressesprecherin Dominique Tadion jährlich fünf bis acht Patente anmeldet. Selbst einen Teil des Goldes, das für den Bau edler Gehäuse benötigt wird, schmelzen Mitarbeiter – mit Helmen und silbernen Feuerschutzjacken ausgestattet wie der legendäre Brandbekämpfer Red Adair – im hauseigenen Ofen. Zum Beispiel das sogenannte ›Everose‹, eine patentierte Roségold-Legierung aus 76 Prozent reinem Gold, 22 Prozent Kupfer und 2 Prozent Platin. Bei dieser Mischung soll der rötliche Farbton, den ihr das Kupfer verleiht, dauerhaft bestehen bleiben, während handelsübliche Legierungen (75 % Gold, 21 % Kupfer, 4 % Silber) im Laufe vieler Jahre regelrecht vergilben. Den Stahl kaufen die Genfer allerdings ein, so etwa beim österreichischen Hersteller ›Böhler‹. Natürlich in höchster Qualität, die mit der Nummer ›904L‹ bezeichnet und auch zur Herstellung chirurgischer Instrumente eingesetzt wird. Selbst wer mit einer nur in einer relativ kleinen Stückzahl gefertigten Stahl-›Rolex‹ regelmäßig tauchen geht, muß nicht befürchten, daß sie Rost ansetzt.
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Dünner als ein menschliches Haar
In einem anderen Bereich der Fertigung ist Oxidbildung keineswegs verpönt, sondern sogar gewünscht – bei der Spiralfertigung. ›Rolex‹ hat sich als einer von wenigen Uhrenherstellern das Know-how erarbeitet, jenes winzige Teil selbst herzustellen, das maßgeblich zur Ganggenauigkeit einer Uhr beiträgt. Diese Technologie beherrschen sonst nur noch der Nachbar ›Patek Philippe‹ sowie ›Ulysse Nardin‹, ›A. Lange & Söhne‹ und ›Nivarox‹. Letztere Firma, beheimatet im Vallée de Joux, beliefert die große Mehrheit der Uhrenhersteller und gehört zur ›Swatch Group‹; sie stellt auch Uhrwerke (›ETA‹) und komplette Uhren her (›Breguet‹, ›Blancpain‹, ›Omega‹ etc.). Daher bedeutet eine eigene Spiralproduktion für einen Uhrenhersteller einen nicht zu unterschätzenden strategischen Vorteil. Vor allem hinsichtlich der Qualität.
›Rolex‹ hat sich auch für seine sogenannte »Parachrome-Spirale« das Material selbst gemischt, das neben Eisen auch Niob und Zirkonium enthält und zunächst als ein etwa 30 Zentimeter langer, unscheinbarer Metallstab erscheint. Nicht nur die Legierung des Grundmaterials ist patentiert, sondern auch die spezielle Fertigungsmethode, für die sich ›Rolex‹ eine Maschine hat entwickeln lassen, die weltweit einzigartig und nicht größer als ein Wäschetrockner ist. Grob beschrieben, handelt es sich hier um eine Vakuumkammer, in der mit Hilfe hoher Spannung Abschnitte des Stabs langsam erhitzt und wieder abgekühlt werden. Diese Behandlung hat zur Folge, daß die Legierung vollkommen paramagnetisch wird, der Einfluß von Magnetfeldern also ohne Auswirkungen auf die Ganggenauigkeit der Uhr bleibt. Hier bildet sich auch die bereits erwähnte Oxidschicht, welche die Oberfläche des Materials wirksam gegen Feuchtigkeit schützt. Durch viele Roll- und Walzvorgänge werden aus dem 30 Zentimeter langen Stab rund 3 Kilometer Spiralfeder, genau 50 Mikron (0,05 mm) stark. Das ist deutlich dünner als ein menschliches Haar, aber im Gegensatz dazu von vorne bis hinten gleich dick – Voraussetzung für die perfekte Regulierung der bekannten Ganggenauigkeit, mit der die ›Rolex‹-Uhren aufwarten

Text: Martin Häußermann

 
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